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Oscar Wilde: Aphorismen

Weisheit und Religion

Weisheit und ReligionNur Heiliges verdient, berührt zu werden.

Es lohnt sich immer, eine Frage zu stellen, wenn es sich auch nicht immer lohnt, eine Frage zu beantworten.

Erfahrung ist der Name, den die Menschen ihren Irrtümern geben.

Ich möchte lieber meinen besten Freund als meinen ärgsten Feind verlieren. Denn um Freunde zu haben, braucht man nur gefällig zu sein; aber wenn ein Mann keinen Feind mehr hat, dann muß etwas Erbärmliches an ihm sein.

Ansichten, Charakter und Werke eines Menschen bedeuten wenig. Mag ein Skeptiker reden wie der edle Seigneur de Montaigne oder ein Heiliger wie der strenge Sohn der Monika, sobald er uns seine Geheimnisse offenbart, gelingt es ihm stets, unser Ohr zu bezaubern und unseren Lippen Schweigen zu gebieten.

Selbsterziehung ist das wahre Ideal des Menschen.

Wohlerzogene widersprechen anderen Leuten, Weise widersprechen sich selbst.

Zeit ist Geldverschwendung.

Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Versagers.

Der Fleiß ist die Wurzel aller Häßlichkeit.

Nichts zu tun ist die Bestimmung der Erwählten. Handeln ist etwas Beschränktes und Relatives. Unbeschränkt und absolut ist das Blickfeld dessen, der sich ruhig zurücklehnt und schaut, der einsam und traumverloren dahinwandelt.

Es ist immer schwieriger zu zerstören als zu erschaffen, und wenn das, was man zerstören muß, die Vulgarität und die Dummheit ist, so fordert die Zerstörung nicht nur Mut, sondern auch Verachtung.

In Prüfungen stellen Narren Fragen, die Weise nicht beantworten können.

Es ist nicht klug, der Welt sein Herz zu zeigen.

In unserem vulgären Zeitalter braucht jeder eine Maske.

Konventionell sein heißt Komödiant sein. Eine bestimmte Rolle spielen ist aber etwas ganz anderes und auch etwas sehr Schwierigeres.

Kein Mensch sieht so aus, wie er wirklich ist.

Es liegt eine gewisse Wollust in der Selbstanklage. Wenn wir uns selbst tadeln, so mit dem Gefühl, daß kein anderer das Recht habe, uns zu tadeln. Es ist die Beichte, die Absolution erteilt, nicht der Priester.

Ist Täuschung etwas so Schreckliches? Ich glaube nicht. Sie ist nur eine Methode, durch die wir unsere Persönlichkeit vervielfältigen können.

Das werde ich heute nacht in mein Tagebuch schreiben, daß ein gebranntes Kind das Feuer liebt.

Die Seele ist eine schreckliche Wahrheit. Man kann sie weder kaufen noch verkaufen oder verschachern. Sie kann vergiftet oder vollkommen gemacht werden. In jedem von uns wohnt eine Seele. Ich weiß es.

Scheint alles nur ein Traum zu sein?

Ach! was ist kein Traum? Für mich ist es, auf gewisse Weise, ein Nachhall von Musik. Ich sehe strahlende junge Gesichter und graue, neblige Quadrate. Griechische Gestalten durch gotische Kreuzgänge wandelnd, spielendes Leben in Ruinen und, was ich am meisten liebe auf der Welt, Poesie und Paradox im Tanz vereint! Nur ein böses Omen – Ihr Feuer! Sie spielen allzu sorglos mit dem Feuer.

Die Alten glauben alles, die Menschen im mittleren Alter mißtrauen allem, die Jungen wissen alles.

Nun hat aber der Wert einer Idee nicht das allergeringste mit der Aufrichtigkeit dessen zu tun, der sie ausspricht. Wahrscheinlich ist die Idee sogar von um so gediegenerem Geist, je unaufrichtiger der Betreffende ist, da sie in diesem Falle weder von seinen Bedürfnissen, seinen Wünschen noch von seinen Vorurteilen gefärbt ist.

Verstanden zu werden bedeutet heutzutage, ertappt zu sein.

Sie haben Ihre Figur verloren, und Sie haben Ihren Ruf verloren. Verlieren Sie nicht Ihre Fassung, Sie haben nur eine.

