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Carl von Clausewitz: Grundgedanken über Krieg und Kriegführung

Das Gefecht. Verluste. Reserven. Die Hauptschlacht. Sieg und Verfolgung

Der Mittel gibt es im Kriege nur ein einziges. Es ist der Kampf. Wie mannigfaltig dieser auch gestaltet sei, wie weit er sich von der rohen Entledigung des Hasses und der Feindschaft im Faustkampfe entfernen möge, wie viel Dinge sich einschieben mögen, die nicht selbst Kampf sind: immer liegt es im Begriff des Krieges, daß alle in ihm erscheinenden Wirkungen ursprünglich vom Kampf ausgehen müssen.


Es bezieht sich also alle kriegerische Tätigkeit notwendig auf das Gefecht, entweder unmittelbar oder mittelbar. Der Soldat wird ausgehoben, gekleidet, bewaffnet, geübt, er schläft, ißt, trinkt und marschiert, alles nur, um an rechter Stelle und zu rechter Zeit zu fechten.

Endigen somit im Gefecht alle Fäden kriegerischer Tätigkeit, so werden wir sie auch alle auffassen, indem wir die Anordnung der Gefechte bestimmen. Nur von dieser Anordnung und ihrer Vollziehung gehen die Wirkungen aus, niemals unmittelbar von den ihnen vorhergehenden Bedingungen. Nun ist im Gefecht alle Tätigkeit auf die Vernichtung des Gegners oder vielmehr seiner Streitfähigkeit gerichtet, denn dies liegt in seinem Begriff. Die Vernichtung der feindlichen Streitkraft ist also immer das Mittel, um den Zweck des Gefechts zu erreichen.

Dieser Zweck kann ebenfalls die bloße Vernichtung der feindlichen Streitmacht sein, aber dies ist keineswegs notwendig, sondern es kann auch etwas ganz anderes sein. Sobald nämlich das Niederwerfen des Gegners nicht das einzige Mittel ist, den politischen Zweck zu erreichen, sobald es andre Gegenstände gibt, die man als Ziel im Kriege verfolgen kann: so folgt von selbst, daß diese Gegenstände der Zweck einzelner kriegerischer Akte werden können, also auch der Zweck von Gefechten.


Wäre die Schlacht auch nicht das kräftigste, das gewöhnlichste und wirksamste Mittel der Entscheidung, so würde es doch hinreichen, daß sie überhaupt zu den Mitteln der Entscheidung gehört, um die stärkste Vereinigung der Kräfte zu fordern, die die Umstände irgend gestatten. Eine Hauptschlacht auf dem Kriegstheater ist der Stoß des Schwerpunktes gegen den Schwerpunkt. Je mehr Kräfte man in dem einen oder andern versammeln kann, um so sicherer und größer wird die Wirkung sein. Also jede Teilung der Kräfte, die nicht durch einen Zweck hervorgerufen wird (der entweder selbst durch eine glückliche Schlacht nicht erreicht werden kann, oder der den glücklichen Ausgang der Schlacht selbst bedingt), ist verwerflich.


Das Gefecht ist die eigentliche kriegerische Tätigkeit; alles übrige ist nur Träger. Gefecht ist Kampf, und in ihm ist die Vernichtung oder Überwindung des Gegners der Zweck.


Was ist die Überwindung des Gegners? Immer nur die Vernichtung seiner Streitkraft, sei es durch Tod oder Wunden oder auf was für eine andere Art, sei es ganz und gar, oder nur in einem solchen Maße, daß er den Kampf nicht mehr fortsetzen will. Wir können also, solange wir von allen besonderen Zwecken der Gefechte absehen, die gänzliche oder teilweise Vernichtung des Gegners als den einzigen Zweck aller Gefechte betrachten.


Die unmittelbare Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist überall das Vorherrschende. Wir stellen also das Vernichtungsprinzip auf. Indessen befinden wir uns in der Strategie und nicht in der Taktik und dürfen also nicht von den Mitteln sprechen, die jene haben mag, mit wenig Kraftaufwand viel feindliche Streitkräfte zu vernichten, sondern müssen daran erinnern, daß wir unter unmittelbarer Vernichtung die taktischen Erfolge verstehen. Unsere Behauptung lautet also, daß nur große taktische Erfolge zu großen strategischen führen können, oder, bestimmter ausgedrückt, daß die taktischen Erfolge von vorherrschender Wichtigkeit in der Kriegführung sind.


