Anzeige
Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

Sonntag, den 7. Februar 1830

Mit Goethe zu Tisch. Mancherlei Gespräche über Fürst Primas; daß er ihn an der Tafel der Kaiserin von Österreich durch eine geschickte Wendung zu verteidigen gewagt. Des Fürsten Unzulänglichkeit in der Philosophie, sein dilettantischer Trieb zur Malerei, ohne Geschmack. Bild, der Miß Gore geschenkt. Seine Gutherzigkeit und Weichheit, alles wegzugeben, so daß er zuletzt in Armut dagestanden.

Gespräche über den Begriff des Desobligeanten.

Nach Tisch stellte sich der junge Goethe, mit Walter und Wolf, in seinem Maskenanzuge als Klingsor dar und fährt an Hof.

 


 

Mittwoch, den 10. Februar 1830

Mit Goethe zu Tisch. Er sprach mit wahrer Anerkennung über das Festgedicht Riemers zur Feier des 2. Februar. »Überhaupt,« fügte Goethe hinzu, »was Riemer macht, kann sich vor Meister und Gesellen sehen lassen.«

Wir sprachen sodann über die ›Klassische Walpurgisnacht‹, und daß er dabei auf Dinge komme, die ihn selber überraschen. Auch gehe der Gegenstand mehr auseinander, als er gedacht.

»Ich habe jetzt etwas über die Hälfte,« sagte er, »aber ich will mich dazuhalten und hoffe bis Ostern fertig zu sein. Sie sollen früher nichts weiter davon sehen, aber sobald es fertig ist, gebe ich es Ihnen mit nach Hause, damit Sie es in der Stille prüfen. Wenn Sie nun den achtunddreißigsten und neununddreißigsten Band zusammenstellten, so daß wir Ostern die letzte Lieferung absenden könnten, so wäre es hübsch, und wir hätten den Sommer zu etwas Großem frei. Ich würde im ›Faust‹ bleiben und den vierten Akt zu überwinden suchen.« Ich freute mich dazu und versprach ihm meinerseits jeden Beistand.

Goethe schickte darauf seinen Bedienten, um sich nach der Großherzogin-Mutter zu erkundigen, die sehr krank geworden und deren Zustand ihm bedenklich schien.

»Sie hätte den Maskenzug nicht sehen sollen,« sagte er, »aber fürstliche Personen sind gewohnt, ihren Willen zu haben, und so ist denn alles Protestieren des Hofes und der Ärzte vergeblich gewesen. Dieselbige Willenskraft, mit der sie Napoleon widerstand, setzt sie auch ihrer körperlichen Schwäche entgegen; und so sehe ich es schon kommen, sie wird hingehen, wie der Großherzog, in voller Kraft und Herrschaft des Geistes, wenn der Körper schon aufgehört haben wird zu gehorchen.«

Goethe schien sichtbar betrübt und war eine Weile stille. Bald aber sprachen wir wieder über heitere Dinge, und er erzählte mir von einem Buch, zur Rechtfertigung von Hudson Lowe geschrieben.

»Es sind darin Züge der kostbarsten Art,« sagte er, »die nur von unmittelbaren Augenzeugen herrühren können. Sie wissen, Napoleon trug gewöhnlich eine dunkelgrüne Uniform. Von vielem Tragen und Sonne war sie zuletzt völlig unscheinbar geworden, so daß die Notwendigkeit gefühlt wurde, sie durch eine andere zu ersetzen. Er wünschte dieselbe dunkelgrüne Farbe, allein auf der Insel waren keine Vorräte dieser Art; es fand sich zwar ein grünes Tuch, allein die Farbe war unrein und fiel ins Gelbliche. Eine solche Farbe auf seinen Leib zu nehmen, war nun dem Herrn der Welt unmöglich, und es blieb ihm nichts übrig, als seine alte Uniform wenden zu lassen und sie so zu tragen.

