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27. März 2016

Macht Google mich dumm?

Eine kritische Selbstbeobachtung von Christa Schyboll

Jeder kennt die weiße Landkarte im Dschungel des eigenen Gehirns, wenn wir nach Antworten suchen, die so naheliegend scheinen. Eigentlich sollten dort Informationen zu finden sein, die jedoch im endlosen Horizont der leeren Fläche verschwinden. Was alles wurde an Nichtsnutzigem abgespeichert und wird von uns erinnert, während sich wichtige Informationen unserem Gedächtnis entziehen?

Was Google alles kann ist müßig, hier alles aufzuzählen. Es kann jedenfalls viel mehr als das, was wir in aller Regel nutzen. Vor allem ist es ein Lieferant. Nicht nur an uns, sondern auch über uns. Das geht nur, indem wir großzügig schenken: Informationen über uns, Spuren unseres Lebens, unserer Bedürfnisse, unserer Wunschäußerungen, neugierige Blicke hierhin und dorthin. Google und die Vernetzung mit den sozialen Medien, denen wir täglich frei- und hingabewillig stundenlang und kostenlos "zu Diensten" sind, sorgen dafür, dass sie als Lieferanten für andere (Wirtschaft, Politik) von uns beliefert werden.

Joint Venture? Vielleicht… in manchen Fällen. Klar sind dabei die Vorteile für alle Nutzer, egal auf welcher Seite der Lieferanten man steht. Das Geben und Nehmen ist gigantisch von der Masse her…

Doch was ist mit der Qualität? Hier wird die Sache schwierig. Einerseits steht uns eine ungeheure Flut zur Verfügung, die wir niemals auch nur zu Bruchteilen nutzen können. Andererseits ist das, was wir aber nutzen können, zweifach zu betrachten. Einerseits gibt es fantastische Möglichkeiten, auf die wohl kaum jemand mehr verzichten mag, zumal wenn er Wissen liebt, Recherchieren muss oder möchte und sich weiterbilden oder informieren will… sei es beruflich oder privat.

Demgegenüber steht auch das Unübersichtliche, das Falsche, das man als solches aber oft nicht erkennt. Oder das Halbgare und Halbwahre, was oft noch schlechter deshalb zu erkennen ist, weil ja ein Teil der Wahrheit dabei offensichtlich und man den Rest in guter allgemeiner Gewohnheit dann ebenfalls für wahr nimmt. Die Massen an Informationen oder auch die Widersprüche in denselben sind aber nicht mehr zu verarbeiten. Das bringt neue Probleme mit sich, wenn man dann zugleich auch in reifer Form urteilsfähig sein will. Zudem: Wer kann als Laie schon den Fachleuten widersprechen, die sich selbst gegenseitig heftig widersprechen. Und wie sehr sich Fachleute in vielen Fachgebieten widersprechen, weiß man doch erst so genau, seitdem man Zugang zu den Widersprüchen in allen Disziplinen auch nun als Laie hat.


Leben im Stadium einer latenten Verdummung?


Das alles ist ganz schön verwirrend. Da muss selbst ein kluger Geist sokratisch eingestehen: Ich weiß zwar, dass ich nichts weiß… aber nicht einmal das weiß ich wirklich, weil ich zugleich ja heute auch so viel wissen kann.

Und dann die Sache mit der Erinnerung. Seitdem ich sehr viel im Internet arbeite und ständig mit der Verarbeitung massenhaft vieler Informationen beschäftigt bin, hat sich meine Erinnerungskraft geschwächt… so glaube ich zu bemerken. Namen, Begriffe, Zahlen fehlen mir oft beim schnellen Arbeiten. Oder ist das vielmehr eine Frage des Alters und hat nichts mit dem Internet, Wikipedia, Google und Co. zu tun? Ganz sicher bin ich mir nicht…. Aber es kommt mir so vor, als würde mein Geist weniger dauerhaft aufnehmen und behalten können als früher. Das schnelle und präzise Denken an sich hat dabei – nach kritischer Selbstbeobachtung – keinen Schaden genommen, wohl aber die Merkfähigkeit. Aber das ist ja auch kein Wunder. Ich google eben wesentlich schneller in der Maschine als in meinem komplizierten Hirn. 0,6 Sekunden und schon spuckt mir die Suchmaschinen Tausende von Möglichkeiten aus… Da kann ich nicht mithalten und trainiere es offenbar auch zu wenig.

