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Bettina von Arnim: Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

Goethes Briefwechsel mit einem Kinde

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Seinem Denkmal

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Dritter Teil
Tagebuch

Buch der Liebe

In dieses Buch möcht' ich gern schreiben von dem geheimnisvollen Denken einsamer Stunden der Nacht, von dem Reifen des Geistes an der Liebe wie an der Mittagssonne.

Die Wahrheit will ich suchen, und fordern will ich von ihr die Gegenwart des Geliebten, von dem ich wähnen könnte, er sei fern.

Die Liebe ist ein inniges Ineinandersein; ich bin nicht von Dir getrennt, wenn es wahr ist, daß ich liebe.

Diese Wellen, die mich längs dem Ufer begleiten, die reifende Fülle der Gelände, die sich im Fluß spiegelt, der junge Tag, die flüchtenden Nebel, die fernen Gipfel, die die Morgensonne entzündet, das alles seh' ich an, und wie die Biene den Honig sammelt aus frischen Blüten, so saugt mein Blick aus allem die Liebe und trägt sie heim und bewahrt sie im Herzen wie die Biene den Honig in der Zelle.

So dacht' ich am heutigen Morgen, da ich am Rhein hinfuhr und durch dies aufgeregte Leben der Natur mich drängte, fort, dem stillen einsamen Abend entgegen, weil es da ist, als sage mir eine Stimme, der Geliebte ist da; – und weil ich da die Erinnerungen des Tages wie Blumen vor ihm ausstreuen und weil ich da mich an die Erde legen kann und sie küssen Dir zu Lieb', diese schöne Erde, die den Geliebten trägt, daß ich mich hinfinden kann zu ihm.

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Schwalbach, auf der Mooshütte.

Namen nennen Dich nicht!

Ich schweige und nenne Dich nicht, ob's auch süß wär', Dich bei Namen zu rufen.

O Freund! schlanker Mann! weicher hingegoßner Geberde, Schweigsamer! – Wie soll ich Dich umschreiben, daß mir Dein Name ersetzt sei? – Beim Namen rufen ist ein Zaubermittel, den Entfernten zur Erinnerung aufzuregen; hier auf der Höhe, wo die waldigen Schluchten siebenfaches Echo zurückgeben, wage ich nicht Deinen Namen preiszugeben; ich will nicht hören eine Stimme, die eben so heiß, so eindringend Dir ruft.

O Du! Du selbst! – Ich will Dir's nicht sagen, daß Du es selbst bist; drum will ich dem Buch Deinen Namen nicht vertrauen, wie ich dem Echo ihn nicht vertraue.

Ach, Deinen Namen berühre ich nicht! So ganz entblößt von irdischem Besitztum nenne ich Dich mein.

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Ems.

Nicht schlafen gehen, ohne mit Dir zu sprechen – so müde wie ich auch bin! Die Augenlider sinken und trennen mich von Dir; mich trennen nicht die Berge und die Flüsse und nicht die Zeiten und nicht Deine eigne Kälte, und daß Du nichts weißt von mir, wie ich Dich liebe. – Und mich trennt der Schlaf? – Warum denn trennen? Ich wühle mich in Deinen Busen, diese Liebesflammen umzingeln Dein Herz, und so schlafe ich ein.

*

Nein, ich will Dich nicht nennen, Du, dem ich rufe: gib mir Gehör! Du hörst Dich ja gern beschwatzen – so hör' auch mir zu; nicht wie jene, die von Dir, über Dich schwätzen; zu Dir, in Deinem Anschauen sammeln sich meine Gedanken; wie der Quell, der das Gestein spaltet und niederrauscht durchs Schattental, Blume um Blume anhaucht; so hauch' ich Dich an, süßer Freund!

Er murmelt nur, der Bach; er plätschert, er lispelt, wenige Melodien wechseln seinen Lauf; aber vernimm's mit freundlichem Ohr, da wirst Du jauchzen hören, klagen, bitten und trotzen, und noch wirst Du hören und empfinden, Geheimnisse, feierliche, leuchtende, die nur der versteht, der die Liebe hat.

*

Ich bin nicht mehr müde, ich will nicht mehr schlafen, der Mond ist aufgegangen mir gegenüber, Wolken jagen und decken ihn, immer wieder leuchtet er mich an.

Ich denke mir Dein Haus, die Treppe, daß die im Schatten liege, und daß ich an dieser Treppe sitze, und jenseits die Ebene vom Mond beleuchtet. Ich denke, daß die Zeiten jagen, eilen und mannigfach sich gestalten wie jene Wolken, daß der Mensch an der Zeit hängt und glaubt, mit ihr eile alles vorüber, und das reine Licht, das durch die Zeiten bricht, wie der Mond durch die fliehenden Wolken, das anerkennt er nicht. –

O ja doch! – Erkenne meine Liebe und denke, daß, da die Zeit vorübereilt, sie doch das eine hat, daß im flüchtigen Moment sich eine Ewigkeit erfassen lasse.

*

Schon lange ist Mitternacht vorüber, da lag ich im Fenster bis jetzt, und da ich mich umsehe, ist das Licht tief herabgebrannt.

Wo war ich so tief in Gedanken, – ich hab' gedacht, Du schläfst, und hab' über den Fluß gesehen, wo die Leute Feuer angezündet haben bei ihrem Linnen, das auf der Bleiche liegt, und hab' ihren Liedern zugehört, die sie singen, um wach zu bleiben; – ich wache auch und denke an Dich, es ist ein groß Geheimnis der Liebe, dies immerwährende Umfassen Deiner Seele mit meinem Geist, und es mag wohl manches daraus entstehen, was keiner ahnt.

Ja, Du schläfst! Träumst Du? Und ist es Dir wahr, was Du träumst? – Wie mir, wo ich zu Deinen Füßen sitze und sie im Schoß halte, und der Traum mir selbst die Zügel hält, daß ich nichts denke als nur dies, daß ich in Deiner Nähe bin?

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Liebster! Gestern war ich tief bewegt und war sehnsüchtig, weil man viel über Dich gesprochen hat, was nicht wahr ist, da ich Dich besser kenne. Durch das Gewebe Deiner Tage zieht sich ein Faden, der sie mit dem Überirdischen verbindet. Nicht durch jedes Dasein schlingt sich ein solcher Faden, und jedes Dasein zerfällt ohne diesen.

Daß Dein Dasein nicht zerfalle, sondern daß alles ewige Wirklichkeit sei, das ist, wonach ich verlange; Du, der Du schön bist, und dessen Gebärden gleichfalls schön sind, weil sie Geist ausdrücken: Schönheit begreifen, heißt das nicht Dich lieben? Und hat die Liebe nicht die Sehnsucht, daß Du ewig sein mögest? Was kann ich vor Dir, als nur Dein geistig Bild in mich aufnehmen! – Ja sieh, das ist mein Tagwerk, und was ich anders noch beginne – es muß alles vor Dir weichen. Dir im Verborgnen dienen in meinem Denken, in meinem Treiben, Dir leben, mitten im Gewühl der Menschen oder in der Einsamkeit Dir gleich nahe stehen; eine heilige Richtung zu Dir haben, ungestört, ob Du mich aufnimmst oder verleugnest.

Die ganze Natur ist nur Symbol des Geistes; sie ist heilig, weil sie ihn ausspricht; der Mensch lernt durch sie den eignen Geist kennen, daß der auch der Liebe bedarf; daß er sich ansaugen will an den Geist, wie seine Lippe an den Mund des Geliebten. Wenn ich Dich auch hätte, und ich hätte Deinen Geist nicht, daß der mich empfände, gewiß das würde mich nie zu dem ersehnten Ziel meines Verlangens bringen.

Wie weit geht Liebe? Sie entfaltet ihre Fahnen, sie erobert ihre Reiche im Freudejauchzen, im Siegestoben eilt sie ihrem ewigen Erzeuger zu. – So weit geht Liebe, daß sie eingeht, von wo sie ausgegangen ist.

Und wo zwei ineinander übergehen, da hebt sich die Grenze des Endlichen zwischen ihnen auf. Aber soll ich klagen, wenn Du nicht wieder liebst? – Ist dies Feuer nicht in mir und wärmt mich? – Und ist sie nicht allumfassende Seligkeit, diese innere Glut? –

Und Wald, Gebirg und Strand am Fluß, sonnebeglänzt, lächeln mir entgegen, weil mein Herz, weil mein Geist ewigen Frühling ihnen entgegenhaucht.

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Ich will dich nicht verscherzen, schöne Nacht, wie gestern; ich will schlafen gehen in deinen Schoß; du wiegst mich dem Morgenlicht entgegen, und die frischgeweckten Blumen pflücke ich dann mir zur Erinnerung an die Träume der Nacht. So sind freundliche Küsse, wie diese halberschloßnen Rosen, so – leises Flüstern wie der Blütenregen, so wanken die Gedanken wie die bewegten Blumen im Gras; so träufelt Zähre auf Zähre, die das Auge füllen mit Übermaß vom Glück, wie die Regentropfen von den Ästen niederperlen, und so schlägt das sehnende Herz, wie die Nachtigall schlägt, vom Morgenrot begeistert; sie jubelt, weil sie liebt, sie seufzt aus Liebe, sie klagt um Liebe; drum süße Nacht: schlafen! Dem Morgenrot entgegen schlafen, das mir bringt die süßen Früchte all, die der Liebe reifen.

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Freund! Sie ist nicht erfunden diese innere Welt, sie beruht auf Wissen und Geheimnis, sie beruht auf höherem Glauben; die Liebe ist der Weltgeist dieses Inneren, sie ist die Seele der Natur.

