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28. Dezember 2014

Die Sau ist raus

Zwölf mentale Absurditäten fürs kommende Jahr. Von Christa Schyboll

Das neues Jahr soll gelingen? Die Vorsätze sind stark bis vortrefflich. Wären da bloß nicht wieder die vielen neuen Schwächeanfälle in der Willenskraft, die sich durchs Jahr ziehen, wie das berühmte Haar durch die Suppe. Aber warum sollte sich auch endlich eine innere Ordnung einstellen, wenn das Chaos so leicht zu programmieren ist?

Weg mit den guten Vorsätzen. Her mit dem Chaos! Wissen wir doch: Was wir begehren, wird uns verwehrt. Wie immer wir uns auch bemühen. Also begehren wir doch die Unvernunft - auf das sich das Gegenteil ereignen möge. Wir müssen es nur laut und stark genug begehren! Lassen wir es doch zum Jahresende doch einmal richtig krachen! Zündeln wir doch nicht nur an äußeren Raketen herum, sondern schmeißen uns selbst mentale Handgranaten zu. Zum Beispiel mit einer Entscheidung fürs Absurde. Das ist doch mal ein Silvester, das sich lohnt.

Denn wir kennen doch die Gesetzmäßigkeit, die da heißt: Worauf wir uns konzentrieren, strebt danach, Realität zu werden. Denn jeder Gedanke, jedes Gefühl will leben und sich verwirklicht sehen! - Aber wir kennen ja nicht nur diese Gesetzmäßigkeit, sondern vor allem kennen wir uns selbst. Und müssen uns eingestehen: So degeneriert, wie wir in aller Regel sind, wissen wir doch sehr genau, dass uns Willenskraft und Konzentrationsfähigkeit ermangeln. Also können wir auch gleich die Sau raus lassen! Denn unsere absurd-schönen Wünsche können uns ja letztlich aufgrund mentaler Minderleistungen gar nicht einholen, aber uns vielleicht jeweils mit dem Gegenteil überraschen.

Nehmen wir die Durchschnittsindividualität von Heidi B. Sie hat mich auf Anhieb verstanden orakelt ihre Jahreszukunft:

Januar - Ich nehme endlich zu!

Ich habe 12 Kilo Übergewicht. Weihnachten und Silvester haben sich diesmal wirklich gelohnt. Das Sahnehäubchen jedoch ereignet sich im Januar. Da werde ich endlich zuschlagen. 18 Kilo Übergewicht sind mein Ziel. Auf dem Einkaufszettel dick vermerken: Sahne, Butter, Mayonese, guten fetten Lachs unter Verzicht von äußerst verzichtbarem Grünzeugs.

 

Februar - Eingesponnen in Bewegungslosigkeit!

Ich fühle mich endlich einmal nicht gestresst: Im Januar habe ich tatsächlich endlich 6 weitere Kilo draufgelegt. Januar-Ziel erreicht! Gründe genug, die lästige Sache mit dem Sport endgültig für mindestens ein Jahr einzustellen. Kein elendiges Schwitzen und Japsen mehr. Keine Sorgen um plötzlichen Herztod im Wald vor lauter Überlastung. Dafür den Winter genießen. Ein Bierchen hier, ein Schnäpschen da. Und all die feinen Sahnetörtchen! Und schön die Ruhe bewahren. Vorsicht: Bewegung könnte den Januareffekt zunichte machen.


Der dritte Monat beginnt erfolgreich!


März - Der frische Duft der Zigarette!

Der Frühling kommt. Man riecht es schon. Es stinkt! Ein Glück, dass ich endlich wieder mit dem Rauchen begonnen habe. Diesen Nervenstress des letzten Halbjahres würde ich niemals mehr mitmachen und kann nur jedem davon abraten. Der feine Duft einer frisch angezündeten Zigarette überlagert nun endlich dieses Müffeln aufkeimender Bäume, die sich in ihrem ersten Frühlings-Trieb nicht einmal entscheiden können, ob sie mehr süßlich oder mehr wie eine frische Brise stinken sollen. Aber auf meine duftende Zigarette ist dabei Verlass... vor allem auf den kalten Aschenbecher am nächsten Tag direkt am Bett.

