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26. April 2012

Kindertourismus

In der Grauzone des Gewissens stochert Tom Borg

Kinder sollten nicht arbeiten sondern spielen, ihre Kindheit genießen, zur Schule gehen, lernen und sich auf den sogenannten Ernst des Lebens vorbreiten, der irgendwann kommt. Dummerweise bekommt man diesen "Ernst des Lebens" in der Dritten Welt schon mit in die Wiege gelegt.

Es gibt Zustände, die sollte es nicht geben, und dennoch sind sie wünschenswert, weil es ohne sie noch schlechter wäre. In diesem irrationalen Dilemma landete ich, als ich meinen Wohnsitz von Deutschland auf die Philippinen verlegte. Wenn deutsche Vorstellungen auf philippinische Realität treffen, dann passt da so einiges nicht zusammen, wie auch an vielen anderen Orten dieser Welt. Wir haben nun Mal unsere deutschen Vorstellungen von Moral, Ethik und Lebensqualität - die aber für mindestens 50% aller Länder und 70% aller Menschen auf diesem Planten allenfalls Wunschvorstellungen sind und mit der Realität des Lebens nicht das Geringste gemein haben.

Eines der heikelsten Themen in der dritten Welt ist die Kinderarbeit. Klar, ich bin dagegen, obwohl… Tja, da fängt da Problem an... Kinder sollten spielen, ihre Kindheit genießen, zur Schule gehen, lernen und sich auf den sogenannten Ernst des Lebens vorbreiten, der irgendwann kommt. Dummerweise bekommt man diesen "Ernst des Lebens" in der Dritten Welt schon mit in die Wiege gelegt. Es gibt da keine Hartz IV und sonstige soziale Hilfen würde ein Kind das "Arbeitsalter" erst gar nicht erreichen, weil es vorher verhungern würde. So manchem Kind bleibt gar nichts anderes übrig, als im Familienhaushalt mitzuhelfen. Und dieser harmlos klingende Begriff kann in knochenharte Arbeit ausarten, wenn die Eltern keine geregelte Arbeit haben, aber die Kinder stundenweise eine Anstellung - mitunter zum Steine schleppen, dass einem als Mitteleuropäer schon beim Hingucken der Muskelkater befällt. Da muss man doch einschritten! Doch dieser erste Impuls hat den Haken, dass der Lohn des Kindes möglicherweise das einzige ist, womit die ganze (!) Familie etwas zu essen kaufen kann. Also einem Kind und seiner ganzen Familie das Essen verbieten…?

Der zweite Impuls ist, dass man daran denkt, dem Kind einfach 5 Euro zu geben. Das ist umgerechnet in etwa der Mindestlohn, den ein Arbeiter auf den Philippinen pro Tag bekommen sollte. Es soll einfache Arbeiter geben, die ihn tatsächlich bekommen; viele Landarbeiter können davon aber allenfalls träumen. Und ein Blick auf das eigene Bankkonto über die Schar der Kinder hinweg zeigt, dass es mehr bedürftige Kinder gibt, als auf meinem Konto Euros…

Also weggucken? Das fällt auch schwer. Da ist der innere Drang, etwas zu tun, etwas zu verbessern. Wenn man in Deutschland ist, dann kann man ein paar Euros spenden und bekommt das wohltuende Gefühl, etwas Gutes getan zu haben. Lebt man mitten in der Armut, mit einer Flasche Bier aus dem Kühlschrank vor dem 54 Zoll TV sitzend, dann kann man gar nicht anders als festzustellen, dass ein paar Euros nicht wirklich etwas bewirken - und doch wiederum sehr viel, wenn sie einem einzigen Kind zu gute kommen. Also einem Kind ein paar Euros in die Hand drücken, um das Gewissen zu erleichtern, damit das saftige Steak besser rutscht? Dann stehen morgen 100 weitere vor der Tür. Und selbst wenn ich mir auch dies leisten kann, bewirke ich nichts, leiste keine Hilfe zur Selbsthilfe, sondern stopfe lediglich etwas in ein Fass ohne Boden.


Hilfe zur Selbsthilfe


Ich habe für mich ganz persönlich einen Weg durch dieses Dilemma gefunden. Wenn ich weiß, dass ein Kind gar keine andere Wahl hat als zu arbeiten, dann erachte ich es als akzeptabel, ihm eine Möglichkeit anzubieten, bei mir im Büro zu helfen. Gerade jetzt, wo ich dies schreibe, sitzt neben mir ein gerade 12 Jahre alt gewordenes Mädchen aus der Nachbarschaft, das jetzt eigentlich Brennholz sammeln oder Wäsche vom arbeitslosen Papa waschen sollte. Ich bin aber der Meinung, dass der Papa, wenn er eh keine Arbeit hat, sich seine Wäsche selbst waschen kann, und habe dem Mädchen angeboten, dass sie bei mir im Büro Bücher und Dokumente scannen kann. Über das damit verdiente Geld hat sie sich nicht nur riesig gefreut, sondern war auch stolz, etwas selbst verdient zu haben. Ganz nebenbei lernt sie dabei, einen Computer zu bedienen, den sie sonst die nächsten 10 Jahre wohl nicht zu Gesicht bekäme. Und so aus den Augenwinkeln bemerke ich, dass sie auch neugierig in den zu gescannten Büchern blättert und liest, während auf dem Rechner der OCR-Prozess läuft. Das nenne ich Hilfe zur Selbsthilfe, auch wenn ich dabei irgendwie dennoch ein schlechtes Gewissen habe. Aber würde ich ihr dieses "spielerische Lernen" gegen Bezahlung nicht anbieten, dann müsste sie "richtig" arbeiten…

