Anzeige
Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

1830

Sonntag, den 3. Januar 1830

Goethe zeigte mir das englische Taschenbuch ›Keepsake‹ für 1830, mit sehr schönen Kupfern und einigen höchst interessanten Briefen von Lord Byron, die ich zum Nachtische las. Er selbst hatte derweil die neueste französische Übersetzung seines ›Faust‹ von Gérard zur Hand genommen, worin er blätterte und mitunter zu lesen schien.

»Es gehen mir wunderliche Gedanken durch den Kopf,« sagte er, »wenn ich bedenke, daß dieses Buch noch jetzt in einer Sprache gilt, in der vor funfzig Jahren Voltaire geherrscht hat. Sie können sich hiebei nicht denken, was ich mir denke, und haben keinen Begriff von der Bedeutung, die Voltaire und seine großen Zeitgenossen in meiner Jugend hatten, und wie sie die ganze sittliche Welt beherrschten. Es geht aus meiner Biographie nicht deutlich hervor, was diese Männer für einen Einfluß auf meine Jugend gehabt, und was es mich gekostet, mich gegen sie zu wehren und mich auf eigene Füße in ein wahreres Verhältnis zur Natur zu stellen.«

Wir sprachen über Voltaire Ferneres, und Goethe rezitierte mir das Gedicht ›Les Systèmes‹, woraus ich mir abnahm, wie sehr er solche Sachen in seiner Jugend mußte studiert und sich angeeignet haben.

Die erwähnte Übersetzung von Gérard, obgleich größtenteils in Prosa, lobte Goethe als sehr gelungen. »Im Deutschen«, sagte er, »mag ich den ›Faust‹ nicht mehr lesen; aber in dieser französischen Übersetzung wirkt alles wieder durchaus frisch, neu und geistreich.

Der ›Faust‹«, fuhr er fort, »ist doch ganz etwas Inkommensurabeles, und alle Versuche, ihn dem Verstand näher zu bringen, sind vergeblich. Auch muß man bedenken, daß der erste Teil aus einem etwas dunkelen Zustand des Individuums hervorgegangen. Aber eben dieses Dunkel reizt die Menschen, und sie mühen sich daran ab, wie an allen unauflösbaren Problemen.«

 


 

Sonntag, den 10. Januar 1830

Heute zum Nachtisch bereitete Goethe mir einen hohen Genuß, indem er mir die Szene vorlas, wo Faust zu den Müttern geht.

Das Neue, Ungeahndete des Gegenstandes, sowie die Art und Weise, wie Goethe mir die Szene vortrug, ergriff mich wundersam, so daß ich mich ganz in die Lage von Faust versetzt fühlte, den bei der Mitteilung des Mephistopheles gleichfalls ein Schauer überläuft.

Ich hatte das Dargestellte wohl gehört und wohl empfunden, aber es blieb mir so vieles rätselhaft, daß ich mich gedrungen fühlte, Goethe um einigen Aufschluß zu bitten. Er aber, in seiner gewöhnlichen Art, hüllte sich in Geheimnisse, indem er mich mit großen Augen anblickte und mir die Worte wiederholte:

Die Mütter! Mütter! – 's klingt so wunderlich!

»Ich kann Ihnen weiter nichts verraten,« sagte er darauf, »als daß ich beim Plutarch gefunden, daß im griechischen Altertume von Müttern als Gottheiten die Rede gewesen. Dies ist alles, was ich der Überlieferung verdanke, das übrige ist meine eigene Erfindung. Ich gebe Ihnen das Manuskript mit nach Hause, studieren Sie alles wohl und sehen Sie zu, wie Sie zurecht kommen.«

Ich war darauf glücklich bei wiederholter ruhiger Betrachtung dieser merkwürdigen Szene und entwickelte mir über der Mütter eigentliches Wesen und Wirken, über ihre Umgebung und Aufenthalt, die nachfolgende Ansicht.

Könnte man sich den ungeheuren Weltkörper unserer Erde im Innern als leeren Raum denken, so daß man Hunderte von Meilen in einer Richtung darin fortzustreben vermöchte, ohne auf etwas Körperliches zu stoßen, so wäre dieses der Aufenthalt jener unbekannten Göttinnen, zu denen Faust hinabgeht. Sie leben gleichsam außer allem Ort, denn es ist nichts Festes, das sie in einiger Nähe umgibt; auch leben sie außer aller Zeit, denn es leuchtet ihnen kein Gestirn, welches auf- oder unterginge und den Wechsel von Tag und Nacht andeutete.

