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03. Januar 2016

Sexismus

Gedanken zu Sex und Gesellschaft von Christa Schyboll

Die Sexismus-Frage bringt nicht nur die Frage der Diskriminierung zwischen den Geschlechtern in eine offenbar überfällige Diskussion; sie kann durchaus auch als Chance begriffen werden, immer stärker werdende sexistisch dominierte Tendenzen in der Gesellschaft kritisch zu hinterfragen!

Die Sexismus-Frage bringt nicht nur die Frage der Diskriminierung zwischen den Geschlechtern in eine offenbar überfällige Diskussion; sie kann durchaus auch als Chance begriffen werden, immer stärker werdende sexistisch dominierte Tendenzen in der Gesellschaft kritisch zu hinterfragen! Denn es gibt gewichtige Gründe, es zu tun.

Welch gesunder Geist hat nicht Freude an schönen Menschen. Auch selbstverständlich an schönen nackten Menschen beiderlei Geschlechts! Kein seelisch und geistig gesundes Individuum kann zudem heute noch Interesse daran haben, dass wir in die Zeiten jener "lächerlichen Mumie der Vorkriegssittlichkeit", zurückkehren wie Stefan Zweig es zu sagen pflegte. Scheinfrömmelei oder kodifizierte Sittlichkeit, die auch schon in den letzten Jahrhunderten einen merkwürdigen Anachronismus zur sexuellen Natürlichkeit des Menschen darstellten, wurden zum Glück in den meisten Gesellschaften überwunden.

Man erkannte einst, dass allzu viele körperliche, seelische oder geistige Krankheiten aufgrund von unterdrückter Sexualität entstanden. Ein Geschenk der Natur, das sich über lange Zeiten nicht ausleben durfte, weil es moralisch instrumentalisiert wurde. Mal für diese oder jene Ideologie oder auch für religiöse Anschauungen. Viele Gepflogenheiten jener bigotter Zeiten mit ihren grausamen Stigmatisierungen, Ausgrenzungen und unmenschlicher Behandlungen wurden zumindest in eine gewisse Ordnung überführt. Soweit verkürzt die offizielle Seite des heutigen gesellschaftlichen Umgangs mit Sexualität.

Inoffiziell, das heißt nach den privaten Wertmaßstäben vieler Menschen, gibt es jedoch noch eine ganze Palette sehr verschiedener Strömungen, die dieses offizielle Bild schnell auch wieder vernebeln. Und nicht wenige davon sind schon lange bis aufs Messer geschärft, gereizt oder wirken verwirrend und verstörend auf manch eine Persönlichkeit ein.


Manipulation zwischen Sein und Schein


So leben wir heute in einer Welt, in der man vor allem bei der Werbung kaum auf sexistische Einflüsse in grober oder subtiler Form verzichten mag. Längst ist genauestens erforscht, wie stark sexuelle Bildbotschaften das Kaufverhalten beeinflussen. Das zeitigt eine entsprechende Inflation dieser Botschaften im Dauerstakkato auf unsere Seele, unsere Augen und unser Hirn. Das kann nicht ohne Wirkung bleiben. Der passende (meist weibliche) Typus wird gleich werbetechnisch künstlich kreiert, hat Vorgaben zu erfüllen, so oder so auszusehen und wird zudem noch bildtechnisch oft manipuliert, um den optischen Reiz weiter zu steigern. Das alles dient der Bedienung des sexuellen Instinktes zum Zweck der Kaufmanipulation. So "entstehen" Retorten-Frauen und -Männer, denen viele Zeitgenossen des Alltags, bewundernd, müde und entnervt zugleich hinterher hecheln, ohne sie aber je in ihrer Schein-Perfektion zu erreichen.

All das hat insofern mit der Sexismus-Debatte innerhalb einer Gesellschaft zu tun, weil die immense Bilderflut durch die gewollte und gezielte Ansprache an die unterbewussten Schichten des menschlichen Triebes hier eine Schein-Realität erzeugen, die mit der Realität allzu vieler Menschen nicht zusammen kommen kann. Wer diesem Treiben nun unreflektiert gegenübersteht, es nicht durchschaut, unterliegt der Gefahr einer ungewollten Manipulation umso mehr. Denn alles wirkt. Jedes Bild, jeder Ton, der es entsprechend verstärkt. Zugleich ist zutiefst die Frage der Würde des Menschen betroffen, die doch unantastbar nach dem Gesetz sein sollte.