Eine ganz besondere Form der versteckten Kinderarbeit bildet der "Kindertourismus" dem ich hier auf den Philippinen erstmals begegnet bin, wo weiterführende Schulen nach der Grundschule Gebühren kosten, die sich viele Eltern nicht leisten können, schon gar nicht wenn sie ein halbes Dutzend oder mehr Kinder haben. Einige Schulen und wohlhabende Familien stellen deshalb Stipendien bereit.

Speziell für die Kinder "aus den Bergen", weit ab von den Schulen zu Hause, bleibt dann aber das Problem, dass sie frühmorgens einen Stunde oder mehr zur Schule fahren müssten, was auch wiederum Geld kostet, das die Eltern nicht haben. Solche Kinder finden Unterkunft bei ortsansässigen Familien. Sie leben dort ähnlich einem Au Pair in der Familie und gehen zur Schule. Als Gegenleistung wird erwartet, dass die Kinder im Haushalt mithelfen. Und das ist eine sehr schwammige Formulierung. Manches Kind, vor allem Mädchen, kommt da vom Regen in die Traufe und muss neben der Schule ziemlich viel arbeiten. Man kann es da als Kind gut oder schlecht treffen, es ist eine reine Glückssache. Und trotzdem - es ermöglicht den Kindern, überhaupt zur Schule zu gehen, die Chance auf eine bessere Zukunft zumindest zu wahren.


Wenn Lernen Geld kostet


Ja, und da steht man dann mit seinem Gewissen alleine auf weiter Flur: Kinderarbeit - in welcher Form auch immer - unterstützen oder einfach weggucken, nichts tun, mich darauf beschränken, das eigene Einkommen möglichst erlebnisreich zu verbraten und mich aus allem raushalten? Immerhin kann man recht schnell im Fettnäpfchen landen. Als ich meiner Nachbarin erklärte, dass es in Deutschland kriminell wäre, wenn ich ein 12 jähriges Mädchen ohne offizielle Erlaubnis von Schule und Behörden einfach so anstelle, da hat die gute Frau mich mit ungläubigem Erstaunen angesehen, so als wolle sie mir sagen: Ihr Europäer habt doch nicht alle Tassen im Schrank. Und ja, auch so manches Touristen-Kind kann den Wert der gestifteten Schulbildung nicht wirklich anerkennen.

Bei uns wohnt auch ein Schulmädchen. Deren Mutter ist emsig herumgerannt und hat es geschafft, vier ihrer Kinder bei Familien und auf Schulen unterzubringen. Unser Schulmädchen kommt jetzt ins dritte Jahr High School und könnte nächstes Jahr aufs College gehen. Ich könnte mir vorstellen, dies zu finanzieren, wenn sie im Gegenzug als einzige Verpflichtung in den Ferien und ansonsten ein paar Stunden die Woche in der Firma mithilft und dabei auch gleichzeitig das Arbeiten mit dem Computer lernt, was ja auch eine Zukunftsperspektive und eine potentielle Arbeitsstelle wäre.

Das Angebot, mal reinzuschnuppern und eventuell etwas Taschengeld zu verdienen, hat sie in den letzten 6 Wochen nicht genutzt. Dazu fehlt ihr irgendwie die Energie - oder sie hat das Leben ihrer Eltern in den Bergen als Ideal vor Augen. Doch die Eltern waren nicht nur fleißig beim Kinder kriegen, die Mutter hat auch mindestens vieren ihrer acht Kinder eine weitergehende Schulbildung verschafft. Und, ja, auch das ist eine Lebensleistung, die ich anerkenne - zumindest seit ich aus erster Hand weiß, wie schwer es sein kann, nach der Grundschule weiter zur Schule gehen zu dürfen…

Aber ein etwas mulmiges Gefühl bleibt. Soll ich wirklich einem kleinen Mädchen Arbeit in meinem Büro anbieten, bei der sie etwas verdient und lernt? Es ist und bleibt Kinderarbeit! Kann es gute und schlechte Kinderarbeit geben? Ich weiß es nicht. Aber das Mädchen neben mir ist richtig glücklich. Sie ist neugierig, etwas zu lesen und zu lernen. Und dafür auch noch Geld zu bekommen, während sie in einem klimatisierten Büro auf einem gepolsterten Bürosessel sitzt, das findet sie richtig toll.

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.