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Rudolph Genée: Heinrich von Kleist

Heinrich von Kleist steht unter den Geistesarbeitern der deutschen Nation nicht unbestritten in der Reihe unserer ersten und als klassisch anerkannten Dichter und Denker.

Trotz seiner außerordentlichen dichterischen Kraft steht er dennoch in der Totalität seiner Erscheinung nicht ebenbürtig neben Lessing, Herder, Goethe oder Schiller, sondern er nimmt nach diesen seinen ganz besondern Platz ein, als der weitaus grüßte, aber auch unglücklichste der Romantiker. Auch nach seinem Tode hat es noch lange gedauert, bis er in unserer Literatur zu der in neuerer Zeit ihm zuerkannten Bedeutung gelangt ist. Solche Erscheinungen haben stets ihren Grund in der dichterischen Persönlichkeit und in deren Schöpfungen selbst, und man braucht deshalb die Mitlebenden des Dichters nicht anzuklagen, daß sie ihn ungewürdigt gelassen hätten. Wenn man sich gegenwärtig in gesteigertem Maße und mit gesteigerter Anerkennung seiner ungewöhnlichen dichterischen Bedeutung zuwendet, so ist dies aus verschiedenen Ursachen zu erklären. Erstens Pflegt die Nachwelt einen besonderen Eifer daran zu setzen, das wieder gut zu machen und das reichlichst zu gewähren, was die Mitwelt dem Dichter versagte, und nicht selten geht sie dabei ebensosehr über die Grenzen der Bewunderung hinaus, wie man vordem hinter dem ihm zukommenden Maße der Anerkennung zurückgeblieben war. Bei Kleist aber ist es außerdem neben dem Dichter auch seine Persönlichkeit und sein tragisches Geschick, was das Interesse für ihn mehr und mehr gesteigert hat.

Kein deutscher Dichter von seiner Bedeutung hat sein Leben hindurch so schmerzlich gerungen und gelitten, keinem wurde ein so wahrhaft tragisches Geschick bestimmt wie eben unserem Kleist. Ein Dichter, der sich selbst seiner poetischen Kraft bewußt war wie irgend einer und der doch niemals als Dichter einen Erfolg gehabt, der ihn hätte erheben oder auch nur befriedigen können) ein Mensch von starkem und strengem Sittlichkeitsgefühl, der dasselbe überall im Widerspruch mit den ihn umgebenden Verhältnissen empfand; endlich ein Patriot von reinster, tiefinnigster Liebe für sein Vaterland, das er unter der brutalen Mißhandlung eines verhaßten Feindes bluten und in Ohnmacht danieder gesunken sah: das alles wirkte in dem unglücklichen Kleist zusammen – und noch manches andere, worauf wir später kommen – um ihm ein Leben voll Enttäuschungen, voll Trauer, Entbehrungen und Bitterkeiten zu bereiten, und ihn frühzeitig in den selbstgewählten Tod zu treiben.

Wo uns Kleist in seinen Dichtungen zur Bewunderung nötigt, da haben wir es nur mit dem Dichter zu tun. Wo er hingegen uns abstößt und betroffen macht, da suchen wir in ihm den Menschen auf, um aus seiner Gemütsart wie aus seinen Schicksalen und Lebensverhältnissen uns die Widersprüche zu erklären, und dann finden wir, daß es bei vielen großen und liebenswürdigen Eigenschaften doch ein von Natur aus unglückliches Gemüt ist, welches unsere Teilnahme in so ganz verschiedenartiger Weise erweckt, und ein Dichter, der uns zum denkbar höchsten Entzücken bewegt, um gleich hinterher unser Gefühl zu verletzen oder doch mindestens Befremden zu erregen. Die Widersprüche in Kleist sind es freilich auch, die den Biographen und den Forscher in besonderer Weise reizen, die aber auch mehr als bei irgend einem andern Dichter uns veranlassen, ihn und seine dichterischen Schöpfungen aus seiner menschlichen Eigenart und Persönlichkeit zu erklären.