So in ewiger Dämmerung und Einsamkeit beharrend, sind die Mütter schaffende Wesen, sie sind das schaffende und erhaltende Prinzip, von dem alles ausgeht, was auf der Oberfläche der Erde Gestalt und Leben hat. Was zu atmen aufhört, geht als geistige Natur zu ihnen zurück, und sie bewahren es, bis es wieder Gelegenheit findet, in ein neues Dasein zu treten. Alle Seelen und Formen von dem, was einst war und künftig sein wird, schweift in dem endlosen Raum ihres Aufenthaltes wolkenartig hin und her; es umgibt die Mütter, und der Magier muß also in ihr Reich gehen, wenn er durch die Macht seiner Kunst über die Form eines Wesens Gewalt haben und ein früheres Geschöpf zu einem Scheinleben hervorrufen will.

Die ewige Metamorphose des irdischen Daseins, des Entstehens und Wachsens, des Zerstörens und Wiederbildens, ist also der Mütter nie aufhörende Beschäftigung. Und wie nun bei allem, was auf der Erde durch Fortzeugung ein neues Leben erhält, das Weibliche hauptsächlich wirksam ist, so mögen jene schaffenden Gottheiten mit Recht weiblich gedacht, und es mag der ehrwürdige Name Mütter ihnen nicht ohne Grund beigelegt werden.

Freilich ist dieses alles nur eine poetische Schöpfung; allein der beschränkte Mensch vermag nicht viel weiter zu dringen, und er ist zufrieden, etwas zu finden, wobei er sich beruhigen möchte. Wir sehen auf Erden Erscheinungen und empfinden Wirkungen, von denen wir nicht wissen, woher sie kommen, und wohin sie gehen. Wir schließen auf einen geistigen Urquell, auf ein Göttliches, wofür wir keine Begriffe und keinen Ausdruck haben, und welches wir zu uns herabziehen und anthropomorphisieren müssen, um unsere dunkelen Ahndungen einigermaßen zu verkörpern und faßlich zu machen.

So sind alle Mythen entstanden, die von Jahrhundert zu Jahrhundert in den Völkern fortlebten, und ebenso diese neue von Goethe, die wenigstens den Schein einiger Naturwahrheit hat und die wohl den besten gleichzustellen sein dürfte, die je gedacht worden.

 


 

Sonntag, den 24. Januar 1830

»Ich habe dieser Tage einen Brief von unserm berühmten Salzbohrer in Stotternheim erhalten,« sagte Goethe, »der einen merkwürdigen Eingang hat und wovon ich Ihnen erzählen muß.

›Ich habe eine Erfahrung gemacht,‹ schreibt er, ›die mir nicht verloren sein soll.‹ Was aber folgt auf solchen Eingang? Es handelt sich um nichts Geringeres als den Verlust von wenigstens tausend Talern. Den Schacht, wo es durch weicheren Boden und Gestein zwölfhundert Fuß tief zum Steinsalz hinabgeht, hat er unvorsichtigerweise an den Seiten nicht unterstützt; der weichere Boden hat sich abgelöst und die Grube unten so verschlämmt, daß es jetzt einer höchst kostspieligen Operation bedarf, um den Schlamm herauszubringen. Er wird sodann, die zwölfhundert Fuß hinunter, metallene Röhren einsetzen, um für die Folge vor einem ähnlichen Unglück sicher zu sein. Er hätte es gleich tun sollen, und er hätte es auch sicher gleich getan, wenn solche Leute nicht eine Verwegenheit besäßen, wovon man keinen Begriff hat, die aber dazu gehört, um eine solche Unternehmung zu wagen. Er ist aber durchaus ruhig bei dem Unfall und schreibt ganz getrost: ›Ich habe eine Erfahrung gemacht, die mir nicht verloren sein soll.‹ Das nenne ich doch noch einen Menschen, an dem man Freude hat und der, ohne zu klagen, gleich wieder tätig ist und immer auf den Füßen steht. Was sagen Sie dazu, ist es nicht artig?«

»Es erinnert mich an Sterne,« antwortete ich, »welcher beklagt, sein Leiden nicht wie ein vernünftiger Mann benutzt zu haben.«

»Es ist etwas Ähnliches«, sagte Goethe.