Gedanken sind in der geistigen Welt, was Empfindung in der sinnlichen Welt ist; es ist Sinnenlust meines Geistes, der mich an Dich fesselt, daß ich an Dich denke; es bewegt mich tief, daß Du bist, in diese sinnliche Welt geboren bist. Daß Deine sinnliche Erscheinung Zeugnis gibt von der Ahnung, von der Offenbarung, die ich von Dir habe.

Liebe ist Erkenntnis; ich kann Dich nur genießen im Denken, das Dich verstehen, empfinden lernt; wenn ich Dich aber einmal ganz verstehe, gehörst Du dann mein? – Kannst Du irgendwem gehören, der Dich nicht verstände? Ist Verstehen nicht süßes, sinnliches Übergehen in den Geliebten? – Eine einzige Grenze ist, sie trennt das Endliche vom Unendlichen; Verstehn hebt die Grenze auf; zwei, die einander verstehen, sind ineinander unendlich; – Verstehen ist lieben; was wir nicht lieben, das verstehen wir nicht; was wir nicht verstehen, ist nicht für uns da.

Da ich Dich aber haben möchte, so denke ich an Dich, weil Denken Dich verstehen lernt.

*

Wenn ich nicht ganz bin, wie Du mich lieben müßtest, so ist mein Bewußtsein von Dir vernichtet. Das aber fördert mich, bringt mich Dir näher, wenn auch mein sinnliches Handeln, mein äußeres Leben sich im Rhythmus der Liebe bewegt; wenn nichts Einfluß auf mich hat als das Gefühl, daß ich Dein gehöre, durch eignen freien Willen Dir gewidmet bin.

Ich hab' Dich nicht in diesem äußeren Leben; andere rühmen sich Deiner Treue, Deines Vertrauens, Deiner Hingebung; ergehen sich mit Dir im Labyrinth Deiner Brust; die Deines Besitzes gewiß sind, die Deiner Lust genügen.

Ich bin nichts, ich habe nichts, dessen Du begehrst; kein Morgen weckt Dich, um nach mir zu fragen; kein Abend leitet Dich heim zu mir; Du bist nicht bei mir daheim.

Aber Vertrauen und Hingebung hab' ich in dieser Innenwelt zu Dir; alle wunderbaren Wege meines Geistes führen zu Dir; ja sie sind durch Deine Vermittlung gebahnt.

*

Am frühsten Morgen auf dem Johannisberg. Das Sonnenlicht stiehlt sich durch diese Büsche in meinen Schoß und spielt unter dem Schatten der bewegten Blätter. Warum kam ich denn heute schon vor Tag hier herauf? Hier, wo die Ferne sich vor mir auftürmt und ins Unendliche verliert.

Ja, so geht es weiter und immer weiter; die Länder steigen hintereinander am Horizont auf, und wir glauben auf Bergeshöhen am Himmelsrand zu steigen; da breiten sich fruchtbeladne Tale vor uns aus, von dunklen Hügelwänden umschlossen, und die Lämmer weiden hier wie dort.

Und wie die Berge hintereinander aufsteigen, so die Tage, und keiner ist der letzte vor dem, der eine Ewigkeit entfaltet.

Wo ist der Tag, die Stunde, die mich aufnimmt, wie ich Dich, spielender Sonnenschein? – Wiedersehn, nimm mich auf! – Du! auf meines Lebens Höhen gelagert, von himmelreinen Lüften umwebt, nimm mich auf in Deinen Schoß; laß den Strahl der Liebe, der aus meinem Aug' hervorbricht, in Deinem Busen spielen, wie dieser Morgensonnenstrahl in meinem Aug'.

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Gestern hab' ich mich gesehnt; ich dachte jeden Augenblick, er sei mir verloren, weil ich Dich nicht hatte.

Dich haben einen Augenblick, wie selig könnte mich das machen.

Wie reich bist Du, da Du so beseligen kannst, Ewigkeiten hindurch mit jedem Augenblick!

Gestern war es früher Morgen, da ich Dir schrieb; ich hatte Buch und Schreibzeug mit und ging noch vor Tag das Tal entlang, das von beiden Seiten eng in Bergwände eingelagert ist; da rieseln die Bäche nieder ins sanfte Gras und lallen wie Wiegenliedchen. Was sollt' ich machen? Es war mir im Herzen, auf der Lippe und im tränenschwellenden Auge; ich mußte Dir's klagen, ich mußte Dir's wehmütig vorhalten, daß ich Dich nicht habe, und da war die Sonne so freundlich; da rauschte es, da bewegte sich's hinter mir; – war es ein Wild? War's ein Anklang aus der Ferne? Ich stieg rasch aufwärts, ich wollte Dich ereilen, und auf der Höhe da öffnete sich dem Blick die weite Ferne; die Nebel teilten sich, es war mir, als trätest Du meinen Bitten entgegen geheimnisvoll, schautest mich an und nähmst mich auf an Deinem mir unerforschten Busen.

Jeder ewige Trieb, er erwirbt und erreicht, er ist außer der Zeit. – Was hab' ich zu fürchten? Diese Sehnsucht, ist sie vergänglich, so wirst Du mit ihr verschwinden; ist sie es nicht, so wird sie erreichen, wonach sie strebt, und schon jetzt hab' ich ihr eine Innenwelt, mannigfaltig und eigentümlich, zu verdanken; Wahrnehmungen und Gedanken nähren mich, und ich fühle mich in einem innig lebendigen Einverständnis mit Deinem Geist.

Die Natur ist kindlich, sie will verstanden sein, und das ist ihre Weisheit, daß sie solche Bilder malt, die der Spiegel unserer inneren Welt sind, und wer sie anschaut, in ihre Tiefen eingeht, dem wird sie die Fragen innerer Rätsel lösen; wer sich ihr anschmiegt, der wird sich in ihr verstanden fühlen; sie sagt jedem die Wahrheit, dem Verzweifelnden wie dem Glücklichen. Sie beleuchtet die Seele und bietet ihren Reichtum dem Bedürftigen; sie reizt die Sinne und entzückt den Geist durch übereinstimmende Bedeutung.

Ich glaube auch von Dir, daß Du dies manchmal empfunden hast, wenn Du allein durch Wälder und Täler streifst; oder wenn Du vom Schattenlager die weite Ebene am Mittag überschaust, dann glaub' ich, daß Du die Sprache der Stille in der Natur verstehst; ich glaub', daß sie mit Dir Gedanken wechselt, daß Du in ihr Deine höhere Natur gespiegelt empfindest, und wenn auch schmerzlich oft durch sie erschüttert, so glaub' ich doch nicht, daß Du Dich vor ihr fürchtest wie andere Menschen.

Solang' wir Kinder sind im Gemüt, solang' übt die Natur Mutterpflege an uns; sie flößt Nahrung ein, von der der Geist wächst, dann entfaltet sie sich zum Genius; sie fordert auf zum Höchsten, zum Selbstverständnis, sie will Einsicht in die inneren Tiefen; und welcher Zwiespalt auch in diesem sein möchte, welcher Vernichtung auch preisgegeben, – das Vertrauen in die höhere Natur, als in unseren Genius, wird die ursprüngliche Schönheit wieder herstellen. Das sag' ich heute vorm Schlafengehen zu Dir; zu Dir spreche ich hier, getrennt durch Länder und Flüsse, getrennt, weil Du meiner nicht denkst; und jeder, der es wüßte, der würde es Wahnwitz nennen; und ich rede zu Dir aus meiner tiefsten Seele, und ob Du schon mit Deinen Sinnen mich nicht wahrnimmst, so dringt mein Geist darauf, Dir alles zu sagen, hier aus der Ferne rede ich mit Dir, und mein ganzes sinnliches Leben ist mir nichts gegen diese Geistersprache. Du bist inmitten meines Innern, es ist nicht mehr eins, es ist zu zweien in mir geworden.

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Am Abend nach dem Gewitter, das vielleicht zu Dir gezogen ist.

Leg' Dich, brausendes Herz, wie der Wind sich legt, der die Wolken zerreißt; die Donner sind verrollt, die Wolken haben ausgeregnet, ein Stern nach dem andern geht auf.

Die Nacht ist ganz stille, ich bin ganz allein, die Ferne ist so weit, sie ist ohne Ende; nur da, wo ein Liebender wohnt, da ist eine Heimat und keine Ferne; wenn Du nun liebtest, so wüßt' ich, wo die Ferne aufhört.

Ja, leg' dich Herz! Tobe nicht, halt ruhig aus. Schmiege dich, wie die Natur sich schmiegt unter der Decke der Nacht.

Was hast du Herz? Fühlst du nicht? Ahnest du nicht? – Wie sich's auch füge und wende, die Nacht deckt dich und die Liebe.

Die Nacht bringt Rosen ans Licht. Wenn sich die Finsternis dem Lichte auftut, dann entfallen ihrem Schoß die Rosen.

Es ist freilich Nacht in dir, Herz. Dunkle geheimnisvolle Nacht webt Rosen, und ergießt sie alle, wenn's tagt, der Liebe zur Lust in den Schoß.

Ja, Seufzen, Klagen, das ist deine Lust; Bitten, Schmeicheln, nimmt das kein Ende, Herz?

Am Abend schreib' ich, wenn auch nur wenige Zeilen; es dauert doch bis spät in die Nacht.

Viel hab' ich zu denken, manche Zauberformel spreche ich aus, eh' ich den Freund in meinen Kreis banne. Und hab' ich Dich! – dann: – was soll ich da sagen? – Was soll ich Dir Neues erfinden, was sollen die Gedanken Dir hier auf diesen Blättern vortanzen?

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Am Rhein.

Hier in den Weinbergen steht ein Tempel; erbaut nach dem Tempel der Diana zu Ephesus.