Was sagen Sie dazu? Ist es nicht ein vollkommen tragischer Zug? Ist es nicht rührend, den Herrn der Könige zuletzt so weit reduziert zu sehen, daß er eine gewendete Uniform tragen muß? Und doch, wenn man bedenkt, daß ein solches Ende einen Mann traf, der das Leben und Glück von Millionen mit Füßen getreten hatte, so ist das Schicksal, das ihm widerfuhr, immer noch sehr milde; es ist eine Nemesis, die nicht umhin kann, in Erwägung der Größe des Helden, immer noch ein wenig galant zu sein. Napoleon gibt uns ein Beispiel, wie gefährlich es sei, sich ins Absolute zu erheben und alles der Ausführung einer Idee zu opfern.«

Wir sprachen noch manches dahin Bezügliche, und ich ging darauf ins Theater, um den ›Stern von Sevilla‹ zu sehen.

 


 

Sonntag, den 14. Februar 1830

Diesen Mittag auf meinem Wege zu Goethe, der mich zu Tisch eingeladen hatte, traf mich die Nachricht von dem soeben erfolgten Tode der Großherzogin-Mutter. Wie wird das bei seinem hohen Alter auf Goethe wirken! war mein erster Gedanke, und so betrat ich mit einiger Apprehension das Haus. Die Dienerschaft sagte mir, daß seine Schwiegertochter soeben zu ihm gegangen sei, um ihm die betrübende Botschaft mitzuteilen. Seit länger als funfzig Jahren, sagte ich mir, ist er dieser Fürstin verbunden gewesen, er hat ihrer besonderen Huld und Gnade sich zu erfreuen gehabt, ihr Tod muß ihn tief berühren. Mit solchen Gedanken trat ich zu ihm ins Zimmer; allein ich war nicht wenig überrascht, ihn vollkommen heiter und kräftig mit seiner Schwiegertochter und seinen Enkeln am Tisch sitzen und seine Suppe essen zu sehen, als ob eben nichts passiert wäre. Wir sprachen ganz heiter fort über gleichgültige Dinge. Nun fingen alle Glocken der Stadt an zu läuten; Frau von Goethe blickte mich an, und wir redeten lauter, damit die Töne der Todesglocken sein Inneres nicht berühren und erschüttern möchten denn wir dachten, er empfände wie wir. Er empfand aber nicht wie wir, es stand in seinem Innern gänzlich anders. Er saß vor uns, gleich einem Wesen höherer Art, von irdischen Leiden unberührbar. Hofrat Vogel ließ sich melden; er setzte sich zu uns und erzählte die einzelnen Umstände von dem Hinscheiden der hohen Verewigten, welches Goethe in seiner bisherigen vollkommensten Ruhe und Fassung aufnahm. Vogel ging wieder, und wir setzten unser Mittagessen und Gespräche fort. Auch vom ›Chaos‹ war viel die Rede, und Goethe pries die ›Betrachtungen über das Spiel‹ in der letzten Nummer als ganz vorzüglich. Als Frau von Goethe mit ihren Söhnen hinaufgegangen war, blieb ich mit Goethe allein. Er erzählte mir von seiner ›Klassischen Walpurgisnacht‹ daß er damit jeden Tag weiter komme und daß ihm wunderbare Dinge über die Erwartung gelängen. Dann zeigte er mir einen Brief des Königs von Bayern, den er heute erhalten und den ich mit großem Interesse las. Die edle treue Gesinnung des Königs sprach sich in jeder Zeile aus, und Goethen schien es besonders wohl zu tun, daß der König gegen ihn sich fortwährend so gleich bleibe. Hofrat Soret ließ sich melden und setzte sich zu uns. Er kam mit beruhigenden Trostesworten der kaiserlichen Hoheit an Goethe, die dazu beitrugen, dessen heiter gefaßte Stimmung noch zu erhöhen. Goethe setzt seine Gespräche fort; er erwähnt die berühmte Ninon de Lenclos, die in ihrem sechzehnten Jahre bei großer Schönheit dem Tode nahe gewesen und die Umstehenden in völliger Fassung mit den Worten getröstet habe: ›Was ists denn weiter? Lasse ich doch lauter Sterbliche zurück!‹ Übrigens habe sie fortgelebt und sei neunzig Jahr alt geworden, nachdem sie bis in ihr achtzigstes Hunderte von Liebhabern beglückt und zur Verzweiflung gebracht.

