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13. November 2013

Glaube oder Wissen

Der Zweifel als heftige Zerrung im Gemüt vieler Menschen. Von Christa Schyboll

Blinder Glaube hier - empirisches Wissen dort. Kann eine ganzheitliche Denkweise den Zweifel ebenso integrieren wie den Zwiespalt zwischen diesen Polen? Oder führt alles am eine zu einer trockenen Ernüchterung, wenn Glaube und Wissen feindliche Brüder bleiben?

Wer glaubt, weiß nicht. So oder so ähnlich weiß es der Volksmund wohl schon seit Jahrtausenden. Halt! Ruft da eine Stimme. Mein Glaube ist inneres Wissen! Also weiß ich sehr genau, was ich da glaube! Aber auf einer Ebene, die mir leider nur alleine zugänglich ist. Dieser fehlende Nachweis als objektives Wissen liegt ja nicht an mir oder etwa an der Wahrheit an sich, sondern allein an unserer begrenzten Dimension. Sie nötigt mich, den fragwürdigen Begriff des Glaubens auch dort zu verwenden, wo ich mir selbst eine innere Sicherheit erworben habe, weil ich mich vorher tapfer durch den Zweifel quälte! Ich weiß, obschon ich nicht weiß!?

Der bearbeitete Zweifel als Alibi für Inneres Wissen, das eine rein subjektive Erfahrung ist? Hätten wir damit also die Trinität von (bloßem)Glaube - Innerem Wissen (geprüftem Glauben) und – (faktisches, empirisches) Wissen, um allem Zweifeln ein Ende zu setzen?

Gegenprobe: Ist es denn nicht so, dass sich das offiziell anerkannte Wissen von Wissenschaftlern nicht schon ungezählt oft als falsch oder halb wahr oder doch sehr relativ in späteren Zeiten herausgestellt hat? Und müsste dieses ehemals behauptete und anerkannte Wissen im Nachhinein dann nicht als falscher Glaube gesehen werden? Wie oft schon mussten sich die Wissenschaftler aller Zeiten immer wieder neu korrigieren und ihr behauptetes Wissen zur Makulatur erklären, was an sich ja auch ein natürlicher Vorgang ist, da sich Wissen ständig erweitert durch neue Erkenntnis. Ist also Wissen und Glauben überhaupt ein echtes Gegensatzpaar angesichts der komplexen und unbekannten Wirklichkeit, die uns ständig mal das eine, mal das andere als Ergebnis beschert? Und ist nicht jede dieser Bescherungen letztlich nur wieder vorübergehend gültig, weil später wieder ganz neue Erkenntnisse kommen, weil sowohl die Glaubens- wie die Wissensinhalte eines Besseren belehrt werden?

Die Erkenntnistheorie, die es ganz genau damit nimmt, verkauft uns das Wissen als wahre und gerechtfertigte Meinung aufgrund von Fakten, Theorien und Regeln, das sich durch den größtmöglichen Grad an Gewissheit auszeichnet, weshalb er als Wahrheit anerkannt wird. Größtmöglich! Daraus ergibt sich aber, dass behauptetes Wissen auch dennoch falsch sein kann. Und das ist ja auch immer wieder neu unser Erleben, wenn wir unsere Erinnerungen an gewisse Fehlleistungen bemühen. Wer sich also allein an das jeweils aktuelle Wissen als einzige Wahrheit klammert, GLAUBT letztlich an Wissen. Sein Glaube an Wissen schützt ihn jedoch nicht davor, dass Fakten dennoch in vielen Fällen eben unvollständig waren oder auch zukünftig sind, weil man sie nur begrenzt zur Verfügung hat. Oder weil gewisse Theorien der Praxis nicht standhielten. Oder Regeln durchaus gebrochen werden können, wenn man die Chaostheorie hinzuzieht.


Das Subjektive - ein Stiefkind der Wissenschaft


Man sollte sich klarmachen, dass das Wissen letztlich auch ein Glaube an die Wirklichkeit des Wissens ist und kein Wissen an sich. Der Glaube hat den Vorteil gegenüber dem Wissen, dass er in der Regel ein wenig bescheidener daher kommt, weil man ihn von vornherein als subjektiv klassifiziert und man über das Subjektive nicht streiten kann. Aber die Objektivität, die das Wissen kennzeichnet ist eben auch nur relativ und an den Wissenschaftsglauben insofern gebunden, als man darauf vertrauen muss, dass auch immer die richtigen Fragen zu einem Wissensgebiet gestellt werden, weil das Ergebnis ja immer der Fragestellung folgt. Oder es folgt technischen Messwerten, die scheinbar objektiv sind, was aber auch nicht stimmt, wie uns die Quantenphysik nachweist. Denn der Beobachter beeinflusst den beobachteten Vorgang durch seine Beobachtung. Und er selbst wird rückkoppelnd ebenfalls beeinflusst. Es hängt also alles mit allem zusammen. Auch Glaube und Wissen.

Man ist also klug beraten, dem Wissen nicht nur blind zu glauben und den eigenen Glauben nicht nur als Wissen zu behaupten, sondern einzugestehen, dass diese beiden vielleicht ein und dasselbe sind auf einem Zeitpfeil, der zeitweise den Glauben, zeitweise das Wissen auf seinem Weg präferiert ohne das andere deswegen zu verneinen. Es kommt immer auf den Stand des Durchschauens an, ab wann ein Glaube zum Wissen wird und wann wiederum sich das Wissen relativiert und man gezwungen ist, es wider zum Glauben zu stempeln. Das alles im Lichte immer neuer Erkenntnisse durch erweiterte Erfahrungen mit beidem.

Deshalb stellt sich die Frage: Kann man sich denn überhaupt in Sachen Glaube und Wissen sicher sein?! Ich meine: Nein. Und das ist auszuhalten. Man kann oder muss sich immer wieder neu entscheiden, was und wem man aufgrund welcher Tatsachen oder Prägungen in welchem Zustand wann vertraut. Je kritischer man herangeht, umso gründlicher muss die Vertrauensprüfung nach beiden Seiten ausfallen. Und was dann als Ergebnis herauskommt ist oft ein Mix aus allem – der sich auch im Übrigen nach dem eigenen, meist doch sehr begrenzten, Wissensstand bemisst und auch der eigenen Haltung zum Thema Glauben, das man durchaus in Zweifel ziehen soll, um es besser kennen zu lernen.

Blinder Glaube, der nichts hinterfragt, der nicht einmal an den Rand des Zweifels gelangt, dürfte genauso zur Ernüchterung führen wie das blinde Vertrauen in ein behauptetes empirisches Wissen, dass sich auch immer wieder korrigieren muss, weil man mit neuen, ganzheitlichen Denkweisen zu ganz anderen Fragestellungen kommt und erkennt, dass die früheren Annahmen über das Wissen letztlich auch nur begrenzte Glaubenssätze waren, auf die man mangels besseren Wissens eben vertraute.

Ich jedenfalls glaube an mein Wissen und weiß um meinen Glauben und bleibe für Veränderungen in beiden Richtungen offen, solange sie mich wirklich überzeugen können. Und sei es nur vorübergehend.