Selbstbewussten Frauen (und Männer) mit einem natürlichen und starken Instinkt fürs Wahre und Wahrhaftige ihrer Weiblichkeit (Männlichkeit) und ihrer Authentizität mag diese Problematik am einen Ohr hinein und am anderen wieder hinaus rauschen, weil sie sich innerlich abzugrenzen wissen. Gut so! Aber das gilt (noch) nicht unbedingt für die Masse der Menschen. Eine nicht unerhebliche Anzahl von vor allem Frauen "leidet" durchaus unter dem Jahrzehnte langen Zuchtwahn eines für sie unerreichbaren Schönheitsideals durch sexistische Beeinflussung. Es sind oft subtile Vorgänge, die den meisten Menschen auch nicht einmal wirklich bewusst sind, dass, wie stark und wie individuell verschieden sie wirken und was es mit Psyche und Geist macht.


Von den pathologischen Auswüchsen der Seele


Schaut man sich die Vielfalt seelischer Probleme vieler Frauen an, stößt man häufig auch auf eine Minderwertigkeitsempfindung, die zwar viele Ursachen haben mag, aber durch eine sexistische Ausrichtung in einer Gesellschaft enorm befeuert wird; allen Gender- und Emanzipations-Bemühungen zum Trotz. Denn auch diese verhindern bis heute nicht, dass sich die Zahl der Sex-Sklavinnen weltweit erhöht hat und mit Sexismus und Pornografie noch immer Milliarden-Geschäfte – meist gegen den Willen der oft wehrlosen Frauen – gemacht werden. Die Statistiken sprechen eine grausame Sprache der realen Zustände. Nimmt man die Unmenschlichkeit der Kinderpornografie und Kinderprostitution weltweit hinzu, tun sich Höllen auf, die nicht von ungefähr entstanden sind und auf subtile Weise alle vorher ihr "verharmlostes Vorspiel" in anderer Weise hatten.

Pathologische Auswüchse der Seele und des Gemüts sind nicht nur, aber eben auch eine Folge dieses Zeitgeistes, der auf solcher Trieb-Manipulation basiert, welche inflationär und hochwirksam zugleich eingesetzt wird. Sexismus und die Pornografie, die immer hemmungsloser durch alle Gesellschaftsschichten ziehen, hinterlassen millionenfache Opfer, meist Frauen … und Kinder. Opfer, die oftmals zum Doppel-Opfer werden, weil sie oftmals nicht einmal über ihr Leid sprechen, gar es ausheilen dürfen oder können. Sie werden vielfach abgewiesen, verlacht oder bestraft, wenn sie sich wehren.

Der Kreis der Täter ist zahllos. Meist sind es Männer. Doch auch Männer können zu Opfern werden –oder waren es schon seit Kindesbeinen an. Manch ein Opfer schlüpft pathologisch-zwanghaft wieder in eine Täterrolle hinein, weil es Zuwendung und Liebe in ihrer gesunden Urform niemals kennen lernen durfte, sondern nur den immer wieder neuen Missbrauch. Und auch Täterinnen sind zu erwähnen, wenngleich ihre Zahl wesentlich geringer ist. Was an Leid passiert, betrifft alle Gesellschaftsschichten, wie uns die Skandale aus höchsten Kreisen, soweit sie öffentlich bekannt werden, immer wieder neu zeigen. Die Dunkelziffer des Missbrauchs, der über Sexismus befeuert wird, ist grausam hoch.


Zwischen Ästhetik und Pornografie


Spricht man all dies kritisch an, so steht man unter Umständen im Verdacht einer sexuellen Verklemmtheit oder einer moralinsauren hinterwäldlerischen Blauäugigkeit. Viele Leute wagen zu diesen Themen kein offenes Wort mehr, weil eine zu befürchtende Stigmatisierung von der einen oder anderen Seite argumentativ recht anstrengend werden kann. Und was als "politisch korrekt" gilt, bestimmt heute eine nicht genau zu benennende Mainstream-Klasse, die über eine ordentliche Portion psychologischer Macht verfügt und zugleich nicht namentlich-persönlich benennbar ist. Sind es "die" Medien? Selbst das kann man nicht einfach bejahen, wenngleich ihre Rolle immens groß ist – aber auch immens unterschiedlich, eben je nach Medium und kritischer/unkritischer Haltung. Man wagt es kaum noch, ein gesundes Mittelmaß zu fordern, weil kein Mensch mehr weiß, wo dieses gesunde Mittelmaß überhaupt noch zu finden ist. In Zeiten des ausufernden Egoismus, der oft mit Individualismus in einen Topf geschmissen wird, wird die Grenzziehung zwischen sexueller Ästhetik, erotischer Kunst, Sexismus und harter Pornografie letztlich jedem Einzelnen anheimgestellt, da sie ja auch nur persönlich verantwortet werden kann.

