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Bertolt Brecht über Heldentum

Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.
Leben des Galilei 13. (Galilei)
Zitat von Bertolt Brecht
Bertolt Brecht
deutscher Schriftsteller
* 10.02.1898, † 14.08.1956

Weitere Zitate

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Helden sind Menschen, die uns beeindrucken. Hat ein Land viele Helden aufzuweisen, beeindruckt uns zugleich das ganze Volk oder die Nation, die solche Individuen hervorbringt.

Die Politiker sind stolz, wenn sie viele Helden vorweisen können. Denn mit ihrer Anzahl wird ja zugleich auch eine Potenz signalisiert, die anderen Nationen Warnung sein kann. Hört, hört! Wir sind ein Volk von Helden! Gebt acht!

Berthold Brecht sieht das anders. Er macht mit seinem Zitat einen dicken Strich durch die Rechnung. Ist er ein Spielverderber? Warum mag er bloß keine Helden?

Man darf darüber nachdenken. Vielleicht wollte er uns damit sagen, dass wir eben nicht den klassischen Helden brauchen, um Stolz auf das Land, das Volk, den Staat oder die Nation zu entwickeln, sondern stattdessen aufgeklärten mutigen Bürgern einen freien Raum zum Atmen und Handeln zu schaffen?

Sind mutige Bürger keine Helden? Manchmal schon. Oft aber braucht es eben nicht das typisch Heldenhafte, das sich blind in jedes Gewässer oder jedes Feuer stürzt, sondern den mitdenkenden, nüchtern-klaren Menschen, der nicht nur eine gesunde Nachdenklichkeit aufweist, bevor er selbst handelt, sondern auch noch eine kluge Voraussicht. Die letzteren Eigenschaften kommen bei klassischen Helden allerdings eher selten vor. Denn wenn sie lange mit- oder nachdenken würden, Vor- und Nachteile abwägen würden, wäre die heldenhafte Chance, die oft nur aus einem Augenblicksmoment besteht, schon wieder vorbei.

Freie Bürger braucht das Land. Kritische Betrachter und Menschen, die Salz auf die Wunden streuen. Menschen, die sich klar äußern, die auch zur Demonstration bereit sind, wo sie überfällig ist. Menschen, die ihren Verstand gezielter einsetzen als ihre Muskelkraft. Tollkühnheit sollte durch beherzten Mut ersetzt werden, der durchaus vorher auch nachdenkt, bevor er in Aktionismus verfällt.

Das alles gilt nicht für eine Situation, wo es um eine direkte Lebensgefahr geht und wo ohne langes Zögern ein anderer Mitmensch gerettet werden könnte, wenn man unmittelbar handelt. Aber es gilt für die allgemeine Entwicklung eines Volkes oder Staates, wo die Nachhaltigkeit eines gut funktionierenden Geistes letztlich die größere Rolle spielt.