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Carmen Sylva: Geflüsterte Worte

Geduld

Wenn du von der Geduld sprichst, liebe Seele, dann bist du immer schon ungeduldig. Denn, so lange deine Geduld reicht, denkst du garnicht, daß du geduldig bist, oder, daß du überhaupt der Geduld bedarfst. Erst, wenn sie am Ende ist, dann fängst du davon zu reden an, als ob dir das wieder dazu verhelfen könnte. Du meinst, du bist es immer noch, aber was du vorher leicht getragen, ist plötzlich vor deinen Augen und auf deinen Schultern eine unerträgliche Last, und du begreifst in deinem Innern schon kaum mehr, wie du es so lange ausgehalten hast. Du findest dich selbst geduldig, gerade dann, wenn du aufgehört hast, es zu sein, und möchtest von andern dafür Anerkennung, ja sogar Bewunderung ernten, obgleich das schon nicht mehr da ist, wofür du bewundert sein möchtest.

Die Geduld; die man fühlt, ist keine Geduld mehr, und die Geduld, die man nicht fühlt, trägt einen ganz anderen Namen. Das ist einfach Liebhaben. Wenn man ganz lieb hat, dann braucht man keine Geduld, denn dann findet man selbstverständlich, was sonst unerträglich wäre, und was unerträglich wird, in der Stunde, wo die Liebe aus irgend einem Grunde nachläßt.

Am deutlichsten sieht man das in der Ehe, diesem sonderbaren menschlichen Verhältnis, das so wenig Bestand und Festigkeit in sich hat, daß man es hat mit hundert Ketten heiligen und stark machen wollen, und das eben doch ein lockeres Band bleibt, wenn es nicht im Himmel geschlossen und angekettet ist.

Sobald in der Ehe der Gedanke an Geduld auftaucht, ist sie eigentlich schon keine Ehe mehr, denn die Liebe ist fort, auf der dieses Verhältnis sich allein aufbauen und erhalten kann. Geduld heißt, daß kein Verständnis da ist. Denn, was man ganz tief versteht, das bedarf keiner Geduld, das ist selbstverständlich, natürlich, einfach klar. Nur, was man nicht versteht, daran schleppt und zerrt man sein ganzes Leben und macht doch nie etwas Ganzes daraus. Geduld ist das traurige Versteckenwollen, daß man nicht glücklich ist und sich garnicht versteht. Geduld ist das gegenseitige Übereinkommen, trotz alledem in Frieden zu leben, obgleich nichts gemeinschaftlich ist zwischen den Eheleuten. Da bleibt schließlich nichts anderes übrig als die Geduld. Denn alles, was der andere tut und sagt, ist schon unangenehm und macht keine Freude, selbst wenn es gut ist. Und der Liebe erschienen die Fehler wie Eigenschaften.

Der Liebe ist jede kleine Schwäche und Eigentümlichkeit lieb. Der Liebe ist jedes Opfer willkommen, da es garnicht als solches empfunden wird. Da, wo die Geduld anfängt, ist schon alles verfehlt, und das Leben eine traurige Komödie. Es ist vor der Welt anständig so, und gewiß noch ein Vorteil, sie nicht in das Elend einer verfehlten Ehe hineinblicken zu lassen. Aber beide zerren an einer Kette, die sie bei jedem Schritte ins Fleisch schneidet, wenn sie nicht Schritt halten, wie die Galeerensklaven. Nun schreiten die Menschen zur Lösung dieses Verhältnisses eher, als zu manchen andern, weil es durch seine Intimität schneller unerträglich wird. Man weiß nicht, ob es ein Gewinn ist. Ist es für die Kinder besser, wenn sie den Unfrieden nicht mehr sehen? Dann sollten aber beide darauf verzichten, eine neue Ehe einzugehen. Bei manchen Völkern ist das ja auch Gesetz, in anderen hat man dieses nicht durchführen können, und eigentlich ist es im Gefühl der Menschen, daß man lieber aushalten als sich scheiden sollte, außer in den Fällen, wo die Gesundheit einer ganzen Familie und vielleicht mehrerer Generationen auf dem Spiele steht.

