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04. Juni 2011

Flugstress

Ein Anschlag auf mein Leben?, mutmaßt Christa Schyboll

Wer fliegt, will überleben! Diese gewollte Selbstverständlichkeit wird aber bei manchen Flügen und ihren sonstigen Randbedingungen hin und wieder auch zu Stress oder persönlich empfundenen Horror. Dabei geht es nicht einmal um die zum Glück seltenen tragischen Abstürze, sondern manchmal nur um die Banalität des Faktors Zeit, der dennoch zur hohen Belastung werden kann.

Verweilen Sie beruflich oder privat hin und wieder im Ausland und sind dabei dann auf weitere Anschlussflüge angewiesen, kennen Sie das Problem: Entweder sie warten Stunde um Stunde in diesen meist überfüllten Flugzeughallen, weil man sie nervlich fertig machen will, oder aber es passiert Ihnen das, was mir passierte: Man versucht sie umzubringen. Und zwar völlig legal, mit sauberen Mitteln und vermutlich bilateral juristisch zwischen EU und anderen Nationen abgesprochen. Der Sinn dieses Völkermordes ist klar: Es schont die Rentenkasse, die Krankenkasse und überhaupt den Staat an sich.

Aber ich habe es überlebt und lege Zeugnis ab von diesem perfiden Vorgang, der nur Kraft meines günstig gewogenen Schicksals mich doch noch nicht in die ewigen Jagdgründe führte.

Was war passiert? Die erste Maschine war unpünktlich. Warum, wurde uns nicht erklärt. Jedenfalls nicht so, als dass ich es hätte verstehen können. Norwegisch, Chinesisch, Kisuaheli – irgendwie hört sich das für meine Ohren doch alles ähnlich an. Ich las… und fürchtete mich jedoch bereits ein wenig, da mir klar war, dass jede Minute zu spät bedeuten konnte, dass mein nächtlicher Anschlussflug zu einer Halluzination zu werden drohte. Denn die Zeit war knapp. Wir mussten auch noch durch den Zoll und kannten die schnellen Schleichwege dieses Flughafens noch nicht so genau. Neben dem zeitlichen Stress also noch räumliche Orientierungslosigkeit mit der Zugabe, unser komplettes schweres Gepäck von jeweils über 30 kg höchstpersönlich vom Gepäckband zu holen und dann loszuspurten, um neu einzuchecken, uns neu kontrollieren zu lassen und all diese Etablissements binnen weniger Minute ausfindig zu machen,

Soweit mir bekannt ist, können die meisten Flugzeuge 30 Minuten Verspätung bei mehreren Tausend km Flug durchaus in der Luft wieder einholen. Wenn sie guten Willens sind! Aber warum sollten sie denn guten Willens sein, wenn ich in dieser Maschine sitze? Also holten sie nur mal eben 15 Minuten ein. Zu mehr hatten sie partout keine Lust. Und weit und breit kein Hijacker in Sicht, der sie mit gezogener Pistole dazu zwang, lediglich doch nur den Flugplan einzuhalten.


Jetzt wird's gefährlich!


Kurz nach der Landung dann der Mordanschlag auf mich. Natürlich wusste man, wie die Bedingungen des Opfers beschaffen waren. Ich war voll vermessen, durchleuchtet, gesichtet. Mein Gepäck gewogen und meine schweren Bergstiefel, die ich anhatte, sonderkontrolliert. Ich hätte ja eine hochgefährliche Nagelfeile darin verstecken können. Man wusste auch um die Verspätung, meinen dringenden Anschlussflug und dank globaler Totalerfassung, dass ich bisher die Wege und Schalter dieses Flughafens nicht so genau in allen Details kennen konnte. Vermutlich wusste man auch um die Dringlichkeit für mich und noch so vieles andere, das einen nun sauberen legalen Mord begünstigen würde. Kein Richter, der gegen diese globale Bande je auch nur Anklage erhoben hätte. Es wäre ja auch keine Waffe im Spiel gewesen, noch eine Schussverletzung oder Messerattacke.