Goethe spricht darauf über Gozzi und dessen Theater zu Venedig, wobei die improvisierenden Schauspieler bloß die Sujets erhielten. Gozzi habe die Meinung gehabt, es gebe nur sechsunddreißig tragische Situationen; Schiller habe geglaubt, es gebe mehr, allein es sei ihm nicht einmal gelungen, nur so viele zu finden.

Sodann manches Interessante über Grimm, dessen Geist und Charakter und sehr geringes Vertrauen zum Papiergelde.

 


 

Mittwoch, den 17. Februar 1830

Wir sprachen über das Theater, und zwar über die Farben der Dekorationen und Anzüge. Das Resultat war folgendes. Im allgemeinen sollen die Dekorationen einen für jede Farbe der Anzüge des Vordergrundes günstigen Ton haben, wie die Dekorationen von Beuther, welche mehr oder weniger ins Bräunliche fallen und die Farben der Gewänder in aller Frische heraussetzen. Ist aber der Dekorationsmaler von einem so günstigen unbestimmten Tone abzuweichen genötigt, und ist er in dem Fall, etwa ein rotes oder gelbes Zimmer, ein weißes Zelt oder einen grünen Garten darzustellen, so sollen die Schauspieler klug sein und in ihren Anzügen dergleichen Farben vermeiden. Tritt ein Schauspieler mit einer roten Uniform und grünen Beinkleidern in ein rotes Zimmer, so verschwindet der Oberkörper, und man sieht bloß die Beine; tritt er mit demselbigen Anzuge in einen grünen Garten, so verschwinden seine Beine und sein Oberkörper geht auffallend hervor. So sah ich einen Schauspieler mit weißer Uniform und ganz dunkelen Beinkleidern, dessen Oberkörper, in einem weißen Zelt, und dessen Beine, auf einem dunkelen Hintergrund, gänzlich verschwanden.

»Und selbst,« fügte Goethe hinzu, »wenn der Dekorationsmaler in dem Fall wäre, ein rotes oder gelbes Zimmer oder einen grünen Garten oder Wald zu machen, so sollen diese Farben immer etwas schwach und duftig gehalten werden, damit jeder Anzug im Vordergrunde sich ablöse und die gehörige Wirkung tue.«

Wir sprechen über die ›Ilias‹, und Goethe macht mich auf das schöne Motiv aufmerksam, daß der Achill eine Zeitlang in Untätigkeit versetzt werde, damit die übrigen Helden zum Vorschein kommen und sich entwickeln mögen.

Von seinen ›Wahlverwandtschaften‹ sagt er, daß darin kein Strich enthalten, der nicht erlebt, aber kein Strich so, wie er erlebt worden. Dasselbe von der Geschichte in Sesenheim.

Nach Tisch ein Portefeuille der niederländischen Schule durchgesehen. Ein Hafenstück, wo Männer auf der einen Seite frisches Wasser einnehmen und auf der andern Würfel auf einer Tonne spielen, gab Anlaß zu schönen Betrachtungen, wie das Reale vermieden, um der Wirkung der Kunst nicht zu schaden. Der Deckel der Tonne hat das Hauptlicht; die Würfel sind geworfen, wie man an den Gebärden der Männer sieht, aber sie sind auf der Fläche des Deckels nicht gezeichnet, weil sie das Licht unterbrochen und also nachteilig gewirkt haben würden.

Sodann die Studien von Ruysdael zu seinem Kirchhof betrachtet, woraus man sah, welche Mühe sich ein solcher Meister gegeben.

 


 

Sonntag, den 21. Februar 1830

Mit Goethe zu Tisch. Er zeigt mir die Luftpflanze, die ich mit großem Interesse betrachte. Ich bemerke darin ein Bestreben, ihre Existenz so lange wie möglich fortzusetzen, ehe sie einem folgenden Individuum erlaubt, sich zu manifestieren.