Die Frage ist wohl die schwierigste und zarteste, die es gibt, und wird nie gelöst werden außer durch einen viel höheren Standpunkt, auf welchem beide Eheleute einmal stehen werden. Wenn sie zur Einsicht gelangen, daß sie sich geirrt haben und eigentlich nicht zusammen gehört hätten, dann sollten sie sich fragen, zu welchem Zweck sie es haben tun, und sich scheinbar irren müssen, zu welchem Dienste für die Menschheit sie wohl berufen waren, und welchem Kinde sie haben das Leben schenken sollen. Denn die Ehe hat in sich den einzigen Zweck, Kinder zu zeugen und zu schützen, bis sie sich selbst beschützen können. Nun entsteht aber die Schwierigkeit, daß die so gezeugten Kinder in ihrem Charakter alle Mühe haben, die beiden zu ungleichen Naturen der Eltern in Einklang zu bringen, sodaß es ein sehr zweifelhaftes Glück ist, das man ihnen auf ihren Lebensweg mitgibt. Vielleicht aber sind die Kinder so verschieden gearteter Eltern gerade dazu bestimmt, etwas ganz Besonderes zu sein, und Besonderes zu leisten für die Menschheit. Es gibt Kinder der Liebe, die nicht so wunderbar begabt sind und schön ausfallen, wie man es gewöhnlich sagt, und es gibt Kinder der Pflicht, die hochbegabt sind, und von vornherein sehr viel selbstloser als diejenigen, die in dem großen Egoismus zu Zweien, den man im gewöhnlichen Leben Liebe nennt, gezeugt worden sind. In der Ehe sollte man ebensowenig an sich denken, wie in allen anderen Dingen, und hier fühlen die meisten Menschen ein Recht, nur an sich zu denken, und tun an der Menschheit ein großes Unrecht, denn sie sind nur dazu da, um der Menschheit vollkommenere, reinere, edlere Wesen zu schenken, als sie es vielleicht selber sind. Würde man die Ehe von vornherein als ein heiliges Opfer ansehen, als eine vollkommene Selbstentäußerung, so würde man vielleicht weiter kommen, nicht glücklicher sein, das ist eine andere Frage. Denn es ist eine Frage überhaupt, ob man auf der Erde ist, um glücklich zu sein. Und wenn man der Menschen Schicksale und der unschuldigen Tiere Leiden sieht, so ist das irdische Glück mehr als zweifelhaft, und die Bestimmung der Erde erscheint in einem ganz anderen Lichte.

Die Ehe trägt in jedem Volke das Gepräge, dessen dieses Volk bedarf. Darum lassen sich auch keine Gesetze und Vorschriften machen, sondern es wäre allein Sache der einzelnen Menschen, sich hierin, wie in allen Stücken zu veredeln und zu vervollkommnen. Grade in der Ehe spielt der Körper unerhörte Streiche und macht das Edlerwerden so sehr viel schwieriger. Es gäbe gar keine Frauenfrage, wenn die Ehe anders gehandhabt worden wäre. Die Männer haben Mägde haben wollen, die Frauen Helden, und die Männer waren nicht zu Helden geschaffen, und die Frauen konnten den Druck nicht mehr ertragen, unter welchem die Männer sie zu halten suchten.

Da kommen alle die traurigen Dinge der Erde: Eifersucht. Mißtrauen, Vergewaltigung, Selbstsucht und allerhand unbeschreibliche Unarten ins Spiel. Denn in der Ehe bilden die Menschen sich ein, sich vollkommen gehen lassen zu dürfen, und denken nicht, daß, sobald sie sich gehen lassen, alle ihre Fehler riesengroß werden und ihre Eigenschaften unbedeutend klein. Gerade in der Ehe sollte man sich niemals gehen lassen, sondern sich vollkommen in der Gewalt haben. Ein unzeitiges Gähnen kann ein ganzes Drama zur Folge haben. Denn es bekundet eine Gleichgültigkeit und Abspannung vielleicht in einem Augenblicke, der dem andern höchst wichtig erschien zu einer seelischen Mitteilung. Dann kommt hinzu, daß beide Eheleute anderwärts beschäftigt sind und sich müde wieder finden, sodaß die Müdigkeit allein schon genügt, um sie reizbarer und gleichgültiger zu machen, anstatt daß jede Begegnung und Vereinigung ein kleines Freudenfest sein sollte. Da kommt die Geduld sehr zu statten. Denn die Liebe ist selten so groß und so stark, wie sie in den Büchern steht, oder, wie die Menschen sich selbst einbilden möchten, daß sie es ist. Die Geduld reicht weiter, weil sie überlegt und gewollt ist. Das kleine Unwohlsein, das man sorgfältig vor den Fremden verborgen hatte, in der stillen Zweisamkeit des häuslichen Herdes bricht es los, wenn man mit ein klein wenig Selbstüberwindung nicht so gar sehr zu klagen brauchte, sondern dem andern seine Ruhestunde nicht verderben sollte, indem es sich ängstigen muß. Es gibt Beispiele von wahrer Himmelsgeduld, da wo einer der Eheleute nicht normal ist, und der andre das sein Lebelang ohne Murren und Klagen trägt Das Klagen einer über den andern ist schon ein Fehler, denn wenn andere darauf eingeben und in dasselbe Horn blasen, so wird es übel empfunden und sofort widersprochen.

