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16. April 2014

Wahrheit und Lüge

Über die Ödnis und die Dschungelwege der Wahrheit, philosophiert Christa Schyboll

Schaut der Wahrheitsliebhaber in eine leere Röhre und traut sich nicht, dem Licht am Ende des Tunnels entgegenzugehen, weil an den Wänden lebendig die Schattengespenster der Entstellung tanzen? Nur nicht vom Pfade der Wahrheit abkommen und koste es den Frust des einzig lebbaren Lebens, das einem geschenkt ist, scheint sein Motto zu sein.

Neid kennt viele Formen. Um sich am Leben zu erhalten, sucht er ständig nach der passenden Person. Manchmal dauert es ein wenig länger, bis der seinen geeigneten Menschen gefunden hat. Zum Beispiel beim Neid auf die Lüge oder den Lügner, der unverzichtbar einen menschlichen Träger braucht, da Fauna und Flora sich strikt solchen Spielchen verweigern. Aber sprechen wir nicht nur von der Lüge, sondern auch von ihren vielen kleineren Geschwistern, die sich so reich an der Zahl entwickelt haben. Dem Flunkern oder der Halbwahrheit, dem Ammenmärchen, der falschen Behauptung, dem Schwindel, der Erfindung oder der Heuchelei. Auch die Maskerade, Notlüge oder Ausrede wollen wir nicht vergessen. Oder wer denkt nicht auch an dabei an Trug, Täuschung, Lippenbekenntnis oder Vorwand, die für Aussagen oder Sichtweisen herhalten, welche nur eines zum Ziel haben: Den Blick von der Wahrheit abzuwenden, umzuleiten oder zu verschleiern. Unendlich scheinen die wunderbaren Möglichkeiten, mit der ein zur Unwahrhaftigkeit begabter und bereiter Mensch subtil oder offen, raffiniert oder scheinheilig spielen darf.

Und der Wahrheitsliebhaber? Er hat doch nur die bloßen nackten Fakten und sein sich laut läutendes schlechtes Gewissen, wenn er den Pfad der Wahrheit auch nur einen Millimeter zu verlassen droht. Und oft einmal noch weniger als das, wenn die Dinge kompliziert liegen. Da soll kein Neid auf den Schwindler aufkommen, der angesichts solch fulminanter Möglichkeiten, die Ereignisse ausschmückt wie er lustig ist und ihr ein eigenes Lügen-Gepräge aufdrückt? Der Wahrheitsliebhaber schaut indes in eine leere Röhre und traut sich nicht, dem Licht am Ende des Tunnels entgegenzugehen, weil an den Wänden lebendig die Schattengespenster der Entstellung tanzen. Nur nicht vom Pfade der Wahrheit abkommen und koste es den Frust des einzig lebbaren Lebens, das einem geschenkt ist, scheint sein Motto zu sein.


Objektive oder subjektive Wahrheit?


Wahrheit kann faktisch so einfach sein. Was aber, wenn sich die Fakten störrisch stellen? Was, wenn sie geradezu nach weiteren Interpretationen schreien, weil ihnen auch das Nichtfaktische an die Seite gesellt werden muss? Zum Beispiel gewisse Umstände. Menschliche oder sonstwie psychische Not, charakterliche Wesenszüge gewisser Individuen. Oder die nackte Angst, die Unberechenbarkeit der Gefühle in Momenten tiefer Ekstase. Wird dann nicht jede Wahrheit schnell wieder zu einer persönlich relativen? Und überhaupt: Ist es eigentlich das Objektive, was uns an der Wahrheit wertvoll erscheint – oder doch viel mehr unser subjektives Empfinden, unsere Sicht der Dinge, die wir doch gern durch die Fakten bestätigt haben wollen? Selbst wenn wir sie dafür ein wenig verbiegen müssen

