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Johann Peter Eckermann: Gespräche mit Goethe in den letzten Jahren seines Lebens

1830-1832

Montag, den 18. Januar 1830*

Goethe sprach über Lavater und sagte mir viel Gutes von seinem Charakter. Auch Züge von ihrer früheren intimen Freundschaft erzählte mir Goethe, und wie sie zu jener Zeit oft brüderlich zusammen in einem und demselbigen Bette geschlafen. »Es ist zu bedauern,« fügte er hinzu, »daß ein schwacher Mystizismus dem Aufflug seines Genies so bald Grenzen setzte.«

 


 

Freitag, den 22. Januar 1830*

Wir sprachen über die ›Geschichte Napoleons‹ von Walter Scott.

»Es ist wahr,« sagte Goethe, »man kann dem Verfasser dabei große Ungenauigkeiten und eine ebenso große Parteilichkeit vorwerfen; allein grade diese beiden Mängel geben seinem Werk in meinen Augen einen ganz besonderen Wert. – Der Erfolg des Buches war in England über alle Begriffe groß, und man sieht also, daß Walter Scott eben in seinem Haß gegen Napoleon und die Franzosen der wahre Dolmetscher und Repräsentant der englischen Volksmeinung und des englischen Nationalgefühls gewesen ist. Sein Buch wird keineswegs ein Dokument für die Geschichte Frankreichs, allein es wird eins für die Geschichte Englands sein. Auf jeden Fall aber ist es eine Stimme, die bei diesem wichtigen historischen Prozeß nicht fehlen durfte.

Überhaupt ist es mir angenehm, über Napoleon die entgegengesetztesten Meinungen zu hören. Ich lese jetzt das Werk von Bignon, welches mir einen ganz besonderen Wert zu haben scheint.«

 


 

Montag, den 25. Januar 1830*

Ich brachte Goethen die Verzeichnisse, die ich über die hinterlassenen Schriften Dumonts als Vorbereitung einer Herausgabe derselben gemacht hatte. – Goethe las sie mit vieler Sorgfalt und schien erstaunt über die Masse von Kenntnissen, Interessen und Ideen, die er bei dem Autor so verschiedener und reichhaltiger Manuskripte vorauszusetzen Ursache habe.

»Dumont«, sagte er, »muß ein Geist von großem Umfange gewesen sein. Unter den Gegenständen, die er behandelt hat, ist nicht ein einziger, der nicht an sich interessant und bedeutend wäre, und die Wahl der Gegenstände zeigt immer, was einer für ein Mann und wes Geistes Kind er ist. Nun kann man zwar nicht verlangen, daß der menschliche Geist eine solche Universalität besitze, um alle Gegenstände mit einem gleichen Talent und Glück zu behandeln; aber wenn es auch dem Autor mit allen nicht auf gleiche Weise gelungen sein sollte, so gibt schon der bloße Vorsatz und Wille, sie zu behandeln, mir von ihm eine sehr hohe Meinung. Ich finde besonders merkwürdig und schätzbar, daß bei ihm überall eine praktische, nützliche und wohlwollende Tendenz vorwaltet.«

Ich hatte ihm zugleich die ersten Kapitel der ›Reise nach Paris‹ mitgebracht, die ich ihm vorlesen wollte, die er aber vorzog alleine zu betrachten.

Er scherzte darauf über die Schwierigkeit des Lesens und den Dünkel vieler Leute, die ohne alle Vorstudien und vorbereitende Kenntnisse sogleich jedes philosophische und wissenschaftliche Werk lesen möchten, als wenn es eben nichts weiter als ein Roman wäre.

»Die guten Leutchen«, fuhr er fort, »wissen nicht, was es einem für Zeit und Mühe gekostet, um lesen zu lernen. Ich habe achtzig Jahre dazu gebraucht und kann noch jetzt nicht sagen, daß ich am Ziele wäre.«

 


 

Mittwoch, den 27. Januar 1830

Mittags mit Goethe sehr vergnügt bei Tisch. Er sprach mit großer Anerkennung über Herrn von Martius. »Sein Aperçu der Spiraltendenz«, sagte er, »ist von der höchsten Bedeutung. Hätte ich bei ihm noch etwas zu wünschen, so wäre es, daß er sein entdecktes Urphänomen mit entschiedener Kühnheit durchführte und daß er die Courage hätte, ein Faktum als Gesetz auszusprechen, ohne die Bestätigung allzusehr im Weiten zu suchen.«

Er zeigte mir darauf die Verhandlungen der Naturforschenden Versammlung zu Heidelberg, mit hintergedruckten Faksimiles der Handschriften, die wir betrachten und auf den Charakter schließen.