Heinrich von Kleist wurde am 18. Oktober 1777 als der Sohn eines preußischen Offiziers, des Kapitäns Joachim Friedrich von Kleist, zu Frankfurt an der Oder geboren. Seine beiden älteren Geschwister waren Mädchen, später wurden ihm noch ein Bruder und eine Schwester geboren. Von seinen Jugendjahren wissen wir nicht viel. Sein Hauslehrer schildert ihn »als einen nicht zu dämpfenden Feuergeist« von exaltierter Gemütsart, die sich selbst in geringfügigen Dingen bemerkbar machte, dabei aber auch, wo es auf Bereicherung seiner Kenntnisse ankam, mit bewunderungswürdiger Auffassungsgabe ausgerüstet, von Liebe und warmem Trieb zum Wissen beseelt, und zugleich »der offenste, fleißigste und anspruchsloseste Kopf von der Welt.«

Schon in seinem zehnten Lebensjahre scheint er seine Eltern verloren zu haben, aber, als einer militärischen Familie von altem preußischem Geschlecht entstammend, war es natürlich, daß auch der Knabe für den Militärstand bestimmt war. Zu seiner weiteren Ausbildung wurde er 1787 nach Berlin geschickt und 1792 trat er in die preußische Armee ein. Was wir aus den folgenden Jahren von ihm wissen, läßt uns auch schon sein herzliches Verhältnis zu seiner Lieblingsschwester Ulrike erkennen, ein Verhältnis, dem wir eine große Anzahl von Briefen verdanken, die uns tiefe und reiche Einblicke in sein Gemütsleben gestatten, und in denen uns auch manche Daten über seine äußern Lebensverhältnisse aufbewahrt worden sind.

Kleists mächtiger Trieb zu den Wissenschaften ließ ihn nicht lange im Soldatenstande ausharren. Schon 1798 stand sein Vorsatz fest, seinen Abschied nachzusuchen, und nachdem er unter der Leitung des Konrektors Bauer in Potsdam sich zur Universität vorbereitet hatte, ging er zu seinen Geschwistern nach Frankfurt a. O. zurück, um dort seine Zeit ganz den Studien zu widmen. Daß das Aufgeben seiner militärischen Laufbahn nicht ohne harte Kämpfe mit seinem Vormund und seinen Verwandten abgehen konnte, versteht sich von selbst, und sein Entschluß erregte um so mehr Befremden und Widerspruch, als er für seine wissenschaftlichen Studien – es waren zunächst Mathematik und Philosophie – einen bestimmten Lebensberuf nicht ins Auge gefaßt zu haben schien. Nur allgemeine wissenschaftliche Bildung, alles, was ihm zu einem harmonisch ausgebildeten Menschen nötig zu sein schien, das war es, was er begehrte, und er mochte hierbei schon ein dunkles Gefühl für seinen dichterischen Beruf haben. Von hohem Interesse für die Beurteilung seiner ihn damals bewegenden Gefühle und für die vorgeschrittene Reife seines Geistes in so früher Jugend sind seine Briefe, die uns bereits Ed. v. Bülow in seinem grundlegenden Buche über Kleist (»Heinrich von Kleist's Leben und Briefe« Berlin, 1848) mitgeteilt hat. In den beiden an seinen ehemaligen Lehrer gerichteten Briefen vom Jahre 1799 erörtert der noch nicht zweiundzwanzigjährige Jüngling bereits mit der ihm eigenen Hartnäckigkeit und Strenge allgemeine menschliche Probleme, wobei er aber auch sein eigenes Leben und seinen Beruf im Auge hat, wenn er die Frage aufwirft: »ob ein Fall möglich sei, in welchem ein denkender Mensch der Ueberzeugung eines andern mehr trauen soll, als seiner eigenen?« Im zweiten Briefe spricht er es offen aus, daß er »dem Soldatenstande nie von Herzen zugetan gewesen,« weil er etwas durchaus Ungleichartiges mit seinem ganzen Wesen in sich trüge; der Stand sei ihm verhaßt geworden, weil er von zwei durchaus entgegengesetzten Prinzipien unaufhörlich gemartert wurde, weil es ihm immer zweifelhaft war, ob er als Mensch oder als Offizier handeln müsse, und er sei deshalb mit Notwendigkeit dazu getrieben worden, diesen Stand zu verlassen. Diesen schon hier ausgesprochenen Konflikt zwischen seinem eigenen Fühlen und seiner eigenen Erkenntnis mit den durch äußere Verhältnisse ihm auferlegten Pflichten glaubte er mit seinem Verlassen des Offizierstandes zu beenden, aber er hat ihn sein ganzes Leben lang mit sich herumgetragen, und er ist bis zu seinem Ende damit gemartert worden. Seine Studien auf der damals noch bestehenden Universität zu Frankfurt an der Oder trieben ihn immer mehr in die Probleme der Philosophie, und bestärkten ihn in seinem sittlichen Rigorismus, den er nicht nur gegen andere, sondern vor allem auch gegen sich selbst geltend machte. Dabei war er im geselligen Verkehr mit seinen Geschwistern und mit seinen Freunden für gewöhnlich heiter, unterhaltend und von goldener Treuherzigkeit. Oft kindisch ausgelassen, konnte er aber durch das geringste Vorkommnis, was sein strenges Sittlichkeitsgefühl verletzte, ernst und abweisend, ja in tiefster Seele empört werden, und auch in ruhiger Stimmung warf er sich gern zum Lehrmeister auf, vor allem denjenigen Personen gegenüber, die seinem Herzen am nächsten standen, und das war in erster Reihe seine Schwester Ulrike, gegen die er nicht müde wurde, besonders im brieflichen Verkehr, sein Herz auszuschütten, und der er einmal schreibt: »Du bist die einzige, die mich hier ganz versteht ... Deine Mitwissenschaft meiner ganzen Empfindungsweise, Deine Kenntnis meiner Natur, schützt sie umsomehr vor ihrer Ausartung; denn ich fürchte nicht allein mir selbst, ich fürchte nun, auch Dir zu mißfallen. Dein Beispiel schützt mich vor allen Einflüssen der Torheit und des Lasters, Deine Achtung sichert mir die meinige zu.« – Es scheint, daß Kleist in solchen Empfindungen sich lieber schriftlich als mündlich aussprach, denn er schrieb auch Briefe, wo der persönliche Verkehr ihm das Schreiben unnötig machte. Sein Herz war zu voll, sein Geist zu erregt, als daß er im Sprechen hätte den richtigen Ausdruck finden können, und da es ihm dabei darauf ankam, das, was er empfand und dachte, auch richtig und mit eindringlicher Klarheit auszudrücken und zu stilisieren, so erkennen wir auch hierin schon seine Neigung und seinen Beruf für die Feder.