Kann Wahrheit denn überhaupt je objektiv sein, so wie es der Wahrheitsliebhaber wünscht, erwartet, ersehnt, behauptet oder bestimmt? Wird die Wahrheit nicht zu einem ganz widerwärtigen Ding, wenn man sich nicht mehr auf sie verlassen kann? Weder auf sie selbst noch auf den Menschen, der sie behauptet oder benutzt? Man muss doch nur tief genug in die Dinge hinein schauen, um zu begreifen, dass die Wahrheit sofort an den Grenzen eines anderen Bewusstseins seine Barrikaden errichtet hat, deren Erstürmung die eigene Kraft oftmals schlicht überfordert. Selbst das sinnlich Wahrnehmbare entfaltet bei gleichen Fakten doch immer nur seinen individuellen Wert. Ist es bei 25 Grad im Schatten noch angenehm oder schon heiß oder etwa angenehm heiß? Ist das Gelb schon hellgelb oder mehr gleißend ins Silbrige flüchtend? Wie schmerzhaft ist der Stich einer Biene in die Kopfhaut bei dem einen, dem anderen, dem Dritten auf einer Skala von eins bis zehn? Je genauer man hin schaut, umso tiefer erkennt man die Wirklichkeit des Treibsandes in der Wahrheit selbst, die eben auch von den unvergleichlichen Empfindungen und dem Bewusstseins eines Individuums abhängig ist. So hüpft, weht, stürmt oder fliegt, baut die Wahrheit an flüchtigen Wanderdünen, schafft dort zeitlich vorübergehende Skulpturen oder entfacht Tornados im eigenen Geist. Drängt sie den Menschen dazu, den Mittelpunkt, den wahren Kern zu suchen, um ihn kurz darauf auf dem Schachbrett eines fluktuierenden Bewusstseins doch wieder schnell an andere Stelle zu rücken, wenn sie unbequem wird, lästig, unaushaltbar? So wird selbst die sinnlich wahrnehmbare Wahrheit zum Objekt einer rein subjektiven Empfindung. Denn wie gelb ein Gelb ist liegt doch keinesfalls nur allein im Auge des Betrachters. Das würde die Sache der objektiven Wahrheit unerlaubt reduzieren.


Vom Neider, dem armen Wurm


Und bei all diesen fantastischen Möglichkeiten soll nun ein Wahrheitsliebhaber so ganz ohne Neid auf das vortreffliche Spiel des Lügners schauen? Auf jenen lockeren Typus, der seine Spielchen mit allem und jedem treibt und dabei auch noch gut gelaunt und feixend von einem zum nächsten Augenblick den potenten Tausendsassa gibt? Einem, der selbst zur leibhaftig inkarnierten Lüge wurde und perfekt mit seiner Schwindel-Identität verschmolz? Unbemerkt, selbstgerecht und ohne die geringste Störzone einer sich anschleichenden selbstkritischen Infragestellung, die auf Aufklärung hoffen ließ? Einem, der es versäumt hat, sich je der lästigen Frage einer Alternative zur Lüge zu stellen und nun blitzschnell wie auf Schmierseife in die nächste Unwahrhaftigkeit hinüber gleitet, ohne von einem lästigen Gewissen flankiert, gar gestoppt zu werden?

Nicht einmal Verdrängung ist bei solchen Menschen vonnöten. Nicht einmal ein Wegschauen vom selbst erzeugten Ungemach, weil der innere Blick dafür noch keinen äußeren Sehnerv provoziert, der Lust hat, wahrhaftiger auf die Dinge zu schauen. So rutscht der Lügner von einer Version der Wirklichkeit in die nächste. Unbemerkt wie der Spätnachmittag in den frühen Abend. Geschickt wie ein Kolibri seinen Rüssel im stehenden Flug tief in den Kelch der Blüte senkt, senkt er die Lüge als seine eigene Wahrheit in den unreflektierten Gedankenkreis eines vertrauensvoll naiv geöffneten Ohrs, dem der Zugang zur Wahrhaftigkeit selbst noch versperrt ist. Eines Ohrs, das dem Zauberklang der Phantasie lieber horcht als dem Wort der Wahrhaftigkeit.

Der wahrheitsliebende Neider ist ein armer Wurm, der auf dem heißen Asphalt seiner beschlossenen Unanfechtbarkeit in Sachen Ehrlichkeit in so mancher Lebenssituation zu vertrocknen droht. Der Lügner hat dabei gut lachen, weil ihm das Leben eine so vortreffliche Bühne bietet. Ständig die Wahrheit zu sagen, bringt Stress ohne Ende. Auch wenn man sie nett sagt, vorsichtig und angereichert mit den besten Motiven. Das wissen beide, weil sie es ja erleben. So wird wieder einmal das Gute zum Schweren, während es sich mit dem Bösen gut leben lässt.


