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27. März 2016

Freiheit, die ich meine

Warum der Begriff der Freiheit eine Denk-Falle sein kann, erläutert Christa Schyboll

Was meint überhaupt der Begriff der Freiheit? Freiheit vom - oder Freiheit zum Risiko? Freiheit in Gedanken, Freiheit in Taten oder freie Gefühle? Ist man erst frei, wenn man nicht mehr in einer Diktatur lebt? Ist man automatisch frei, wenn man in einer Demokratie lebt? Wo endet die eigene Freiheit denn genau an der Grenze des anderen und wer definiert diese?

Man mag es nicht glauben, aber nicht in allen Menschen lebt der Wunsch nach Freiheit. So manch einer zieht eine gefühlte, vermeintliche Sicherheit vor. Sei es die Sicherheit einer Partnerschaft, ein krisenfester Beruf oder ein gefahrloses Hobby, bei dem man nicht gleich an einer Unfall- oder gar Todesschwelle steht, wenn man es ausübt. Alles was unkalkulierbar ist, wird abgelehnt, auch wenn es das Maß an Freiheit eventuell minimiert.

Was aber meint überhaupt der Begriff der Freiheit? Freiheit vom - oder Freiheit zum Risiko? Freiheit in Gedanken, Freiheit in Taten oder freie Gefühle? Ist man erst frei, wenn man nicht mehr in einer Diktatur lebt? Ist man automatisch frei, wenn man in einer Demokratie lebt? Wo endet die eigene Freiheit denn genau an der Grenze des anderen und wer definiert diese? Wann darf oder muss man Grenzen überschreiten, um den Begriff der Freiheit erst anwenden zu dürfen. Warum ist Freiheit, die so viele Menschen ersehnen oder anstreben so schwer zu erlangen? Ist es wirklich nur der Mut zur inneren oder äußeren Veränderung allein, der das Gefühl von Freiheit verhindert oder verunmöglicht?

Fragt man die Menschen nach ihrer persönlichen Freiheit, so wird nach einigen Überlegungen fast jedem schnell klar, dass er viel gebundener und damit unfreier ist, als er es im ersten Augenblick der Frage überhaupt vermutete. Er ist nicht nur an die Notwendigkeit seiner Existenzsicherung gebunden, sondern mit ihr gehen weitere gefühlte tausend Verpflichtungen einher. Verpflichtungen, die jeden vom Gefühl her einkerkern, zu etwas nötigen oder gar zwingen… sofern man nicht anschließend mit juristischen, moralischen oder sonst welchen Forderungen belangt werden will.

Wir sind in aller Regel so vielen verschiedenen Bedingungen unterworfen, dass das Gefühl der Freiheit oder des Freiseins nur wirklich selten in reiner Form und dazu auch noch dauerhaft hochkommen kann. Und wenn doch, dann währt es nur kurz. Oft nur bis zum Klingelton des Smartphones – und schon holt einen die Wirklichkeit der Unfreiheit wieder ein. Man "muss" ran. Der innere Drang dazu zwingt uns. Sind wir also frei?


Die Gretchen-Frage zum Problem der Freiheit


Das Ziel vieler Menschen heißt: Freiwerden von …. etwas. Egal, von was zunächst. Hauptsache keine Verpflichtung mehr! Hauptsache, selbst alles frei entscheiden dürfen. Frei werden von der Familie oder einem dominierenden Familienmitglied, frei werden vom Arbeitgeber, von den Bankschulden, von inneren Nöten, von verstopften Straßen oder den als ungerecht empfundenen Steuergesetzen. In der Regel klappt nichts davon, sofern man sich nicht zum radikalen Ausstieg entscheidet. Doch ein solcher Beschluss verlangt im Regelfall vom Durchschnittsmenschen dann auch die Bereitschaft zu Armut, Bescheidenheit oder gar der Not, die so weit gehen kann, dass nicht einmal mehr ein Arzt in Krankheitsfällen hilft.

Man könnte jetzt schlussfolgern: Freiheit ist offenbar also nur etwas für Radikalinskis, die solche Bedingungen letztlich nicht nur ertragen können, sondern darin auch noch dauerhaft glücklich sind. Denn Freiheit wird ja zugleich von den meisten Menschen auch mit Glück oder Zufriedenheit assoziiert. Was nützt Freiheit im Unglück? Oder kann man in freiwilliger Armut trotzdem glücklich sein? Diese Radikalität, sich von allem zu be-freien bringen jedoch nur ganz wenige Menschen auf, weil sie mit großem Verzicht auf andere Dinge verbunden sein kann. Solcherart Freiheit taugt für die Masse nicht. Sie ist nur etwas für ausgereifte Individuen, die einen sehr bewussten Weg aus ganz bestimmten Gründen dann gehen wollen.

Also ist zu fragen, ob der weitaus größte Teil der Menschen in einer gefühlten Unfreiheit leben muss – selbst in freien, demokratischen Staaten, wo Meinungsäußerung erlaubt ist. Manch einer mag es so sehen.

Ich sehe es anders: Ich glaube, dass diese Art von Freiheitsbegriffsverständnis eine Denk-Falle ist. Denn solange wir aus den Bedingungen unserer Realität flüchten, kann diese Flucht niemals frei sein, sondern bleibt vor allem eine Flucht. Frei sein bedeutet für mich, den Prozess des Freiwerdens in kleinen Schritten zu durchschreiten und zu begreifen, dass wahre Freiheit nur eine Freiheit sein kann, die man nicht mit dem kleinen Wörtchen (frei werden) "von" – sondern nur mit (frei werden) "für" beantworten kann. Der Unterschied zwischen beidem ist immens. Das sind Welten… Dann allerdings stellen sich diese obigen Fragen plötzlich nicht mehr. Neue, ganz andere Fragen tauchen auf – mitsamt der Bereitschaft und der Lust auf die eigene Verantwortung.

Hinweis: Der Inhalt dieses Beitrags gibt die persönliche Meinung des Autors wieder. Diese Meinung wird nicht notwendigerweise von der gesamten Redaktion geteilt.