 

April - Karriere, Karriere!

Heute kam die jährliche Meldung eines zukünftigen Rentenbescheides. Er befreit mich endgültig von allen Karrierebestrebungen, die noch ein heimliches Dasein in mir fristeten. Ich habe jetzt Hartz-IV-Niveau erreicht. Falls ich so weitermache wie bisher! Dieses falls ist eine gute Auskunft für mich. Das mache ich nun auch. Ich bin sehr motiviert, es nicht zu übertreiben. Da es vermutlich in Zukunft keine nennenswerte Rente mehr gibt, sind weitere Karrierepläne einfach nur lächerlich. Gedacht für Naive, die vom Rentenversicherungsträger denken lassen. Ich denke jedoch selbst. Selbstverständlich bleibe ich nun faul. Oberfaul, um es mal deutlich zu sagen. Es lohnt sich einfach nicht. Aber es macht mir dafür das Leben schon vor der Rente schön bequem. Gut, dass es solche Rentenbescheide gibt, die Auskunft darüber geben, wann man mit all diesem Karrierequatsch endlich aufhören kann.

 

Mai - Frühjahrsputz!

Gute Hausfrauen erledigen den Frühjahrsputz im März. Eifrige Hausfrauen beginnen bereits im Februar. Kluge Menschen lassen diesen Unsinn jedoch gleich ganz bleiben, weil sie im Mai daran denken, dass es jetzt eh viel zu spät dafür ist. Und deshalb ist es auch völlig unnötig. Kommt doch jedes Jahr eine neue Chance auf diese unsinnig anstrengende Tätigkeit. Also warum nicht mal ein kurzes Jährchen warten, wo doch ständig darauf hingewiesen wird, dass man das Rechte zur rechten Zeit machen soll. Der Mai ist aber keine rechte Zeit für einen Frühjahrsputz, weil doch gerade der Sommer durchbricht und außerdem alles voller Pollen ist. Wer jetzt alles vor zwei Monaten gründlich sauber gemacht hat, kann sich doch nur blütenweiß und pollengelb ärgern… Die Mühe lohnt sich einfach nicht.


Der Sommer steht prachtvoll vor der Tür


Juni - Urlaubsklamotten!

Juchuuu! Nicht abgekommen. Schön zugelegt. Die Bewegungslosigkeit, die im Februar begonnen hat, hat doch noch einiges gebracht. Jetzt passt endlich nichts mehr. Am besten schneide ich Betttücher parat. Die passen immer. Mit ein wenig Batik und ein paar Metallinstallationen daran kann ich mich dann sicher als Gesamtkunstwerk auf Mallorca verkaufen. Mit etwas Glück bekomme ich auch ein wenig Besichtigungsgeld. Einen Zylinder werde ich aufstellen. Das Unpassende soll so übertrieben werden, dass es perfekt sitzt. Es lohnt sich, diese Kalorienzählerei endlich sein zu lassen und sich ab sofort nur noch in Betttüchern durch die Welt zu bewegen. Und natürlich lohnt es sich auch, sich möglichst dabei wenig zu bewegen. Vielleicht sollte ich mich zukünftig schieben lassen?

 

Juli - Weihnachtsgeschenke kaufen!

Bald ist Sommerschlussverkauf. An Weihnachten denken. Schnäppchen machen. Einpacken ab Dezember. Aber jetzt zuschlagen. Nur nicht die Kekse vom vergangenen Jahr. Das könnte auffallen. MHD ist verräterisch. Aber sonst? Her damit, was der Geiz hält. Mit dreißig Tüten bei hochsommerlichen 32 Grad im Schatten wird einem wundervoll weihnachtlich zumute. Nur die daher flanierende Bevölkerung in Shorts und lasziver Sommerbekleidung stört mein trautes Empfinden ein wenig.

 

August - Alle sind weg! Endlich ein Selfie!