Willkommen im Leben


Und weil Wahrheitssucher und Schwindler aber so grundverschieden sind, gehen sie so unterschiedlich mit dem, was sie Wahrheit nennen, um. Und seien wir ehrlich: Fast niemand will die dann Wahrheit gerne hören, wenn sie uns nicht das Angenehme oder Schöne verspricht. Wenn, ganz im Gegenteil, uns Dinge über uns von Dritter Seite offenbart, die wir gern weiter vor uns selbst und der Welt doch versteckt gehalten hätten. Und nun kommt da ein selbsternannter Wahrheitsmissionar daher und erklärt der Welt unsere Schwächen!

Die Lüge ist hoch willkommen, so sie das Schöne verspricht. Allein daran sieht man: Bei der Wahrheit und der Lüge geht es niemals um die Wahrheit oder die Lüge, sondern stets um das Wohlbefinden! Koste es das eine oder das andere. Und kostet es die Lüge, so schreitet sie selbstbewusst und zielsicher im Gewand des zum Beispiel unechten Komplimentes daher, das zugleich so verführerisch echt klingt. Oder hier eine kleine Schmeichelei oder dort, eine Umarmung, deren zielgesteuerte Hintergründigkeit sich in der Kürze oder dem mangelnden Wahrhaftigkeitsdruck in der Körperberührung selbst äußern kann. Subtile, feinätherische Gefühle, die bei einem Ja oder Nein mit durch den Raum schwingen, als sirrten Bienenschwärme ums Gemüt. Es braucht keine handfesten Ziele, um die Lüge oder ihre vielen kleineren Erscheinungsformen zu benutzen. Allein schon das stille Bedürfnis, von diesem oder jenen Menschen doch bitte gemocht zu werden, kann ausreichen, um das Spiel auf einen nächsten Höhepunkt zu treiben. Es reicht schon, wenn man beispielsweise zum tragisch großen Kreis der ewig zu kurz Gekommenen gehört. Dann ist man anfällig für die Unwahrhaftigkeit, die einfach nur schön klingt, glücklich macht, einen Zauber auf das eigene Herz legt. Auch dann, wenn sie das Bänkelkind der großen alten Hure Heuchelei ist. Geliebt wird sie trotzdem!

Die Wahrheit dagegen kommt oftmals hart daher. Betonwände aus scheinbar unbarmherziger Ehrlichkeit stehen plötzlich unerwartet vor uns. Mit den Stahlträgern beißender Argumente gestützt und versteift. Kein noch so sanfter Ton, kein noch so gut gemeinter Blick, kein noch so ehrliches Bemühen mildert in gewissen Situationen das Motiv jenes vielleicht sogar konstruktiven Bemühens, um eine gemeinsame Übereinkunft der Wirklichkeit, wenn man selbst zum Opfer gebracht wird.

Wahrheit und Lüge sind wie Mann und Frau. Feuer und Wasser. Gott und Teufel. Aber was wären sie denn ohne sich? Was wäre, wenn nichts als die Wahrheit existierte? Würde die Menschheit nicht ihrer einzigartigen Patina beraubt, die sie braucht, um sich in Freiheit immer wieder neu für oder gegen etwas entscheiden zu dürfen? Welch eine plötzliche Gefühlsarmut täte sich auf für einen neuen Schlund höllischer Kälte, die jedes Gefühlsfeuer erlöschen ließ. Und denken wir es umgekehrt. Eine Welt, in der nur die Lüge allein existierte. Ohne Chance auf eine Wahrheit – sei sie objektiver oder subjektiver Art. Einer Welt, in der es keine Option auf eine gemeinsame Interpretation der Dinge gibt. Wo sich alles Erlebte und Erfahrene in Beliebigkeit zerstäubt, als flüchteten selbst noch die Atomkerne in ihrer unendlichen Leere noch voreinander. Und ist es nicht so, dass die Wahrheit die Lüge geradezu bedingt? Eine Wahrheit ohne ein mögliches Gegenteil wäre in ihrer Grundsubstanz allein schon absurd. Sie wäre ja nicht einmal überlebensfähig. Alles, was in der Dualität seine Wirklichkeit entfalten will, ist von der Existenz seines eigenen Gegenteils abhängig, so wie das Leben vom Tod.


