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05. März 2012

Mit Luxus Armut beseitigen

Klingt gewagt, ist aber wahr, meint Tom Borg

Auf den ersten Blick passen Luxus und Armut zusammen wie Katz und Maus, wie Feuer und Wasser. Und doch - bekämpft man nicht auch Feuer gelegentlich mit Feuer? Um zu verstehen, was Luxus und Armut miteinander zu tun haben, muss man einen Blick über den Tellerrand der deutschen Kultur hinaus werfen.

Auf den ersten Blick passen Luxus und Armut zusammen wie Katz und Maus, wie Feuer und Wasser. Und doch - bekämpft man nicht auch Feuer gelegentlich mit Feuer? Um zu verstehen, was Luxus und Armut miteinander zu tun haben, muss man einen Blick über den Tellerrand der deutschen Kultur hinaus werfen; beispielsweise Richtung Philippinen wo ich jetzt seit einem halben Jahr lebe. Und ich muss gestehen, ein halbes Jahr am Stück ist etwas anderes als immer nur vier Wochen Urlaub, die immer irgendwie als eine Art Ausnahmezustand aufgefasst wurden, von unseren philippinischen Verwandten wie auch von uns selbst.

Zieht man aber mit dem ganzen Haushalt von Deutschland auf die Philippinen und hat dann auch noch ein Neugeborenes zu versorgen, dann stellt sich manches plötzlich ganz anders dar, weil dann eben nicht mehr der Ausnahmezustand gilt, sondern der Ausnahmezustand zur Regel wird.

Und dann muss man sich an einiges (um)gewöhnen - aber es fallen dem aufmerksamen Beobachter, der sich im ersten Moment wie ein Gast in der fremden Kultur vorkommt, einige Dinge auf, die sich über Wochen zu einer Art Erkenntnis summieren.

Ein halbes Jahr Philippinen - ein willkommener Anlass für eine erste Zwischenbilanz. Und als erstes fällt mir auf, was mir eigentlich nicht auffällt: die Zeit. Wo sind eigentlich diese sechs Monate geblieben? Ich habe meine PCs im Büro hingestellt und benutze sie auch fleißig, aber irgendwie haben wir in den sechs Monaten nicht wirklich viel geschafft - und ich frage mich: warum nicht?

Ok, als erstes fällt mir natürlich die Hitze ein. 26 Grad Durchschnittstemperatur tagtäglich laden regelrecht ein zum Herumgammeln. Und, ja, die Bevölkerung der Visayas-Inselgruppe, wo meine Familie wohnt, gilt auch im eigenen Land als gemütlich und ist ob ihres gemächlichen Sprach- und Lebensstils ein willkommenes Ziel für Witze aller Art im Norden des Landes.

Aber das alleine kann es doch nicht sein. Immerhin bin ich als Deutscher pünktliches und konzentriertes Arbeiten über 8 Stunden pro Tag gewohnt, und als Selbständiger ackere ich auch schon mal 10-12 Stunden ohne zu klagen. Wohin also verflüchtigst sich meine Zeit...?


Das bisschen Haushalt…


Eine erste Antwort bekam ich eher unfreiwillig als unsere Waschmaschine streikte. Die haben wir aus Deutschland mitgebracht, ein Super-Luxus-Hightech-Wunder-Ding - zumindest aus philippinischer Sicht. In Deutschland würde man schlicht gehobene Mittelklasse dazu sagen.

Um die unterschiedliche Sichtweise zu verstehen, muss man sich eine philippinische Waschmaschine, die sich ohnehin kaum einer leisten kann, einmal näher anschauen. Sie ist aus Plastik, die Rotationsachse ist nicht waagrecht wie in Deutschland angebracht, sondern senkrecht am Boden. Somit wird die Wäsche nicht herumgewirbelt, sondern nur gedreht wie auf einem Karussell. Eine Temperaturregelung kennt das Ding nicht, es wird alles mit kaltem Wasser gewaschen, das manche sogar per Hand einfüllen müssen. Wäsche zu schleudern empfindet das Gerät als überflüssig und pumpt allenfalls das dreckige Wasser ab - dahin, wo die Waschmaschine gerade steht. Es hängt zwar ein 2 Meter langer Schlauch daran, aber schon das Handbuch sagt, man solle ihn ganz flach auf den Boden legen, was ich beim ersten Versuch natürlich nicht berücksichtigt hatte, so dass das Wasser schlichtweg in die Waschmaschine zurückgedrückt wurde und dort als alle Fugen herauslief. Zum Schleudern muss die Wäsche in eine separate Schleuder gepackt werden, die man entweder separat kaufen muss oder bei Kombigeräten als zweite Trommel vorfindet. Also klitschnasse Wäsche von der einen Trommel in die andere füllen und schleudern. Bei diesem ganzen Procedere bleibt man am besten gleich in der Nähe der Waschmaschine, da man nie weiß, was das Ding als nächste Katastrophe präsentiert.

