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07. August 2012

Hirnforschung

Was ist nur mit unserer Merkfähigkeit los?, fragt Christa Schyboll

Ich gehöre zum Kreis der Betroffenen. Allzu vieles fällt in die Schwarzen Löcher meines Erinnerungsvermögens, das ich gern zur rechten Zeit griffbereit gehabt hätte. Frau X, die ich seit Jahrzehnten kenne, begrüßt mich freundlich, Duzt mich und ich weiß nicht einmal ihren Namen. Peinlich.

Die Sache mit Schlüssel, Portemonai oder anderen Kleinigkeiten, die immer wieder verschwinden und auftauchen, brauche ich vermutlich auch keinem zu erklären. Der einzige Trost scheint zu sein: Es ist normal.

Es ist normal, dass wir Namen – meist vorübergehend – vergessen, obschon wir die Leute sogar sehr gut kennen. Oder eben Sachen verlegen und sie händeringend unter Stress überall dort suchen, wo sie partout nicht sind. Sind wir kollektive Deppen?

Und dann höre ich von einem gewissen Nelson Dellis. Dieser Mensch kann sich innerhalb kürzester Zeit 99 Gesichter mit dazugehörigen Namen merken. Das hat er in den USA in einer Gedächtnismeisterschaft unter Beweis gestellt. Dass er jedoch mit diesem Talent eine wirkliche Ausnahme darstellt, beruhigt dann doch wieder.

Nach dem Grund gefragt, warum es denn für die meisten Menschen so schwer ist, antwortete der Neuropsychologie Josef Kessler von der Uniklinik Köln, dass Namen eben sehr abstrakt seien. Gesichter könne man sich beispielsweise viel besser merken. Im Gehirn gebe es zum Beispiel auch eine eigene Region, die für das Erkennen von Gesichtern zuständig sei. Für Namen habe man dies bisher nicht geortet. Schuld ist die Evolution mal wieder. Denn zuerst war eben das Gesicht da. Der Name kam erst später dazu. Nun ja, das tröstet dennoch wenig, wenn Frau X, die Herzliche, die mich so gut zu kennen scheint, nicht mal richtig angesprochen werden kann.

Auch die Bedeutung der Person, so hieß es weiter, spiele eine Rolle. Das machte mich weiter nachdenklich. Denn offenbar spielte Frau X in meinem Leben keine ausreichende Rolle, ich in ihrem aber sehr wohl. Alles nur eine Frage der Verarbeitungstiefe, die mit der zugeordneten Wichtigkeit zu tun hat? Ich zweifle ein wenig daran, ob dies alles ist. Womit nur habe ich mir ihre Aufmerksamkeit so verdient? Auch dazu fällt mir überhaupt nichts ein!

Es fehlt das Training, sagen viele. Ob das Namensgedächtnis gut sei, hänge unter anderem auch von einer frühen Förderung ab. Wenn Eltern großen Wert darauf legen, dass ihr Kind sich Namen merkt, klappe es später besser. Also sind meine Eltern schuld. Sie haben mich einfach nicht früh genug angehalten. Vermutlich haben sie es vergessen, weil sie selbst schon vergesslich waren?

Oh, ich habe den Faden verloren. Worüber schrieb ich gerade noch? Hatte das etwas mit Vergesslichkeit zu tun?

Vielleicht ist Hopfen und Malz trotz aller wissenschaftlichen Erkenntnisse bei mir schlicht und einfach verloren?