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Anicius Manlius Severinus Boethius über Schweigen

Hättest Du geschwiegen, wärest du ein Philosoph geblieben.
Tröstung der Philosophie 2, 17
Zitat von Anicius Manlius Severinus Boethius
Anicius Manlius Severinus Boethius
römischer Gelehrter, Schriftsteller, Philosoph, Politiker und Theologe
* um 480/485, † zwischen 524-526
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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Wir alle kennen wohl die Gelegenheiten des Lebens, wo uns plötzlich die Muse küsst. Dann kommt uns ein gefühlt intelligenter Satz oder ein Bonmot in den Sinn und wünscht sich spontan auch Zuhörer. Wir geben etwas von uns und sind vielleicht sogar ein wenig stolz auf den Einfall, der uns selbst glücklich überraschte.

So etwas kann gut gehen und uns einen Zuspruch oder das mentale Schulterklopfen der anderen im Anwesenden im Raum als Anerkennung bringen. So etwas kann aber auch voll danebengehen, wenn wir uns in dem, was wir gerade für besonders klug hielten, irren.

Mit klugen Reden kann man sich durchaus hervortun, kann die Aufmerksamkeit auf sich lenken und sich selbst auch in den Mittelpunkt stellen. Dieser Mittelpunkt jedoch kann auch zur Blamage werden, wenn wir nicht geistesklar erfassen, was da aus uns heraus will und wer mit welcher Kompetenz uns dabei auch sehr genau zuhört.

Schweigen ist manchmal klüger als das Spontane auszusprechen, das nicht die Zensur der Nachdenklichkeit durchlaufen hat. Wissendes Schweigen wiederum zeigt sich atmosphärisch anders als unwissendes Schweigen, wenn man die Antennen für die Wirklichkeit einer Persönlichkeit schon ausgefahren hat. Doch das Schweigen braucht vor allem dann, wenn man schon relativ viel weiß und selbst einen regen Geist besitzt, eine besondere Kraft feiner Zurückhaltung. Das jedoch ist nicht jedermanns Sache, weil dies auch mit dem Charakter des Individuums zu tun.

Anicius Manlius Severinus Boethius war ein spätantiker römischer Gelehrter und Politiker, der die Menschen offenbar genau beobachtete und Kluges vom Geschwätzigen zu unterscheiden wusste. Leider ist diese kritische Selbstreflektion den Geschwätzigen, manchmal auch Großmäuligen unter den Zeitgenossen in der Regel nicht gegeben. Als Theologe und neuplatonischer Philosoph wusste er genau hinzuhorchen, wann welche Worte wie zu kategorisieren waren. Auch zu seiner Zeit gab es offenbar schon so viel Gerede unter den Menschen, was ihn zu diesem Spruch warnend veranlasste.

Philosophen, die den Geist der Worte und der Aussagen oft besser und genauer durchdringen als andere Zeitgenossen, horchen im Allgemeinen den Sinngehalt strenger ab als Menschen, für die Klappern und Plappern zum Handwerk gehört. Und so wurde seine Warnung an all die Vorlauten, die sich der Attraktivität ihres eigenen Geredes ein wenig zu sicher waren, zu einem geflügelten Wort, das seit über 1500 Jahren bis heute nichts von seiner Aktualität verloren hat.