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Émile Verhaeren: Rubens

Peter Paul Rubens

Das Werk dieses Meisters ist eine gewaltige Ode an die Freude. Diese Ode, die jeder große Künstler in jenen ganz leuchtenden Stunden seines Lebens anstimmt, diese Ode, die Dante als Krone seiner »göttlichen Komödie« über die goldenen Kreise des Paradieses schweben lässt, die Shakespeare in den bunten Formen der Märchenstücke seinem erschütternden und blutigen Theater einfügt, und die Beethoven auf seine stürmische und tragische Symphonie türmt, diese Ode singt er, Rubens, mit einer einzigen Heiterkeit und einzigen Kraft ein ganzes Leben lang. Dies ist sein Wunderbares.

Nirgends ist vor ihm in der ganzen Geschichte der Kunst ein ähnlich wundervoller Triumph zu finden. Die hohen, die hellen Klänge waren im Chor der Irdischen niemals von Dauer. Sie klingen nur hell auf, um bald sich abzuschwächen und zu verwehen. Rubens aber lässt sie ohne Ermüdung ununterbrochen durch sein ganzes Werk klingen.

Diese seine Freude ist aber darum nicht monoton. Sie ist voll vielförmigen und wundervollen Lebens. Sie umfasst in dem Netz ihres Gesanges auch allen Schmerz, mengt in ihren Überschwang alle Tränen und schluchzenden Aufschreie, sie wird zur ganzen irdischen Seele, so sehr sie auch immer die Freude bleibt.

Was besagt es, dass auf Golgatha der Heiland stirbt, dass die Jungfrau und Johannes dort ergriffene Zeugen seines Hinganges sind, dass Magdalena zu Füßen des gewaltigen und rohen Hochgerichtes in Tränen und Verzweiflung vergeht! In den Linien, in den Farben, im roten Glanz der Sonnenuntergänge, in der bewegten Gewandung der Gestalten, in dem Haar, das glühend sich löst und plötzlich wundervoll hinrauscht, in den goldenen und seidenen Stoffen, in den gewundenen Armen, in den schönen ausgestreckten und bittenden Händen, die alle zwischen ihren Fingern Blumen halten könnten, in der ganzen überquellenden prunkvoll-dekorativen Komposition, in diesem verschwenderischen Leben, das aus dem innersten Herzen der gewaltigsten Trauer aufblüht, bekundet sich offen oder in Verhüllung doch nur die Freude. Es gibt bei Rubens keine einzige Stimmung, die bis zum Grunde schmerzvoll, keinen Akkord, der unabänderlich tragisch oder düster wäre. Sein ganzes Werk entfaltet sich in Prunk und Gepränge ; es ist ein Zug von Bildern einem letzten Gipfel des Ruhmes entgegen, den glühende Sonnen erleuchten, die kein Verdunkeln kennen. Diese Freude aber ist durchaus nicht eine bloße Freude des Geistes, eine intellektuelle, eine bewusste, eine philosophische Freude, sie ist eine Instinktfreude, eine sinnliche, die Freude des kraftvoll-wilden und naiven Flamländers. Wie eine überströmende Gesundheit, wie eine ungestüme Herzlichkeit quillt sie auf, wie - wenn man so sagen darf - eine Leibesfülle von Gedanken und Sinnlichkeiten. Unleugbar, sie gleitet hie und da bis zur Gewöhnlichkeit, bis ins Vulgäre nieder. Aber fast immer stützt sie sich auf die Kraft und schwingt sich hoch in die Kunst empor. Dann wird sie episch und grandios und vermehrt die Zahl der unvergänglichen und heiligen Meisterwerke.

In diesem Sinne verstanden, wächst sie empor bis zum Begriffe der panischen Freude, vor deren Gewalt die dionysische Antike geschauert hat und deren Atem und Größe uns die Hymnen und Mysterien heute nur unvollkommen ahnen lassen. Die ganze Natur mit all ihren ursprünglichen Instinkten wirkt bei ihm in diesem Sinne zusammen, und es ist wahrhaft überraschend, inmitten einer christlichen Epoche, im frommen siebzehnten Jahrhundert einen Maler sie mit der gleichen Glut erneuern zu sehen, die sie einst, vor nun dreitausend Jahren, beseelte.