Gestern im Abendrot sah ich ihn in der Ferne liegen; er leuchtete so kühn, so stolz unter den Gewitterwolken; die Blitze umzingelten ihn. So denke ich mir Deine leuchtende Stirne, wie die Kuppel jenes Tempels, unter dessen Gebälk die Vögel sich bargen, denen der Sturm das Gefieder aufblätterte; so stolz gelagert und beherrschend die Umgebung.

Heute morgen, obschon der Tempel eine Stunde Wegs von meiner Wohnung entfernt ist, weil ich am Abend Dein Bild in ihm zu sehen wähnte, dacht' ich hierher zu gehen und Dir hier zu schreiben. Kaum daß der Tag sich ahnen ließ, eilt' ich durch betaute Wiesen hierher. – Und nun leg' ich die Hand auf diesen kleinen Altar, umkreist von neun Säulen, die mir Zeugen sind, daß ich Dir schwöre.

Was Liebster? – Was soll ich Dir schwören? Wohl, daß ich Dir ferner getreu sein will, ob Du es achtest oder nicht? – Oder daß ich Dich heimlich lieben will, heimlich nur diesem Buch, und nicht Dir es bekennend? Treu sein kann ich nicht schwören, das ist zu selbständig, und ich bin schon an Dich aufgegeben und vermag nichts über mich; da kann ich für Treue nicht stehen. Heimlich Dich lieben, nur diesem Buch es bekennen? – Das kann ich nicht, das will ich nicht; dies Buch ist der Widerhall meiner Geheimnisse, und an Deiner Brust wird er anschlagen. O nimm ihn auf, trink ihn, lasse Dich laben; einen einzigen heißen Mittag gehe Dein Blick unter, trunken, ein einziges Mal, diesem glühenden klaren Liebeswein.

Was soll ich Dir schwören? –

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Heut' will ich Dir sagen, wie es gestern war: so unter Dach einer schöneren Vorwelt, vom tausendfarbigen Morgenlicht umwebt, die Hand auf diesem Altar, der früher wohl nie unter mystischen Beziehungen berührt war; Herr! – da war mein Herz auf eine wunderliche Weise befangen; – ich fragte Dich zum Scherz, in süßem Ernst: »Was soll ich schwören?« – Und da fragt' ich mich wieder: »Ist das die Welt, in der du lebst?« Und kannst du scherzen mit dir selbst, hier in der einsamen Natur, wo alles schweigt und feierlich Gehör gibt deiner innern Stimme? – Dort im fernen Gefild, wo die Lerche jubelnd aufsteigt, und am Gesimse des Tempels, wo die Schwalbe ihr Nest birgt und zwitschert? Und ich lehnte meine Stirne an den Stein, und dachte Dich; ich lief hinab ans Ufer und sammelte Balsamkräuter und legte sie auf den Altar; ich dachte: möchten die Blätter dieses Buchs voll Liebe einmal Deinem Geist duften, wie diese Kräuter dem Geist jener schönen Vorwelt, in deren Sinn der Tempel hier gebaut ist. – Dein Geist spricht ja die heilige Ordnung der Schönheit aus wie er, und ob ich ihm was bin, ob ich ihm was bleibe, das ist dann einerlei.

Ja, süßer Freund, ob ich Dir was bin: was soll ich danach fragen? – Weiß ich doch, daß die Lerche nicht umsonst jubelnd aufsteigt, daß der Morgenwind nicht ungefühlt in den Zweigen lispelt, ja daß die ganze Natur nicht unbegriffen in ihr Schweigen versunken ist; was sollt' ich zagen, von Dir nicht verstanden, nicht gefühlt zu sein? – Drum will ich nicht schwören, Dir etwas zu sein; es ist mir gewiß, daß ich Dir bin, was in einstimmender Schönheit ein Ton der Natur, eine geistige Berührung dieser sinnlichen Welt Dir sein kann.

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Im Juli.

Diese Tage, diese Gegenden, sie tragen das Antlitz des Paradieses. Die Fülle lacht mich an in der reifenden Frucht, das Leben jauchzt in mir, und einsam bin ich wie der erste Mensch; und ich lerne wie dieser herrschen und gebieten dem Glück: daß die Welt soll sein, wie ich will. Ich will es, daß Du mich selig machest, nur weil ich Dich weiß und kenne, und weil Dein sittlich Gefühl der Raum ist meiner geistigen Schöpfungen; in Dich hinein nur kann ich ja diese Welt der Gefühle legen, Dir nur kann ich diese Phänomene einer erhöhten Rührung erscheinen lassen. – Deine Schönheit ist Güte, die mich nährt, schützt, mir lohnt, mich tröstet und mir den Himmel verheißt; kann ein Christ besser organisiert sein als ich?

Ich sitze nun einmal mitten in dieser reichen Natur, mit Herz und Seele; so muß ich denn immer wieder von diesem Doppelgespann schreiben.

Heute war ich in einem andern Tempel, der an der Höhe liegt und den herrlichsten deutschen Fluß in seiner glorreichsten Pracht beherrscht, wo man unzählige Orte und Städte sieht, die an seinen Ufern in seinen Gauen weiden. In diesem sonnenhellen Himmel liegen sie da wie ruhende Herden.

Was soll mir diese Pracht der Natur? Was soll mir dies wimmelnde Leben, diese mannigfaltige Geschäftigkeit, die sich durch die bunten Fluren zieht? – Es eilen die Schifflein hin und her aneinander vorüber, jedes hat seiner Reise Ziel. – Wie jener Schiffe eines hast auch Du Dein Ziel; und es geht an mir vorüber, rasch wie des Glücklichen Bahn schneller am Pfad des einsam Verlaßnen vorüber fährt. Und ich höre dann nicht mehr von Dir, daß Du nach mir fragst; und Deinem Gedächtnis verhallen, wie meine Seufzer, so die Spuren der Erinnerung.

So dacht' ich, dort auf der Höhe im Tempel, wie ich niedersah in das allseitig ausgebreitete Treiben der Menschen; wie ich mir überlegte, daß neue Interessen Dich jeden Augenblick aufnehmen können und mich gänzlich aus Deiner Welt bannen. Und ich hörte die Wellen brausen in der Tiefe, und Gevögel umflatterte meinen Sitz, der Abendstern winkte, daß ich heimgehen möge. Um so näher dräng' ich mich jetzt an Dich: o öffne Deinen Busen und lasse mich ausruhen von der tränenbewegten Ahnung, ich sei Dir nichts, ich sei Dir vergessen. O nein, vergesse mich nicht, nimm mich, halt mich fest und lasse die Stille um uns her den Segen sprechen über uns.

*

Du hast mir's beim Abschied damals gesagt, Du hast mir's abgefordert, ich möge Dir alles schreiben, und genau, was ich denke und fühle, und ich möchte gern; aber Liebster, die wunderlichen Wege, die mit dämmernder Fackel der Verstand kaum beleuchtet, wie soll ich die Dir beschreiben? – Diese Träume meines Glückes (denn glücklich träum' ich mich), sie sind so stürmisch, so wunderlich gelaunt, es ist so unscheinbar, was ich mir manchmal ersinne.

Mein Glück ' wie ich's mir denke, wie soll ich Dir's beschreiben? Sieh die Mondessichel am wolkenlosen Himmel und die breitästige, reich belaubte Linde; denke! Sieh unter ihrem flüsternden Laub, die flüsternd auch, einander umfassen, die beiden; wie einer den andern bedarf und feurig liebend an ihm hinauf reicht, wie jener mit freundlichem Willen sich ihm neigt und diesem Flüstern der Liebe Gehör gibt; und denke noch: die Mondessichel, die Sterne müßten nicht untergehen, bis diese Seelen, ineinander gesättigt, ihre Schwingen ausbreiten und höheren Welten zufliegen.

Dies spräche heute mein Glück aus, o lieber Freund, es spräche es einmal in vollem umfassenden Sinn aus.

So wie das Aug' die Schönheit erfaßt, so auch der Geist; er umfasset den Inbegriff der innern Schönheit wie der äußern, mit Schmeichelworten bringt er beide in Einklang, und der Leib wirkt magisch auf den Geist, der so schmeichelt, und so dieser auf ihn zurück, daß beide ineinander aufblühen, und das nennen wir begeisternde Schönheit. Mein Freund, das ist das Flüstern der Liebe, wenn Liebende einander sagen, daß sie schön sind.

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Wo ist denn der Ruhesitz der Seele? Wo fühlt sie sich beschwichtigt genug, um zu atmen und sich zu besinnen? – Im engen Raum ist's, im Busen des Freundes; – in Dir heimatlich sein, das führt zur Besinnung.

Ach, wie wohl ist mir, wenn ich ganz wie ein Kind in Deiner Gegenwart spielen darf; wenn alles, was ich beginne, von dem Gefühl Deiner Nähe geheiligt ist; und daß ich mich ergehen kann in Deiner Natur, die keiner kennt, keiner ahnet. – Wie schön ist's, daß ich allein mit Dir bin, dort, wo die Sterne sich spiegeln in der klaren Tiefe Deiner Seele.

Gönne es mir, daß ich so meine Welt in Dir eingerichtet habe; vernichte nicht mit Deinem Willen, was Willkür nie erzeugen könnte.

Ich küsse Deiner Füße Spuren und will mich nicht hereindrängen in Deine Sinnenwelt, aber sei mit mir in meiner Gedankenwelt; lege freundlich die Hand auf das Haupt, das sich beugt, weil es der Liebe geweiht ist.

Der Wind rasselt am Fenster; welche Länder hat er schon durchstreift? Wo kommt er her? Wie schnell hat er die Strecke von Dir zu mir durchflogen? Hat er keinen Atemzug, in seinem Rasen und Toben, keinen Hauch von Dir mit fortgerissen?