Die Koffer kamen schnell. Der Ausgang zum Zoll nicht beschriftet. Die Zeit lief jedoch erbarmungslos weiter, als hätte sie eine tatsächliche Berechtigung und wäre nicht nur eine Hilfskrücke in unserem Raum. Wir rannten zur nächsten offiziell Bediensteten, die uns umständlich den Weg wies. So umständlich, dass wir zweimal fragen mussten. Da Zweifel aufkamen, rannten wir nach weiteren 500 Metern zum nächsten Bediensteten, der uns weitere Wege wies, ohne sich so konkret festzulegen. Immerhin wussten wir, dass wir uns – bereits schweißgebadet vom Rennen - nun auf der falschen Ebene befanden. Das ist gut, weil man dann die Chance hat, einen Irrtum wieder gutzumachen, in dem man eben nun noch schneller läuft. Auf der richtigen Ebene stellten wir uns dann am falschen Schalter an, weil der richtige Schalter noch nicht in unser Bewusstsein vorgedrungen war. Die Zeit lief weiter. Ein barbarisches Etwas mit der Funktion von Curare fürs Herz. Am falschen Schalter bekamen wir dann die Auskunft zum richtigen Schalter, der aber bereits geschlossen war, da die Maschine nun endlich starten wollte. Aber ohne uns? Wir waren doch noch gar nicht drin!

Ich riss in tiefster Betroffenheit meine Augen so weit auf, dass das darin auflodernde Entsetzen die freundliche Dame rührte und sie erwog, zu telefonieren. Mit dem Piloten? Mit dem Gepäckpersonal, das jetzt doch schon Kaffeepause hatte? Mit Gott persönlich? Ich vermute es war eine Konferenzschaltung. Wir bekamen den Segen – und dachten ernsthaft: Na, das haben wir nun knapp geschafft.


Knapp überlebt und nervlich im Eimer!


Wie dumm man doch sein kann! Wie schrecklich naiv. Als das Gepäck auf dem Weg zum Flugzeug war, mussten wir ja wieder quer zurück in die Terroristenkontrolle. Diesmal, aus dem bösen Ausland kommend, wurden wir jedoch noch viel genauer kontrolliert. So genau, dass bis auf die Unterwäsche fast alles auszuziehen war. Es ging bereits um Minuten und ich hörte das Brummen startbereiter Maschinen. Das Personal war gnadenlos. Der Laptop, schwierig eng in den übervollen Rucksack gezwängt, ging weder rein noch raus. Als er endlich draußen war, fiel überhaupt alles raus, was drin bleiben sollte und anschließend nicht mehr hineinpasste. Auch der Rucksack musste sich komplett ausziehen und verstreute sein Strandgut dabei bereits auch auf dem Gang. Er war eben genauso gefährlich einzustufen wie meine kompliziert hoch geschnürten Bergstiefel, die einfach in keinen Koffer mehr passten. Und die verdammte Armbanduhr, in der sich ja der Zeitzünder zu befinden drohte, klemmte so widerspenstig, dass ich nun kurz vor hysterischen Schreianfällen stand und schrecklich schmerzhaft an meinem Armgelenk riss. Es ging um Minuten… sehr wenige Minuten, in denen wiederum lange, lange Flure zu uns jetzt noch unbekannten Abflugeingängen zu erlaufen waren. Ach, erlaufen! Zu errennen, sausen, stürmen, flitzen. Auf glitschigem Marmor, bereits zwei Aufrufen nach unserem Namen durch die Hallen mit der klaren nonverbalen Drohung, jetzt ohne uns zu starten, wenn wir nicht endlich mal in die Gänge kämen.

Nun hörte die Zeit auf. Kein Hass mehr auf meine Häscher. Ich war bereit zum sterben. Ein innerer Friede legte sich für Nanosekunden über mein rasend schlagendes Herz, das gleich endgültig zu schlagen aufhörte. Mein höheres Selbst sagte mir: Sei ruhig, ganz ruhig. Du bist gleich tot. Das war's für dieses Leben! Ein gutes, schweres, erfahrungsreiches Leben. Sag "ciao", um!

Aber ich starb nicht. Warum ich nicht tot umfiel in jener Sekunde, kann nur mit einem schicksalhaften Auftrag zusammenhängen, der noch nicht erfüllt war. Ich überlebte den Anschlag der Fluggesellschaft, die im gemeinen Verbund mit der Bundesversicherungsangstalt für Angestellte zu stehen schien und erreichte tatsächlich das Flugzeug. Mit hochrotem Kopf, außer mir, nach Luft japsend, stöhnend. Alle anderen Passagiere saßen, schauten, grinsten, lachten, bedauerten oder bemitleideten mich. Der Steward kam noch im Gang auf mich zugestürzt mit einem Glas Wasser, das mein bisschen Restleben retten sollte… und rettete mich. Eine Tote im Flugzeug hätte ihn zudem ja seinen Feierabend gekostet. War er undercover eingeschmuggelt worden? Am Ende nur zum Zwecke, damit ich heute Zeugnis ablegen kann darüber, wie die weltweite Mafia sich einer gewissen Überzahl von Bürgern entledigen will, bevor sie später als Rentner einfach einmal zu teuer werden.