Widerspruch

Gedanken über das Gegensätzliche und das Gleiche von Christa Schyboll

"Gegensätze ziehen sich an" - "Gleich und gleich gesellt sich gern" - Ja was denn nun? Das eine oder das andere? - Beides stimmt!

Widersprüchliche Sprichwörter, Redensarten oder Regeln scheinen auf den ersten Blick häufig absurd, auf den zweiten Blick nicht selten beliebig "passend gemacht", damit man es für die eigene Situation wohlfeil instrumentalisieren kann. Auf den dritten Blick hin jedoch enthüllen sich dem einen oder anderen Menschen Wahrheiten, die es wert sind, ein wenig überdacht zu werden.

Ziehen sich Gegensätze an, so unterliegen sie dem Gesetz der Anziehung. Hier kann es sich nun um sehr Verschiedenes handeln. So zum Beispiel um eine psychische wie auch physische Kraft handeln, die auf andere Menschen oder Objekte wirkt und zu einer Annäherung führt. Anziehung bedeutet aber auch, dass eine Attraktivität im Spiel sein kann. In der Gravitation wiederum hat man es physikalisch mit einer Massenanziehung zu tun. Und die Kohäsion wirkt in Chemie und Physik zwischen Atomen oder Molekülen eines Stoffes. Es gibt also gleich eine ganze Palette von Gründen, warum sich etwas anziehen kann; seien es Menschen oder materielle Objekte. Dieser Teil des scheinbaren Widerspruchs ist also schnell sinnvoll untermauert.

Gesellen sich aber nun "gleich und gleich gern", hat man es genau nicht mit den Gesetzen der Anziehung zu tun, sondern im Gegenteil mit Gleichem, Gleichartigem oder Ähnlichem, dass gern und aus guten Gründen zueinander findet. Hier geht es nicht mehr um die Ergänzung von polaren Zuständen, die sich ausgleichen wollen. Hier geht es um eine Art "höhere" Gesetzmäßigkeit, die schon von der Freiwilligkeit und Nichtnotwendigkeit durchdrungen ist. Man findet sich zusammen, weil man Übereinstimmungen erkennt, die man als attraktiv empfindet. Man will in solchen Fällen psychisch nicht unbewusst ausgeglichen werden, wie bei der Gegensatzanziehung, sondern will aneinander mit dem Gleichen partizipieren oder will sich im, am und durch den anderen selbst erleben. Bewusst oder unbewusst vielleicht sogar in der Hoffnung, sich gemeinsam durch das innewohnende Gleiche auf eine neue Stufe zu heben. Sei es nun die Stufe eines gemeinsam erlebten Glückes in Hobby, Arbeit, Freizeit oder Sachgebiet oder sei es die Stufe einer einmütigen Bestrebung im Geistigen oder Seelischen. Dort, wo man sich selbst oder die Sache dem anderen nicht mehr erklären oder sie ausgleichen muss, ist Raum geschaffen für weitere Schritte mit demjenigen, der sich auf dem gleichen Level befindet. Das kann die Gedanken ebenso betreffen wie die Gefühle.

Kommt Gleiches zusammen, so findet zumeist eine Verstärkung dieses Gleichen statt durch die doppelte Trägerschaft. Kommt Gegensätzliches zustande, so wiederum kann ein Ausgleich geschehen zwischen den Kräften, die vorher eine gewisse Einseitigkeit aufwiesen.

Beide Varianten erleben wir immer in ungezählten Situationen immer wieder im Leben. Sie können als äußerst ärgerlich, sogar beleidigend oder gefährlich auftreten, wie auch in den süßesten Formen der Harmonie. Hat man den Zugang zu den Hintergründen dieser Gesetzmäßigkeiten, dann ist schnell zu erkennen, um welche der Situationen es sich handelt und was sie von uns „will“. Manchmal geht es um Ergänzung unserer unter Betriebsblindheit stehenden Einseitigkeiten. Manchmal geht es um die nächste Chance einer nächsten Entwicklung. Tritt man blind in solche Situationen herein, verpasst man diese günstigen Momente allzu leicht. Doch sicher ist: Es werden uns neue Situationen geschenkt, unseren Mangel durch Begegnungen mit unseren Gegensätzen auszugleichen und das schon vorhandene Potential durch noch stärkeres zu ersetzen, indem wir die Chance des Gleichen nutzen.

— 03. August 2010
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