Die Frage, ob ein einfacher Stoß oder ein mehr zusammengesetzter, kunstvoller größere Wirkung hervorbringt, mag unzweifelhaft für den letzteren entschieden werden, solange der Gegner als ein leidender Gegenstand gedacht wird. Allein jeder zusammengesetzte Stoß erfordert mehr Zeit, und diese Zeit muß ihm gegönnt werden, ohne daß durch einen Gegenstoß auf einen der Teile das Ganze in den Vorbereitungen zu seiner Wirkung gestört wird. Entscheidet sich nun der Gegner zu einem einfacheren Stoß, der in kurzer Zeit ausgeführt ist, so gewinnt er den Vorsprung und stört die Wirkung des großen Plans. Man muß also bei dem Werte des zusammengesetzten Stoßes alle Gefahren in Betracht bringen, die man während seiner Vorbereitung läuft, und kann ihn nur anwenden, wenn man vom Gegner nicht zu fürchten braucht, durch einen kürzeren gestört zu werden. Sooft dies der Fall ist, muß man selber den kürzeren wählen und in diesem Sinne so weit hinuntersteigen, als es der Charakter, die Verhältnisse des Gegners und andere Umstände nötig machen. Verlassen wir die schwachen Eindrücke abstrakter Begriffe und steigen wir ins wirkliche Leben hinab, so wird ein rascher, mutiger, entschlossener Gegner uns nicht Zeit zu weitaussehenden künstlichen Zusammensetzungen lassen, und gerade gegen einen solchen bedürfen wir der Kunst am meisten. Hiermit, scheint es uns, ist das Vorherrschen der einfachen und unmittelbaren Erfolge vor den zusammengesetzten schon gegeben.

Unsere Meinung ist also nicht, daß der einfache Stoß der beste sei, sondern daß man nicht weiter ausholen dürfe, als der Spielraum erlaubt, und daß dies immer mehr zum unmittelbaren Kampf hinführen wird, je kriegerischer der Gegner ist. Also weit entfernt, den Gegner nach der Richtung zusammengesetzter Stöße hin überbieten zu dürfen, muß man vielmehr suchen, ihm nach der entgegengesetzten Richtung hin immer voran zu sein.


Was ist nun unter Vernichtung der feindlichen Streitkraft zu verstehen? Eine Verminderung derselben, die verhältnismäßig größer ist als die unsrer eigenen. Wenn wir eine große Überlegenheit der Zahl über den Feind haben, so wird natürlich diese absolute Größe des Verlustes für uns kleiner sein als für ihn und folglich schon als ein Vorteil betrachtet werden können. Nur der unmittelbare Gewinn, den wir im gegenseitigen Zerstörungsprozeß machen, kann als Zweck des Gefechts betrachtet werden, denn dieser Gewinn ist ein absoluter, der die Rechnung des ganzen Feldzugs durchläuft und sich am Schluß immer als reiner Gewinn erweist. Jede andere Art des Sieges über unseren Gegner aber würde entweder ihren Grund in anderen Zwecken haben, von denen wir hier ganz absehen, oder nur einen einstweiligen relativen Vorteil geben. Ein Beispiel soll uns dies klarmachen.

Wenn wir unsern Gegner durch eine geschickte Anordnung in eine so nachteilige Lage versetzt haben, daß er das Gefecht ohne Gefahr nicht fortsetzen kann und er sich nach einigem Widerstande zurückzieht, so können wir sagen, daß wir ihn auf diesem Punkt überwunden haben. Haben wir aber bei dieser Überwindung gerade in demselben Verhältnis an Streitkräften eingebüßt als er, so wird bei der Schlußrechnung des Feldzugs von diesem Siege, wenn man einen solchen Erfolg so nennen könnte, nichts übrigbleiben. Es kommt also das Überwinden des Gegners, d. h. die Versetzung desselben in einen solchen Zustand, daß er das Gefecht aufgeben muß, an und für sich nicht in Betracht und kann deshalb auch nicht in die Definition des Zweckes aufgenommen werden, und so bleibt denn, wie gesagt, nichts übrig als der unmittelbare Gewinn, den wir im Zerstörungsprozeß gemacht haben. Es gehören aber dahin nicht bloß die Verluste, die im Verlauf des Gefechts vorkommen, sondern auch die, die nach dem Abzug des besiegten Teils als unmittelbare Folge eintreten.

Nun ist es eine bekannte Erfahrung, daß die Verluste an physischen Streitkräften im Laufe des Gefechts selten eine große Verschiedenheit zwischen Sieger und Besiegtem zeigen, oft gar keine, zuweilen auch wohl eine sich umgekehrt verhaltende, und daß die entscheidendsten Verluste für den Besiegten erst mit dem Abzug eintreten, nämlich die, die der Sieger nicht mit ihm teilt.

