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Eugène Ionesco über Erfahrung

Wir glauben, Erfahrungen zu machen, aber die Erfahrungen machen uns.
Zitat von Eugène Ionesco
Eugène Ionesco
französisch-rumänischer Schriftsteller
* 26.11.1909, † 28.03.1994

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Eugéne Ionesco, unter anderem Autor und ein führender Vertreter des absurden Theaters, machte eine überhaupt nicht absurde Erfahrung, als er sich über die Wirkung von Erfahrungen ausließ. Er stellte sich die Frage der Kausalität. Ursache und Wirkung scheinen sich dabei in einem ewigen Karussell zu drehen. Wo ist der Anfang, wo das Ende – oder gibt es beide am Ende überhaupt nicht?

Doch, natürlich machen wir Erfahrungen. Denn wir erleben sie ja und können sie ganz konkret benennen. Aber Ionesco hat gewiss auch mit seinem Umkehrschluss Recht, dass nämlich die Erfahrungen uns machen bzw. prägen. Aus dieser Prägung wiederum ergibt es sich zwangsläufig, dass wir bestimmte und keinesfalls nur zufällige neue Erfahrungen machen, die wir ohne diese spezielle Prägung so nicht gemacht hätten. Aufgrund anderer Prägungen hätten wir dann auch wieder andere Erfahrungen gemacht. Prägungen und Handeln stehen fast immer im ursächlichen Zusammenhang, wenn man die Dinge oder Prozesse nur tief genug zurückverfolgt.

Insofern ist die Güte oder der Wert einer Erfahrung zentral für die Frage, was denn genau die Erfahrungen mit uns machen und wie sie uns prägen. Man braucht keine wissenschaftliche Analyse um mit dem gesunden Menschenverstand leicht erkennen zu können, dass wiederholt schlechte Erfahrungen unser Handeln oft deshalb negativ beeinflussen, weil wir nach jeder neuen schlechten Erfahrung mehr Vorbehalte bekommen, uns noch mehr absichern müssen, dabei unter Umständen Lebendigkeit und Spontaneität einbüßen oder vielen Dingen oder Menschen gegenüber nicht mehr offen sein können. Je nachdem kann die Angst oder die Vorsichtig dominieren. Die kreative Neugierde zumindest wird nach einer Reihe schlechter Erfahrungen zumeist massiv eingeschränkt sein.

Machen wir gute Erfahrungen mit bestimmten Verhaltensweisen, so werden wir nach und nach sicherer, vielleicht auch risikobereiter und mutiger. Wir bleiben offen für das Unbekannte, weil wir uns geschützt und aufgehoben fühlen. Damit können wir uns dem Unwägbaren ganz anders frei entgegenstellen.


Der Mensch als Weichensteller seiner Erfahrungen


Das Leben selbst ist für die meisten Menschen jedoch so eingerichtet, dass sie viele gute und schlechte Erfahrungen im Wechsel machen. Es hängt damit zusammen, dass wir uns einerseits auf alte Erfahrungen stützen können, aus denen wir bestenfalls auch Lehren für zukünftiges Verhalten gezogen haben und uns nun klüger verhalten wie zuvor. Schlechte Erfahrungen machen wir vor allem da, wo wir die Fehler des alten falschen Verhaltens immer noch nicht begriffen und deshalb auch unser Handeln oder unsere innere Ausrichtung noch nicht ausreichend stark verändert haben. Oder aber wir wagen uns an Dinge heran, die neu sind, die wir noch gar nicht kennen können und machen dann Fehler, die aus reiner Unkenntnis im Stadium des Experimentierens entstehen.

In jedem Fall wird aber jede Erfahrung, die wir machen, Spuren in uns hinterlassen, die sich in unserem ganzen Wesen niederschlagen. Nicht immer bemerken wir dies auch direkt. Oft sind es andere Mitmenschen, die uns auf Veränderungen ansprechen, die uns selbst entgangen sind, weil solche Prozesse oft unspektakulär und leise verlaufen.

Es ist eher selten, dass eine Veränderung wie ein Paukenschlag im Leben eintritt, wenn eine bestimmte Erfahrung uns zu einem plötzlich "neuen" Menschen macht. Dann spricht man von Zäsuren, tiefen Einschnitten ins Schicksal. Hierzu gehören die Erfahrung des Todes eines nahestehenden Menschen, ein schwerer Unfall, eine schwere Krankheit oder vielleicht auch ein unerwarteter plötzlicher Karrieresprung im Beruf oder die ganz große Liebe des Lebens, die nun alles auf den Kopf stellt.

Wir machen Erfahrungen, auf dass sie uns machen, beeinflussen und fördern. Selbst darauf zu achten, dass die Qualität der Erfahrung eine förderliche ist, ist uns trotz aller Einflüsse von außen dennoch überwiegend in die eigenen Hände gelegt. Insofern machen wir nicht nur Erfahrungen, machen Erfahrungen uns, sondern wir stellen die Weichen dafür weitgehend selbst.