Man sollte nie über seine Ehe klagen, in keinem Falle und unter keinen Umständen. Man sollte sie tragen können, wenn man die rechte Selbstüberwindung und Geduld hätte. Es bleibt im besten Falle ein Verhältnis, das nur mit äußerster Zartheit gesund bleiben kann, und nur mit größter Aufopferung zu einem guten Ziele führt.

Im Dienste der Menschheit! das sollte vor jedem Traualtar der erste Gedanke sein, statt zu denken, wie glücklich man beiderseitig werden kann. Das Glück oder Unglück liegt so selten in unserer Hand, da wir unser Schicksal meist nicht einmal ahnen können, weder unsern Körper noch unsere Seele kennen, geschweige denn die des anderen, und es wohl schwer ist in den ersten vierundzwanzig Stunden zu entdecken, daß man sich geirrt hat. Diese Entdeckung ist nun auch zuweilen irrtümlich, und es wird besser mit der Zeit. Da müßte wieder beiderseitige Geduld eintreten, bis die Liebe groß genug gezogen ist, wie ein junger Tannenbaum, der im Schatten der Geduld wächst, bis er Sturm und Sonnenschein ertragen kann.

Die Frauenfrage und ihre übertriebene Lösung hat vielleicht das Gute, daß die jungen Mädchen selbständiger in die Ehe treten, und dadurch dem Manne nicht so kindisch erscheinen, sondern sofort Gefährtinnen werden können, ohne die schwere Schule durchzumachen, die in der Ehe gemacht werden muß, wenn sie nicht vorher absolviert ist. Man darf immer noch denken: »Er, der Herrlichste von allen!« Vorausgesetzt, daß der Mann dasselbe denkt, und seine Frau auch als die Herrlichste und Verehrungswürdigste erkennt. Gegenseitige Hochachtung ist mehr wert als Liebe, gegenseitige Höflichkeit ist sehr notwendig, Grazie und Lieblichkeit, die durch alle Alter sich bewahren läßt, statt des widerwärtigen Sichgehenlassens, das unter keinen Umständen graziös und anziehend ist. Manche Ehe scheitert an der erdrückenden Sorgenlast, manche an der Langeweile, manche an irgend einem ganz unbedeutenden Fehler, der dem andern unerträglich erscheint, und von dem er sich einbildet, daß er ganz leicht zu bekämpfen wäre. Und in der Familie wurde dieser Fehler vielleicht gerade als Eigenschaft geschätzt, und mit Befremden entdeckt man, daß diese Eigenschaft in andern Kreisen mißfällt. Man ist sich ja so unglaublich fremd, so vollkommen unbekannt mit allen seinen Traditionen, allen seinen Gewohnheiten, allen seinen heiligsten Gedanken und Gebräuchen. Der eine hat noch nie den Tod gesehen, der andere ist an Krankenbetten groß geworden und hat schon viele Lieben beweint. Das macht ein Verstehen schon überaus schwer. Der eine kommt aus einer Gegend, wo viel Scherz und Heiterkeit zu Hause ist, der andere hat gar keinen Sinn für Humor. Dem einen erscheint es fromm in die Kirche zu gehen, der andere hat den Wald lieber oder sein eigenes Zimmer und findet in seiner Arbeit die größte Andacht.

Von den tiefen Meinungsverschiedenheiten in der Kindererziehung garnicht zu reden. Da kann man nur Geduld und wieder Geduld entgegensetzen, und man wird als Sieger aus der schwersten aller Aufgaben hervorgehen, und gegenseitig wachsen durch die fortwährende Selbstentäußerung.

