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25. November 2015

Wie groß ist ein Leben?

Bei der Berechnung hilft kein Taschenrechner, meint Tom Borg

Bevor Sie jetzt ins Philosophieren geraten, lassen Sie es mich von der praktischen Seite angehen: Ich schreibe als Profi-Autor seit rund 35 Jahren, also deutlich über die Hälfte meines Lebens, Schlagertexte, Kurzkrimis, Liebesromane und Bücher rund um EDV und Programmierung. Allein für einen IT-Verlag habe ich einige tausend Seiten geschrieben. Wenn ich diese vielen Texte als Datei speichere und zusammen mit den Source-Codes von einigen Hundert Pascal-, Delphi- und C/C++-Programmen und Internetseiten zur Sicherung auf eine DVD speichere, dann reibe ich mir verwundert die Augen: Diese 35 Jahre meines Lebens brauchen noch nicht einmal eine volle DVD! Ein halbes Leben Arbeit - und gerade mal eine Handvoll Bits und Bytes sind dabei herausgekommen!?

Es scheint zumindest so zu sein. Denn obwohl sich das Wissen der Menschheit immer schneller verdoppelt, kommen wir dem Ziel immer näher, dass fast alles digital verfügbar und auf Abruf greifbar wird. Gleichzeitig wird uns aber bewusst, dass wir immer weniger Informationen aufnehmen. Werden Nachrichten in Funk und Presse von Redakteuren zusammengestellt, so haben wir uns im Internet inzwischen auch eine Gutachter-Instanz geschaffen: Suchmaschinen entscheiden darüber, ob Informationen gefunden werden, was wichtig ist oder gar eine Existenzberechtigung hat. Ja, selbst eine Weltsensation ist keine, wenn sie keiner zur Kenntnis nimmt. Eine Homepage ohne Suchmaschineneintrag ist toter als tot. Wen die Medien totschweigen, der hat nie gelebt - oder etwa doch?

Sucht man abseits der üblichen Medien nach Spuren des eigenen Lebens, so wird man durchaus schnell fündig. Da ist vielleicht der Baum, in dessen Rinde man im jugendlichen Übermut seinen Namen einritzte. Er ist noch nach vielen Jahren lesbar und zeugt vom Rowdytum wider die Natur. Doch auch positive Spuren lassen sich finden - auch wenn sie uns manchmal nicht auf den ersten Blick auffallen.


Unbewusster Einfluss


Es gibt viele Momente, kleine, oft unscheinbare, mit denen wir auf das Leben Anderer einwirken. Nicht immer zu deren Besten. Aber manchmal pflanzen wir ein kleines Samenkörnchen ins Leben anderer Menschen durch unser Tun oder was wir sagen, das erst viele Jahre später aufgeht. Dann, wenn sich diese Menschen an uns oder das, was wir gesagt oder getan haben, erinnern und daraus einen Nutzen für sich ziehen können.

Aber es muss nicht immer der magische Tipp sein, der dem Klassenkameraden durchs Examen half und ihm seinen Traumberuf ermöglichte. Nein, es gibt auch kleine Episoden in unserem Leben, die in keiner Suchmaschine zu finden sind und sich in nichts sichtbar manifestieren und nur in unserer Erinnerung leben. So denke ich gelegentlich an meine Abiturientenzeit, wo ich mich oft mit zwei Freunden abends traf und wir bei Weißbrot, Käsefondue und Musik über Gott und die Welt redeten. Beide habe ich nach dem Abitur aus den Augen verloren, aber ich denke manchmal an sie und unsere gemeinsamen Abende. Und diese Erinnerungen geben mir ein gutes Gefühl, beeinflussen, was ich in dem Moment denke und wohl auch als nächstes tue, denn ich fühle mich wohl und reagiere positiv auf meine Umgebung. Ich weiß nicht, wie meine Schulfreude sich an diese Zeit erinnern, aber irgendeine Erinnerung werden auch sie haben, die folglich auch einen Impuls für das Jetzt gibt.

Manchmal ist es ein Gespräch, dessen Fetzen durch unsere Erinnerung geistern, manchmal ein Bild, das uns nicht mehr aus dem Sinn geht. Es gibt viele Möglichkeiten wie Menschen mit Kleinigkeiten auf andere einwirken. Man denke nur an gemeine Bosheiten in der Schule, die manchen Gemobbten sein Leben lang verfolgen. Oder das gute Beispiel, das wir für uns vollkommen unbekannte Menschen geben. Menschen, deren Wege wir vielleicht nur einmal im Leben kreuzten und die wir dabei doch so nachhaltig beeinflussten, dass ihr späteres Leben eine andere Wendung nahm.

Meistens bemerken wir solche kleine Funken nicht und erkennen unseren Einfluss erst später, beispielsweise wenn wir ein Patenkind für etwas loben und es uns stolz berichtet: Du hattest mir mal gezeigt…


Stille Größe


Damit wäre ich wieder bei der Ausgangsfrage - und ich möchte ganz frech behaupten: Ein Leben ist größer als die speicherbare Handvoll Bits und Bytes, mehr als eine Bestenlistenplatzierung oder der Abglanz einer Pokalsammlung!

Es mag sein, dass der Computer einen speziellen Artikel schneller findet, als ich in meinem Gedächtnis. Aber ich weiß, was ich warum geschrieben habe, welche Geschichten, Erlebnisse oder Probleme dahinter stecken und warum manches Programm so implementiert wurde, wie es vorliegt.

Als Mensch gehe ich auf andere Menschen zu, höre ihnen zu und mache mir meine Gedanken. Computergesteuerte Informationssammlungen versuchen lediglich, die Realität abzubilden - und selbst das geht mitunter ganz schön daneben, wie wir nahezu täglich erleben können.

Im Miteinander mit anderen Menschen hinterlassen wir sowohl zum Guten als auch Negativen, mal bewusst und andermal unbewusst, kleine Eindrücke, Motivationen und Anregungen, an die sie sich viele Jahre später wieder erinnern. Vielleicht in einer Situation, wo diese Eindrücke plötzlich einen anderen Sinn ergeben oder das Augenmerk auf einen Aspekt richten. Manches Gehörte oder Erlebte rückt erst Jahre später wieder in unser Bewusstsein und gibt uns einen Impuls, der unser Leben in eine andere Richtung driften lässt.

Ist es nicht auch Größe, wenn uns andere Menschen solche Impulse, Erinnerungen oder Erlebnisse verschaffen? Ja, eigentlich möchte ich behaupten, dass die wahre Größe des menschlichen Lebens der Teil ausmacht, den wir nicht auf den ersten Blick sehen: Die Freundschaft, die sie uns gewähren, oder das Vorbild als das sie uns erscheinen. Die Größe des Lebens wäre dann die Summe der positiven Interaktionen mit anderen, egal, ob sie nun bewusst oder unbewusst erfolgten. Für mich ist auch mein Mathematiklehrer ein großer Mensch, denn er hat mich angeleitet und mir Fähigkeiten vermittelt, die mir noch heute zugutekommen. Er selbst hat nie einen Nobelpreis erhalten oder irgendeine andere größere Auszeichnung, selbst Google kennt ihn nicht. Aber er hat im Laufe seines Lebens Tausende von Schüler auf ihren Weg ins Leben begleitet. Ist das etwa nichts?!

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.