»Ich weiß recht gut,« sagte Goethe, »daß bei diesen Versammlungen für die Wissenschaft nicht so viel herauskommt, als man sich denken mag; aber sie sind vortrefflich, daß man sich gegenseitig kennen und möglicherweise lieben lerne, woraus denn folgt, daß man irgendeine neue Lehre eines bedeutenden Menschen wird gelten lassen, und dieser wiederum geneigt sein wird, uns in unseren Richtungen eines anderen Faches anzuerkennen und zu fördern. Auf jeden Fall sehen wir, daß etwas geschieht, und niemand kann wissen, was dabei herauskommt.«

Goethe zeigte mir sodann einen Brief eines englischen Schriftstellers mit der Adresse: An Se. Durchlaucht den Fürsten Goethe. »Diesen Titel«, sagte Goethe lachend, »habe ich wahrscheinlich den deutschen Journalisten zu danken, die mich aus allzu großer Liebe wohl den deutschen Dichterfürsten genannt haben. Und so hat denn der unschuldige deutsche Irrtum den ebenso unschuldigen Irrtum des Engländers zur Folge gehabt.«

Goethe kam darauf wieder auf Herrn von Martius zurück und rühmte an ihm, daß er Einbildungskraft besitze. »Im Grunde«, fuhr er fort, »ist ohne diese hohe Gabe ein wirklich großer Naturforscher gar nicht zu denken. Und zwar meine ich nicht eine Einbildungskraft, die ins Vage geht und sich Dinge imaginiert, die nicht existieren; sondern ich meine eine solche, die den wirklichen Boden der Erde nicht verläßt und mit dem Maßstab des Wirklichen und Erkannten zu geahndeten vermuteten Dingen schreitet. Da mag sie denn prüfen, ob denn dieses Geahndete auch möglich sei und ob es nicht im Widerspruch mit anderen bewußten Gesetzen komme. Eine solche Einbildungskraft setzt aber freilich einen weiten ruhigen Kopf voraus, dem eine große Übersicht der lebendigen Welt und ihrer Gesetze zu Gebote steht.«

Während wir sprachen, kam ein Paket mit einer Übersetzung der ›Geschwister‹ ins Böhmische, die Goethen große Freude zu machen schien.

 


 

Sonntag, den 31. Januar 1830*

Besuch bei Goethe in Begleitung des Prinzen. Er empfing uns in seinem Arbeitszimmer.

Wir sprachen über die verschiedenen Ausgaben seiner Werke, wobei es mir auffallend war, von ihm zu hören, daß er den größten Teil seiner Editionen selber nicht besitze. Auch die erste Ausgabe seines ›Römischen Karnevals‹, mit Kupfern nach eigenen Originalzeichnungen, besitze er nicht. Er habe, sagte er, in einer Auktion sechs Taler dafür geboten, ohne sie zu erhalten.

Er zeigte uns darauf das erste Manuskript seines ›Götz von Berlichingen‹, ganz in der ursprünglichen Gestalt, wie er es vor länger als funfzig Jahren auf Anregung seiner Schwester in wenigen Wochen geschrieben. Die schlanken Züge der Handschrift trugen schon ganz den freien klaren Charakter, wie ihn seine deutsche Schrift später immer behalten und auch noch jetzt hat. Das Manuskript war sehr reinlich, man las ganze Seiten ohne die geringste Korrektur, so daß man es eher für eine Kopie, als für einen ersten raschen Entwurf hätte halten sollen.

Seine frühesten Werke hat Goethe, wie er uns sagte, alle mit eigener Hand geschrieben, auch seinen ›Werther‹; doch ist das Manuskript verloren gegangen. In späterer Zeit dagegen hat er fast alles diktiert, und nur Gedichte und flüchtig notierte Pläne finden sich von seiner eigenen Hand. Sehr oft hat er nicht daran gedacht, von einem neuen Produkt eine Abschrift nehmen zu lassen; vielmehr hat er häufig die kostbarste Dichtung dem Zufall preisgegeben, indem er öfter als einmal das einzige Exemplar, das er besaß, nach Stuttgart in die Druckerei schickte.