In seinem Umgang mit den Geschwistern und jüngern Freunden war es unter andern auch sein eifriges Bestreben, darauf hinzuwirken, daß eine gute und reine deutsche Sprache, mit der es damals im allgemeinen noch ziemlich übel aussah, zu ihrem Rechte komme, und er erklärte es seinen Geschwistern als eine Schande, daß die Sprache des eigenen Landes so schlecht gesprochen werde. Vorübergehend hatte er den Gedanken gefaßt, auf eine Professur sich vorzubereiten. Zu seiner eigenen Uebung nicht minder wie zur Belehrung der Seinigen hielt er ihnen ein Kollegium über Kulturgeschichte und hatte sich dazu ein eigenes Katheder herstellen lassen. Kleists Gedanke an eine später zu erlangende Professur war aber nur vorübergehend, wie er sich denn überhaupt für einen zu erwählenden bestimmten Lebensberuf durchaus nicht entschließen konnte.

In diese Zeit seines Frankfurter Aufenthalts, 1799 bis 1800, fällt ein wichtiger Moment seines Lebens, indem er sein Herz einem Mädchen schenkte, mit welchem er für sein Leben sich dauernd zu verbinden dachte. Wichtig für sein Leben war diese Liebesgeschichte, obwohl sie nach dem Verlöbnis zu einer dauernden Verbindung nicht geführt hat, denn das Verhältnis löste sich später wieder, ohne daß irgend ein bestimmtes Ereignis dazwischen getreten wäre. Die Auserwählte war die Tochter eines Nachbars in Frankfurt, des Generals von Zenge. Auch aus dieser Zeit seiner Verlobung mit Wilhelmine von Zenge sind uns seine Briefe erhalten geblieben, die uns wichtige Einblicke in seine Gemütsverhältnisse gestatten und vieles zur Beurteilung seines eigenartigen Wesens beitragen. Kleist hatte die Marotte, daß dies Einverständnis geheim bleiben sollte, weil er meinte, daß durch die Mitwissenschaft anderer der zarte und beseligende Reiz einer solchen Liebe beeinträchtigt werde. Nur die Schwester seiner Wilhelmine war in das Geheimnis gezogen, aber endlich sollten es doch auch wenigstens die Eltern der Braut auf deren Drängen erfahren, und hiernach blieb es für alle anderen ein öffentliches Geheimnis. Kleists leidenschaftliche Natur brachte schon frühzeitig auch dies Verhältnis zu seiner Braut in eine schiefe Richtung. Er verlangte in seiner herrischen Liebe von ihr, daß sie nichts erfreuen sollte, als was sich auf ihn bezog, und daher kam es, daß er fortwährend sich veranlaßt fand, über Mangel an Liebe sich zu beklagen. Auch in diesem Verhältnisse zeigte sich wieder seine Vorliebe für schriftliche Auseinandersetzungen, wo ihm der mündliche Verkehr näher lag. Denn obwohl die Liebenden Haus an Haus wohnten, so schrieb er ihr doch beinahe täglich die leidenschaftlichsten Briefe. Es wird uns schon hierdurch die Vermutung nahe gelegt, daß die angebliche Leidenschaft bei ihm keine wahrhafte Liebe war, wie sie zwei Menschen zu ihrem beiderseitigen Glück verbinden soll, sondern daß es sich hier mehr um Exaltationen seiner starken Einbildungskraft handelte, und wir können danach begreifen, daß auch dies Verhältnis ihn für die Dauer nicht beglücken konnte.

