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12. Januar 2015

Friedensgedanken zu einem kriegerischen Problem

Hintergrundbetrachtungen von Christa Schyboll

Auch in freien Gesellschaften gibt es häufig Menschen, die ausgegrenzt sind und am Rande stehen. Gelingt die Integration nicht, baut sich gesellschaftlicher Zündstoff auf, der den Terror begünstigt und Leid über alle bringen kann.

Die weltweiten Solidaritätsbekundungen anlässlich der Anschläge von Paris zum gemeinsamen Kampf gegen den Terror sind ermutigend. Ihre Kraft jedoch hat sich in ihrer Nachhaltigkeit erst zu erweisen. Der politisch-religiöse Terror hat dabei viele Gesichter und sehr verschiedene Hintergründe. Je nachdem, wie und wo er stattfindet. Seien es nigerianische Dörfer oder die Hauptstadt der großen Nation Frankreich: Wer hier oder dort wütet und mordet ist nicht über einen Kamm zu scheren. Die Opfer jedoch sind in beiden Fällen Unschuldige, die mit ihren trauernden Angehörigen Leid, Schmerz und Tod zu schultern haben.

Es braucht viele Schritte in Politik und Gesellschaft, diese tödliche Dosis an Hass und Fanatismus in all den verschiedenen Ländern zu überwinden. Zwei davon seien hier an dieser Stelle einmal herausgegriffen: Erstens die noch fehlende öffentliche Diskussion über die Auslegung des Korans und zweitens die Diskussion um die Rekrutierung eines bestimmten Tätertypus.

Die Instrumentalisierung der großen Religionen gehört zur Historie der Menschheit von Anbeginn. Derzeit sind es aber vor allem die Islamische Religion und der Koran, die in besonderer Weise terroristische Banden beeinflussen bzw. scheinbare Alibis für tödliches Handeln geben. Was bisher fehlt, ist eine breit angelegte Auseinandersetzung der islamischen Religionsführer untereinander, die dringend öffentlich und friedlich hausgetragen werden sollte. Dabei geht es um die Lesart des Korans, seine Interpretationen, angebliche oder vermeintliche Aufforderungen des Propheten Mohamed, die Missverständnisse innerhalb dieser Glaubensgemeinschaft und eine Exegese der muslimischen Heiligen Schriften.

Dort, wo der eine Muslim die Barmherzigkeit und Menschlichkeit herausliest und auch im Alltag gläubig praktiziert, schnallt sich der andere totbringende Islamist Bombengürtel an den eigenen Leib, um möglichst viele Mitmenschen ungewollt früh mit in sein vermeintliches Paradies zu nehmen. Polarisierender können Schriften nicht sein. Lebendiger Frieden und tödlicher Hass scheiden sich an der gleichen Schrift. Hierüber sollten die Religionsführer einen offenen Dialog führen, der vielleicht dazu beiträgt, sich darüber zu verständigen, wie eine Heilige Schrift, seien es Bibel oder Koran, zu verstehen ist. Angebliche oder scheinbare Widersprüche müssen Gläubigen erklärt werden, damit eine religiöse Orientierung möglich wird. Es gibt angesichts der neuen Anschlagsserien in Paris viele friedliche Bekenntnisse aus der muslimischen Welt, die Frieden und Barmherzigkeit bekunden. Doch diese Lippenbekenntnisse allein werden nicht ausreichen. Es müssen viele konkrete Taten folgen. Es muss, vor allem des wertedesorientieren Täterkreises wegen, mehr Klarheit geschaffen werden, was die Auslegungen oder Widersprüche eines Glaubens angeht.

Glaube ist eine private Angelegenheit. Sie wird aber schnell zur politischen, globalen scharfen Munition, wenn sie als Instrument von Mord und Terror benutzt wird und zu Kriegen führt. Eine friedlich geführte offene Glaubensdiskussion für all jene, die solchen religiösen Glauben in sich tragen, könnte ein wichtiger Eckpfeiler werden, mehr Eindeutigkeit in die Dinge zu bringen.


Mangelnde Chancengleichheit ist Zündstoff


Ein weiteres Augenmerk sollte auf die Rekrutierung des meist jungen, männlichen Täterkreises gelegt werden. Zu viele von ihnen haben schwierige soziale Hintergründe, die von Armut, innerer Haltlosigkeit, mangelhafter Bildung, fehlenden Perspektiven und großer Hoffnungslosigkeit erzählen. Ihnen allen, die es nicht bis in die Mitte der Gesellschaft aufgrund ihrer eigenen problematischer Lebensverhältnisse schafften, nur zu sagen: Ihr seid doch Looser! Ihr könnt das schaffen, wenn ihr euch nur genug anstrengt, trifft in vielen Fällen nicht die Wirklichkeit. Denn nicht allen ist durch mangelnde Förderung, fehlende familiäre Bindungen, Unterstützungen oder Vorbilder, diese innere Kraft gegeben, auch wenn sie sich anstrengen und ihrem oft traurigen Schicksal zu entkommen versuchen. Sie zu fundamentalistischen Bombenträgern mittels Heilsversprechungen umzufunktionieren, ist oft nicht mehr besonders schwer. Fehlt ihnen doch neben einer realistischen Perspektive oft auch der kritische Verstand, der nie zur Reflexion ausgebildet wurde, die Würde, die sie sich selbst nicht zu geben vermögen und auch die Bildung, die Gefahren zu durchschauen, um nur ein paar Mängel aufzuzeigen, die sie zu schnellen Opfern gewiefter Hassprediger oder Organisationen werden lassen. Was haben sie denn in ihrer Art von oft armseligen Leben noch zu verlieren? Nichts, außer ihrem Leben, das vielen nicht mehr viel Wert scheint. Hier versagen viele Gesellschaften bzw. ihre Politik. Bildung und Förderung aller Art müssen im Kindergarten bereits altersentsprechend beginnen und möglichst von den Familien positiv stark gestützt werden. Wird da an der falschen Stelle durch politische Vorgaben gespart - und das passiert allerorten - muss man sich nicht wundern, wenn die "Zurückgebliebenen", gesellschaftlich später Ausgegrenzten, andere Wege wählen. Natürlich ist die Politik nicht an allem schuld und kann nicht alles richten. Und natürlich muss jeder Täter, mit welchem Hintergrund auch immer, für seine Taten einstehen. Aber Politik und Gesellschaften müssen analysieren, wo sie selbst eben auch Zustände haben wuchern lassen, die nun bösartig metastasieren.

Eine freie Gesellschaft wird immer angreifbar bleiben. Und es wird in jeder Gesellschaftsform auch immer wieder Menschen geben, die ausgegrenzt sind und am Rande stehen. Auch das zieht sich durch die menschliche Geschichte. Will aber ein freies Miteinander eine nachhaltige Chance haben, ist das Augenmerk darauf zu legen, wirklich alles dafür zu tun, Chancengleichheit für alle Kinder und Jugendlichen zu erreichen und mehr als bisher auch jungen Menschen Gerechtigkeit vorzuleben. Das sind starke Motivationen, die die Bereitschaft zum Terror erheblich abdämpfen und minimieren würden.

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.