Ich habe den Glauben an eine Offenbarung des Geistes; sie liegt nicht im Gefühl, im Schauen oder im Vernehmen; sie bricht hervor aus der Gesamtheit der auffassenden Organe; wenn die alle der Liebe dienen, dann offenbaren sie das Geliebte; sie sind der Spiegel der inneren Welt.

Ein Dasein im Geliebten haben ohne einen Standpunkt sinnlichen Bewußtseins, was kann mächtiger uns von unserer geistigen Macht und Unendlichkeit überzeugen? –

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Sollte ich Dir heute nichts zu sagen haben? – Was stört mich denn heute am frühen Morgen? Vielleicht, daß die Sperlinge die Schwalben hier aus dem Nest unter meinem Fenster vertrieben haben? – Die Schwalben sind geschwätzig, aber sie sind freundlich und friedlich; die Sperlinge argumentieren, sie behaupten und lassen sich ihren Witz nicht nehmen. Wenn die Schwalbe heimkehrt von den Kreisflügen um ihre Heimat, dann ergießt sich die Kehle in lauter liebkosende Mitteilung, ihr gegenseitiges Gezwitscher ist das Element ihrer Liebeslust, wie der Äther das Element ihrer Weltanschauung ist. Der Sperling fliegt da und dorthin, er hat sein Teil Eigensucht, er lebt nicht wie die Schwalbe im Busen des Freundes.

Und nun ist die Schwalbe fort, und der Sperling hat ihren Wohnsitz, wo süße Geheimnisse und Träume ihre Rollen spielten.

Ach! – Du! Meine schlüpfrige Feder hätte schier Deinen Namen geschrieben, während ich im Zorn bin, daß die Schwalbe vom Sperling verjagt ist. – Ich bin die Schwalbe, wer der Sperling ist, das magst Du wissen, aber ich bin wahrhaftig die Schwalbe.

*

Um Mitternacht.

Gesang unter meinem Fenster; sie sitzen auf der Bank an der Haustür; der Mond, wie er mit den Wolken spielt, hat sie wohl zum Singen gebracht, oder auch die Langeweile der Ruhe; die Stimmen verbreiten sich durch die Einsamkeit der Nacht, da hört man nichts als nur das Plätschern der Wellen am Ufer, die die langen gehaltenen Intervalle dieses Gesangs ausfüllen.

Was ist dieser Gesang für mich? Warum bin ich in seine Gewalt gegeben, daß ich mich der Tränen kaum enthalte? – Es ist ein Ruf in die Ferne; wärst Du jenseits, wo seine letzten Töne verhallen, und empfändest den Ausdruck der herzlichen Sehnsucht, den er in mir aufgeregt hat, und wüßtest, daß in Dir das Glück der Befriedigung läge!

Ach schlafen! Nicht mehr dem Gesang zuhören, da ich doch aus der Ferne nicht das Echo des Gleichgestimmten vernehme!

Es ist wenig, was ich Dir hier mitteile: eintöniger Gesang, Mondesglanz, tiefe Schatten, geistermäßige Stille, Lauschen in die Ferne, das ist alles, und doch – es gibt nichts, was ein volles Herz Dir mehr zu bieten vermöchte!

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Freund! Morgendämmerung weckt mich schon, und ich habe doch gestern tief in die Nacht hinein gewacht. Freund! Süßer! Geliebter! Es war eine kurze Zeit des Schlafs, denn ich hab' von Dir geträumt; im Wachen oder im Traum, mit Dir, da eilen die Rosse unbändig. Drum pocht das Herz und Wange und Schläfe erhitzt, weil die Zeit so rücksichtslos auf die seligen Minuten vorüberjagt. Wenn die Angst um die Flucht des Besitzes nicht wär', wie wär' da Lieb und Lust ein tiefer Friede, ein Schlaf, ein Behagen der Ruhe! Wenn wir an Gräbern vorübergehen und uns besinnen, wie sie da verdeckt liegen und beschwichtigt die pochenden Herzen, dann befällt uns feierliche Rührung; wenn aber die Liebe sich einsenken könnte zu zweien, wie sie es bedarf, so tief abgeschieden wie im Grab, und wenn auch die Weltgeschichte über die Stätte hintanzte, – was ging' sie uns an? – Ja, das kann ich wohl fragen, aber Du nicht.

Was ich träumte? Wir standen aneinander gelehnt im nächtlichen Dämmerlicht, das Sternenlicht spiegelte sich in Deinen Augen. Traumlicht, Sternenlicht, Augenlicht spiegelten ineinander. – Dies Auge, das hier folgt den Zeilen, die meine Hand an Dich schreibt, in ungemessene Ferne, – denn ach wie fern Du mir bist, das kann ja doch nur Dein Herz entscheiden – dies Auge sah heute nacht in Deinem Auge den Schein des Mondes sich spiegeln.

Ich träumte von Dir; Du träumtest mit mir; Du sprachst; ich empfinde noch den Ton Deiner Stimme; was Du sagtest, weiß ich nicht mehr; Schmeichelreden waren's, denn mit Deinen Reden gingen Schauer von Wollust durch mich.

Gott hat alles gemacht, und alles aus Weisheit und alle Weisheit für die Liebe, und doch sagen sie, ein Liebender sei toll!

Weisheit ist die Atmosphäre der Liebe, der Liebende atmet Weisheit, sie ist nicht außer ihm, nein, – sein Atem ist Weisheit, sein Blick, sein Gefühl, und dies bildet seinen Nimbus, der ihn absondert von allem, was nicht der Wille der Liebe ist, der Weisheit ist.

Weisheit der Liebe gibt alles, sie lenkt die Phantasie im Reich der Träume und schenkt der Lippe die süße Frucht, die ihren Durst löscht, während die Unbegeisterten sich nach dem Boden umtun, dem sie den Samen anvertrauen möchten, aus dem ihr Glück reifen könnte, um das sie ihre Vorsicht betrügt.

Ich aber sauge Genuß aus diesen Träumen, aus diesen Wonnen, die mir ein Wahn von Schmerz, ein eingebildetes Glück erregt; und die Weisheit, die meiner Begeistrung zuströmt; sie schifft mich auf ihren hohen stolzen Wellen, weit über die Grenze des gemeinen Begriffs, den wir Verstand nennen, und weit über den Beruf der irdischen Lebensbahn, auf der wir unser Glück suchen.

Wie schön, daß die Weisheit der Liebe wirklich meine Träume beherrscht, daß der Gott das Steuer lenkt, wo ich keinen Willen habe, und mich im Schlaf da hinüberschifft zum Ziel, um das ich, es zu erreichen, immer wachen möchte. Warum träumst Du nicht auch von mir? Warum rufst Du mich nicht an Deine Seite? Warum mich nicht in Deinem Arm halten und freundlich Deinen Blick in meinen tauchen?

Du bist ja hier; diese sonnigen Pfade, sie schlingen sich durcheinander und führen endlich auch zu Dir, o wandle auf ihnen; ihre labyrinthischen Verkettungen: sie lösen sich vielleicht auf, da, wo Dein Blick den meinen trifft, wie das Rätsel meiner Brust, da, wo Dein Geist den meinen berührt.

*

Heute las ich in diesen Blättern; lauter Seufzen und Sehnen.

Wie würde ich beschämt vor Dir stehen, wenn Du in diesem Buch läsest! So bleibt es denn verborgen und nur zu eigner Schmach geschrieben? – Nein, ich muß an Dich denken und glauben, daß dies alles einmal an Deinem Geist vorüberzieht; wenn es auch manchmal in mir ist, als wollt' ich Dich fliehen; Dich und diese seltsame Laune der Sehnsucht; Laune muß ich sie nennen, denn sie will alles und begehrt nichts. Aber dieses Abwenden von Dir wird doppelter Reiz; da sprengt mich's hinaus, die Berge hinan, noch im ersten Frührot, als könnt' ich Dich erjagen, und was ist das Ende? Daß ich mich wieder zum Buch wende. Nun, was hat's denn auf sich? Die Tage gehen vorüber so oder so, und was könnt' ich versäumen, wenn ich in diesen Blättern mich sammle?

*

Heute war ich früh draußen, ich ging den ersten Feldweg, die Feldhühner schreckten vor mir auf, so früh war's noch; die Wiesen lagen da im Morgenglanz, übersponnen mit Fäden, an denen die Tauperlen aufgereiht waren.

Manchmal hält die Natur Dir die Wage, und ich empfinde die Wahrheit der Worte: »Weg du Traum, so gold' du bist, hier auch Lieb und Leben ist.« So ein Gang, wenn ich wieder unter die Menschen komme, macht mich einsam.

Ach, die zahmen Menschen, ich verstehe ihren Geist nicht. Geist lenkt, er deutet, er fliegt voran auf immer neuen Wegen oder er kommt entgegen wie die Leidenschaft und senkt sich in die Brust und regt sich da. Geist ist flüchtig wie Äther, drum sucht ihn die Liebe, und wenn sie ihn erfaßt, dann geht sie in ihm auf. Das ist meine List, daß die Liebe dem Geist nachgeht.

Dir geh' ich nach auf einsamen Wegen, wenn's still und ruhig ist, dann lispelt jedes Blatt von Dir, das vom Wind gehoben wird, da lasse ich meine Gedanken still stehen und lausche, da breiten sich die Sinne aus wie ein Netz, um Dich zu fangen, es ist nicht der große Dichter, nicht Dein weltgepriesener Ruhm! In Deinen Augen liegt's, in dem nachlässigen und feierlichen Bewegen Deiner Glieder, in den Schwingungen Deiner Stimme, in diesem Schweigen und Harren, bis die Sprache aus der Tiefe Deines Herzens sich zum Wort entfaltet; wie Du gehst und kommst und Deinen Blick über alles schweifen läßt, dies ist es und nichts anders, was mich erfreut, und keine glänzende Eigenschaft kann diese Leidenschaft erregenden Zeichen überwiegen.