Nachdem wir das Manuskript des ›Berlichingen‹ genugsam betrachtet, zeigte Goethe uns das Original seiner ›Italienischen Reise‹. In diesen täglich niedergeschriebenen Beobachtungen und Bemerkungen finden sich in bezug auf die Handschrift dieselbigen guten Eigenschaften wie bei seinem ›Götz‹. Alles ist entschieden, fest und sicher, nichts ist korrigiert, und man sieht, daß dem Schreibenden das Detail seiner augenblicklichen Notizen immer frisch und klar vor der Seele stand. Nichts ist veränderlich und wandelbar, ausgenommen das Papier, das in jeder Stadt, wo der Reisende sich aufhielt, in Format und Farbe stets ein anderes wurde.

Gegen das Ende dieses Manuskripts fand sich eine geistreich hingeworfene Federzeichnung von Goethe, nämlich die Abbildung eines italienischen Advokaten, wie er in seiner großen Amtskleidung vor Gericht eine Rede hält. Es war die merkwürdigste Figur, die man sich denken konnte, und sein Anzug so auffallend, daß man hätte glauben sollen, er habe ihn gewählt, um auf eine Maskerade zu gehen. Und doch war alles nur eine treue Darstellung nach dem wirklichen Leben. Den Zeigefinger auf die Spitze des Daumens und die übrigen Finger ausgestreckt haltend, stand der dicke Redner behaglich da, und diese wenige Bewegung paßte recht gut zu der großen Perücke, womit er sich behängt hatte.

 


 

Mittwoch, den 3. Februar 1831*

Wir sprechen über den ›Globe‹ und ›Temps‹, und dies führte auf die französische Literatur und Literatoren.

»Guizot«, sagte Goethe unter anderen, »ist ein Mann nach meinem Sinne, er ist solide. Er besitzt tiefe Kenntnisse, verbunden mit einem aufgeklärten Liberalismus, der, über den Parteien stehend, seinen eigenen Weg geht. Ich bin begierig zu sehen, welche Rolle er in den Kammern spielen wird, wozu man ihn jetzt gewählt hat.«

»Leute, die ihn nur oberflächlich zu kennen scheinen,« erwiderte ich, »haben mir ihn als etwas pedantisch geschildert.«

»Es bleibt zu wissen übrig,« entgegnete Goethe, »welche Sorte von Pedanterie man ihm vorwirft. Alle bedeutenden Menschen, die in ihrer Lebensweise eine gewisse Regelmäßigkeit und feste Grundsätze besitzen, die viel nachgedacht haben und mit den Angelegenheiten des Lebens kein Spiel treiben, können sehr leicht in den Augen oberflächlicher Beobachter als Pedanten erscheinen. Guizot ist ein weitgehender, ruhiger, festhaltender Mann, der der französischen Beweglichkeit gegenüber gar nicht genug zu schätzen und gerade ein solcher ist, wie sie ihn brauchen.

Villemain«, fuhr Goethe fort, »ist vielleicht glänzender als Redner. Er besitzt die Kunst einer gewandten Entwickelung aus dem Grunde, er ist nie verlegen um schlagende Ausdrücke, wodurch er die Aufmerksamkeit fesselt und seine Hörer zu lautem Beifall fortreißt; aber er ist weit oberflächlicher als Guizot und weit weniger praktisch.

Was Cousin betrifft, so kann er zwar uns Deutschen wenig geben, indem die Philosophie, die er seinen Landsleuten als etwas Neues bringt, uns seit vielen Jahren bekannt ist. Allein er ist für die Franzosen von großer Bedeutung; er wird ihnen eine ganz neue Richtung geben.

Cuvier, der große Naturkenner, ist bewundernswürdig durch seine Darstellung und seinen Stil; niemand exponiert ein Faktum besser als er. Allein er besitzt fast gar keine Philosophie; er wird sehr unterrichtete Schüler erziehen, aber wenig tiefe.«

Alles dieses zu hören war mir um so interessanter, als es mit den Ansichten Dumonts über die gedachten Männer sehr nahe zusammentraf. Ich versprach Goethen, ihm die betreffenden Stellen aus dessen Manuskripten abzuschreiben, damit er sie mit seiner eigenen Meinung gelegentlich vergleichen möge.