»Ich habe mir vorgenommen,« sagte Goethe darauf, »in vier Wochen so wenig den ›Temps‹ als ›Globe‹ zu lesen. Die Sachen stehen so, daß sich innerhalb dieser Periode etwas ereignen muß, und so will ich die Zeit erwarten, bis mir von außen eine solche Nachricht kommt. Meine ›Klassische Walpurgisnacht‹ wird dabei gewinnen, und ohnehin sind jenes Interessen, wovon man nichts hat, welches in manchen Fällen nicht genug bedacht wird.«

Er gibt mir sodann einen Brief von Boisserée aus München, der ihm Freude gemacht und den ich gleichfalls mit hohem Vergnügen lese. Boisserée spricht besonders über den ›Zweiten Aufenthalt in Rom‹, sowie über einige Punkte des letzten Heftes von ›Kunst und Altertum‹. Er urteilt über diese Dinge so wohlwollend als gründlich, und wir finden Veranlassung, über die seltene Bildung und Tätigkeit dieses bedeutenden Mannes viel zu reden.

Goethe erzählt mir darauf von einem neuen Bilde von Cornelius als sehr brav durchdacht und ausgeführt, und es kommt zur Sprache, daß die Gelegenheit zur guten Färbung eines Bildes in der Komposition liege.

 

Später, auf einem Spaziergange, kommt mir die Luftpflanze wieder vor die Seele, und ich habe den Gedanken, daß ein Wesen seine Existenz fortsetzt, solange es geht, dann aber sich zusammennimmt, um wieder seinesgleichen hervorzubringen. Es erinnert mich dieses Naturgesetz an jene Legende, wo wir uns die Gottheit im Urbeginn der Dinge alleine denken, sodann aber den Sohn erschaffend, welcher ihr gleich ist. So auch haben gute Meister nichts Angelegentlicheres zu tun, als sich gute Schüler zu bilden, in denen sie ihre Grundsätze und Tätigkeiten fortgesetzt sehen. Nicht weniger ist jedes Werk eines Künstlers oder Dichters als seinesgleichen zu betrachten, und in demselbigen Grade wie ein solches Werk vortrefflich ist, wird der Künstler oder Dichter vortrefflich gewesen sein, da er es machte. Ein treffliches Werk eines andern soll daher niemals Neid in mir erregen, indem es mich auf einen vortrefflichen Menschen zurückschließen läßt, der es zu machen wert war.

 


 

Mittwoch, den 24. Februar 1830

Mit Goethe zu Tisch. Wir sprechen über den Homer. Ich bemerke, daß sich die Einwirkung der Götter unmittelbar ans Reale anschließe. – »Es ist unendlich zart und menschlich,« sagte Goethe, »und ich danke Gott, daß wir aus den Zeiten heraus sind, wo die Franzosen diese Einwirkung der Götter Maschinerie nannten. Aber freilich, so ungeheuere Verdienste nachzuempfinden, bedurfte einiger Zeit, denn es erforderte eine gänzliche Umwandlung ihrer Kultur.«

Goethe sagte mir sodann, daß er in die Erscheinung der Helena noch einen Zug hineingebracht, um ihre Schönheit zu erhöhen, welches durch eine Bemerkung von mir veranlaßt worden und meinem Gefühl zur Ehre gereiche.

Nach Tisch zeigte Goethe mir den Umriß eines Bildes von Cornelius, den Orpheus vor Plutos Throne darstellend, um die Eurydice zu befreien. Das Bild erschien uns wohl überlegt und das einzelne vortrefflich gemacht, doch wollte es nicht recht befriedigen und dem Gemüt kein rechtes Behagen geben. Vielleicht, dachten wir, bringt die Färbung eine größere Harmonie hinein; vielleicht auch wäre der folgende Moment günstiger gewesen, wo Orpheus über das Herz des Pluto bereits gesiegt hat und ihm die Eurydice zurückgegeben wird. Die Situation hätte sodann nicht mehr das Gespannte, Erwartungsvolle, vielmehr würde sie vollkommene Befriedigung gewähren.