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02. Dezember 2015

Das Ende der grenzenlosen Freiheit?

Nutzerinteressen zählen nicht, wenn es um Geld geht, meint Tom Borg

Das Internet galt einst als die neue, große Freiheit, die es erlaubte, dass jeder mit jedem kommunizieren und Inhalte verbreiten kann. Längst fielen Schatten auf den Glanz der digitalen Welt, der immer schneller ermattet. Neuestes Ärgernis sind gesperrte Links. Sperren, gesetzt um den Benutzer einer Webseite daran zu hindern, die Webseite eines Konkurrenten zu besuchen. So blockierte beispielsweise WhatsApp Links zum Konkurrenten Telegram.

Aber auch andere Dienste halten nicht viel von der großen Freiheit. Facebook, so legen es Berichte und Tests nahe, behindert beispielsweise Videos von Youtube und bevorzugt eigene Videos. Google sagte man das Bevorzugen seiner eigenen Dienste schon immer nach, aber wenigstens blockierte Google nicht den Rest der Welt.

Mit WhatsApp macht jetzt einer der ganz Großen die Schotten dicht - und seine Anwender haben das Nachsehen. Denn den Besucher interessiert es herzlich wenig, ob die interessante Information, auf die er verlinken oder die er ansurfen möchte, auf WhatsApp oder irgendwo im Web zu finden ist. Der Nutzen steht im Vordergrund, nicht, wer die genutzte Leistung erbringt.

Die großen Webkonzerne sehen das natürlich komplett anders. Sie betrachten Anwender als ihr erobertes Eigentum und versuchen, sie möglichst lange auf ihrer Plattform zu halten. Frei nach dem Motto: Ihr dürft gerne Freiheit genießen und Spaß haben, aber gefällst bei uns…

Das steht zwangsläufig im krassen Gegensatz zum freien Kommunikationskonzept des Internets, das einst geschaffen wurde, um Informationen ohne jede Schranke auszutauschen. Jeder konnte verlinken auf was er wollte und diese Links machten Seiten und das gesamte World Wide Web erst so richtig interessant. Ohne diese Freiheit würde es das Internet, so wie wir es kennen, heute nicht geben. Somit ist umgekehrt jeder Versuch, diese Freiheit zu beschränken, ein Angriff auf das Internet als solches.


Die digitale Mauer


Große Internetkonzerne wollen erreichen, dass Anwender ihre bereitgestellten Dienste nutzen und den Rest ignorieren. Dazu stellen sie neuerdings sogar Infrastruktur bereit, die dann allerdings primär nur mit den Diensten des Anbieters genutzt werden kann. In einigen Entwicklungsländern gehen inzwischen bis zu 75% der Anwender über kostenlose Datenpakte mobil ins Internet, die von Facebook finanziert werden und primär nur Zugriff auf Facebook erlauben. Wer andere Seiten ansteuern möchte, muss ein weiteres Datenpaket hinzukaufen, was sich die meisten nicht leisten können. Damit macht sich Facebook - hier stellvertretend für alle anderen genannt - zum Dienst Nummer 1 ohne Konkurrenz. Ja, schlimmer: Viele Menschen in den Entwicklungsländern kennen gar nicht mehr den Unterschied zwischen Facebook und Internet.

Die Vormachtstellung einer wenige Internet-Giganten führt zu dem Effekt, der auch schon aus der guten, alten analogen Zeit bekannt ist: Markenbildung. Web-Imperien sind Marken, Webseiten sind Markenprodukte. Der einzige Unterschied zwischen dem Internet und dem Discounter nebenan ist der, dass mit dem Beschneiden des Internets gleich der ganze Discounter verschwindet.

Ohne den Discounter kann aber das Markenprodukt nicht effizient verkauft werden. Dies wiederum stört die aktuellen Internet-Imperien herzlich wenig, denn sie halten sich für so wichtig, dass sie sich nicht einmal vorstellen könnten, wie es wäre, wenn die Anwender plötzlich ohne sie auskämen. Das ist für Google als Suchmaschine ebenso abstruser Unsinn wie für Facebook die Vorstellung, es könnte ein anderes soziales Netzwerk geben.

Doch was bleibt für den Anwender, wenn die Links, auf die er verweisen möchte, blockiert werden? Wenn die Seiten, die ihn interessieren, nicht geteilt oder von anderen angesteuert werden können? Wenn Web-Applikationen sich gegenseitig abschotten wie einst Ost- von West-Deutschland?

Wenn der Spaß gegen Null geht, zieht es die Menschen üblicherweise in die Ferne. Und noch haben die Internetbenutzer viele Alternativen. Noch, denn es werden täglich weniger anstatt mehr…

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.