99 Prozent aller Filipinos haben (deshalb?) erst gar keine Waschmaschine, sondern waschen per Hand. Auf dem Land macht man ein kleines Happening daraus, wenn eine ganze Gruppe Frauen am Dorfflüsschen sitzt und Wäsche wäscht und nebenher fleißig getratscht wird. In den Städten verwendet man eine Waschschüssel, so auch hier bei uns. Da gehen jeden Morgen unsere Mädchen mit ihrem Bündel Wäsche nach draußen und waschen eine halbe Stunde lang per Hand ihre Wäsche. Ebenso mein Schwager und mein Neffe - und, ja, wir sind ja auch noch da. Und unsere Zeit auch. Da finde ich sie in Portionen aufgeteilt wieder. 5 Leutchen waschen jeden Morgen eine halbe Stunde lang ihr Bündelchen Wäsche. Das sind geschlagene 2,5 Stunden, ein Viertel des deutschen Arbeitstages. Würde man eine Waschmaschine deutschen Standards nutzen, könnten diese 2,5 Stunden auch zu etwas sinnvollerem genutzt werden, während das Gerät sich um die Wäsche kümmert. So aber geht meine Frau Frühstück kochen, weil alle anderen mit Wäschewaschen beschäftigt sind. Weil meine Frau nun auch keine Zeit hat, auf unser wenige Monate altes Kind aufzupassen, bewaffne ich mich mit Windeln, Fläschchen und Schnuller - während meine Computer auf Anweisungen warten...


Produktivität schaffen


Ein "Luxusgut" wie eine "richtige" Waschmaschine würde Produktivität schaffen, die in die richtige Richtung geleitet Fortschritt bringen würde. Letzterer endet aber meistens schon beim Einkaufen. Obgleich die Philippinen einige der größten Shopping-Malls Asiens besitzen, geht auf dem Land, und da leben 80% der Filipinos, jeder zweite mindestens einmal pro Tag in die nächst größere Stadt, um eine Handvoll Essen oder sonstige Kleinigkeiten zu kaufen. Denn auf den Dörfern gibt es das alles nur in Kleinstportionen verpackt zu erhöhten Preisen.

Ich habe noch nirgendwo so viele Geschäftchen nebeneinander gesehen, wie auf den Philippinen. Jeder, der es sich leisten kann, größere Einheiten von irgendwas auf einem größeren Markt zu kaufen, verpackt das Erworbene in kleinere Tütchen und versucht, sein Geschäft damit zu machen. Dass dieses Umpacken und überhaupt diese Kleinstportionen auch Geld kosten, scheint niemanden zu interessieren. Die einen wohl nicht, weil sie daran verdienen, und die anderen haben eh keine Wahl.

Ich, der es gewohnt bin, mir ein 200gr Glas Instant Kaffe für Zwischendurch zu kaufen, schüttel immer wieder den Kopf wenn ich sehe, wie all die Leute mit ihren Tütchen, die zu langen Streifen aus kleinen Tütchen zusammengeschweißt sind, herumhantieren. Löslichen Kaffee gibt es als Portion für eine Tasse in eine bunte Tüte verpackt, Erdnüsse, Chips, quasi alles, was man so im täglichen Leben braucht.

Was in einem Hotel als Service durchgeht, wird als Standard in einem ganzen Land zur Farce. Was da an Ressourcen verbraten wird, um diese ganzen Kleinstportionen abzufüllen und zu vertreiben. Aber viele Menschen können sich einfach nicht leisten, mehr als 1-2 Tassen Kaffee auf einmal zu kaufen. Ganze Hundertschaften von Händler verdienen ein paar Cent pro Tag daran, dass Zigaretten einzeln verkauft werden, weil eine ganze Packung reinster Luxus für das Gros der Landbevölkerung ist.

Auch Medizin wird Tablettenweise verkauft. Was auf den ersten Blick durchaus sinnvoll klingt wenn ich daran denke, wie oft in Deutschland eine ganze Packung wegen 2-3 Tabletten gekauft und nach Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums weggeworfen wird. In einem Entwicklungsland wie den Philippinen kauft man aber heute 2 Tabletten weil für 5 das Geld nicht reicht und geht morgen wieder los um 2 Tabletten zu kaufen. Man könnte landesweit gigantische Summen sparen, wenn die Menschen sich größere Einheiten bei einem Einkauf leisten könnten. Aber das ist hier "Luxus".


Ressourcen zielgerichtet einsetzen


Die Liste dieser Zeit- und Geldverschwendung ließe sich beliebig ergänzen und erinnert mich an eine Tier-Doku, wo der Kommentator darüber informierte, dass die meisten Tiere den Großteil des Tages mit der Nahrungsbeschaffung verbringen. So empfinde ich es hier auch. Für – aus meiner Sicht – sinnlose Tätigkeiten und Zwecke, die man mit etwas Geld in der Tasche vermeiden könnte, vergeudet man einige Stunden pro Tag, die für produktive Tätigkeiten verloren sind. Den Rest verursacht die teilweise miserable Qualität von Produkten, die zwar billig sind, aber auch sehr schnell kaputt. Man hat kaum eine Chance, sich mit seiner Arbeitsleistung etwas aufzubauen, indem etwas angeschafft wird, das länger hält als die Zeit für die Finanzierung dauerte.

