Vom Eigenwert

Theorie und Praxis angeblicher Wertegleichheit. Von Christa Schyboll

Alle Menschen sind gleich? Stimmt nicht. Jeder Mensch ist anders. Aber vielleicht vor dem Gesetz? Nein, auf keinen Fall. Das beweisen ständig neue Gerichtsurteile. Vielleicht sind aber alle Menschen gleich wertvoll?

Mag sein. Aber nur für wen? Für die Welt an sich jedenfalls nicht, wie uns jeder neue Tag zeigt. Wertegleichheit unter Menschen ist reine Theorie. Vielleicht auch eine Art Verlangen, das sich wacker hält, damit der Mensch das Bessere weiter erübt.

Denn wären alle Menschen gleich wertvoll und würden dann auch so behandelt, so würden alle gleich viel verdienen, wenn sie sich zumindest gleichermaßen dafür anstrengen. Oder alle würden zum Beispiel von den Ärzten gleich behandelt. Nichts davon entspricht der Wirklichkeit. Es entspricht nur unserer Sehnsucht.

Die Wirklichkeit zeigt uns unbarmherzig auf: Der Wert eines Menschen bemisst sich nach einer Vielzahl von Eigenschaften oder Anlagen. Dazu gehören das Aussehen, der Bildungsstand, die Karriere, der gesellschaftliche Status, die Größe des Eigentums, die Talente, das Benehmen, sogar das Alter und das Geschlecht.

Alles wird in einem bunten Mix je nach Fragestellung zusammen geschmissen und je nach Interessenlage neu taxiert. Für die Babynahrungsindustrie sind Babys mehr wert wie hungrige Vierzigjährige. Ab achtzig aber hat man wieder Chance auf eine Wertsteigerung, wenn der Magen nicht mehr so kann oder die Zähne versagen. Während gleichzeitig aber diese beiden Zielgruppen auf der Leiter der Karriere geradezu altersrassistisch vernachlässigt werden. Der eine bringt‘s noch nicht, der andere nicht mehr. Also unbrauchbar, wertlos für diesen Zweck!

Der Zweck oder das Ziel bestimmt also den real erlebbaren Wert. Da mag das eigene Innere noch so auf Werterfüllung pochen. Die Welt selbst versagt es ihm auf Schritt und Tritt. Und es ist auch nicht nur ein berufliches Phänomen. Auch im rein Privaten ist das Taxieren an der Tagesordnung. Mal geht es z.B. um den Wert der Braut als Ehefrau, die bestimmt Klasse mitzubringen hat. Mal um die Schönheit für eine einzige Nacht, die ebenfalls stimmen soll, wenn man schon dafür zahlt. Mit Werten immerhin. Materiellen in diesem Fall. So vergleichen sich alle täglich neu nach immer wieder neuen Fragestellungen, zu was der jeweilige Wert zu dienen hat.

Es kann anstrengend werden, sich in einer solchen Wertewelt über Jahrzehnte so zu behaupten, dass man seinen Eigenwert noch erkennt. Die, die ihn an den Gesetzen des Marktes oder den Anschauungen der Gesellschaft festmachen, stecken dabei in einem Dauerdilemma. Umso mehr, je mehr das eigene Selbstverständnis und die berufliche Stellung aber zudem auch noch von einer Öffentlichkeit abhängig sind. Hier sind es gleich Abertausende von Mitmenschen, die irgendwie durch ihre Haltung mitentscheiden, wer wert oder unwert ist und für was und warum. Wer in ist oder out. Gründe für beides sind schnell gefunden. Und die Sucht nach Veränderung lässt den Zeiger auf der Skala der menschlichen Werte-Taxierung immer schneller rasen. Die Masse will neue Gesichter mit neuen Werten.

Ausstieg möglich? Ja. Für jeden. Obschon für manche ist es schwerer als für andere. Dennoch ist er möglich, wenn man es selbst für möglich hält. Fängt man es klug an, dann sogar ohne Verlust. Es beginnt damit, dass man das Spiel erst einmal durchschaut und sich dann auf den Weg macht, diesen ständigen Bewertungsirrsinn zu verlassen, in dem man sich den Eigenwert zurück erobert.

— 26. November 2013
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