Da streif' ich hin zwischen Hecken, ich dräng' mich durch's Gebüsch, die Sonne brennt, ich leg' mich ins Gras, ich bin nicht müde, aber weil meine Welt eine Traumwelt ist. Es zieht mich hinüber nur Augenblicke, es hebt mich zu Dir, den ich nicht mit Menschen vergleiche. – Mit den Streiflichtern und ihren blauen Schatten, mit den Nebelwolken, die am Berg hinziehen, mit dem Vögelgeräusch im Wald, mit den Wassern, die zwischen Gestein plätschern, mit dem Wind, der dem Sonnenlicht die belaubten Äste zuwiegt; mit diesem vergleich' ich Dich gern, da ist's, als wenn Deine Laune hervorbräche. – Das Summen der Bienen, das Schwärmen der Käfer trägt mir Deine Nähe zu, ja selbst das ferne Gebell der Hunde im Nachtwind weckt mir Ahnungen von Dir; wenn die Wolken mit dem Mond spielen, wenn sie im Licht schwimmen, verklärt: da ist alles Geist, und er ist deutlich aus Deiner Brust gehaucht; da ist's, als wendest Du Geist Dich mir entgegen und wärst zufrieden, von dem Atem der Liebe wie auf Wellen getragen zu sein.

Sieh! So lieb ich die Natur, weil ich Dich liebe, so ruh' ich gern in ihr aus und versenk' mich in sie, weil ich gern in Dein Andenken mich versenke.

Ach, da Du nirgends bist und doch da bist, weil ich Dich mehr empfinde als alles andere, so bist Du gewiß in diesem tausendfachen Echo meines Gefühls.

*

Ich weiß einen! Wie mit Kindeslächeln hat er sich mit der Weisheit, mit der Wissenschaft befreundet. Das Leben der Natur ist ihm Tempel und Religion; alles in ihr ist ihm Geisterblick, Weissagung, ein jeder Gegenstand in ihr ward ihm zum eigentümlichen Du, in seinen Liedern klingt die göttliche Lust, sich in allem zu empfinden, alle Geheimnisse in sich aufzunehmen, sich in ihnen verständlich zu werden.

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Wenn der Same in die Erde kommt, wird er lebendig, und dies Leben strebt in ein neues Reich, in die Luft. Wenn der Same nicht schon Leben in sich hätte, könnte es nicht in ihm erweckt werden, es ist Leben, was ins Leben übergeht. – Wenn der Mensch nicht schon Seligkeit in sich hätte, könnte er nicht selig werden. Der Keim zum Himmel liegt in der Brust wie der Keim zur Blüte im verschloßnen Samen liegt. – Die Seligkeit ist so gut ein Erblühen in einem höheren Element wie jene Pflanze, die aus dem Samen durch die Erde in ein höheres Element, in die Luft geboren wird. Alles Leben wird durch ein höheres Element genährt, und wo es ihm entzogen ist, da stirbt es ab.

Erkenntnis, Offenbarung ist Samen eines höheren Lebens, das irdische Leben ist der Boden, in dem er eingestreut ist, im Sterben bricht die ganze Saat ans Licht. Wachsen, blühen, Früchte tragen von dem Samen, den der Geist hier in uns gelegt hat, das ist das Leben nach dem Tod.

Du bist der Äther meiner Gedanken, sie schweben durch Dich hin und werden von Dir im Flug getragen wie die Vögel in der Luft.

An Dich denken, im Bewußtsein von Dir verweilen, das ist ein Ausruhen vom Flug, wie der Vogel ausruht im Nest.

Geist im Geist ist unendlich, aber Geist in den Sinnen, im Gefühl ist Unendliches im Endlichen erfaßt.

Meine Gedanken umschwärmen Dich wie die Bienen den blühenden Baum. Sie berühren tausend Blüten und verlassen eine, um die andre zu besuchen, jede ist ihnen neu;. so wiederholt sich auch die Liebe, und Wiederholung ist ihr neu.

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Liebe ist immerdar erstgeboren, sie ist ewig, ein einziger Moment Zeit ist ihr nichts, sie ist nicht in der Zeit, da sie ewig ist; sie ist, kurz, die Liebe. Ewigkeit ist eine himmlische Kürze.

Nichts Himmlisches geht vorüber, aber das Zeitliche geht vorüber am Himmlischen.

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Hier auf dem Tisch liegen Trauben im Duft und Pfirsich im Pelz und buntgemalte Nelken; die Rose liegt vorne und fängt den einzigen Sonnenstrahl auf, der durch die verschlossenen Fensterladen dringt. Wie glüht die Rose! Psyche nenne ich sie; – wie lockt das glühende Rot den Strahl in den innersten Kelch! Wie duftet sie; – hier lobt das Werk den Meister. Rose, wie lobst du das Licht! – Wie Psyche den Eros lobt. – Unendlich schön ist Eros, und seine Schönheit durchleuchtet Psyche wie das Licht die Rose. – Und ich, die da wähnt, von Deiner Schönheit ebenso durchleuchtet zu sein, trete vor den Spiegel, ob es mich auch wie sie verschönt.

Der Strahl ist dem Abend gewichen, die Rose liegt im Schatten, ich durchstreife Wald und Flur, und auf einsamen Wegen denk' ich an Dich, daß Du auch wie Licht mich durchdringst.

*

Sehnsucht und Ahnung liegen ineinander, eins treibt das andre hervor.

Der Geist will sich vermählen mit dem Begriff: ich will geliebt oder ich will begriffen sein, das ist eins.

Darum tut der Geist wohl, weil wir fühlen, wie aus dem irdischen Leben das geistige ins himmlische übergeht und unsterblich wird.

Die Liebe ist das geistige Auge, sie erkennt das Himmlische, es sind Ahnungen höherer Wahrheiten, die uns der Liebe begehren machen.

In Dir seh' ich tausend Keime, die der Unsterblichkeit aufblühen, ich mein', ich müsse sie alle anhauchen. – Wenn Geister einander berühren, das ist göttliche Elektrizität.

Alles ist Offenbarung; sie gibt den Geist, und dann den Geist des Geistes. Wir haben den Geist der Liebe, und dessen Geist ist der Liebe Kunst.

Alles ist nichtig, nur der Wille reicht drüber hinaus, nur der Wille kann göttlich sein.

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Wie begierig ist die Seele nach Wahrheit, wie durstet sie, wie trinkt sie! – Wie die lechzende Erde, die tausend Pflanzen zu nähren hat, den fruchtbaren Gewitterregen trinkt; die Wahrheit ist auch elektrisch Feuer wie der Blitz. – Ich fühl' den weiten wolkendurchjagten Himmel in meiner Brust; ich fühl' den feuchten Sturmwind in meinem Kopf; das weiche Heranrollen der Donner, wie sie steigen, mächtig, und das elektrische Feuer des Geistes begleiten. – Das Leben: eine Laufbahn, die mit dem Tod abschließt durch die Liebe, durch den Geist; ein geheim verborgen Feuer, das sich bei diesem Abschluß ins Licht ergießt.

Ja, elektrisch Feuer! Das glüht, das braust, die Funken, die Gedanken, die fahren zum Schornstein heraus.

Wer mich berührt im Gefühl meiner Geistigkeit, mit dem zusammen erbraust der Geist gewitterhaft und spielt im Pulsschlag der Stürme, im elektrischen Zittern der Luft. Das hab' ich gedacht, wie wir miteinander sprachen und Du meine Hand berührtest.

Geschrieben nach dem Gewitter, wie sich's nach dem Sturm noch einmal erhellen wollte und die Nacht dem nachträglichen Tag das Regiment abnahm.

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Schon manch Vorurteil hab' ich gelöst, so jung wie ich bin, wenn ich auch das eine lösen könnte, daß die Zeit nichts verjährt, Hunger und Durst werden auch nicht älter; so ist's auch mit dem Geist, in der Gegenwart bedingt er schon die Zukunft. Wer Ansprüche an die Zukunft macht, wer der Zeit voraneilt, wie kann der der Zeit unterworfen sein?

Ich habe bemerkt an den Bäumen, immer ist hinter dem abwelkenden Blatt schon der Keim einer zukünftigen Blüte verborgen; so ist auch das Leben im jungen, frischen, kräftigen Leib die nährende Hülle der Geistesblume; und wie sie welkt und abfällt in der irdischen Zeit, so drängt sich aus ihr hervor der Geist als ewige himmlische Blüte.

Wenn ich im späten Herbst im Vorübergehen das tote Laub von den Hecken streifte, da sammelte ich mir diese Weisheit ein; ich öffnete die Knospen, ich grub die Wurzeln aus, überall drängte sich das Zukünftige aus der gesamten Kraft des Gegenwärtigen hervor; so ist denn kein Alter, kein Absterben, sondern ewiges Opfern der Zeit an das neue junge Frühlingsleben, und wer sich der Zukunft nicht opferte, wie unglücklich wär' der! –

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Zum Tempeldienst bin ich geboren, wo mir nicht die Luft des Heiligtums heimatlich entgegenweht, da fühl' ich mich unsicher, als hab' ich mich verirrt.

Du bist mein Tempel, wenn ich mit Dir sein will, reinige ich mich von der alltäglichen Bedrängnis wie einer, der Feierkleider anlegt; so bist Du der Eingang zu meiner Religion.

Ich nenne Religion das, was den Geist auf der Lebensstufe des Augenblicks ergreift und im Gedeihen weiter bildet wie die Sonne Blüten und Früchte. Du siehst mich an wie die Sonne und fächelst mich an wie der Westwind, unter solchen Reizungen blühen meine Gedanken.