In der Arbeit ist es fast von selbst, daß man geduldig ist, vorausgesetzt, daß man sich in seinem Berufe nicht geirrt hat, und das tut, was einem lieb und sympathisch ist. Im falsch erwählten Berufe gibt es wohl kaum eine Geduld, die groß genug ist, um über die tägliche Tortur hinwegzuhelfen.

Das ist fast noch trauriger als eine verfehlte Ehe. Denn hier gibt es keine Erlösung und kein Ende als den Tod. Leider wählen viele ihren Beruf nach dessen Einträglichkeit, und nicht nach dem, wie es im Märchen heißt: »Was ist dein Beruf? Dein Beruf ist, was dich ruft!« Manchen tönt aber kein Ruf, manchen ist alles gleichgültig, oder sie haben gewähnt, einen Ruf zu hören. Und das war Schein und Trug, und nun rufen sie täglich die heilige Geduld an, ihnen aus der Not zu helfen, aber diese Heilige hilft nie heraus, sie hilft, sich noch tiefer hineinfahren, noch sicherer anketten, noch unendlicher verwickeln, aber zur Freiheit hat diese Heilige noch nie geholfen. Nur in einem Falle kann man sie nicht genug anrufen, das ist, wenn man zu einer Einsicht gelangt ist und kann seine Nebenmenschen nicht von ihrer Notwendigkeit überzeugen. Da muß die heilige Geduld helfen, daß man Jahre und Jahre verstreichen lassen kann, bis die andern dieselbe Einsicht erreicht haben und zum Handeln sich entschließen. Denn, was man erzwingen will, hat keinen Bestand und kein Leben, nur Einsicht und Erkenntnis kann man da abwarten und herbeiflehen, wenn man auch noch so klar sieht, wie gut das wäre, was einem vor Augen steht. Ja, da ist die Geduld wirklich eine Hilfe. Bei lieber Arbeit braucht man sie garnicht, denn da hilft die Leidenschaft, die Freude, das sichere Werdensehen einer Sache, die man vollkommen in seiner Gewalt hat; Geduld braucht man da nie. Liebe Arbeit ist vielleicht die heilige Geduld in Person, die einem da zur Seite steht und hinweg hilft über alles Ungemach der Erde.

Liebe Arbeit ist der größte Segen, den Gott den armen Menschenkindern beschert hat, und in ihrer blinden Torheit wähnten sie, das sei eine Verurteilung, ein Leiden, eine Strafe. Nein, das war noch nie eine Strafe, sondern die größte Wohltat, die uns werden konnte. Liebe Arbeit, zu der wir begabt sind, macht alles erträglich, sogar eine schlechte Ehe. Liebe Arbeit hilft über Kummer und Sorgen hinweg, als wüßte sie, daß sie unsere einzige Trösterin ist, als verstünde sie unsere Not und nähme uns einen Teil davon ab, auf ihre starken, freien Schultern. Liebe Arbeit ist eine Freundin, die nie verrät, die ihre fleißigen Hände unermüdlich in Bewegung setzt, um immer Besseres zu Tage zu fördern, und mit Fortschritten niemals aufzuhören. Geduld ist nur da von nöten, wo keine Hoffnung ist.

Geduld erinnert stets an die armen Tiere, die im Joch gehen und ohne Gegenwehr alles erdulden, was ihnen an übermäßiger Arbeit und steter Mißhandlung zu teil wird. Ach! Sie haben einen rührenden Ausdruck von Hoffnungslosigkeit, der jedem in die Seele schneidet, der in ihre tiefen stillen Augen blickt. Da steht das Wort Geduld in goldenen Buchstaben, so groß, daß man manchmal wünschte, es stünde Empörung und Gerechtigkeit darin. Aber nie kommt ein Aufblitzen des Unmuts, des Zorns, der Verzweiflung. Denn Verzweiflung ist weiter nichts als Ungeduld.

Selbstmord ist Ungeduld. Denn wäre man geduldig, so würde man dem unerträglichsten nicht ein Ende machen wollen, weil man bei ruhigem Nachdenken garnicht so gewiß weiß, ob der Tod das Ende ist, oder der Anfang von viel größerem Ungemach, das vielleicht gar kein Ende hat, oder ein viel späteres als das Erdendasein, das im Ganzen doch beschränkt ist, wie endlos lang es auch scheinen mag.