Im Sommer des Jahres 1800 verließ Kleist seinen Heimatsort wieder, um sich nach Berlin zu begeben, und zwar infolge eines von ihm neu gefaßten Planes. Er hatte nämlich seinen Studien eine andere Richtung gegeben und die Diplomatie zu seinem Lebensberuf wählen wollen, indem er sich vorstellte, einmal zu einem Gesandtschaftsposten zu kommen. Wie schwach aber auch dieser Vorsatz in ihm war und wie leicht er wieder schwand, zeigte sich sehr bald. In der Tat war er nach Berlin gereist und hatte sich dort dem Minister Struensee vorgestellt, der ihn kurze Zeit zu einigen Geschäften verwendete. Unverhofft nach Frankfurt zurückgekehrt, verkündete er dort den Seinen die Notwendigkeit einer längeren Reise. Was der eigentliche Zweck derselben war, ist bis heute noch nicht aufgeklärt worden, und Kleist selber behandelte die Sache wie ein wichtiges Geheimnis. Zuerst sollte die Reise nach Wien gehen, aber mit einem in Berlin neu gewonnenen Freunde Brockes reiste er nach Dresden, und von hieraus nicht nach Wien, sondern nach Würzburg. Ende Oktober 1800 war er wieder nach Berlin zurückgekehrt, und von hier aus schrieb er sowohl an seine Schwester Ulrike, wie danach an seine Braut Wilhelmine seltsam erregte Briefe, aus denen schon wieder seine Abneigung gegen die diplomatische Laufbahn hervorgeht, während er anderseits geheimnisvolle Andeutungen über neue Lebensziele macht. »Jetzt erst,« schreibt er an seine Schwester, »öffnet sich mir etwas, was mich aus der Zukunft anlächelte, wie Erdenglück ... Ich war gestern in Potsdam, und alle Leute glaubten, ich wäre darum so seelenheiter, weil ich angestellt wäre – die Toren!« Einen Monat später erklärt er denn auch deutlich seine Abneigung gegen die diplomatische Laufbahn, unmittelbar, nachdem ihm ein bestimmtes Amt angeboten war. »Wenn ich dieses Amt ausschlage, so gibt es für mich kein besseres, wenigstens kein praktischeres. Die Reise war das einzige, was mich reizen konnte, so lange ich davon noch nicht genug unterrichtet war.« Hier sagt er also ziemlich deutlich, daß der Zweck der Reise eine geheime diplomatische Sendung, wenn auch vielleicht von untergeordneter Bedeutung, war, und fährt dann fort: »Aber es kommt dabei hauptsächlich auf List und Verschmitztheit an und darauf verstehe ich mich schlecht. Die Inhaber ausländischer Fabriken führen keinen Kenner in die Werkstatt. Das einzige Mittel also, doch hinein zu kommen, ist Schmeichelei, Heuchelei, kurz, Betrug. Ja, man hat mich in dieser Kunst, zu betrügen, schon unterrichtet; nein, mein liebes Ulrikchen, das ist nichts für mich. Was ich aber für einen Lebensweg einschlagen werde? Noch weiß ich es nicht.« Und wieder kommt er in diesem Brief auf die früher schon gemachten Andeutungen zurück, daß er jetzt vieles auf dem Herzen habe, das ihn froh stimmt – »setzt hat sich die Sphäre für meinen Geist und für mein Herz ganz unendlich erweitert,« – aber ihr ausführlich darüber zu schreiben, das würde in einem Briefe zu weit führen.