Der Verlust an physischen Streitkräften ist nicht der einzige, den beide Teile im Verlauf des Gefechts erleiden, sondern auch die moralischen werden erschüttert, gebrochen und gehen zugrunde. Es ist nicht bloß der Verlust an Menschen, Pferden und Geschützen, sondern an Ordnung, Mut, Vertrauen, Zusammenhang und Plan, der bei der Frage in Betracht kommt, ob das Gefecht noch fortgesetzt werden kann oder nicht. Die moralischen Kräfte sind es vorzugsweise, die hier entscheiden, und sie waren es allein in allen Fällen, wo der Sieger ebensoviel verloren hatte wie der Besiegte.

Das Verhältnis des physischen Verlustes ist ohnehin im Laufe des Gefechts schwer zu schätzen, aber das Verhältnis des moralischen nicht. Zwei Dinge geben ihn hauptsächlich kund. Das erste ist der Verlust des Bodens, auf dem man gefochten, das andere das Übergewicht der feindlichen Reserven. Je stärker unsere Reserven im Verhältnis zu den feindlichen zusammenschwinden, um so mehr Kräfte haben wir gebraucht, das Gleichgewicht zu erhalten. Schon darin tut sich ein fühlbarer Beweis der moralischen Überlegenheit des Gegners kund, der auch selten verfehlt, im Gemüt des Feldherrn eine gewisse Bitterkeit und Geringschätzung seiner eigenen Truppen zu erzeugen. Aber die Hauptsache ist, daß alle Truppen, die schon anhaltend gefochten haben, mehr oder weniger wie eine ausgebrannte Schlacke erscheinen. Sie haben sich verschossen, sind zusammengeschmolzen; ihre physische und moralische Kraft ist erschöpft, auch wohl ihr Mut gebrochen. Eine solche Truppe ist somit auch, abgesehen von der Verminderung ihrer Zahl, als ein organisches Ganze betrachtet, bei weitem nicht mehr, was sie vor dem Gefecht war, und daher kommt es, daß sich der Verlust an moralischen Kräften an dem Maß verbrauchter Reserven wie an einem Zollstock kundtut.

Jedes Gefecht ist also die blutige und zerstörende Ausgleichung der Kräfte, der physischen und moralischen. Wer am Schluß die größte Summe von beiden übrig hat, ist der Sieger.


Im Gefecht war der Verlust der moralischen Kräfte die vorherrschende Ursache der Entscheidung. Nachdem diese gefallen, bleibt jener Verlust im Steigen und erreicht erst am Schluß des ganzen Aktes seinen Höhepunkt. Es wird also auch das Mittel, den Gewinn in der Zerstörung der physischen Streitkräfte zu machen, was der eigentliche Zweck des Gefechts war.

Die verlorene Ordnung und Einheit macht oft sogar den Widerstand einzelner verderblich. Der Mut des Ganzen ist gebrochen. Die ursprüngliche Spannung über Verlust und Gewinn, in der die Gefahr vergessen wurde, ist aufgelöst; und den meisten erscheint die Gefahr nun nicht mehr wie eine Herausforderung des Mutes, sondern wie das Erleiden einer harten Züchtigung. So ist das Instrument im ersten Augenblick des Sieges geschwächt und abgestumpft und darum nicht mehr geeignet, Gefahr mit Gefahr zu vergelten.

Diese Zeit muß der Sieger benutzen, um den eigentlichen Gewinn an der physischen Kraftzerstörung zu machen. Nur was er hierin erreicht, bleibt ihm gewiß. Denn die moralischen Kräfte kehren im Gegner nach und nach zurück; die Ordnung wird wieder hergestellt, sein Mut wieder gehoben, und es bleibt in der Mehrheit der Fälle nur ein sehr geringer Teil vom errungenen Übergewicht zurück, oft gar keins. Und in einzelnen, obgleich seltenen Fällen entsteht wohl gar durch Rache und stärkeres Anfachen der Feindschaft eine umgekehrte Wirkung. Dagegen kann, was an Toten, Verwundeten, Gefangenen und an erobertem Geschütz und sonstigem Kriegsgerät gewonnen ist, niemals aus der Rechnung verschwinden.


Die Verluste in der Schlacht bestehen mehr in Toten und Verwundeten, die nach der Schlacht mehr in verlorenem Geschütz und Gefangenen. Die ersteren teilt der Sieger mehr oder weniger mit dem Besiegten; die letzteren nicht, und deshalb finden sie sich gewöhnlich nur auf der einen Seite des Kampfes oder wenigstens dort in bedeutender Überzahl.

Geschütze und Gefangene sind darum jederzeit als die wahren Trophäen des Sieges betrachtet worden und zugleich als sein Maßstab, weil sich an ihnen sein Umfang unzweifelhaft kundtut.


Daß sich die in dem Gefecht und seinen ersten Folgen zugrundegerichteten moralischen Kräfte nach und nach wiederherstellen und oft keine Spur ihrer Zerstörung lassen, ist zumeist der Fall bei kleinen Abteilungen des Ganzen, seltener bei großen.


