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Oscar Wilde: Aphorismen

Genie und Laster

Dennoch besteht kein Zweifel darüber, daß Genie länger währt als Schönheit. Das erklärt die Tatsache, daß wir uns alle solche Mühe geben, uns übermäßig zu bilden. In dem wilden Kampf ums Dasein brauchen wir etwas Dauerhaftes, und deshalb stopfen wir uns den Kopf voll mit Abfall und Wahrheiten, in der törichten Hoffnung, unsern Platz zu behaupten. Der gründlich Gebildete – er ist das heutige Ideal. Und der Geist des gründlich Gebildeten ist etwas Fürchterliches. Er gleicht einem Antiquitätenladen: nichts als Scheußlichkeiten und Staub, und alles über seinen eigentlichen Wert veranschlagt.

Ich liebe es, Genies anzuschauen und schönen Leuten zuzuhören.

Genies reden soviel.

Eine so schlechte Angewohnheit! Und immer denken sie über sich selbst nach.

Das Publikum verzeiht alles – außer Genie.

Der Ausdruck der vollkommenen Persönlichkeit ist nicht Empörung, sondern Ruhe.

Die wahre Persönlichkeit des Menschen wird wunderbar sein, wenn sie in Erscheinung tritt. Sie wird natürlich und einfach wachsen, wie eine Blume oder wie ein Baum wächst. Sie wird nicht zwiespältig sein. Sie wird nicht überreden wollen und nicht streiten. Sie wird nichts beweisen wollen. Sie wird alles wissen. Und doch wird sie sich nicht um das Wissen bemühen. Sie wird Weisheit besitzen. Ihr Wert wird nicht an materiellen Maßstäben gemessen werden. Sie wird nichts ihr eigen nennen. Und doch wird sie über alles verfügen, und was immer man ihr wegnimmt, wird sie nicht ärmer machen, so groß wird ihr Reichtum sein. Sie wird sich anderen nicht aufdrängen oder verlangen, wie sie selbst zu sein. Sie wird sie lieben, weil sie so verschieden sind. Und gerade weil sie sich nicht um die andern kümmert, wird sie allen helfen, wie etwas Schönes uns hilft, durch das, was es ist. Die Persönlichkeit des Menschen wird wundervoll sein. So wundervoll wie das Wesen eines Kindes.

Und sie wird keine anderen Gesetze als die eigenen anerkennen; keine andere Autorität als die eigene.

Für mich besteht natürlich der Sinn des Lebens darin, die eigene Persönlichkeit zu verwirklichen – die eigene Natur, und jetzt wie ehedem verwirkliche ich meine Möglichkeiten durch die Kunst.

Ich weiß, daß es so etwas wie »sein Leben ändern« nicht gibt: man dreht sich nur beständig innerhalb des Kreises der eigenen Persönlichkeit.

Er hatte die Abneigung, angestarrt zu werden, die Genies in ihren späten Lebensjahren bekommen und die gewöhnliche Leute nie verlieren.

Die meisten Leute fragen: »Was tun Sie?«, wogegen die Frage: »Was denken Sie?« die einzige wäre, die ein zivilisiertes Individuum einem andern jemals zuflüstern dürfte.

Das, was in den Augen der Gesellschaft die schwerste Sünde ist, deren ein Bürger sich schuldig machen kann, nämlich die Kontemplation, in den Augen der Höchstkultivierten die eigentlich menschenwürdige Beschäftigung.

Dafür, daß er gelegentlich etwas übermäßig herausgeputzt ist, entschädigt er, indem er stets entschieden übermäßig gebildet ist.

Ich bin schwärmerisch, wahnsinnig angebetet worden. Leider. Es war eine ungeheure Last.

Auch ein Jünger ist einem von Nutzen. Er steht hinter dem Thron und flüstert einem im Augenblick des Triumphs ins Ohr, daß man trotz allem unsterblich sei.

Jeder große Mann hat heutzutage seine Jünger, und immer ist es Judas, der die Biographie schreibt.

Früher verherrlichten wir unsere Helden. Die moderne Manier ist es, sie herabzuwürdigen. Billige Ausgaben großer Bücher können etwas höchst Erfreuliches sein, aber billige Ausgaben großer Männer sind einfach abscheulich.

Egoismus besteht nicht darin, daß man sein Leben nach seinen Wünschen lebt, sondern darin, daß man von anderen verlangt, daß sie so leben, wie man es wünscht.

Selbstlosigkeit heißt andere in Frieden lassen und sich nicht in ihre Angelegenheiten mischen.

Es ist keineswegs egoistisch, an sich zu denken. Wer nicht an sich denkt, denkt überhaupt nicht. Es ist äußerst egoistisch, von dem Mitmenschen zu verlangen, daß er in derselben Weise denken, dieselben Meinungen haben soll. Warum sollte er das? Wenn er denken kann, wird er wahrscheinlich verschieden denken. Wenn er nicht denken kann, ist es lächerlich, überhaupt Gedanken irgendwelcher Art von ihm zu verlangen.