Diese Lebensepoche mit Dir zieht eine Grenze, die das Ewige umfaßt, weil alles, was sich innerhalb ihrer bildet, das Überirdische ausspricht, sie zieht einen Kreis um ein inneres Leben; nenne es Religion, Offenbarung, über alles, was der Geist Unermeßliches zu fassen vermag!

Was wacht, das weckt! Gewiß, in Dir wacht, was mich weckt. Es geht eine Stimme von Dir aus, die mir in die Seele ruft. – Was durch diese Stimme geweckt wird, ist Geheimnis; erwachtes Geheimnis ist Erleuchtung.

Manches sehe und fühl' ich, was schwer ist auszusprechen. Wer liebt, lernt wissen, das Wissen lehrt lieben, so wachse ich vielleicht in der Offenbarung, die jetzt noch Ahnung ist. Ich habe das Gefühl von dem Zeitpunkt an, wo mir's so freudig in die Sinne kam, meine Gedanken, mein geistiges Leben in Deinen Busen zu ergießen, als habe ich mich aus tiefem Schattental erhoben in die sonnigen Lüfte.

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In dem Garten, wo ich noch als Kind spazierte, da wuchs die Jungfrauenrebe hoch empor an plattem Gestein. Damals hab' ich oft ihre kleinen Samtrüssel betrachtet, mit denen sie sich anzusaugen strebt, ich bewunderte dies unzertrennliche Anklammern in jede Fuge, und wenn der Frühling erschöpft war und die Sommergluten dem jungen weichen Keimleben dieser zarten Pflanze einfeuerten, da fielen allmählich ihre zierlichen rotgefärbten Blätter zum Schmuck des Herbstes ins Gras. Ach, ich auch! Absterbend, aber feurig werd' ich von Dir Abschied nehmen; und diese Blätter werden wie jenes rote Laub auf dem grünen Rasen spielen, der diese Zeiten deckt.

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Ich bin nicht falsch gegen Dich; – Du sagst: »Wenn Du falsch bist, Du hättest keine Ehre davon, ich bin leicht zu betrügen.«

Ich will nicht falsch sein, ich frage nicht, ob Du falsch bist, sondern wie Du bist, will ich Dir dienen.

Den Stern, der dem Einsamen jeden Abend leuchtet, den wird er nicht verraten.

Was hast Du mir getan, was mich zur Falschheit bewegen könnte, alles, was ich an Dir verstehe, das beglückt mich; Du kannst weder Auge noch Geist beleidigen, und es hat mich weit über jede kleinliche Bedingung erhoben, daß ich Dir vertrauen darf; und aus dem tiefsten Herzen kann ich Dir immer nur den reinen Wein einschenken, in dem Dein Bild sich spiegelt.

Nicht wahr, Du glaubst nicht, daß ich falsch bin? –

Es gibt böse Fehler, die an uns hervorbrechen wie das Fieber; es hat seinen Verlauf, und wir empfinden in der Genesung, daß wir schmerzlich krank waren; aber Falschheit ist ein Gift, das sich in des Herzens Mitte erzeugt, könnte ich Dich nicht mehr in dieser Mitte herbergen, was sollte ich anfangen?

In meinen Briefen wollte ich Dir nichts sagen, aber hier im Buch, da lasse ich Dir die Hand in meine Wunde legen, und es tut weh, daß Du an mir zweifeln kannst; ich will Dir erzählen aus meinen Kindertagen, aus der Zeit, eh' ich Dich gesehen hatte. Wie mein ganzes Leben ein Vorbereiten war auf Dich; wie lange kenne ich Dich schon, wie oft hab' ich Dich gesehen mit geschlossenen Augen, und wie wunderbar war's, wie endlich die wirkliche Welt sich in Deiner Gegenwart an die lang gehegte Erwartung anschloß.

*

In den hängenden Gärten der Semiramis bin ich erzogen, ich glattes, braunes, feingegliedertes Rehchen, zahm und freundlich zu jedem Liebkosenden, aber unbändig in eigentümlichen Neigungen. Wer konnte mich vom glühenden Fels losreißen in der Mittagssonne? – Wer hätte mich gehemmt die steilsten Höhen zu erklettern und die Gipfel der Bäume? Wer hätte mich aus träumender Vergessenheit geweckt mitten unter den Lebenden oder meine begeisterten Nachtwanderungen gestört auf nebelerfülltem Pfad! – Sie ließen mich gewähren, die Parzen, Musen und Grazien, die da alle eingeklemmt waren im engen Tal, das vom Geklapper der Mühlen dreifaches Echo in den umgrenzenden Wald rief, vom Goldsandfluß durchschnitten, dessen Ufer jenseits eine Bande Zigeuner in Pacht hatte, die nachts im Wald lagerten und am Tag das Gold fischten, diesseits aber durch die Bleicher benutzt war und durch die wiehernden Pferde und Esel, die zu den Mühlen gehörten. Da waren die Sommernächte, mit Gesang der einsamen Wächter und Nachtigallen durchtönt, und der Morgen, mit Geschrei der Gänse und Esel begonnen; da machte die Nüchternheit des Tags einen rechten Abschnitt von dem Hymnus der Nacht.

Manche Nächte hab' ich da im Freien zugebracht, ich kleines Ding von acht Jahren; meinst Du, das war nichts? – Mein Heldentum war's, denn ich war kühn und wußte nichts davon. Die ganze Gegend, soweit ich sie ermessen konnte, war mein Bett; ob ich am Ufersrand von Wellen umspült oder auf steilem Fels vom fallenden Tau durchnäßt schlief, das war mir einerlei. Aber Freund! Wenn die Dämmerung wich, der Morgen seinen Purpur über mir ausbreitete und mich, nachdem ich dem Gesang der steigenden Lerche schon im Traum gelauscht hatte, unter tausendfachem Jubel aller befiederten Kehlen weckte, was meinst Du, wie ich mich fühlte? – Nichts geringer als göttlicher Natur fühlt' ich mich, und ich sah herab auf die ganze Menschheit. Solcher Nächte zwei erinnere ich mich, die schwül waren, wo ich aus den beklommenen Schlafsälen zwischen den Reihen von Tiefschlafenden mich schlich und hinaus ins Freie eilte und mich die Gewitter überraschten und die breite blühende Linde mich unter Dach nahm; die Blitze feuerten durch ihre tiefhängenden Zweige; dies urplötzliche Erleuchten des fernen Waldes und der einzelnen Felszacken erregte mir Schauer, ich fürchtete mich und umklammerte den Baum, der kein Herz hatte, was dem meinen entgegenschlug.

O lieber Freund! Hätte ich nun den lebendigen Pulsschlag gefühlt unter dieses Baumes Rinde, dann hätte ich mich nicht gefürchtet; dies kleine Bewegen, dies Schlagen in der Brust kann Vertrauen erregen und kann den Feigen zum Helden umwandeln; denn wahrlich! fühlt' ich Dein Herz an meinem schlagen und führtest Du mich in den Tod, ich eilte triumphierend mit Dir!

Aber damals in der Gewitternacht unter dem Baum, da fürchtete ich mich, mein Herz schlug heftig, das schöne Lied: »Wie ist Natur so hold und gut, die mich am Busen hält«, das konnte ich damals noch nicht singen, ich empfand mich allein mitten im Gebraus der Stürme, doch war mir so wohl, mein Herz ward feurig. Da läuteten die Sturmglocken des Klosterturms, die Parzen und Musen eilten im Nachtgewand mit ihren geweihten Kerzen in das gewölbte Chor, ich sah unter meinem sturmzerzausten Baum die eilenden Lichter durch die langen Gänge schwirren; bald tönte ihr »ora pro nobis« herüber im Wind, so oft es blitzte, zogen sie die geweihte Glocke an, so weit ihr Schall trug, so weit schlug das Gewitter nicht ein.

Ich allein jenseits der Klausur, unter dem Baum in der schreckenvollen Nacht! Und jene alle, die Pflegerinnen meiner Kindheit, wie eine verzagte verschüchterte Herde, zusammengerottet in dem innersten feuerfesten Gewölb' ihres Tempels, Litaneien singend um Abwendung der Gefahr. Das kam mir so lustig vor unter meinem Laubdach, in dem der Wind raste und der Donner wie ein brüllender Löwe die Litanei samt dem Geläut verschlang; an diesem Ort hätte keins von jenen mit mir ausgehalten, das machte mich stark gegen das einzige Schreckenvolle, gegen die Angst, ich fühlte mich nicht verlassen in der allumfassenden Natur. Der herabströmende Regen verdarb ja nicht die Blumen auf ihrem feinen Stengel, was sollte er mir schaden, ich hätte mich schämen müssen, vor dem Vertrauen der kleinen Vögel hätt' ich mich gefürchtet.

*

So hab' ich allmählich Zuversicht gewonnen und war vertraulich mit der Natur und hab' zum Scherz manche Prüfung bestanden, Sturm und Gewitter zog mich hinaus und das machte mich freudig; die heiße Sonne scheute ich nicht, ich legte mich ins Gras unter die schwärmenden Bienen mit Blütenzweigen im Mund und glaubte fest, sie würden meine Lippen nicht stechen, weil ich so befreundet war mit der Natur; und so bot ich allem Trotz, was andre fürchteten und in der Nacht, in schauerlichen Wegen im finstern Gebüsch, da lockte es mich hin, da war's überall so heimlich, und nichts war zu fürchten.