Wir dürfen das verlorene Gleichgewicht der moralischen Kräfte nicht darum gering achten, weil es keinen absoluten Wert hat und nicht unfehlbar in der endlichen Summe der Erfolge erscheint. Es kann von einem so überwiegenden Gewicht werden, daß es mit unwiderstehlicher Gewalt alles niederwirft.


Über den Verlust an Toten und Verwundeten sind die gegenseitigen Berichte nie genau, selten wahrhaft und in den meisten Fällen voll absichtlicher Entstellung. Selbst die Zahl der Trophäen wird selten ganz zuverlässig gegeben, und wo sie nicht sehr bedeutend ist, kann auch sie noch Zweifel an dem Siege übriglassen. Vom Verlust an moralischen Kräften läßt sich außer den Trophäen gar kein gültiges Maß angeben. Es bleibt also in vielen Fällen das Aufgeben des Kampfes als der einzige wahre Beweis des Sieges allein übrig. Es ist mithin als Bekenntnis der Schuld, als das Senken des Paniers zu betrachten, durch das dem Gegner Recht und Überlegenheit in diesem einzelnen Falle eingeräumt wird, und diese Seite der Demütigung und Scham, die von allen übrigen moralischen Folgen des umschlagenden Gleichgewichts noch zu unterscheiden bleibt, ist ein wesentliches Stück des Sieges. Dieser Teil allein ist es, der auf die öffentliche Meinung außerhalb des Heeres wirkt, auf Volk und Regierung in beiden kriegführenden Staaten und in allen beteiligten anderen.


Das Aufgeben der Absicht ist nicht gerade identisch mit dem Abzug vom Schlachtfeld, selbst da, wo der Kampf hartnäckig und anhaltend geführt worden ist. Niemand wird von Vorposten, die sich nach einem hartnäckigen Widerstande zurückziehen, sagen, sie hätten ihre Absicht aufgegeben. Selbst in Gefechten, die die Vernichtung der feindlichen Streitkraft zur Absicht haben, kann der Abzug vom Schlachtfelde nicht immer als ein Aufgeben der Absicht angesehen werden, z. B. bei vorher beabsichtigten Rückzügen, bei denen das Land Fuß für Fuß streitig gemacht wird. In den meisten Fällen ist das Aufgeben der Absicht von dem Abzuge vom Schlachtfelde schwer zu unterscheiden, und der Eindruck, den jenes in und außer dem Heere hervorbringt, ist nicht geringzuschätzen.

Für Feldherren und Heere, die keinen ausgemachten Ruf haben, ist dies eine eigene, schwierige Seite mancher sonst in den Umständen begründeten Verfahrungsarten, wo eine Reihe mit Rückzug endigender Gefechte als eine Reihe von Niederlagen erscheinen kann, ohne es zu sein, und wo dieses Erscheinen von sehr nachteiligem Einfluß werden kann. Es ist dem Ausweichenden in diesem Falle nicht möglich, durch die Darlegung seiner eigentlichen Absicht dem moralischen Eindruck überall vorzubeugen, denn um das mit Wirksamkeit zu tun, müßte er seinen Plan vollständig bekanntmachen, was, wie sich versteht, seinem Hauptinteresse zu sehr entgegenliefe.


Die Dauer eines Gefechts ist gewissermaßen als ein zweiter, untergeordneter Erfolg zu betrachten. Dem Sieger kann ein Gefecht niemals schnell genug entschieden sein, dem Besiegten niemals lange genug dauern. Der schnelle Sieg ist eine höhere Potenz des Sieges, die späte Entscheidung bei der Niederlage ein Ersatz für den Verlust.


Kein Gefecht entscheidet sich in einem einzelnen Moment, obwohl es in jedem Gefechte Momente von großer Wichtigkeit gibt, die die Entscheidung hauptsächlich bewirken. Der Verlust eines Gefechts ist ein stufenweises Niedersinken der Wage. Es gibt aber bei jedem Gefecht einen Zeitpunkt, wo man es als entschieden ansehen kann, so daß der Wiederanfang ein neues Gefecht und nicht die Fortsetzung des alten wäre. Über diesen Zeitpunkt eine klare Vorstellung zu haben, ist sehr wichtig, um sich entscheiden zu können, ob ein Gefecht von einer herbeieilenden Hilfe noch mit Nutzen wieder aufgenommen werden kann.

Oft werden in Gefechten, die nicht wiederherzustellen sind, neue Kräfte vergeblich geopfert. Oft wird versäumt, die Entscheidung zu wenden, wo dies noch füglich geschehen könnte.