Unter dem Individualismus werden die Menschen ganz natürlich und vollkommen selbstlos sein

Auch werden die Menschen keine Egoisten mehr sein, wie sie es jetzt sind. Denn derjenige ist ein Egoist, der Ansprüche an andere macht, und der Individualist wird gar nicht den Wunsch danach verspüren. Es wird ihm kein Vergnügen bereiten. Wenn der Mensch den Individualismus verwirklicht hat, wird er auch das Mitgefühl lebhaft empfinden und es frei und spontan üben.

Der Individualismus tritt mit überhaupt keinen Forderungen an den Menschen heran. Er entsteht natürlich und unvermeidlich aus dem Menschen selbst. Zu diesem Ziel tendiert alle Entwicklung hin. Zu dieser Differenzierung reifen alle Organismen heran. Er ist die Vollendung, die jeder Lebensform inhärent ist und zu der sich jede Lebensform hin entwickelt. Und so übt der Individualismus keinen Zwang auf den Menschen aus. Im Gegenteil, er sagt dem Menschen, er solle keinen Zwang auf sich dulden. Er versucht nicht, die Menschen zu zwingen, gut zu sein. Er weiß, daß die Menschen gut sind, wenn man sie in Frieden läßt. Der Mensch wird den Individualismus aus sich heraus entwickeln, und er entwickelt ihn jetzt auf diese Weise. Zu fragen, ob der Individualismus praktizierbar ist, gleicht der Frage, ob die Evolution praktizierbar ist. Evolution ist das Gesetz des Lebens, und es gibt keine andere Entwicklung als hin zum Individualismus. Wo sich diese Tendenz nicht ausdrückt, liegt immer künstlich aufgehaltenes Wachstum vor, Krankheit oder Tod.

Der neue Individualismus ist der neue Hellenismus.

Wer andere verstehen möchte, muß seine eigene Individualität vertiefen.

Je länger man Leben und Literatur studiert, desto deutlicher empfindet man, daß hinter allem Bewundernswerten das Individuum steht und daß es nicht der Augenblick ist, der den Menschen ausmacht, sondern daß es der Mensch ist, der die Zeit erschafft.

Weil die Kunst aus der Persönlichkeit kommt, kann sie sich auch nur der Persönlichkeit enthüllen, und aus der Begegnung der beiden entspringt die wahre interpretierende Kritik.

Die Entwicklung der Rasse hängt von der Entwicklung des einzelnen ab, und wo die Selbsterziehung aufgehört hat, ein Ideal zu sein, da sinkt sofort der geistige Maßstab ab und geht oft ganz verloren. Wenn man auf einer Abendgesellschaft jemanden trifft, der ein ganzes Leben darauf verwandt hat, sich selbst zu erziehen, erhebt man sich vom Tisch, bereichert und im Bewußtsein, daß ein hohes Ideal einen Augenblick lang unser Dasein berührt und verklärt hat. Aber statt dessen neben einem Mann sitzen zu müssen, der ein ganzes Leben lang damit beschäftigt gewesen ist, andere zu erziehen! Was für eine schauderhafte Erfahrung! Wie erschreckend ist diese Unwissenheit, die unvermeidlich aus der fatalen Gewohnheit entsteht, die eigenen Ansichten mitzuteilen! Wie beschränkt ist der Gesichtskreis eines solchen Menschen! Wie sehr ödet er uns an, ja muß er sich selbst anöden mit seinen endlosen und kläglichen Wiederholungen! Wie mangelt ihm jedes Element geistigen Wachstums! In welchem circulus vitiosus bewegt er sich ständig!

Was ich unter einem vollkommenen Menschen verstehe, ist jemand, der sich unter vollkommenen Bedingungen entwickelt; jemand, der nicht verwundert, getrieben oder gelähmt oder von Gefahren umringt ist. Die meisten Persönlichkeiten sind dazu gezwungen gewesen, Rebellen zu sein. Die Hälfte ihrer Kraft ist in Auseinandersetzungen vergeudet worden.

Die wahre Vollendung des Menschen liegt nicht in dem, was er besitzt, sondern in dem, was er ist.

Ich bin der einzige Mensch auf der Welt, den ich gern gründlich kennenlernen würde, aber ich sehe gerade jetzt keine Möglichkeit dazu.

Sich selbst zu lieben ist der Beginn eines lebenslänglichen Romans.

Doch während der Vorsatz, ein besserer Mensch zu werden, nur gedankenloser Heuchelei entspringt, ist es das Vorrecht dessen, der gelitten hat, ein tieferer Mensch zu werden.

Ich bin ein Träumer. Denn ein Träumer ist einer, der seinen Weg nur bei Mondlicht findet, und seine Strafe ist, daß er den Morgen vor der übrigen Welt dämmern sieht.