Oben im ersten und höchsten Garten stand die Klosterkirche auf einem Rasenplatz, der am felsigen Boden hinab grünte und mit einem hohen Gang von Trauben umgeben war, er führte zur Türe der Sakristei, vor dieser saß ich oft, wenn ich meine Geschäfte in der Kirche versehen hatte, denn ich war Sakristan, ein Amt, dem es oblag, den Kelch, in dem die geweihten Hostien bewahrt wurden, zu reinigen und die Kelchtücher zu waschen, dies Amt wurde nur dem Liebling unter den jungfräulichen Kindern vertraut, die Nonnen hatten mich einstimmig dazu erwählt. In dieser Türwölbung saß ich manchen heißen Nachmittag, links in der Ecke des Kreuzbaues das Bienenhaus unter hohen Taxusbäumen, rechts der kleine Bienengarten, bepflanzt mit duftenden Kräutern und Nelken, aus denen die Bienen Honig saugten. In die Ferne konnte ich von da sehen; die Ferne, die so wunderliche Gefühle in der Kinderseele erregt, die ewig eins und dasselbe vor uns liegt, bewegt in Licht und Schatten, und zuerst schauerliche Ahnungen einer verhüllten Zukunft in uns weckt; da saß ich und sah die Bienen von ihren Streifzügen heimkehren, ich sah, wie sie sich im Blumenstaub wälzten und wie sie weiter und weiter flogen in die ungemessene Ferne, wie sie im blauen sonnedurchglänzten Äther vorschwebten, und da ging mir mitten in diesen Anwandlungen von Melancholie auch die Ahnung von ungemessenem Glück auf.

Ja die Wehmut ist der Spiegel des Glücks; Du fühlst, Du siehst in ihr ausgesprochen ein Glück, nach dem sie sich sehnt. Ach und im Glück wieder durch allen Glanz der Freude durchschimmernd diese schmerzliche Wollust. Ja das Glück ist auch der Spiegel dieser aus unergründlichen Tiefen aufsteigenden Wehmut. Und jetzt noch, in der Erinnerung wie in den Kindertagen, füllt sich meine Seele mit jener Stimmung, die leise mit der Dämmerung hereinbrach und dann wieder nachgab, wenn das Sonnenlicht mit dem Sternenlicht gewechselt hatte und der Abendtau meine Haare losringelte. Die kalte Nachtluft stählte mich, ich buhlte, ich neckte mich mit den tausend Augen der Finsternis, die aus jedem Busch mir entgegen blitzten. Ich kletterte auf die Kastanienbäume, legte mich so schlank und elastisch auf ihre Äste; wenn dann der Wind durchschwirrte und jedes Blatt mich anflüsterte da war's, als redete sie meine Sprache. Am hohen Traubengeländer, das sich an die Kirchenmauer anlehnte, stieg ich hinauf und hörte die Schwalben in ihrem Nestchen plaudern; halb träumend zwitschern sie zwei-, dreisilbige Töne, und aus tiefer Ruhe seufzt die kleine Brust einen süßen Wohllaut der Befriedigung. Lauter Liebesglück, lauter Behagen, daß ihr Bettchen von befreundeter Wärme durchströmt ist.

O Weh über mich, daß mir im Herzen so unendlich weh ist, bloß weil ich dies Leben der Natur mit angeschaut hab' in meinen Kindertagen; diese tausendfältigen Liebesseufzer, die die Sommernacht durchstöhnen, und inmitten dieser ein einsames Kind, einsam bis ins innerste Mark, das da lauscht ihren Seligkeiten, ihrer Inbrunst, das in dem Kelch der Blumen nach ihren Geheimnissen forscht, das ihren Duft in sich saugt wie eine Lehre der Weisheit, das erst über die Traube den Segen spricht, ehe es sie genießt.

Aber da war ein hoher Baum mit feinen phantastischen Zweigen, breiten Sammetblättern, die sich wie ein Laubdach ausdehnten; oft lag ich in seiner kühlen Umwölbung und sah hinauf, wie das Licht durch ihn äugelte, und da lag ich mit freier Brust in tiefem Schlaf; ja mir träumte von süßen Gaben der Liebe, gewiß, sonst hätte ich den Baum nicht sogleich verstanden, da ich erwachte, weil eben die reife Frucht sich von seinen Zweigen gelöst hatte und im Fallen auf meine Brust ihr Saft mich netzte; dies schöne dunkle überreife Blut der Maulbeere, ich kannte sie nicht, ich hatte sie nie gesehen, aber mit Zutrauen verzehrten sie meine Lippen wie Liebende den ersten Kuß verzehren. Und es gibt Küsse, von denen fühl' ich, sie schmecken wie Maulbeeren.

Sag', sind das Abenteuer? – und würdig, daß ich sie Dir erzähle?

*

Und soll ich Dir noch mehr erzählen von diesen einfachen Ereignissen, die so gewöhnlich sind wie der Atem, der die Brust hebt, und doch fanden sie auf der reinen, noch unbeschriebenen Tafel der Erinnerung einen unverlöschbaren Eindruck. Sieh, wie dem Kind in den Windeln die ganze sinnliche Natur zur Nahrung seiner Kräfte gedeiht, bis es mannbar wird und mit seinen Gliedern das Pferd und das Schwert regiert, so gedeiht auch das Empfinden der Geistigkeit des Naturlebens zur Nahrung des Geistes. Nicht jetzt noch würde ich jene Sonnenstrahlen mit dem Auge der Erinnerung auffangen, nicht mich der Wolkenzüge als erhabener Begebnisse erinnern, die Blumen der verschwundenen Frühlinge würden mir nicht heute noch mit ihren Farben und Formen zulächeln, und die reifen Früchte, denen ich liebkoste, eh' ich sie genoß, würden mich nicht nach verschwundenen Jahren, wie aus den Träumen seliger Genüsse, mahnen an die heimliche Lust. – Sie lachten mich an, diese runden Äpfel, die gestreiften Birnen und die schwarzen Kirschen, die ich mir aus den höchsten Zweigen erkletterte. O keine Erinnerung brennt mehr in meinem Herzen auf meinen Lippen, die dieser den Rang abliefe; nicht Du, nicht andre haben für die süße Kost der Kirsche, auf höchstem Gipfel im brennenden Sonnenlicht gereift, oder der waldeinsamen Erdbeere, unter betautem Gras aufgefunden, mich nur einmal entschädigt. Darum, weil er denn in den Geist so tief eingegraben ist, der Genuß kindlicher Jugend, so tief wie die Flammenschrift der Leidenschaft, so ist er wohl auch eine göttliche Offenbarung, und er bedingt viel in der Brust, in der er haftet.

Gedanken sind auch Pflanzen, sie schweben im geistigen Äther, die Empfindung ist ihre Muttererde, in der sie ihre Wurzeln ausdehnen und nähren; der Geist ist ihre Luft, in dem sie ihre Blüten ausbreiten und ihren Duft; der Geist, in dem viele Gedanken ihre Blüten treiben, der ist ein gewürziger Geist, in seiner Nähe atmen wir seine Verklärung. Die ganze Natur ist aber ein Spiegel von dem, was im Geistesleben vorgeht. Keinem Sommervogel hab' ich umsonst nachgejagt, mein Geist empfing dadurch die Befähigung, einem verborgenen idealischen Reiz nachzujagen; und hab' ich das klopfende Herz in die hohen Kräuter der blühenden Erde gedrückt: ich lag am Busen einer göttlichen Natur, die meiner Inbrunst, meiner Sehnsucht kühlenden Balsam zuträufelte, der alles Begehren in geistiges Schauen umwandelte. –

Die wandelnden Herden in der Abenddämmerung mit ihrem Geläut, die ich oben von der Mauer herab mit stillem Entzücken betrachtete, die Schalmei des Schäfers, der in Mondnächten seine Schafe von Triften zu Triften leitete, das Bellen des Hundes in der Ferne, die jagenden Wolken, die aufseufzenden Abendwinde, das Rauschen des Flusses, das sanfte Anklatschen der Wellen am steinigen Ufer, das Einschlafen der Pflanzen, ihr Einsaugen des Morgenlichtes, das Kämpfen und Spielen der Nebel, – o sag', welcher Geist hat mir das geistig noch einmal geboten? – Du? – Hast Du Dich so traulich an mich geschmiegt wie die Abendschatten? Hat Deine Stimme wehmütig freundlich in mich eingedrungen wie jene ferne Rohrpfeife? Hat der Hund mir angeschlagen, es nahe sich einer auf heimlicher Fährte, dem mein Herz entgegenschlägt? Und habe ich nach glücklichen Stunden wie jene schlaftrunkne Natur mit dem Bewußtsein befriedigter Sehnsucht, mich der Ruhe hingegeben? Nein! Nur in dem Spiegel der Natur hab' ich's erfahren und die Bilder einer höheren Welterscheinung gesehen. So nimm denn jene Mitteilungen als Ereignisse hohen Genusses und reizender Liebesbegebenheiten auf; was hab' ich alles durch sie ahnen und begreifen gelernt! Und was können wir mehr vom Leben fordern, was kann es Besseres in uns vorbereiten als die Befähigung zur Seligkeit! Wenn also Sinne und Geist so bewegt war durch das Regen in der Natur, wenn die Begierde gespannt war durch ihr Schmachten, wenn ihr Dursten, ihr Trinken, ihr Brennen und Verzehren, ihr Erzeugen und Ausbrüten das Herz durchströmte, sag', was hätte ich da nicht erfahren im Liebesglück; und welche Blume würde mir im Paradies nicht duften und welche Frucht mir nicht reifen?

Darum nimm sie auf, diese Hieroglyphen höherer Seligkeit, wie sie mein Gedächtnis nacheinander aufzeichnet. O sieh doch, das Buch der Erinnerung blättert sich ja grade in Deiner Gegenwart an diesen merkwürdigen Stellen auf; Du! – Du wirst mir vielleicht im Paradiese die Äpfel vom unverbotenen Baum pflücken; an Deiner Brust werde ich dort aufwachen, und die Melodien einer beseligenden Schöpfung werden meine Lust in Deinen Busen hauchen.