Jedes Gefecht ist ein ganzes, in dem sich die Teilgefechte zu einem Gesamterfolge vereinigen. In diesem Gesamterfolg liegt die Entscheidung des Gefechts.


Je kleiner der Teil der Streitkraft ist, der wirklich gefochten, je größer der ist, der als Reserve durch sein bloßes Dasein mitentschieden hat, um so weniger kann uns eine neue Streitkraft des Gegners den Sieg wieder aus den Händen winden. Der Feldherr wie das Heer, die es am weitesten darin gebracht haben, das Gefecht mit der größten Ökonomie der Kräfte zu führen und überall die moralische Wirkung starker Reserven geltend zu machen, gehen den sichersten Weg zum Siege. Man muß den Franzosen, besonders wenn Bonaparte sie führte, eine große Meisterschaft darin einräumen.

Ferner wird der Augenblick, wo beim Sieger der Zustand der Gefechtskrisis aufhört und die alte Tüchtigkeit zurückkehrt, um so früher eintreten, je kleiner das Ganze ist. Eine Reiterfeldwache, die ihren Gegner spornstreichs verfolgt, wird in wenig Minuten wieder die alte Ordnung gewinnen, und länger dauert auch die Krisis nicht. Ein ganzes Regiment Reiterei braucht dazu schon mehr Zeit. Noch länger dauert es beim Fußvolk, wenn es sich in einzelne Schützenlinien aufgelöst hat, und wieder länger bei Abteilungen von allen Waffen, wenn ein Teil diese, der andre jene zufällige Richtung eingeschlagen und dies eine Störung der Ordnung veranlaßt hat, die gewöhnlich dadurch erst schlimmer wird, daß kein Teil recht weiß, wo der andre ist.

Wieder später tritt dieser Augenblick ein, wenn die Nacht den Sieger in der Krisis überrascht; und endlich tritt er später ein, wenn die Gegend durchschnitten und verdeckt ist.


Die Gefahr, sich auf zwei Seiten schlagen zu müssen, und die noch drohendere, keinen Rückzug zu behalten, lähmen die Bewegungen und die Kraft des Widerstandes und wirken auf die Alternative von Sieg und Niederlage; ferner steigern sie bei der Niederlage den Verlust und treiben ihn oft bis an die äußerste Grenze, d. h. bis zur Vernichtung. Der bedrohte Rücken macht also die Niederlage zugleich wahrscheinlicher und entscheidender.

Hieraus entsteht ein wahrer Instinkt für die ganze Kriegführung und besonders für die großen und kleinen Gefechte: nämlich die Sicherung des eigenen Rückens und die Gewinnung des feindlichen. Er folgt aus dem Begriff des Sieges, der, wie wir gesehen haben, noch etwas anderes als bloßes Totschlagen ist.


Die Wirkung einer Überraschung in Seite und Rücken ist immer gesteigert, und ein in der Krisis des Sieges Begriffener ist in seinem ausgereckten und zerstreuten Zustande weniger imstande, ihr entgegenzuwirken. Wer fühlt es nicht, daß ein Seiten- und Rückenanfall, der im Anfang des Gefechts, wo die Kraft gesammelt und für solche Fälle immer vorgesehen ist, wenig bedeuten würde, ein ganz anderes Gewicht im letzten Augenblick des Gefechtes bekommt.

In den meisten Fällen wird eine von der Seite oder im Rücken des Gegners herbeikommende Hilfe viel wirksamer sein, sich wie dasselbe Gewicht an einem längeren Hebelarm verhalten, so daß man also unter solchen Umständen die Herstellung eines Gefechts mit derselben Kraft unternehmen kann, die auf dem geraden Wege nicht zugereicht hätte. Hier, wo die Wirkungen fast jeder Berechnung ausweichen, weil die moralischen Kräfte ganz das Übergewicht gewinnen, ist das rechte Feld der Kühnheit und des Wagens.


Der alte, auch von Napoleon betonte Grundsatz, daß der Befehlshaber einer abgesonderten Kolonne immer seine Richtung dahin zu nehmen habe, wo heftiger Kanonendonner die Krise einer Entscheidung andeutet, kann nur für solche Fälle gelten, wo der Befehlshaber einer abgesonderten Kolonne durch die Umstände in eine zweifelhafte Lage gesetzt worden ist, in der sich die frühere Klarheit und Bestimmtheit seiner Aufgabe in die Ungewißheit und die Widersprüche der Entscheidung verliert, die in der Wirklichkeit des Krieges so häufig sind. Anstatt untätig stehenzubleiben oder ohne bestimmten Zweck umherzuirren, wird ein solcher Befehlshaber freilich besser tun, seinem Nachbar zu Hilfe zu eilen, wenn ein heftiges Feuer dessen Not andeutet.