Das wiederum bedeutet nichts anderes als dass der Filipino auf dem Lande gut 90% seiner Zeit damit verbringt, einfach nur zu überleben. Denn arbeiten tun die Menschen; sie arbeiten viel und hart. Aber es bleibt einfach kaum etwas zählbares übrig, weil auch für jedes Schräubchen das benötigt wird, eine Reise zum nächsten Händler anfällt, da kaum einer sich den Luxus leisten kann, Arbeitsmaterial auf Vorrat zu haben. Bei diesen Beschaffungsfahrten geht dann oft schon wieder so viel verloren, dass nach Abzug des Tagesbedarfs für die Familie kaum noch etwas übrig ist. Und damit dreht sich das Ganze im Kreise.

Aufbrechen kann man solche Verhältnisse offenbar tatsächlich nur durch Investition in "Luxusgüter", deren Nutzung Ressourcen und Produktivität freisetzt. Das wiederum passiert jedoch selten in einer Form von der die große Masse der Bevölkerung profitieren kann. Denn wenn ein Investor ein Projekt aufzieht, stellt er Kapital für Maschinen und Löhne – aber davon erhalten die angestellten Leute nur wenig, so dass sich für diese kaum etwas ändert. Zudem müssen die Ressourcen genutzt und die Produktivität zielgerichtet eingesetzt werden. Da es diese aber nicht kostenlos gibt, werden sie selbst zum Luxusgut und zur Handelsware die sich dummerweise aber wiederum kaum einer leisten kann.

Und so versandet manches unnötigerweise und verschwindet wie meine Zeit. Denn unmerklich aber stetig werde ich von diesem Umfeld mitgezogen. Und mir wird klar: es fehlen schlichtweg "Luxusgüter" im hiesigen Sinne, die das Leben erleichtern und Freiraum für andere Tätigkeiten schaffen. Luxusgüter auch im Sinne von Qualität. Denn allzu gerne werden ärmere Bevölkerungsschichten mit Waren minderer Qualität abgespeist, die schneller kaputtgehen als die Menschen das Geld dafür verdienen können.


Luxus könnte Armut beseitigen


Selbst ich, der ich mir des ganzen Dilemmas bewusst bin und eigentlich gerne etwas daran ändern würde, ernte aber einen vorwurfsvollen Blick, wenn ich vorschlage, unsere Kettensäge einzusetzen um einen Baum zu zerlegen.

Um unser Haus herum werden regelmäßig alte oder wild wachsende Bäume gefällt und neue gepflanzt. Dazu kommen 2 oder 3 Männer aus dem Dorf, die damit ihr Geld verdienen, dass sie einen Baum, der immerhin bis zu 20 oder gar 30 Meter hoch sein kann, mit der Axt fällen und in kleine Holzscheite zerlegen, die dann zum Feuermachen verwendet werden.

Einen Baum von 30-40 Zentimeter Durchmesser in für Feuerstellen geeignete Holzscheite zu zerkleinern, ist eine mühselige Arbeit. Mit der Kettensäge wäre der Stamm in 30 Minuten in handliche Scheiben erlegt und die Äste, die ebenfalls mit Axt und teilweise Buschmesser abgetrennt werden, alle entfernt. Dann wäre die ganze Arbeit in einem Tag erledigt. So plagen sich 2 oder 3 Männer bei 26 Grad im Schatten mit Axt und Buschmesser und brauchen 2 oder gar 3 Tage um den Baum zu zerlegen.

Aber immerhin, sie haben allesamt Arbeit für diese Zeit. Mit der Kettensäge wären sie zwar in einem Tag fertig, aber ob sie die beiden anderen Tage eine andere Arbeit fänden, das weiß keiner so genau. Also plagen sie sich ab, während meine Kettensäge ob der Tatenlosigkeit anfängt Rost anzusetzen.

Somit fehlen nicht nur "Luxusgüter". Damit die Spirale des Fortschritts sich schneller dreht ist auch die Zeit zu finanzieren, die die Leute brauchen, um einen Nutzen aus diesem Investitionen zu ziehen. Deshalb braucht es "Luxus" um Armut zu beseitigen. Ersteren gibt es natürlich beim alten Landadel und den neureichen Industriellen. Aber an dem was Karl Marx vor über 100 Jahren zum Thema Produktivkapital und breite Masse schrieb, hat sich offenbar bis heute nicht allzu viel geändert. Luxus könnte Armut beseitigen, aber die meisten Menschen genießen lieber Luxus anstatt ihn zum Fortschritt eines Landes einzusetzen.

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.