*

Eins bewahr' im Herzen: daß Du mir den reinsten Eindruck von Schönheit gemacht hast, dem ich unmittelbar gehuldigt habe, und daß nichts dem Ursprünglichen in Deiner Natur Eintrag tun könne, und daß meine Liebe innig mit diesem einverstanden ist.

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Nur so weit geht die Höhe der Seligkeit, als sie begriffen wird; was der Geist nicht umfaßt, das macht ihn nicht glücklich, vergebens würden Cherubim und Seraphim ihn auf ihren Schwingen höher tragen; er vermochte nie sich da zu erhalten.

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Ahnungen sind Regungen, die Flügel des Geistes höher zu heben; Sehnsucht ist ein Beweis, daß der Geist eine höhere Seligkeit sucht; Geist ist nicht allein Fassungsgabe, sondern auch Gefühl und Instinkt des Höheren, aus dem er seine Erscheinung, den Gedanken entwickelt; der Gedanke aber ist nicht das Wesentliche, wir könnten seiner entbehren, wenn er nicht für die Seele der Spiegel wär', in dem sie ihre Geistigkeit erkennt.

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Der verschloßne Same und die Blüte, die aus ihm erwächst, sind einander nicht vergleichbar, und doch ist sein erstes Keimen die Ahnung dieser Blüte, und so wächst und gedeiht er fort mit gesteigerter Zuversicht, bis Blüte und Frucht seinen ersten Instinkt bewährt, der, wenn er verloren gehen könnte, keine Blüten und Früchte tragen würde.

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Und wenn ich's auch ins Buch schreibe, daß ich heute traurig bin, kann mich's trösten? Wie öde sind diese Zeilen! Ach, sie bezeichnen die Zeit des Verlassenseins. Verlassen! War ich denn je vereint mit dem, was ich liebte? War ich verstanden? – Ach, warum will ich verstanden sein? – Alles ist Geheimnis, die ganze Natur, ihr Zauber, die Liebe, ihre Beseligung, wie ihre Schmerzen. Die Sonne scheint, treibt Blüte und Frucht, aber ihr folgen die Schatten und die winterliche Zeit. – Sind denn die Bäume auch so trostlos, so verzweiflungsvoll in ihrem Winter wie das Herz in seiner Verlassenheit? – Sehnen sich die Pflanzen? Ringen sie nach dem Blühen, wie mein Herz heute ringt, daß es lieben will, daß es empfunden sein will? – Du mich empfinden? – Wer bist Du, daß ich's von Dir verlangen muß? – Ach! – Die ganze Welt ist tot; in jedem Busen ist's öde! gäb's ein Herz, einen Geist, der mir erwachte! –

*

Komm! Laß uns noch einmal die hängenden Gärten, in denen meine Kindheit einheimisch war, durchlaufen; laß Dich durch die langen Laubgänge geleiten zu dem Glockenturm, wo ich mit leichter Mühe das Seil in Schwung brachte, um zu Tisch oder zu Gebet zu rufen; und abends um sieben Uhr läutete ich dreimal das Angelus, um die Schutzengel zur Nachtwache bei den Schlafenden zu rufen. O, damals schnitt mir das Abendrot ins Herz und das schweigende Gold, in das sich die Wolken senkten; o, ich weiß es noch wie heute, daß es mir weh tat, wenn ich so einsam durch das schlafende Blumenfeld ging, und weiter, weiter Himmel um mich, der in beschwingter Eile seine Wolken zusammentrieb, wie eine Herde, die er weiterfahren wollte, der rotes, blaues und gelbes Gewand entfaltete, und dann wieder andre Farben, bis die Schatten ihn übermannten. Da stand ich und sah die verspäteten Vögel mit rascher Eile nach ihrem Nest fliegen; und dachte, wenn doch einer in meine Hand flög', und ich fühlte sein klein Herzchen pochen, ich wollte zufrieden sein; ja, ich glaubte, ein Vögelchen nur, das mir zahm wär', könnte mich glücklich machen. Aber es flog kein Vogel in meine Hand, ein jeder hatte schon anders gewählt, und ich war nicht verstanden mit meiner Sehnsucht. Ich glaubte doch damals, die ganze Natur bestehe bloß aus dem Begriff aufgeregter Gefühle, davon komme das Blühen aller Blumen, und dadurch schmelze sich das Licht in alle Farben, und darum hauche der Abendwind so leise Schauer übers Herz, und deswegen spiegle sich der Himmel, umgrenzt vom Ufer, in den Wellen. Ich sah das Leben der Natur und glaubte, ein Geist, der der Wehmut, die meine Brust erfüllte, sei dies Leben selbst; es seien seine Regungen, seine Gedanken, die dies Tag- und Nachwandeln der Natur bilde; ja und ich junges Kind fühlte, daß ich einschmelzen müsse in diesen Geist, und daß es allein Seligkeit sei, in ihm aufzuzugehen; ich rang, ohne zu wissen, was Tod sei, dahin, aufgelöst zu sein; ich war unersättlich, die Nachtluft mit vollen Zügen einzuatmen, ich streckte die Hände in die Luft, und das flatternde Gewand, die fliegenden Haare bewiesen mir die Gegenwart des liebenden Naturgeistes; ich ließ mich küssen von der Sonne mit verschlossenen Augen, und dann öffnete ich sie, und mein Blick hielt es aus; ich dachte: läßt du dich küssen von ihr, und solltest nicht vertragen können, sie anzusehen?

Von dem Kirchgarten führte eine hohe Treppe, über die das Wasser schäumend hinabstürzte, zum zweiten Garten, der rund war, mit regelmäßigen Blumenstücken ein großes Bassin umgab, in dem das Wasser sprang; hohe Pyramiden von Taxus umgaben das Bassin, sie waren mit purpurroten Beeren übersäet, deren jede ein kristallhelles Harztröpfchen ausschwitzte; ich weiß noch alles, und dies besonders war meine Lieblingsfreude, die ersten Strahlen der Morgensonne in diesen Harzdiamanten sich spiegeln zu sehen.

Das Wasser lief aus dem Bassin unter der Erde bis zum Ende des runden Gartens und stürzte von da wieder eine hohe Treppe hinab in den dritten Garten, der den runden Garten ganz umzog und grade so tief lag, daß die Wipfel seiner Bäume wie ein Meer den runden Garten umwogten. Es war so schön, wenn sie blühten, oder auch wenn die Äpfel und die Kirschen reiften und die vollen Äste herüberstreckten. Oft lag ich unter den Bäumen in der heißen Mittagssonne, und in der lautlosen Natur, wo sich kein Hälmchen regte, fiel die reife Frucht neben mir nieder ins hohe Gras; ich dachte: »Dich wird auch keiner finden!« Da streckte ich die Hand aus nach dem goldnen Apfel und berührte ihn mit meinen Lippen, damit er doch nicht gar umsonst gewesen sein solle.

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Nicht wahr, die Gärten waren schön! – Zauberisch! Da unten sammelte sich das Wasser in einem steinernen Brunnen, der von hohen Tannen umgeben war; dann lief es noch mehrere Terrassen hinab, immer in steinerne Becken gesammelt, wo es denn unter der Erde bis zur Mauer kam, die den tiefsten alle andere Gärten umgebenden einschloß, und von da sich ins Tal ergoß, denn auch dieser letzte Garten lag noch auf einer ziemlichen Höhe; da floß es in einem Bach weiter, ich weiß nicht wohin. So sah ich denn von oben hinab seinem Stürzen, seinem Sprudeln, seinem ruhigen Lauf zu; ich sah, wie es sich sammelte und kunstreich emporsprang und in feinen Strahlen umherspielte; es verbarg sich, es kam aber wieder und eilte wieder eine hohe Treppe hinab; ich eilte ihm nach, ich fand es im klaren Brunnen von dunklen Tannen umgeben, in denen die Nachtigallen hausten; da war es so traulich, da spielte ich mit bloßen Füßen in dem kühlen Wasser. – Und dann lief's weiter verborgen, und wie es sich außerhalb der Mauer hinabstürzte, das sah ich mit an und konnte es nicht weiter verfolgen, ich mußte es halt dahinlaufen lassen. – Ach, es kam ja Welle auf Welle nach, es strömte unaufhaltsam die Treppe hinab; der Wasserstrahl im Springbrunnen spielte Tag und Nacht und versiegte nimmer, aber da, wo es mir entlief, da grade sehnte sich mein Herz nach ihm, und da konnte ich nicht mit; und wenn ich nun Freiheit gehabt hätte und wäre mitgezogen durch alle Wiesen, durch alle Täler, durch die Wüste! – Wo der Bach mich am End' hingeführt haben möchte!

Ja Herr, ich sehe Dich brausen und strömen, ich seh' Dich kunstreich spielen, ich sehe Dich ruhig dahin wandeln, Tag für Tag und plötzlich Deine Bahn lenken hinaus aus dem Reich des Vertrauens, wo ein liebendes Herz seine Heimat wähnte, unbekümmert, daß es verwaist bleibe.

So hat denn der Bach, an dessen Ufern ich meine Kindheit verspielte, mir in seinen kristallnen Wellen das Bild meines Geschickes gemalt, und damals hab' ich's schon betrauert, daß die mir sich nicht verwandt fühlten.

O komm nur und spiel' meine Kindertage noch einmal mit mir durch, Du bist mir's schuldig, daß Du meine Seufzer in Deine Melodien verhallen läßt, solange ich nicht weiter gehe, als meine kindliche Sehnsucht am Bach; die es auch geschehen lassen mußte, daß er sich losriß und sich energische Bahn brach in die Fremde. – In der Fremde, wo es gewiß war, daß mein Bild sich nicht mehr in ihm spiegelte.

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