Die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte ist das Hauptprinzip der Kriegführung und für die ganze Seite des positiven Handelns der Hauptweg zum Ziel.

Diese Vernichtung der Streitkräfte findet hauptsächlich im Gefecht statt.

Nur große und allgemeine Gefechte geben große Erfolge.

Am größten werden die Erfolge, wenn sich die Gefechte in eine große Schlacht vereinigen.

Nur in einer Hauptschlacht regiert der Feldherr mit eigenen Händen.

Aus diesen Wahrheiten ergibt sich ein Doppelgesetz, dessen Teile sich gegenseitig tragen, nämlich, daß die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte hauptsächlich in großen Schlachten und ihren Erfolgen zu suchen ist, und daß der Hauptzweck großer Schlachten die Vernichtung der feindlichen Streitkräfte sein muß.


Die Hauptschlacht ist als der konzentrierte Krieg, als der Schwerpunkt des ganzen Krieges oder Feldzuges anzusehen. Wie sich die Strahlen der Sonne im Brennpunkt des Hohlspiegels zu ihrem vollkommenen Bilde und zur höchsten Glut vereinigen, so vereinigen sich Kräfte und Umstände des Krieges in der Hauptschlacht zu einer zusammengedrängten höchsten Wirkung.


Nicht bloß der Begriff des Krieges führt uns dahin, eine große Entscheidung nur in einer großen Schlacht zu suchen, sondern auch die Erfahrung. Von jeher haben nur große Siege zu großen Erfolgen geführt, bei dem Angreifenden unbedingt, bei dem Verteidiger mehr oder weniger. Selbst Bonaparte würde das in seiner Art einzige Ulm nicht erlebt haben, wenn er das Blutvergießen gescheut hätte. Vielmehr ist es nur als eine Nachmahd der Siegesfälle seiner früheren Feldzüge anzusehen. Es sind nicht bloß die kühnen Feldherren, die verwegenen, die trotzigen, die ihr Werk mit dem großen Wagstück entscheidender Schlachten zu vollbringen gesucht haben, es sind die glücklichen insgesamt. Und von diesen können wir uns bei einer so umfassenden Frage die Antwort gefallen lassen.


Der Hauptschlacht im Kriege ist nichts an Wichtigkeit zu vergleichen, und die höchste Weisheit der Strategie offenbart sich in der Beschaffung der Mittel zu ihr, in ihrer geschickten Feststellung nach Ort, Zeit und Richtung der Kräfte und in der Ausnutzung ihres Erfolges.


Der Impuls zur Hauptschlacht, die freie sichere Bewegung zu ihr, muß von dem Gefühl eigener Kraft und dem klaren Bewußtsein der Notwendigkeit, mit anderen Worten: er muß von dem angeborenen Mut und von dem durch große Lebensverhältnisse geschärften Blick ausgehen.


Die Größe eines Sieges steigt nicht bloß in dem Maße, als die besiegten Streitkräfte an Umfang zunehmen, sondern in höheren Graden. Die moralischen Wirkungen, die der Ausgang eines großen Gefechts hat, sind größer beim Besiegten als beim Sieger; sie werden Veranlassung zu größeren Verlusten an physischen Kräften, die dann wieder auf die moralischen zurückwirken und so sich gegenseitig tragen und steigern. Auf diese moralische Wirkung muß man daher ein besonderes Gewicht legen. Sie findet in entgegengesetzter Richtung bei beiden Teilen statt. Wie sie die Kräfte des Besiegten untergräbt, so erhöht sie die Kräfte und die Tätigkeit des Siegers. Aber die Hauptwirkung liegt doch im Besiegten, denn hier wird sie die unmittelbare Ursache zu neuen Verlusten, und außerdem ist sie mit der Gefahr, den Anstrengungen und Mühseligkeiten, überhaupt mit allen erschwerenden Umständen, zwischen denen sich der Krieg bewegt, homogener Natur, tritt also mit ihnen in Bund und wächst durch ihren Beistand, während beim Sieger sich alle diese Dinge wie Gewichte an den höheren Schwung seines Mutes legen. Man findet also, daß der Besiegte sich viel tiefer unter die Linie des ursprünglichen Gleichgewichts hinuntersenkt, als der Sieger sich über sie erhebt.


Die Hauptschlacht ist um ihrer selbst willen da, um des Sieges willen, den sie geben soll und der in ihr mit der höchsten Anstrengung gesucht wird. Dies ist die Geistesspannung, nicht bloß des Feldherrn, sondern seines ganzen Heeres bis zum letzten Troßknecht hinab. Zu allen Zeiten und nach der Natur der Dinge waren Hauptschlachten niemals unvorbereitete, unerwartete, blinde Dienstverrichtungen, sondern ein großartiger Akt, der aus der Masse der gewöhnlichen Tätigkeiten teils von selbst, teils nach der Absicht der Führer hinreichend hervortritt.