Die Spielregeln sind zu verändern


Und nun, Neider?, der du den Lügner verachtest? Der du die Wahrheit so liebst und suchst und dich ihr so dringend verpflichtet fühlst? Was ist mit dir? Übernimmst du dich am Ende vielleicht doch ein wenig in der Welt der Dualität mit deinem eigenen Anspruch auf letzte Wahrheiten? Willst du dich über die Lüge stellen, weil du entsprechend konditioniert bist? Bist du sicher, dass es immer bei der klappt? Oder klappst du einfach die Scheuklappen darüber, wenn du dir hier und dort selbst untreu wirst, weil die permanente Wahrheit in unserer Form von Wirklichkeit auch entsetzlich anstrengend sein kann. du aber dennoch mit unbarmherzig klarem Blick die Fehler deines Gegenübers ortest? Der du noch immer mit Geringschätzung und Ächtung auf die Respektlosigkeit des Lügners schaust, der weiter fröhlich seine Spielchen treibt und es sich wohlergehen lässt im Paradies seiner unendlichen Möglichkeiten allen Seins, aus dem du selbst dich ausgeschlossen hast? Der Frust, der dabei entstehen kann, kann wohl jeder verstehen!

Dreh den Spieß um und beginn dein eigenes Spiel. Nicht mit der Lüge, die dir nicht gemäß ist, sondern das Spiel mit einer erweiterten Sicht der Dinge. Sie bringt nicht nur Trost, sondern ungemein viel Freude, wenn man sie nach den Regeln der Schöpfung zu spielen weiß.

Sich selbst in Sachen Wahrheit zu durchdringen, ist angesagt. Die Frage ist zu stellen, ob man selbst schon den schmalen Grenzgang von der Wahrheitslust zur Wahrheitsfreude gemeistert hat. Oder harrt man noch in einem Stadium von Wahrheit, in dem man selbst immer wieder neu gegen die Glaswand der Wirklichkeit rennt, hinter der es die anderen, die es noch nicht so genau nehmen, ihre furiosen Tänze vollführen. Auch ist das Vakuum zu realisieren, in das man sich vielleicht hineinmanövriert hat, um die richtige Richtung zu finden. Dort zu verharren, wäre unklug. Dieses Vakuum ist auch nur Übergang für den richtigen Weg, der aus dem Frust über die Lügen der Welt hinausführt, in dem er sie zunächst als notwendig gegeben bejahen lernt. Beherrscht man sein eigenes Spiel, wird man von jedem Neid auf die Lügen der Welt erlöst, der sich allzu viele Mitmenschen so schamlos bedienen.

Spiele selbst auch – aber anders, nach eigenen Regeln! Spiele das Spiel der Vielfalt aller Erscheinungen in der Welt der Dualität nicht mit der Sauertöpfigkeit des Pedanten oder etwa der ärgerlichen Mürrischkeit oder lustlosen Unausgeglichenheit all jener Ringenden, die es sich schwer machen, um früher als andere das Gute und Wahre zu erreichen.

Spiele dieses Spiel mit der Frische eines jungen Löwenkindes in dieser endlos weiten Steppe der Wirklichkeit. Begreife, dass in diesem Spiel die Karten des Bösen und Unvollkommenen, des Irrtums oder der Heimtücke ihren Platz auch deshalb haben müssen, damit du selbst dein eigenes Spiel in Freiheit entwickeln kannst. Nur weil das Böse sein darf, kannst du dich zum Guten ohne Frust entscheiden. Auch zur Wahrheit, ohne Neid auf den Lügner und sein Treiben. Atme die frische Morgenlust deiner bisher nicht erprobten Möglichkeiten, mit der Wahrheit wahrhaftig zu spielen, ohne sie dabei zu beschmutzen. Und sollte sie doch ein paar Spritzer vom Dreck des menschlichen Tuns abbekommen: Die Schöpfung hat auch für ausreichend Wasser gesorgt. Für den reinigenden Segen auf den Dschungelwegen des Irrens hin zur unanfechtbaren Klarsicht der Dinge.