Mehr als einmal vergibt die Gesellschaft dem Verbrecher. Dem Träumer vergibt sie niemals.

Die Geheimnisse des Lebens und des Todes gehören nur jenen und jenen ganz allein, die der Ablauf der Zeit berührt und die nicht bloß die Gegenwart, sondern auch die Zukunft besitzen und die steigen und fallen können aus einer Vergangenheit des Ruhmes oder der Schande.

Es gelingt nur den großen Meistern des Stils, dunkel zu sein.

Er hat nie auch nur ein einziges Buch geschrieben, also kannst du dir vorstellen, wieviel er weiß.

Sie sind ein erstaunliches Geschöpf. Sie wissen mehr, als Sie zu wissen glauben, geradeso wie Sie, weniger wissen, als Sie wissen müßten.

Wenn Leute mit mir übereinstimmen, habe ich immer das Gefühl, ich muß mich irren.

»Ich hasse es, mich bilden zu lassen!«

»Es bringt einen fast auf eine Ebene mit den kommerziellen Schichten.«

Das Unerwartete zu erwarten beweist einen durchaus modernen Intellekt.

Man sollte niemals anderen zuhören. Es ist ein Zeichen von Gleichgültigkeit den eigenen Zuhörern gegenüber.

Unzufriedenheit ist der erste Schritt zum Vorankommen eines Mannes oder einer Nation.

Jeder von uns trägt Himmel und Hölle in sich.

Ich halte den Dandy für einen äußerst interessanten Typ, sowohl vom künstlerischen wie auch vom psychologischen Standpunkt aus. Er scheint mir auf jeden Fall weitaus interessanter als der Spießer.

Das schlimmste Laster ist die Seichtheit.

Das einzig Schreckliche auf der Welt ist Langeweile.

Das ist die einzige Sünde, für die es keine Vergebung gibt.

Die Leute erheben ihr Geschrei wider den Sünder, doch ist es nicht der Sünder, sondern der Dummkopf, der uns zur Schande gereicht. Es gibt keine andere Sünde als die Dummheit.

Bosheit ist ein Mythos, den gute Menschen erfunden haben, um die seltsame Anziehungskraft der anderen zu erklären.

Die Menschheit wird Rousseau immer dafür lieben, daß er seine Sünden nicht dem Priester, sondern der Welt gebeichtet hat.

Die Sünde ist etwas, das sich einem Menschen ins Gesiecht schreibt. Sie läßt sich nicht verbergen. Die Leute schwatzen mitunter von geheimen Lastern. So etwas gibt es nicht. Wenn ein Nichtswürdiger ein Laster besitzt, so offenbart es sich in den Linien seines Mundes, in den herabhängenden Lidern, sogar in der Form seiner Hände.

Es gibt Augenblicke, so meinen die Psychologen, in denen die Leidenschaft zur Sünde oder zu dem, was die Welt Sünde nennt, eine Natur so beherrscht, daß jede Fiber des Leibes, jede Gehirnzelle von furchtbaren Trieben durchdrungen zu sein scheint. Männer wie Frauen verlieren in solchen Augenblicken die Freiheit ihres Willens.

Jedes Verbrechen ist vulgär, so wie Vulgarität ein Verbrechen ist.

Das Verbrechen ist ausschließlich Sache der niederen Klassen. Ich tadle sie deswegen nicht im geringsten. Ich möchte meinen, das Verbrechen ist für sie das, was für uns die Kunst ist, einfach eine Methode, außergewöhnliche Gemütsbewegungen hervorzurufen.

Pöbelhaftigkeit – das Benehmen anderer Leute.
Falschheit ist die Treue anderer Leute.

Der Nachteil, wenn man etwas stiehlt, ist, daß man nie weiß, wie wundervoll das Gestohlene ist.

Ich liebe Patschen. Sie sind das einzige, was nie gefährlich ist.

Ich bin noch nie zuvor einem wirklich verdorbenen Menschen begegnet. Mir ist etwas bange. Ich fürchte so sehr, daß er aussehen wird wie jeder andere.

Das Lügen mit dem Ziel, die Jugend zu veredeln, das die Grundlage der häuslichen Erziehung bildet, ist hier und da noch Sitte bei uns, und seine Vorzüge sind in den frühen Schriften von Platos Buch ›Über den Staat‹ in so bewundernswürdiger Weise dargestellt.

Das Lügen um eines monatlichen Gehaltes willen ist natürlich nur allzu bekannt an der Fleet Street, und der Beruf eines politischen Leitartikelschreibers ist nicht ohne Vorteile.

Selbstaufopferung ist etwas, das durch ein Gesetz abgeschafft werden sollte. Sie ist so demoralisierend für die Leute, für die man sich aufopfert. Sie geraten immer auf einen schlechten Weg.

Nur geistig Verirrte streiten.