Gewöhnlich kommen beide Teile mit sehr geschwächten körperlichen Kräften in die Schlacht, denn die Bewegungen, die unmittelbar vorhergehen, haben mindestens den Charakter dringender Umstände. Die Anstrengungen, die das Ausringen eines langen Kampfes kostet, vollenden die Erschöpfung. Dazu kommt, daß der siegende Teil nicht viel weniger durcheinandergekommen und aus seinen ursprünglichen Ordnungsfugen gewichen ist als der Besiegte und somit das Bedürfnis hat, sich zu ordnen und mit frischer Munition zu versehen. Alle diese Umstände versetzen den Sieger selbst in einen Zustand der Krisis. Es ist zwar ein Entreißen des Sieges nicht zu befürchten, aber nachteilige Gefechte bleiben doch möglich. Außerdem hängt sich nun das volle Gewicht des sinnlichen Menschen mit seinen Bedürfnissen und Schwächen an den Willen des Feldherrn. Alle die Tausende, die unter seinem Befehl stehen, haben das Bedürfnis nach Ruhe und Stärkung, haben das Verlangen, die Schranken der Gefahr und Arbeit vorderhand geschlossen zu sehen. Nur wenige, die man als Ausnahmen betrachten kann, sehen und fühlen über den gegenwärtigen Augenblick hinaus. Nur in diesen wenigen ist, nachdem das Notwendige vollbracht ist, noch so viel freies Spiel des Mutes, um noch an die Erfolge zu denken, die in solchem Augenblick als eine bloße Verschönerung des Sieges, als ein Luxus des Triumphes erscheinen. Alle jene Tausende aber haben ihre Stimme im Rate des Feldherrn, denn durch die ganze Stufenfolge der übereinandergestellten Führer haben diese Interessen des sinnlichen Menschen ihren sicheren Leiter bis ins Herz des Feldherrn. Dieser selbst ist mehr oder weniger durch geistige und körperliche Anstrengung in seiner inneren Tätigkeit geschwächt, und so geschieht es denn, daß meistens aus diesem rein menschlichen Grunde weniger geschieht, als geschehen könnte, und daß überhaupt, was geschieht, nur vom Ruhmdurst, der Energie und wohl auch der Härte des obersten Feldherrn abhängt.


Ist der große Sieg erfochten, so soll von keiner Rast, von keinem Atemholen, von keinem Besinnen, von keinem Feststellen usw. die Rede sein, sondern nur von der Verfolgung, von neuen Stößen, wo sie nötig sind, von der Einnahme der feindlichen Hauptstadt, vom Angriff auf die feindlichen Hilfsheere, oder was sonst als Stützpunkt des feindlichen Staates erscheint.

Führt uns der Strom des Sieges an feindlichen Festungen vorbei, so hängt es von unserer Stärke ab, ob sie belagert werden sollen oder nicht. Bei großer Überlegenheit wäre es ein Zeitverlust, sich ihrer nicht so früh als möglich zu bemächtigen. Sind wir aber des ferneren Erfolges an der Spitze nicht sicher, so müssen wir uns vor den Festungen mit so wenigem als möglich behelfen, und das schließt ihre gründliche Belagerung aus. Von dem Augenblick an, wo die Belagerung einer Festung uns zwingt, mit dem Vorschreiten des Angriffs innezuhalten, hat dieser in der Regel seinen Kulminationspunkt erreicht. Wir fordern also ein schnelles, rastloses Vordringen und Nachdringen der Hauptmacht. Wir haben es schon verworfen, daß sich dieses Vorschreiten auf dem Hauptpunkte nach dem Erfolg auf den Nebenpunkten richtet. Solange der Feldherr seinen Gegner noch nicht niedergeworfen hat, solange er glaubt, stark genug zu sein, um das Ziel zu gewinnen, so lange muß er es auch verfolgen. Er tut es vielleicht mit steigender Gefahr, aber auch mit steigender Größe des Erfolgs. Kommt ein Punkt, wo er es nicht wagt, weiterzugehen, wo er glaubt, für seinen Rücken sorgen, sich rechts und links ausbreiten zu müssen, – wohlan, so ist dies höchstwahrscheinlich sein Kulminationspunkt. Die Flugkraft ist dann zu Ende, und wenn der Gegner nicht niedergeworfen ist, wird es höchstwahrscheinlich nicht mehr geschehen.

Alles, was der Feldherr zur intensiven Ausbildung seines Angriffs durch Eroberung von Festungen, Pässen, Provinzen tut, ist zwar noch ein langsames Vorschreiten, aber nur ein relatives, kein absolutes mehr.