Einigen Menschen ist das Erdenleben sehr lang, weil es wenig Freude und gar keine Ruhe gebracht hat, und weil die Geduld beständig droht zu versiegen. Es ist als wäre man nur mit einem gewissen Grad von Geduld ausgerüstet, und wenn das verbraucht ist, so ist eben nichts mehr da und man hat gar nichts mehr, worauf man zurückgreifen kann.

Das Tier, das noch irgend eine Freude hat, der Hengst, der Stier, sind nicht geduldig, nur die armen Wesen, die der Mensch jeglicher Lust beraubt hat, um sie noch sicherer dienstbar zu machen. Vielleicht ist der hohe Grad von Geduld, den manche Menschen entwickeln, auch nur ein Zeichen, daß sie auf jede Freude, jeden Trost, jede Erhebung, jede Genugtuung verzichtet haben. Wenn jeder Funke erloschen ist, dann ist es leichter geduldig sein, aber das kann man dann beinahe nicht mehr Geduld nennen, da es nur ein Aufhören des persönlichen Seins ist, ein Sichweggeben, ein Verzichten auf sich selbst und auf alles, was uns das Leben lieb und wert gemacht hat. Es gibt darum vielleicht keinen trostloseren Anblick als vollkommene Geduld. Für den, der Augen hat, liegt darin eine viel größere Verzweiflung, als in den wildesten Klagen und dem theatralischsten Haareraufen, für manchen bleibt als einzige Tat die Geduld übrig, wenn er zum Tun nicht mehr die Kraft hat, ja als Wohltat für seine ganze Umgebung, seine Geduld zeigt die höchste Seelenstärke und ist das Resultat unaufhörlicher Selbstüberwindung. Hier ist die Geduld Dankbarkeit und Liebe und Verstehen, daß Pflegen große Aufopferung bedeutet, und daß man dieselbe schätzt und anerkennt. Geduld da, wo keine andere Kraftäußerung möglich ist, zeigt höchste Seelenstärke.

Dem Kranken bleibt nichts auf der Erde zu leisten, als Geduld zu üben, und er unterschätze nicht diese Arbeit, da sie oft überwältigend groß ist. Die Geduld, die der Kranke übt, macht seine Lagerstatt zu einer Kirche, und beglückt alle, die ihm nahen. Sie macht jede Handreichung zu einer Freude. Der Kranke kann eben nichts mehr leisten für die Menschen, als ihnen diese heroische Geduld zu Füßen legen, ihnen damit seine Liebe und Dankbarkeit beweisen, und sie manchmal beschämen, wenn sie zu Liebe und Dankbarkeit keine Veranlassung gegeben haben. Vor sich selbst steht der Kranke anders da, wenn er geduldig ist. Die langen, einsamen Leidensstunden, die nichts verkürzt, können ihm selbst zu den heiligsten Stunden seines Lebens werden, wenn er vor sich selbst heldenhaft geduldig dastehen kann. Hat er aber die Nacht mit hilflosem Jammern zugebracht, so hat er am Morgen nichts gewonnen und steht vor sich selbst schwächer und weniger ehrwürdig da. Krankheit und Schmerzen des Leibes sind so schwer zu ertragen, daß man nicht zu klagen braucht, um den andern Menschen begreiflich zu machen, wie schwer es ist. Das kann fast jedermann verstehen, mit wenigen Ausnahmen. Und diese Ausnahmen sind im höchsten Grade beneidenswert, denn sie haben gewöhnlich noch nie einen Tag des leichtesten Unwohlseins gekannt.