Natürlich weiß ich, dass in meinem Kopf verschiedene Zentren mit der Speicherung von Informationen beteiligt sind. In leisen Minuten vermute in mir mittlerweile einen Spion, der so komplex kodiert, dass ich nicht mehr so schnell wie früher an diese Informationen herankomme. Hat Google den heimlich implantiert? Hat Google mich abhängig gemacht? Bin ich ein Informations-Junkie?

Mein Arbeitsgedächtnis im präfrontalen Kortex arbeitet eigentlich noch recht gut und löst kognitive Aufgaben schnell. Es fordert von mir viel an Aufmerksamkeit und Konzentration, die ich ihm gerne schenke.

Mein Problem liegt wohl mehr im Hippocampus. Das ist eine kleine Region im ältesten Teil unseres Gehirns. Hier spielt die Gedächtnisbildung die entscheidende Rolle. Ich fürchte manchmal, dieser Teil ist einer Art Schrumpfung ausgesetzt, seitdem ich meine Erinnerung an Google und Co. abgegeben habe.


Strom, unser Über-Lebensmittel


Was aber, wenn ein terroristischer Anschlag auf das europäische Stromnetz gelingt? Dass all dies nicht ausgeschlossen werden kann, ist so ziemlich sicher, wenn man den Terrorismusexperten in den Medien genau zuhört. Denn Strom, und damit auch Information, ist die moderne Lebensader der Menschheit geworden, die sofort hinter Luft, Wasser und Nahrungsmittelversorgung kommt. Wer den Strom beherrscht, hat die Menschen in "Geiselhaft"… friedlich wie terroristisch.

Sollte dieser Gau eintreten stellt sich die Frage: Werde ich dann noch wissen, wie ich heiße? Dann kann ich mich nicht einmal selbst mehr googlen. Wer soll mir dann erzählen, was ich alles schon mal wusste? Das ist natürlich nur die private, unbedeutende Seite der Sache. Die Wirklichkeit für die Menschheit ist auf einen Schlag dann lebensgefährlich geworden, weil keine Tanksäule, keine Kasse, keine automatischen Türen mehr funktionieren werden mit all den tausenden Aktionen, die für das tägliche Überleben damit einher gehen.

Doch zurück zum Persönlichen: Werde ich dann zu einer Tabula rasa? Oder werde ich zu einer weißen Landkarte im eigenen Dschungel meines komplexen Gehirns, das die Kraft der Erinnerung mehr und mehr verloren hat? Und das alles, obschon ich doch so fleißig lebenslang bemüht war, massenhaft Informationen sauber zu verarbeiten?

Vielleicht, so tröste ich mich heute, bleibt mir dann zwar kein opulentes Informationswissen als Erbe, aber vielleicht ja ein kleines Stück Weisheit übrig. Weisheit ist gewiss nicht in erster Linie im Frontallappen beheimatet, sondern sie hat ihren Sitz in meinem Herzen. Damit kann man dann zwar keine Computer bedienen, wohl aber zwischenmenschlich human leben. Und ist dies am Ende nicht noch viel wichtiger?

Diesem Gedanken will ich denn jetzt auch mein Vertrauen in dieser Welt der rasanten Informationsfluten schenken, die sich wie mächtige Lawinen über kleine Menschenhirne wälzen… aber das Herz dabei ja nicht zwangsläufig ebenfalls Dachschaden erleiden muss.