Was aber, wenn Grenzenlosigkeit, Entgrenzung auf ein Gemüt voller Verantwortungslosigkeit, Rücksichtslosigkeit trifft? Was, wenn der Trieb alles bestimmen darf, weil ihm jede Zügellosigkeit in der Gesellschaft durchaus gestattet ist? Was, wenn es Kinder und Zwang betrifft? Kein Schutz nirgends! All den zahllosen Gesetzesbrüchen, die nicht verfolgt werden, Untaten, die nicht angeklagt werden, nützen auch keine juristischen Vorgaben auf bloßem Papier. Das Leben selbst ist es, das zählt.

Worum geht es hierbei um Kern? Es geht um Manipulation des Bewusstseins über den Trieb. Um die Versuchung, Ablenkung und Verführung… wozu? Zum Beispiel zum Konsum, zur Ablenken von Problemen aller Art, die aus Politik und Gesellschaft erwachsen können… Es ist eine andere Form von "Brot und Spiele". Wer ständig mit seinem Triebleben durch ein erotisierendes Dauerstakkato beschäftigt ist, beschäftigt sich nicht mit dem Wesentlichen der Welt. Das kann für manch eine Regierung, Wirtschaft, Gesellschaft durchaus zunächst "bequem" sein… Vielleicht ist dann die Lust auf Protest, Streik, Wachsamkeit, kritische Fragen, Revolten usw. doch enorm gedämpft… Man(n) ist ja bestens abgelenkt. Doch in welchem Maß?


Die Schuld ist etwas Persönliches


Alles, was wir sehen, hören, riechen, schmecken, erfahren wirkt und prägt. Und alles was massenhaft auftritt, wirkt immer auch abstumpfend im Hinblick auf Gefahr durch den Faktor der Gewöhnung. Woran man "gewöhnt" ist, weil es einem ja durch die Masse als "normal" erscheint, braucht es auch kein Gegen-Engagement. Selbst dann nicht, wenn es überhaupt nicht in Ordnung ist, was aber als solches von vielen Menschen nicht mehr erkannt wird. Die Werte-Desorientierung ist gewaltig. Werte allgemein formulieren zu wollen, "politisch unkorrekt". Auch die Freiheit des Egoisten, Triebtäters will verteidigt werden. Außerdem: was "ständig" auftritt, sich zeigt oder darlebt, ist eben "norm-al"… Die Norm der Gesellschaft. Und außerhalb der Norm wollen die meisten Menschen nicht stehen. Und die, die dort stehen, die Individualisten, sind noch zu wenige, um ihren Einfluss in eine gesunde Richtung geltend zu machen. Zudem gehören sie auch nicht einer gefährdeten Gruppe an, weil sie per Persönlichkeitsreifung der Massenmanipulation entzogen haben. Begreift man, dass durch Sexismus – subtil oder grob – eben auch unser Denken, Fühlen und unser Wille enorm stark (bewusst oder unbewusst) beeinflusst wird, ist es eben nicht bedeutungslos, wie eine Gesellschaft damit umgeht und darauf reagiert - falls sie überhaupt noch die Kraft zur Reaktion hat.

Wer trägt die Schuld? Ich kann diese Frage nicht beantworten, weil Schuld ja etwas Persönliches ist. Aber wer Mitschuld trägt, ist schon eher zu sagen: Nämlich alle, die diese Manipulation weiter mit am Laufen halten, in ihrer Wirkung verharmlosen, all das absichtlich befeuern, die Gefahr nicht begreifen – oder sie doch begreifen und sie ignorieren, weil daraus generierte Gewinne zu verführerisch sind, um das Gewissen zu belasten. Empathie mit den Opfern hat da keinen Platz.

Ob wir Menschen uns gegenseitig zu Objekten degradieren oder es lernen, uns als Subjekte und Individuen mehr und mehr zu achten und zu würdigen, ist eine Frage von Herzweisheit und Intelligenz zugleich. Möge sie einziehen und die Welt, wie sie in all ihren Schrecken sich zeigt, endlich verbessern!

Sexismus ist Krieg. Ein langer, uralter Krieg. Ein lange auch stummer Krieg mit viel zu viel Duldung. Aber eigentlich wollen doch alle Frieden. Männer und Frauen; und Freude aneinander und miteinander. Ist der Weg zueinander wirklich so weit? Zu weit, als dass wir uns in Freiheit, Würde und völliger Unverkrampftheit unsere Liebe leben?