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07. August 2010

Urlaub

Der finale Härtetest des Jahres von Christa Schyboll

Dass die meisten von uns gleich mehrfach im Jahr "urlaubsreif" sind, zeigen die Statistiken von Flug, Bahn und Benzinverbrauch. Sich diese schöne Zeit mehrfach auch genehmigen zu können, ist ein Luxus, für den die Genießer nicht dankbar genug sein können.

Urlaub jedoch nur unter den Bedingungen von Fun oder Action zu betrachten, würde dem Phänomen nicht gerecht, wenngleich diese sehr angenehmen Seiten uns natürlich erfreuen und ersehnt werden.

Urlaub ist oftmals ein Härtetest. Interessant daran ist, wie oft wir ihn uns zumuten und dass wir es zugleich freiwillig tun. Weiter ist interessant, dass wir von Jahr zu Jahr scheinbar in eine neue Amnesie verfallen, in dem wir die Härte des vorangegangen Testes aus unserem Erinnerungsvermögen scheinbar ersatzlos gestrichen haben. Wir tun so, als machten wir uns auf eine Reise, die nichts als nur schön werden wird.

Hin und wieder klappt es ja auch und die Urlauber kommen strahlend und braungebrannt zurück. Oder auch hellhäutig und dennoch hochzufrieden mit der Qualität des Erlebten. Gar viele aber, setzen sich genau jenen Situationen aus, die dazu geeignet sind, nach dem Urlaub komplett urlaubsreif zu sein. In schlimmen Fällen sogar ganz krank vor lauter Urlaub.

Machen sie alle etwas falsch? - oder setzen sie sich unbewusst wichtigen Bedingungen aus, um ihren eigenen Härtegrad zu testen? Wird in dieser Zeit des Jahres an Belastungen gearbeitet, für die man während des Jobs in der Regel keine Zeit hat? Zum Beispiel die überfälligen Beziehungsklärungen? Oder ist es reine Gedankenlosigkeit, zu Zeiten zu starten, in denen sich das Heer der Millionen Miturlauber auch auf den Weg in die gleiche Richtung macht? Oder hat man einfach Pech, dass am Flughafen mal die Piloten, mal die Sicherheitskräfte, mal die Lotsen streiken? Unendlich die Formen von Unbill, die uns brachial überfallen können, wenn wir nichts als nur entspannen wollen. Oder der Stress mit den im Katalog verschwiegenen Kakerlaken, der wütenden Waldbrände, des rationierten Benzins, des tröpfelnden Hahnes oder ungenießbaren Essens.

Die Oder-Liste ärgerlicher Alternativen kann endlos gedehnt werden. Wüsste man um all dies nicht, so wäre der Härtetest eine Art Fügung, die unter dem Begriff Pech zu parken wäre. Aber man weiß es, riskiert es, startet durch - und erlebt so häufig das Erwartete: Chaos, Ärger, Verzweiflung, Wut.

Besonders speziell jedoch ist vor allem die hausgebackene innere Tragik. Fünfmal bereits wurden die unangenehmen Gespräche über die eigene Beziehung verschoben. Noch immer besteht Uneinigkeit über die Verwendung des Geldes oder die Rückzahlung der Schulden. Der Schulwechsel der Kinder ist keinesfalls schon ausgemachte gemeinsame Sache, sondern mutiert zum Streitpunkt bis hin in ideologische Anschauungen mit der gegenseitigen Beschwörung, nur das Kindeswohl im Auge zu haben.

Das im Urlaub zu klären, ist eine Art Harakiri. Wann aber soll man es denn klären, wenn man es sonst schon nicht im stressigen Urlaub schafft? Wo ist denn der Raum der Ruhe für Klärung? Viel wäre schon gewonnen, wenn man sich rechtzeitig vor dem Urlaub darüber verständigen könnte, was VOR und was IM Urlaub geklärt werden muss, weil es zu lange aufgeschoben wurde. Es vor Antritt der Reise zu tun, kann geschickt sein … aber es kann dieselbe letztlich dann auch ganz verhindern.

Urlaub macht oft urlaubsreif. Und Erholung finden nicht wenige dann auf ihrer Arbeitsstätte, an der sie dann vom nächsten, echten Urlaub wieder träumen.