Krankheit ist einer unserer schlimmsten Feinde, gegen den wir mit aller Macht zu Felde ziehen müssen. Man denke aber nicht, daß in diesem Falle die Geduld die Kraft vermindert. Im Gegenteil, sie ist die allerbeste Waffe und besiegt den Feind weit sicherer, als alles Sichwehrenwollen. Krankheit ist eine der ganz schweren Prüfungen, und wer diese heldenmütig besteht, der hat einen großen Schritt zur Vollkommnung getan. Es ist auch schwer, wenn die andern vergessen, welche fortwährende Entsagung man üben muß, wieviel Freuden man von der Ferne sieht, die nie erreichbar sind, und vielleicht desto verlockender erscheinen. Aber der Kranke sage sich, daß jede freundlich getragene Entsagung eine Stählung des Charakters ist, der anders sich verweichlichen würde, oder der von den liebenden Pflegern zu sehr verwöhnt würde, weil sie alles tun möchten, das Leiden leichter zu machen. Mit Kranken Geduld haben, ist auch nicht jedermanns Sache. Manchen wird es überaus schwer, und werden sie ungerecht, weil ihre eigene Müdigkeit ihnen Streiche spielt und sie ungeduldig macht. Darum wird es denen leichter, die vollkommen gleichgültig sind, die das Krankenpflegen als Beruf erwählt haben, und deren Herz dabei weniger beteiligt ist. Für sie ist's nicht schwer, geduldig sein, da sie den Kranken früher nicht gekannt haben, also garnicht bemerken, wie sehr er sich verändert hat, wieviel schwerer er zu ertragen ist, und wie oft er seine Lieben befremdet. Die Krankenpflegerin von Beruf braucht weniger Geduld, weil es eben oft eine Leidenschaft bei ihr ist, zu pflegen, und da ist ihr keine Last zu groß. Diejenige, die es ungern tut, sollte es nie unternehmen, denn sie wird es nie gut machen und nie den Kranken eine wirkliche Hilfe und ein Trost sein können.

Geduld ist immer Kraft, auch da, wo sie vollkommen unbewußt bleibt, und nicht als Heldentum empfunden wird. Eine Tat wird sie nur da, wo sie Kampf und Überwindung kostet, täglichen Kampf und tägliche Überwindung. Man irre sich aber nicht. Die andern empfinden sehr wohl, ob man geduldig ist, oder ob man freudig das tut, was man auf sich genommen hat. Darum reizt die Geduld manchmal da, wo sie rühren sollte, denn da erscheint sie wie ein fortwährender Vorwurf, denen, die sie nötig machen und hervorrufen. Nur da, wo sie mit vollkommener Selbstverleugnung geübt wird, wird sie den andern zur Wohltat und Erbauung. Man täusche sich nicht. Die Nebenmenschen empfinden die Wahrheit in uns, wenn wir sie auch zu verhüllen bestrebt sind. Der Kranke merkt an einem Fingerzwicken, ob der Pflegende lieber wo anders wäre, oder etwas anders täte.

Der Arbeitgeber fühlt den verborgenen Unwillen genau.

Den Ehemann, dessen Gewissen schlecht ist, reizt die Geduld seiner Frau über die Maßen. Die Geduld, die im geringsten zur Schau getragen wird, und die nicht aus Liebe entspringt, wird nie eine Wohltat sein, sondern ganz im Gegenteil, eine Pein und ein Vorwurf für alle. Manchmal hat man jahrelang Geduld und bricht in einem unbewachten Augenblicke los, zerstört damit die Arbeit von Jahren, das Verhältnis eines ganzen Lebens und steht vor sich selbst erniedrigt da. Man fange nicht mit geduldigem Tragen an, wenn man es nicht sein Lebenlang durchführen kann.

Ein Augenblick der Ungeduld kann alles vernichten, was man mit Jahren der Aufopferung gebaut hat.

Und es ist so schwer, garnicht ungeduldig zu sein! Es ist eine Art von göttlicher Erhabenheit über das Weh, über Schmerzenspein, über Unverstand der Menschen, über des Schicksals Tücke und Unbegreiflichkeit, über die Enttäuschungen, die das Leben bringt, über die Schwächen, die oft unangenehmer sind, als Sünde und Verbrechen! Es gibt nichts, das nicht oft und viel unsere Geduld auf die Probe stellt. Und bis wir lächelnde Götter sind, geht manches Jahr ins Land, wenn wir überhaupt jemals diese Ruhe erreichen; wenn wir nicht immer den einen nehmen, um den andern mit ihm durchzuprügeln, und uns selbst an den ersten Nagel aufhängen, weil wir's in der Welt meinen, nicht mehr aushalten zu können.

Geduld ist in unsern Augen ein göttliches Attribut, weil wir nicht verstehen, wie soviel Torheit geduldet werden kann. Nun gibt es aber für die Gottheit gar keine Geduld, sondern Weisheit. Es ist nur Unweisheit, die ungeduldig macht. Wenn wir stets den Schädelbau eines jeden im Auge behielten, so würden wir nicht von ihm verlangen, was er nicht kann, so würden wir uns nie mehr streiten, nie mehr aufbrausen, nie unfreundlich werden, sondern lächeln.