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01. Juni 2011

Zwangsstörungen

Warum sich andere dafür in die Nesseln setzen sollten, begründet Christa Schyboll

Seien wir ehrlich zu uns: Wer kann sich schon völlig davon freisprechen, nicht hin und wieder auch Zwangsgedanken zu haben? Ängste, für die man durchaus ja auch noch Begründungen heranziehen kann, weil es die ja theoretisch immer gibt so lange man nur spitzfindig danach sucht. Das Leben ist nun einmal tödlich.

Ungute Gedanken, die sich immer wieder um das gleiche Thema drehen, das einen unnötig Nerven und Ruhe kostet, obschon es real nicht wirklich als Gefahr ansteht.

Irgendwie sind wohl die meisten Menschen von uns hin und wieder ein wenig „gaga“ und fragen sich vielleicht insgeheim, ob es den anderen Mitmenschen, die so schrecklich normal wirken, eigentlich ähnlich ergeht. Sehr vermutlich ist das der Fall. Das nur zur Beruhigung, dass eben ein gewisses Maß an Zwangsgedanken durchaus normal, wenngleich nicht angenehm ist.

Ganz anders die, die aber nicht nur hin und wieder von solchen Zwangsgedanken heimgesucht werden, sondern deren Handlungen davon bestimmt werden. Auch gegen ihren erklärten Willen, gegen ihre Absicht und ihre Erkenntnis. Sie wollen sich nicht waschen, sie müssen sich waschen, wenn sie bestimmte Erfahrungen in ihrer Psyche erleben. Kontrollzwänge, Berührungszwänge, Ordnungszwänge, Reinlichkeitszwänge, verbale Zwänge… lang ist die Liste von Möglichkeiten, die Menschen nutzen, um ihrer inneren Störung, die längst kein Spleen mehr ist oder eine individuelle kleine Marotte, Ausdruck zu verleihen.

Fatal ist dabei, dass dieser Ausdruck von zwanghaften Handlungen und Gedanken nicht nur störend ist, sondern in aller Regel zutiefst leidvoll erfahren wird. So handelt es sich bei diesen pathologischen Zwängen um nicht nur unangenehme Handlungen für den Betroffenen selbst, sondern sie werden gesteigert durch beständige Wiederholungen. Ein Leidensweg, aus dem viele Menschen nicht oder nur all zu spät auszusteigen vermögen, weil sie sich längst an ihr eigenes Leiden schleichend über Jahre gewöhnt haben. Oft führen sie längst einen unbemerkten Stellvertreterkrieg gegen sich selbst, weil sie sich einer bestimmten Problemstellung mangels ihnen bekannter Lösungsmöglichkeit verweigern.

Psychotherapeutische Behandlung ist nach genauer Diagnosestellung angezeigt. Aber zuvor ist auch die Aufmerksamkeit der familiären oder sozialen menschlichen Umgebung gefordert, die frühzeitig den Betroffenen darauf aufmerksam macht, dass da sich etwas auszudrücken versucht, das einen destruktiven Weg über die Psyche wählt. Nur: Wie sagt man es dem Betroffenen, der noch blind gegen sich selbst ist? Ist es nicht ein äußerst intimer Eingriff in seine ureigenen Angelegenheiten? Wird er es nicht als übergriffig empfinden und empört zurückweisen, weil er selbst ja noch keinen kritischen Blick für seine zerstörerischen Gedanken und Handlungen entwickeln konnte? All das ist im Zweifelsfall zu bejahen. Ja, er kann tief verletzt und betroffen sein, kann sich empören und beleidigt zurückziehen, wenn man ihn mit der selbst geschaffenen Wirklichkeit klar konfrontiert. Und man selbst hat dann den Schwarzen Peter und eine kaputte Beziehung zu einem doch sonst äußerst liebenswerten Menschen.

Und trotzdem: Die Sache ist es wert, sich in die Nesseln zu setzen! Vorübergehend notfalls auch eine Freundschaft aufs Spiel zu setzen, um einen ersten wichtigen Anstoß zu geben, der zur Gesundung führen kann. Das kostet Mut, da man für diesen Liebesdienst ja nicht nur keinen Lohn zu erwarten hat, sondern starke Abwehr. Dennoch kann dieser Mut erwachsen, wenn man sich das Leiden des Betroffenen vor Augen führt, es mitempfindet und das eigene Augenmerk auf die Heilungsmöglichkeit konzentriert. Hat später eine Therapie Wirkung gezeigt, wird tiefer Dank und innere Verbundenheit der Nektar sein, den die Frucht der neu erlangten Gesundheit spendet.