Ideale sind gefährlich. Realitäten sind besser.

Man sollte nie für etwas Partei nehmen.

Parteinahme ist der Anfang der Aufrichtigkeit, und gleich danach folgt der Eifer, und der Mensch wird ein langweiliger Schwätzer.

Das, was immer die Welt mit feierlichem Ernst behandelt hat, gehört zur komödienhaften Seite der Dinge.

Die Philanthropie, scheint mir, ist einfach die Zukunft solcher Leute geworden, die ihre Mitmenschen zu belästigen wünschen.

Einen guten Rat gebe ich immer weiter. Es ist das einzige, was man damit machen kann.

Ich ziehe noch jederzeit einen anständigen Dummkopf vor. Zugunsten der Dummheit läßt sich mehr sagen, als die Leute denken. Ich persönlich hege große Bewunderung für die Dummheit. Das ist vermutlich so etwas wie seelische Übereinstimmung.

Ich finde, wenn man etwas Unangenehmes zu sagen hat, sollte man stets ganz offen sein.

Diese Ungewißheit ist schrecklich. Ich hoffe, sie hält an.

Schicklich ist etwas Interessantes niemals.

Ich bin durchaus nicht zynisch, ich habe nur meine Erfahrungen, was allerdings ungefähr auf dasselbe herauskommt.

Er besaß das Seltenste auf Erden: gesunden Menschenverstand.

Er sagt, die Freiheit sei zur Zeit der Französischen Revolution erfunden worden. Welch abscheulicher Gedanke!

Bildung ist etwas Wunderbares. Doch sollte man sich von Zeit zu Zeit daran erinnern, daß wirklich Wissenswertes nicht gelehrt werden kann.

Um wirklich mittelalterlich zu sein, dürfte man keinen Körper haben. Um wirklich modern zu sein, dürfte man keine Seele haben. Um wirklich griechisch zu sein, dürfte man keine Kleider haben.

Ich halte nicht viel von Ideen, ich bin mein Lebtag ganz gut ohne die vorangekommen.

Eine Idee, die nicht gefährlich ist, verdient es nicht, überhaupt eine Idee genannt zu werden.

Eine gelehrte Unterhaltung ist entweder die Leidenschaft des Unwissenden oder das Bekenntnis des geistig Unbeschäftigten. Das sogenannte veredelnde Gespräch aber ist nichts als ein einfältiger Versuch der noch einfältigeren Philanthropen, auf kleinmütige Weise die gerechte Erbitterung der untersten Gesellschaftsschichten zu entwaffnen.

Tätigsein ist der letzte Ausweg jener, die nicht verstehen zu träumen.

Die einzige Pflicht, die wir der Geschichte gegenüber haben, ist, sie nochmals zu schreiben.

Alle Geschichte muß durchaus universell sein; nicht in dem Sinne, daß sie alle gleichzeitigen Ereignisse der Vergangenheit umspannt, sondern durch das Allumfassende der zur Anwendung gelangenden Leitsätze.

Das Leid ist – so wunderlich das klingen mag – das Mittel, durch das wir existieren, weil es das einzige Mittel ist, das uns die eigene Existenz noch bewußt macht; und die Erinnerung an frühere Leiden brauchen wir als Gewähr, als Beweis dafür, daß wir noch immer wir selbst sind. Zwischen mir und meinen freudigen Erinnerungen liegt ein Abgrund, der nicht minder tief ist als der Abgrund zwischen mir und den wirklichen Freuden des Daseins.

Das Geheimnis des Lebens heißt Leiden. Hinter allem verbirgt sich nur dies! Zu Anfang unseres Lebens schmeckt das Süße uns so süß, das Bittere so bitter, daß wir unweigerlich unser ganzes Streben auf den Genuß richten und nicht nur »einen Monat oder zwei von Honig leben«, sondern am liebsten unser Leben lang keine andere Nahrung kosten möchten und dabei nicht wissen, daß wir unsere Seele Hunger leiden lassen.

Herzen sind dazu da, gebrochen zu werden.

Dennoch war es nicht das Mysterium, sondern die Komödie des Leidens, die ihn mit Staunen erfüllte, eine absolute Nutzlosigkeit, sein grotesker Mangel an Bedeutung.

