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05. April 2012

Die operierte Gans

Die Geschichte einer Gänseliebe. Von Christa Schyboll

Lebt man mit Kindern und Tieren, ist man vor Überraschungen nicht gefeit. Dass wir jedoch einer bratfertigen Gans einmal ein künstliches Hüftgelenk finanzieren würden, stand nicht auf dem Ereignisplan unseres Lebens.

Hausgänse sind ja etwas ganz Besonderes. Sie sind clever und laut, zutraulich und ungemein kämpferisch. Wen sie in ihr großes Gänseherz geschlossen haben, wird geliebt und behütet. Katzen, Hunde und manchmal sogar Füchse haben da oft nichts mehr zu vermelden, wenn es sich um starke Tiere handelt. Jedenfalls war unser Gänsepärchen geradezu unglaublich zutraulich und kämpferisch zugleich. Unsere Gänsedame hatte jedoch ein Hinkebeinchen. Das ließ sie langsamer werden und so manchem in der Nähe lebenden Wildtier das Wasser im Munde zusammenlaufen angesichts kulinarischer Möglichkeiten. Aber der Ganter war ein wahrer Held. Versuchte auch nur jemand, sich der Gänsedame in böser Absicht zu nähern, fing ein infernalisches Geschrei und ein schauerliches Gefauche an, unterstützt durch wilden Flügelschlag. Auch die größeren Haushunde der Umgebung ergriffen schon beim bloßen Anblick das Weite. Ungebetene Besucher hatten es äußerst schwer und bedurften unserer Hilfe. Nachts kamen die Gänse zur Sicherheit aber in ihren Stall.

Doch wie es im Leben so geht: Eines Tages war der Stall nicht richtig verschlossen und die Gänse gelüstete es nach Freiheit. Sie tummelten sich vielleicht im Mondschein oder auch nicht. Jedenfalls fand in der Nacht ein schreckliches Gemetzel statt, dessen schreckliches Ende beim Tod des Ganters uns alle tief traurig machte. Er war von Fuchs oder Iltis wohl doch überlistet worden im Bemühen, seine Herzensdame, die eigentlich leichtes Opfer war, zu schützen. Ein Angriff auf Leben und Tod, der blutige Spuren durch den großen Garten zog. Die Traurigkeit war groß - aber die Hinkedame nur leicht verletzt. Der Korpus des Ganters gestohlen. Nur der Kopf war uns geblieben. Natürlich war die Gänsedame tief traurig. Wie sehr Gänse um den Partner trauern können, ist nicht zu beschreiben, wenn man es nicht selbst erlebt. Aber die kleine Verletzung musste tierärztlich behandelt werden.

Doch oh Graus! Wir hatten Glück und Pech zugleich. Denn statt nur die akute Verletzung zu behandeln, stellte der Tierarzt noch anderes fest. Eine Entzündung im Hüftknochen. Der Tierarzt hatte gerade aber just an diesem Tag einen russischen Professor in seiner Praxis, der unter anderem nicht nur Gänsespezialist war, sondern auch in Sachen Tieroperation äußerst bewandert war. Man fragte also, ob wir zustimmen würden, dass die Gans eine Art künstliches Hüftgelenk bekam. Wir trauten unseren Ohren nicht!

Natürlich wären unsere Gänse nach soviel Familienanbindung und Tragik niemals in unseren Bräter gewandert - aber gleich eine Art künstliches Hüftgelenk? Aber da hätten Sie die flehenden Augen des verweinten Kindes sehen müssen! Der Ganter tot - und nun die Chance auf Heilung für unser Hinkebeinchen. Die Kosten blieben bezahlbar, die Gans wurde wunderbar geheilt. Das Hinken blieb, aber Schmerzen und Entzündung vergingen bei guter Pflege. Was auch noch lange Zeit blieb waren die traurigen Töne um den geliebten Partner, doch gemildert um unsere fürsorgende Pflege und Zuwendung, die der Gans offensichtlich noch Jahre gut tat.

Es war anrührend, traurig und schön zugleich zu sehen, wie tiefe Empfindungen Tiere über einen Gefährten über Körperhaltung und Laute äußern können und wie breit das Spektrum des Zeigens von Gefühlen bei Gänsen ist, weil der Partner ums Leben kam. Auch wenn Tiere nicht denken können: als Empfindungswesen können sie zutiefst unser Herz anrühren.