»Auch muß ich an Behrisch denken,« fuhr ich fort, »wie er Sie belehrt, was Erfahrung sei, welches Kapitel ich gerade dieser Tage zu abermaliger Erbauung gelesen: ›Erfahrung aber ist, daß man erfahrend erfährt, was erfahren zu haben man nicht gerne erfahren haben möchte‹.«

»Ja,« sagte Goethe lachend, »das sind die alten Späße, womit wir so schändlich unsere Zeit verdarben!«

»Behrisch«, fuhr ich fort, »scheint ein Mensch gewesen zu sein voller Anmut und Zierlichkeit. Wie artig ist der Spaß im Weinkeller, wo er abends den jungen Menschen verhindern will, zu seinem Liebchen zu gehen, und dieses auf die heiterste Weise vollbringt, indem er seinen Degen umschnallet, bald so und bald so, so daß er alle zum Lachen bringt und den jungen Menschen die Stunde des Rendezvous darüber vergessen macht.«

»Ja,« sagte Goethe, »es war artig; es wäre eine der anmutigsten Szenen auf der Bühne, wie denn Behrisch überhaupt für das Theater ein guter Charakter war.«

Wir wiederholten darauf gesprächsweise alle die Wunderlichkeiten, die von Behrisch in Goethes ›Leben‹ erzählt werden. Seine graue Kleidung, wo Seide, Samt und Wolle gegeneinander eine abstechende Schattierung gemacht, und wie er darauf studiert habe, immer noch ein neues Grau auf seinen Körper zu bringen. Dann wie er die Gedichte geschrieben, den Setzer nachgeäfft und den Anstand und die Würde des Schreibenden hervorgehoben. Auch wie es sein Lieblingszeitvertreib gewesen, im Fenster zu liegen, die Vorbeigehenden zu mustern und ihren Anzug in Gedanken so zu verändern, daß es höchst lächerlich gewesen sein würde, wenn die Leute sich so gekleidet hätten.

»Und dann sein gewöhnlicher Spaß mit dem Postboten,« sagte Goethe, »wie gefällt Ihnen der, ist der nicht auch lustig?«

»Der ist mir unbekannt,« sagte ich, »es steht davon nichts in Ihrem ›Leben‹.«

»Wunderlich!« sagte Goethe. »So will ich es Ihnen denn erzählen.

Wenn wir zusammen im Fenster lagen und Behrisch in der Straße den Briefträger kommen sah, wie er von einem Hause ins andere ging, nahm er gewöhnlich einen Groschen aus der Tasche und legte ihn bei sich ins Fenster. ›Siehst du den Briefträger?‹ sagte er dann zu mir gewendet, ›er kommt immer näher und wird gleich hier oben sein, das sehe ich ihm an. Er hat einen Brief an dich, und was für einen Brief, keinen gewöhnlichen Brief, er hat einen Brief mit einem Wechsel, – mit einem Wechsel! ich will nicht sagen, wie stark. – Siehst du, jetzt kommt er herein. Nein! Aber er wird gleich kommen. Da ist er wieder. Jetzt! – Hier, hier herein, mein Freund! hier herein! – Er geht vorbei! Wie dumm! O wie dumm! Wie kann einer nur so dumm sein und so unverantwortlich handeln! So unverantwortlich in doppelter Hinsicht: unverantwortlich gegen dich, indem er dir den Wechsel nicht bringt, den er für dich in Händen hat, und ganz unverantwortlich gegen sich selbst, indem er sich um einen Groschen bringt, den ich schon für ihn zurechtgelegt hatte und den ich nun wieder einstecke.‹ So steckte er denn den Groschen mit höchstem Anstande wieder in die Tasche, und wir hatten etwas zu lachen.«

Ich freute mich dieses Scherzes, der den übrigen vollkommen gleich sah. Ich fragte Goethe, ob er Behrisch später nie wieder gesehen.

»Ich habe ihn wieder gesehen,« sagte Goethe, »und zwar bald nach meiner Ankunft in Weimar, ungefähr im Jahre 1776, wo ich mit dem Herzog eine Reise nach Dessau machte, wohin Behrisch von Leipzig aus als Erzieher des Erbprinzen berufen war. Ich fand ihn noch ganz wie sonst, als feinen Hofmann und vom besten Humor.«

»Was sagte er dazu,« fragte ich, »daß Sie in der Zwischenzeit so berühmt geworden?«

»›Hab ich es dir nicht gesagt?‹ war sein Erstes, ›war es nicht gescheit, daß du damals die Verse nicht drucken ließest und daß du gewartet hast, bis du etwas ganz Gutes machtest? Freilich, schlecht waren damals die Sachen auch nicht, denn sonst hätte ich sie nicht geschrieben. Aber wären wir zusammengeblieben, so hättest du auch die andern nicht sollen drucken lassen; ich hätte sie dir auch geschrieben und es wäre ebensogut gewesen.‹ Sie sehen, er war noch ganz der alte. Er war bei Hof sehr gelitten, ich sah ihn immer an der fürstlichen Tafel.