Wir werden alle leiden für das, was uns die Götter geschenkt haben, schrecklich leiden.

Wenn die Götter uns strafen wollen, erhören sie unsere Gebete.

Die Götter sind rätselhaft. Nicht nur aus unseren Lüsten erschaffen sie das Werkzeug, uns zu geißeln. Sie verderben uns durch das, was in uns gut ist, edel, menschlich, liebenswert.

So leben die Götter: Entweder sinnen sie, wie Aristoteles uns versichert, ihrer eigenen Vollkommenheit nach, oder sie folgen, wie Epikur es sich vorstellte, mit dem gelassenen Blick des Zuschauers der Tragikkomödie der Welt, die sie selbst geschaffen haben. Auch wir könnten leben wie sie und mit den entsprechenden Empfindungen dem Ablauf der wechselvollen Szenen folgen, die Mensch und Natur uns darbieten.

Nur die Götter kosten den Tod. Apollo ist dahingegangen, doch Hyacinth, der ihn erschlagen haben soll, lebt. Nero und Narziß sind stets unter uns.

Ein Tor sein in den Augen der Götter und ein Tor sein in den Augen der Menschen ist nicht das gleiche.

Der wahre Tor, den Hohn und Haß der Götter trifft, ist der Mensch, der sich selbst nicht kennt.

Wenn ich überhaupt an die Religion denke, dann mit dem Gefühl, daß ich einen Orden stiften möchte für die, die nicht glauben können: die Bruderschaft der Vaterlosen könnte man ihn nennen, und an seinem Altar, wo keine Kerzen brennen, würde ein Priester, in dessen Herzen nicht der Friede wohnt, mit ungeweihtem Brot und leerem Kelch die Messe lesen. Alles, was wahr sein soll, muß zur Religion werden. Genau wie der Glaube sollte der Unglaube sein Ritual haben. Auch er hat seine Märtyrer ausgesät, darum sollte auch er seine Heiligen ernten und Gott täglich dafür danken, daß Er sich dem Menschen verbirgt.

Ob Glaube oder Unglaube, nichts darf mir von außen zukommen. Alle Symbole müssen meine eigenen Schöpfungen sein. Das Spirituelle muß seine eigene Form erschaffen können. Wenn ich sein Geheimnis nicht in mir selbst finde, so finde ich es nie. Wenn es nicht bereits in mir ist, so wird es mir nie zuteil werden.

Was den Glauben betrifft, so vermag ich alles zu glauben, vorausgesetzt, daß es ganz und gar unglaublich ist.

Was ist unglaubhafter als das, was man einmal so aufrichtig geglaubt hat? Gibt es etwas Unwahrscheinlicheres als das, was man selbst getan hat?

Die Menschheit kann an das Unmögliche glauben, aber an das Unwahrscheinliche wird sie nie glauben.

Religionen gehen unter, sobald ihre Wahrheit sich erweist. Die Wissenschaft ist das Archiv untergegangener Religionen.

»Die Religion?« »Der beliebte Ersatz für den Glauben.«

Skeptizismus ist der Beginn des Glaubens.

Es ist manchmal sehr schwer, wach zu bleiben, vor allem in der Kirche, aber Schlafen ist doch überhaupt nicht schwierig.

Immerhin meine ich, sie sollte ein Schwarzseidenes im Schrank haben, für die Kirche ist so etwas immer passend.

Was die Kirche angeht, so kann ich mir nichts Besseres für die Kultur eines Landes vorstellen als das Vorhandensein einer Gemeinschaft von Menschen, deren Pflicht es ist, an das Übernatürliche zu glauben, täglich Wunder zu vollbringen und die mythenbildende Kraft lebendig zu erhalten, die so wesentlich für die Phantasie ist. Doch kommt in der englischen Kirche derjenige zu Ehren, der fähig ist zu zweifeln, nicht der, der fähig ist zu glauben. Nur in unserer Kirche steht der Skeptiker am Altar, und der heilige Thomas gilt als die ideale Apostelgestalt.

Glaubensbekenntnisse werden akzeptiert, nicht weil sie vernünftig sind, sondern weil sie wiederholt werden.