Jeder Zwischenraum von einem Erfolg zum andern gibt dem Feinde neue Aussichten. Die Wirkungen des früheren Erfolges haben auf den späteren einen sehr geringen Einfluß, oft keinen, oft einen negativen, weil sich der Feind erholt oder gar zu größerem Widerstand entflammt wird oder neue Hilfe von außen bekommt, während da, wo alles in einem Zuge geschieht, der gestrige Erfolg den heutigen mit sich fortreißt, der Brand sich am Brande entzündet.


Einer der wichtigsten und wirksamsten Grundsätze in der Strategie ist es: einen Erfolg, den man irgendwo erfochten hat, auf der Stelle so weit auszunutzen, als es die Umstände gestatten.


Die Energie, mit der das Verfolgen geschieht, bestimmt hauptsächlich den Wert des Sieges. Die Verfolgung ist ein zweiter Akt des Sieges, in vielen Fällen sogar wichtiger als der erste. Indem sich die Strategie hier der Taktik nähert, um von ihr das rollende Werk in Empfang zu nehmen, läßt sie den ersten Akt ihrer Autorität darin bestehen, diese Vervollständigung des Sieges zu fordern.


Das erste Verfolgen hat verschiedene natürliche Grade.

Der erste ist, wenn es mit bloßer Reiterei geschieht. Dann ist es im Grunde mehr ein Schrecken und Beobachten als ein wahrhaftes Drängen, weil der kleinste Bodenabschnitt gewöhnlich hinreicht, den Verfolgenden aufzuhalten. Soviel die Reiterei bei einer erschütterten und geschwächten Truppe gegen den einzelnen Haufen vermag, so ist sie doch gegen das Ganze immer nur die Hilfswaffe, weil der Abziehende seine frischen Reserven zur Deckung seines Rückzugs verwenden und so beim nächsten, unbedeutendsten Bodenabschnitt durch die Verbindung aller Waffen mit Erfolg widerstehen kann. Nur ein in wahrer Flucht und gänzlicher Auflösung befindliches Heer macht hier eine Ausnahme.

Der zweite Grad ist, wenn die Verfolgung durch eine starke Vorhut von allen Waffen geschieht, bei der sich natürlich der größte Teil der Reiterei befindet. Ein solches Verfolgen drängt den Gegner bis zur nächsten starken Stellung seiner Nachhut oder bis zur nächsten Aufstellung seines Heeres.

Der dritte und stärkste Grad ist, wenn das siegreiche Heer selbst im Vorgehen bleibt, soweit die Kräfte reichen. In diesem Fall wird der Geschlagene die meisten Aufstellungen, zu denen ihm die Gegend einige Gelegenheit bietet, auf die bloßen Anstalten eines Angriffs oder einer Umgehung wieder verlassen.


Aber auch bei diesem ersten Verfolgen bleibt die Wirksamkeit des Sieges in den seltensten Fällen stehen, und es fängt nun erst die eigentliche Bahn an, zu der der Sieg die Schnellkraft verliehen hat. Dabei kann man wieder drei Grade unterscheiden: ein bloßes Nachrücken, ein eigentliches Drängen und einen Parallelmarsch zum Abschneiden.


Der wirksamste Grad der (weiteren) Verfolgung ist der Parallelmarsch nach dem nächsten Ziel des feindlichen Rückzuges. Jedes geschlagene Heer wird hinter sich, näher oder entfernter, einen Punkt haben, dessen Erreichung ihm zunächst stark am Herzen liegt, sei es, daß sein fernerer Rückzug dadurch gefährdet werden kann, wie bei Straßenengen, oder daß es für den Punkt sehr wichtig ist, ihn vor dem Feinde zu erreichen, wie bei Hauptstädten, Magazinen usw., oder endlich, daß das Heer auf diesem Punkte neue Widerstandsfähigkeit gewinnen kann, wie bei festen Stellungen, Vereinigung mit anderen Korps usw.


Bei der absoluten Gestalt des Krieges, wo alles aus notwendigen Gründen geschieht, alles rasch ineinandergreift, kein, wenn ich so sagen darf, wesenloser neutraler Zwischenraum entsteht, gibt es wegen der vielfältigen Wechselwirkungen, die der Krieg in sich schließt, wegen des Zusammenhanges, in dem, streng genommen, die ganze Reihe der aufeinanderfolgenden Gefechte steht, wegen des Kulminationspunktes, den jeder Sieg hat, über den hinaus das Gebiet der Verluste und Niederlagen beginnt – wegen aller dieser natürlichen Verhältnisse des Krieges, sage ich, gibt es nur einen Erfolg, nämlich den Enderfolg. Bis dahin ist nichts entschieden: nichts gewonnen, nichts verloren. Hier muß man sich beständig sagen: das Ende krönt das Werk.