Zuletzt habe ich ihn im Jahre 1801 gesehen, wo er schon alt war, aber immer noch in der besten Laune. Er bewohnte einige sehr schöne Zimmer im Schloß, deren eines er ganz mit Geranien angefüllt hatte, womit man damals eine besondere Liebhaberei trieb. Nun hatten aber die Botaniker unter den Geranien einige Unterscheidungen und Abteilungen gemacht und einer gewissen Sorte den Namen Pelargonien beigelegt. Darüber konnte sich nun der alte Herr nicht zufrieden geben, und er schimpfte auf die Botaniker. ›Die dummen Kerle!‹ sagte er; ›ich denke, ich habe das ganze Zimmer voll Geranien, und nun kommen sie und sagen, es seien Pelargonien. Was tu ich aber damit, wenn es keine Geranien sind, und was soll ich mit Pelargonien!‹ So ging es nun halbe Stunden lang fort, und Sie sehen, er war sich vollkommen gleich geblieben.«

Wir sprachen sodann über die ›Klassische Walpurgisnacht‹, deren Anfang Goethe mir vor einigen Tagen gelesen. »Der mythologischen Figuren, die sich hiebei zudrängen«, sagte er, »sind eine Unzahl; aber ich hüte mich und nehme bloß solche, die bildlich den gehörigen Eindruck machen. Faust ist jetzt mit dem Chiron zusammen, und ich hoffe, die Szene soll mir gelingen. Wenn ich mich fleißig dazuhalten kann ich in ein paar Monaten mit der ›Walpurgisnacht‹ fertig sein. Es soll mich nun aber auch nichts wieder vom ›Faust‹ abbringen; denn es wäre doch toll genug, wenn ich es erlebte, ihn zu vollenden! Und möglich ist es der fünfte Akt ist so gut wie fertig, und der vierte wird sich sodann wie von selber machen.«

Goethe sprach darauf über seine Gesundheit und pries sich glücklich, sich fortwährend vollkommen wohl zu befinden. »Daß ich mich jetzt so gut halte,« sagte er, »verdanke ich Vogel; ohne ihn wäre ich längst abgefahren. Vogel ist zum Arzt wie geboren und überhaupt einer der genialsten Menschen, die mir je vorgekommen sind. Doch wir wollen nicht sagen, wie gut er ist, damit er uns nicht genommen werde.«

 


 

Sonntag, den 31. Januar 1830

Bei Goethe zu Tisch. Wir sprachen über Milton. »Ich habe vor nicht langer Zeit seinen ›Simson‹ gelesen,« sagte Goethe, »der so im Sinne der Alten ist, wie kein anderes Stück irgendeines neueren Dichters. Es ist sehr groß; und seine eigene Blindheit ist ihm zustatten gekommen, um den Zustand Simsons mit solcher Wahrheit darzustellen. Milton war in der Tat ein Poet, und man muß vor ihm allen Respekt haben.«

Es kommen verschiedene Zeitungen, und wir sehen in den Berliner Theaternachrichten, daß man Seeungeheuer und Walfische auf die dortige Bühne gebracht.

Goethe liest in der französischen Zeitschrift ›Le Temps‹ einen Artikel über die enorme Besoldung der englischen Geistlichkeit, die mehr beträgt als die in der ganzen übrigen Christenheit zusammen. »Man hat behauptet,« sagte Goethe, »die Welt werde durch Zahlen regiert; das aber weiß ich, daß die Zahlen uns belehren, ob sie gut oder schlecht regiert werde.«

 


 

Mittwoch, den 3. Februar 1830

Bei Goethe zu Tisch. Wir sprachen über Mozart. »Ich habe ihn als siebenjährigen Knaben gesehen,« sagte Goethe, »wo er auf einer Durchreise ein Konzert gab. Ich selber war etwa vierzehn Jahre alt, und ich erinnere mich des kleinen Mannes in seiner Frisur und Degen noch ganz deutlich.« Ich machte große Augen, und es war mir ein halbes Wunder, zu hören, daß Goethe alt genug sei, um Mozart als Kind gesehen zu haben.