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Ricarda Huch über Liebe

Liebe ist das einzige, was nicht weniger wird, wenn wir es verschwenden.
Zitat von Ricarda Huch
Ricarda Huch
deutsche Schriftstellerin
* 18.07.1864, † 17.11.1947

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Sollen oder wollen wir Liebe verschwenden? Wie reich muss ein Mensch innerlich sein, bis er zu diesem Punkt kommt, dass er mit all seiner Liebe geradezu verschwenderisch umgehen kann. Beschaut man sich die Liebeskraft der Mitmenschen, so erlebt man oft: Viele Menschen können sich offenbar ja nicht einmal selbst lieben! Da gibt es also nichts zu verschwenden, weil noch nichts entwickelt ist.

Man denke an ein Liebespaar. Da lieben sich Zweie inniglich und mögen sich gegenseitig auch mit all der großen Liebe beschenken, die sie im Augenblick fühlen. Das mag gelingen. Möchte aber nur ein dritter Mensch in irgendeiner schönen Form daran teilhaben, geht die Tür zur Liebe hermetisch zu – bzw. sie bleibt fest verriegelt. Das aber widerspricht der Liebe und ihrem Wesen, die in sich unbegrenzt frei fließen will. Dabei ist nicht die Sprache vom Teilen des Partners, beispielsweise auf der Körperebene, sondern ganz allgemein der Anteil der Liebeskraft gemeint, die doch gerade vor Glück überschäumt und dennoch "behalten" und mit niemand sonst geteilt werden will. Verschwenderisch großherzig ist eine solche Liebe nicht im Sinne von Ricarda Huch, sondern sie bleibt egozentriert im kleinsten Zweierkreis verkapselt.

Liebe, die tatsächlich umfänglich liebt, kann andere Menschen gar nicht ausgrenzen. Denn jede Ausgrenzung ist ein Kontrapunkt wahrer Liebe. Nun mag diese hohe Form von Liebe nicht dem normalen Anspruch eines Durchschnittsmenschen entsprechen. Er ist in der Regel ja schon dankbar und glücklich ist, wenn die Liebe in seinem kleinen privaten Umfeld, im Familien- oder sogar erweiterten Freundeskreis schon halbwegs spürbar für ihn ist. Das ist schon viel für die meisten – aber weit entfernt von dem, was wir als verschwenderisch reich in diesen Dingen als Ideal vor Augen haben könnten.


Liebe und Absicht schließen sich aus


Liebe vermehrt sich wirklich durch Teilen. Die Arithmetik verschiebt sich. Aus weniger wird mehr. Das Herkömmliche wird auf den Kopf gestellt. Ricarda Huch hat es erkannt, vielleicht ja auch erlebt. Je mehr wir wahre Menschenliebe mit anderen Mitmenschen teilen und nicht von Eifersüchteleien, Machtspielchen oder sonstigen Verlustängsten von der reinen Liebe getrennt werden, umso tiefer und reicher fühlen wir uns im Lieben selbst beschenkt. Beschenkte wiederum teilen dann auch gern ihre Geschenke mit anderen, geben von Herzen und wissen, dass auch das Gute immer wieder neu zu ihnen zurückkommt. Ihr Tun ist rein. Es ist ein Wunder dass sich vollzieht. Man wird um seiner selbst willen geliebt. Und man liebt auch die anderen um ihrer selbst willen. Ein hehres Ziel, ein Ideal… aber ein erreichbares, das sich in kleinen Schritten vollziehen kann. Voraussetzung zum Lieben ist eine gesunde Form von Selbstliebe, die sich vom Egoismus stark unterscheidet. Doch die Selbstliebe ist der Schlüssel. Wer sich selbst nicht liebt, kann auch nicht wirklich andere lieben.

Doch wehe, man macht aus der Liebe eine kalkulierte Absicht, macht sich beispielsweise "lieb Kind" und will unbedingt "everbody’s Darling" werden. Das geht nicht gut, wird von den Mitmenschen früher oder später durchschaut und bricht in sich zusammen. Der Liebe fehlte das Rückgrat. Die Menschen, die es mit diesem Trick versuchen, werden in ihrem Kalkül auch deshalb erkannt, weil sie nicht das ausstrahlen, was wirklich rein ist. Hier spielen dann Züge von Devotion, Unterwürfigkeit, Willfährigkeit oder jene üble Kriecherei hinein, die trotz der Liebesbezeugungen erschreckend abstoßend wirken. Sie zeigen einen eklatanten Mangel an Selbstliebe, der durch die Zuwendung anderer Menschen kompensiert werden will.

So trennt sich auch in Sachen Liebe die Spreu vom Weizen durch die wahre Gesinnung und Haltung. Werden wir also alle nach und nach verschwenderisch in der wahren großartigen Form bedingungsloser Liebe, die gibt, weil sie schon so unendlich viel hat und noch immer mehr bekommt.