Die Popen haben dem Volk den Himmel genommen.

Der Schwäche der Päpste verdankt die Menschheit vieles. Die guten Päpste haben an der Menschheit Schreckliches verschuldet.

Ich glaube nicht an Wunder. Ich habe ihrer zu viele gesehen.

Die verlorenen Söhne kehren immer zurück.

Religionen mögen immerhin aufgesogen werden, doch sie werden nie widerlegt, und die Erzählungen der griechischen Mythologie tauchen, von dem läuternden Einfluß des Christentums vergeistigt, in vielen Teilen des südlichen Europas wieder in unseren Tagen auf. Die alte Sage, daß die griechischen Götter bei der neuen Religion unter angenommenem Namen in Dienst traten, birgt mehr Wahrheit, als die meisten darin sehen möchten.

Was dieses Jahrhundert anbetet, ist Reichtum. Der Gott dieses Jahrhunderts ist der Reichtum. Um Erfolg zu haben, muß man Reichtum besitzen. Reichtum um jeden Preis.

Ein Nihilist, der jede Autorität ablehnt, weil er die Autorität als Übel erkannt hat, und der alles Leiden willkommen heißt, weil er dadurch seine Persönlichkeit verwirklicht, ist ein echter Christ. Für ihn ist das christliche Ideal eine Wahrheit.

Zugegeben, der Erlösungsgedanke ist schwierig zu erfassen. Doch glaube ich, seit Christus ist die tote Welt aus dem Schlaf erwacht. Seit er erschienen ist, leben wir. Ich glaube, der beste Beweis für den christlichen Menschwerdungsgedanken wird durch die Taten und Gedanken edler Menschen erbracht und nicht durch das Erzählen unbestätigter Geschichten.

»Erkenne dich selbst!« stand am Eingang der antiken Welt geschrieben. Über dem Eingang der neuen Welt wird geschrieben stehen »Sei du selbst«.

Die Botschaft Christi an den Menschen lautet einfach »Sei du selbst«. Dies ist das Geheimnis Christi.

Wenn Jesus von den Armen spricht, so meint er eigentlich Persönlichkeiten, und wenn er von den Reichen spricht, meint er eigentlich diejenigen, die ihre Persönlichkeit nicht entwickelt haben.

Jesus will sagen, daß der Mensch nicht durch das, was er hat, nicht einmal durch das, was er tut, sondern nur durch das, was er ist, zu seiner Vollendung gelangt.

Die Persönlichkeit ist etwas sehr Geheimnisvolles. Man kann einen Menschen nicht immer nach seinen Handlungen beurteilen. Er mag das Gesetz achten und doch schlecht sein. Er mag das Gesetz brechen und ist doch edel. Er ist vielleicht eine Sünde gegen die Gesellschaft und erreicht durch dieses Verbrechen seine wahre Selbstvollendung.

Und darum führt nur der ein Leben im Sinne Christi, der ganz und gar er selbst bleibt.

Jesus sieht das Leben, wie der Künstler es sieht, der weiß, daß kraft des unabweisbaren Gesetzes der Selbstvollendung der Dichter singen, der Bildhauer in Bronze denken und der Maler die Welt zum Spiegel seiner Empfindungen machen muß, so unbedingt und sicher, wie der Weißdorn im Frühling blühen und das Korn zur Erntezeit zu Gold reifen und der Mond auf seiner vorbestimmten Bahn vom Schild zur Sichel und von der Sichel zum Schilde werden muß.

Christi Platz ist bei den Dichtern. Sein Menschenbild entsprang direkt seiner Vorstellungskraft und kann nur durch sie verwirklicht werden. Was dem Pantheisten Gott war, war ihm der Mensch. Er hat als erster die aufgespaltenen Rassen als Einheit gesehen. Ehe er kam, gab es Götter und Menschen. Er allein sah, daß es auf dem Hügel des Lebens nur Gott und den Menschen gibt, und da seine mystische Fähigkeit des Mitempfindens ihm sagte, daß in ihm beide Fleisch geworden waren, nennt er sich bald Gottessohn, bald Menschensohn. Mehr als jede andere Gestalt in der Geschichte weckt er in uns den Sinn für das Wunderbare, an den die Romantik immer appelliert.