Der Brief, den er so ziemlich um dieselbe Zeit an seine Braut schrieb, ist eine förmliche Abhandlung über die Frage: ob ihn ein Amt glücklich machen könne? Und er verneint diese Frage aufs entschiedenste und beantwortet dabei auch alle Einwände, die ihm dagegen gemacht werden könnten. »Kann man denn,« fragte er weiter, »nichts Gutes wirken, wenn man auch nicht eben dafür besoldet wird?« Immer ist es der Drang nach Unabhängigkeit, der aus diesen seinen Erörterungen spricht. Freilich müsse er dann etwas erwerben können, und das würde er sicher einmal, wenn sie nur ein wenig Geduld haben wolle. Und nun spricht er zum ersten Male es offen und bestimmt aus, daß er durch schriftstellerische Tätigkeit erwerben und glücklich mit ihr leben könne: »Ich bilde mir ein, daß ich Fähigkeiten habe, seltene Fähigkeiten, meine ich. Ich glaube es, weil mir keine Wissenschaft zu schwer wird, weil ich rasch darin vorrücke, weil ich manches schon aus eigener Erfindung hinzugetan habe, – und am Ende glaube ich es auch darum, weil alle Leute mir es sagen. Da stünde mir nun für die Zukunft das ganze schriftstellerische Fach offen. Darin fühle ich, daß ich sehr gern arbeiten würde. Da ist die Aussicht auf Erwerb äußerst vielseitig. Ich könnte nach Paris gehen, und die neueste Philosophie in dieses neugierige Land verpflanzen ...« Wie brodelt hier in seinem Kopfe alles durcheinander! Also nicht dichterische Produktion war es zunächst, was er treiben wollte, sondern Philosophie. Er, der jetzt dreiundzwanzigjährige Jüngling, will die Franzosen mit der Kantschen Philosophie bekannt machen, in der er selbst noch so unsicher hin und her schwankte, in der aber das vom großen Philosophen aufgestellte Sittengesetz, das als der kategorische Imperativ bezeichnet wurde, sein ganzes Fühlen und Denken so mächtig ergriffen hatte. Auf seinen Plan, nach Frankreich zu gehen, wieder zurückkommend, präzisiert er denselben dahin, zunächst die französische Schweiz zu erwählen, um dort Unterricht in der deutschen Sprache zu geben, denn es werde von der Akademie und von allen französischen Gelehrten unaufhörlich die Erlernung der deutschen Sprache anempfohlen, »weil man einsieht, daß jetzt von keinem Volke der Erde mehr zu lernen ist als von den Deutschen.« Endlich empfiehlt er seiner Braut, recht fleißig die französische Sprache zu treiben, in der er selber sich auf französischem Boden recht zu beschäftigen hoffe, weil er nur durch dieses Mittel die Franzosen in der neuen deutschen Philosophie unterrichten könne. Sehr sonderbar nimmt es sich dabei aus, wie er zwischen allen diesen Erörterungen und Plänen immer wieder darauf bedacht ist, für die »Bildung« seiner Braut zu sorgen, was er abwechselnd wie ein feuriger Liebhaber und wie ein recht pedantischer Schulmeister tut.