Ein Glück. Alle sind weg. Alle in Urlaub. Kein Smartphone klingelt. Keine SMS. Keine Drohne vor meinem Schlafzimmerfenster. Ja, interessiert sich etwa niemand mehr für mich? Selbst die Straßen sind leergefegt, als wären wir keine Autonation. Das nenne ich Urlaub. Aber das nenne ich auch: Widerliche Ignoranz! Keiner fragt nach mir. Zeit für ein Selfie. Wenigstens ich bin mir sehr wichtig. Dass ich das bin, macht mich echt stolz auf mich. Und das soll auch die Welt erfahren dürfen. Heute habe ich Jubiläum. Das tausendste Selfie. Ja, ich bin mir selbst viel Zeit wert. Und die Welt liebt meine Bilder wirklich sehr.

 

September - Alle sind wieder da!

Entsetzlich… Es ist einfach nur entsetzlich! Man fühlt sich nicht mehr so einzigartig wie im August, als die Welt heiß und leer war. Und dann all diese widerlich vielen Selfie-Bilder im Internet. Igitt... Wie abscheulich penetrant doch Menschen sein können, wenn es um ihr Ego geht. Was ist das nur für eine dekadente Menschheit, in die mich da das Schicksal böse hinein gestupst hat! Womit habe ich das verdient?


Die letzte Dekade des Jahres


Oktober - Der Winterschlaf beginnt!

Mein auf Bewegungslosigkeit nun gut trainierter Körper wird langsam sehr müde. Von viel Müdigkeit wird man auch sehr hungrig, weil viel immer hungrig macht. Also muss ich etwas mehr essen als sonst, um dieses Bedürfnis zu stillen. Aber die Müdigkeit verschwindet nicht. Im Gegenteil. Nun macht sich nach und nach diese jährliche winterliche Trägheit bemerkbar. Nicht nur bei mir. Ich bin eine gute Beobachterin. Die Blätter zum Beispiel sind zu träge, an den Bäumen hängen zu bleiben und lassen sich wie faule Säcke auf matschigen Boden plumpsen. Der Regen ist zu faul, sich in den Wolken festzuhaken. Er scheint zudem auch alt zu sein, zeigt er doch eine gewisse Form von Inkontinenz in diesem Monat. Und ich bin zu erschöpft, um mich nach dem Essen auch noch auf die Arbeit zu schleifen. Ach! Da fällt mir ein: Ich war dieses Jahr noch nicht krankgeschrieben. Nun wird’s aber höchste Zeit. Das Jahr ist bald vorbei. Krankheitsgrund: Chronische Müdigkeit. Völlige Überlastung. Burn out. Aber so was von ... burn out!

 

November - Schwächeanfall!

Der erste Schwächeanfall in diesem Jahr. Mein Geist sendet mir ständig innere Stimmen. Sie flüstern mir Abscheuliches, Skandalöses zu. Dinge wie: Nimm ab, beweg dich. Steh auf, tu was! Es ist der Widersacher in mir. Der Verführer, am besten mache ich gleich die Augen wieder zu und träume von etwas Schönem. Wozu hat man denn sein kurzes Leben schließlich, wenn nicht fürs Angenehme und Vortreffliche!

 

Dezember - Alles wird wieder gut!

Der kurze Schwächeanfall ist überstanden. Dem Widersacher wurde widerstanden. Jetzt wird das Weihnachtsbüffet geplant. Jeden Adventssonntag ein festliches Menü. Die Hauptmenüs dann sowohl über die Feiertage, wie auch zwischen den Tagen und natürlich an Silvester. 7 weitere Kilo müssten locker drin sein. Eine nächste Krankschreibung auch. Leberfettwerte, Galle. Das bekommt man schon hin. Vielleicht noch eine Portion Gicht oder Herzrhythmusstörungen? Müsste machbar werden. Allerweltskrankheiten. Hat jeder. Der Arbeitgeber wundert sich schon lange nicht mehr... Also, hmm... doch, eher wundert er sich, dass seine Firma noch existiert. Jetzt, wo er uns alle näher kennt.

 

Ein gutes Jahr! Ein vortrefflich gelungenes Jahr für Heidi B. Alles wurde wahr! – Nur nicht das, was sie sich klammheimlich und ganz leise wünschte. Aber das ist eine ganz andere Geschichte...

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.