Die Erwähnung Dumonts brachte das Gespräch auf dessen Verhältnis zu Bentham, worüber sich Goethe also äußerte:

»Es ist für mich ein interessantes Problem,« sagte er, »wenn ich sehe, daß ein so vernünftiger, so gemäßigter und so praktischer Mann wie Dumont der Schüler und treue Verehrer dieses Narren Bentham sein konnte.«

»Bentham«, erwiderte ich, »ist gewissermaßen als eine doppelte Person zu betrachten. Ich unterscheide Bentham das Genie, das die Prinzipien ersann, die Dumont der Vergessenheit entzog, indem er sie ausarbeitete, und Bentham den leidenschaftlichen Mann, der aus übertriebenem Nützlichkeitseifer die Grenzen seiner eigenen Lehre überschritt und dadurch sowohl in der Politik als in der Religion zum Radikalen ward.«

»Das aber«, erwiderte Goethe, »ist eben ein neues Problem für mich, daß ein Greis die Laufbahn eines langen Lebens damit beschließen kann, in seinen letzten Tagen noch ein Radikaler zu werden.«

Ich suchte diesen Widerspruch zu lösen, indem ich bemerkte, daß Bentham, in der Überzeugung von der Vortrefflichkeit seiner Lehre und seiner Gesetzgebung, und bei der Unmöglichkeit, sie ohne eine völlige Veränderung des herrschenden Systems in England einzuführen, sich um so mehr von seinem leidenschaftlichen Eifer habe fortreißen lassen, als er mit der äußeren Welt wenig in Berührung komme und die Gefahr eines gewaltsamen Umsturzes nicht zu beurteilen vermöge.

»Dumont dagegen,« fuhr ich fort, »der weniger Leidenschaft und mehr Klarheit besitzt, hat die Überspannung Benthams nie gebilligt und ist weit entfernt gewesen, selber in einen ähnlichen Fehler zu fallen. Er hat überdies den Vorteil gehabt, die Prinzipien Benthams in einem Lande in Anwendung zu bringen, das infolge politischer Ereignisse zu jener Zeit gewissermaßen als ein neues zu betrachten war, nämlich in Genf, wo denn auch alles vollkommen gelang und der glückliche Erfolg den Wert des Prinzips an den Tag legte.«

»Dumont,« erwiderte Goethe, »ist eben ein gemäßigter Liberaler, wie es alle vernünftigen Leute sind und sein sollen, und wie ich selber es bin und in welchem Sinne zu wirken ich während eines langen Lebens mich bemüht habe.

Der wahre Liberale«, fuhr er fort, »sucht mit den Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, so viel Gutes zu bewirken, als er nur immer kann; aber er hütet sich, die oft unvermeidlichen Mängel sogleich mit Feuer und Schwert vertilgen zu wollen. Er ist bemüht, durch ein kluges Vorschreiten die öffentlichen Gebrechen nach und nach zu verdrängen, ohne durch gewaltsame Maßregeln zugleich oft ebensoviel Gutes mit zu verderben. Er begnügt sich in dieser stets unvollkommenen Welt so lange mit dem Guten, bis ihn, das Bessere zu erreichen, Zeit und Umstände begünstigen.«

 


 

Sonnabend, den 6. Februar 1830

Bei Frau von Goethe zu Tisch. Der junge Goethe erzählte einiges Artige von seiner Großmutter, der Frau Rat Goethe zu Frankfurt, die er vor zwanzig Jahren als Student besucht habe, und mit der er eines Mittags beim Fürsten Primas zur Tafel geladen worden.

Der Fürst sei der Frau Rat aus besonderer Höflichkeit auf der Treppe entgegen gekommen; da er aber seine gewöhnliche geistliche Kleidung getragen, so habe sie ihn für einen Abbé gehalten und nicht sonderlich auf ihn geachtet. Auch habe sie anfänglich bei Tafel, an seiner Seite sitzend, nicht eben das freundlichste Gesicht gemacht. Im Laufe des Gesprächs aber sei ihr an dem Benehmen der übrigen Anwesenden nach und nach beigegangen, daß es der Primas sei.

Der Fürst habe darauf ihre und ihres Sohnes Gesundheit getrunken, worauf denn die Frau Rat aufgestanden und die Gesundheit Sr. Hoheit ausgebracht.