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Jean Paul: Friedens-Predigt an Deutschland

VIII.
Geschlechts-Enthaltsamkeit

Wäre man nicht schon von Predigten ganz fruchtloser Worte gewohnt und gewärtig: so würd' ich die folgenden für Geschlechts-Enthaltsamkeit ihres Lächerlichen wegen kaum wagen. Nach der Astronomie erscheint oben im Venusstern die Erde gerade wie die Venus selber; und in der Tat ist er nicht erst bloß in diesem Jahre der Planet, der die Erde regiert! Wie Sitten, Moden, gesellschaftliche Tagestöne und Ordnungen, Gesetzgebung und selber die Schriftsteller sich zu einer Unkeuschheits-Kommission verknüpfen oder zu einem Sturmlaufen gegen die einzige Feste der Enthaltsamkeit, gegen die Verschämtheit, dies kann auch der Niedrigste sehen, wenn er in die höhern Stände hinaufsieht; denn in den niedrigsten und mittlern sind allerdings Ehebrüche weniger geschätzt. Vergeblich wollte die Natur mit einer Krankheit, die jetzt bloß die europäische heißen sollte, etwas für das Sittengesetz tun, vielmehr vermehrte sie mit den Körper-Stigmen das unverschämte Schautragen der Seele; jetzt hat die europäische Krankheit wieder jenen schönen Grad der Unschuld erobert, den sie sogleich bei ihrem ersten Erscheinen auf Peters Stühlen und Thronen besessen.

Auch wenig verfängt, was etwa gute modische Nachahmungen des alten Deutschlands dagegen versuchen; unter welche wohl die wieder vorgesuchte Gewohnheit der Tacitus-Deutschen zuerst gehören möchte, welche die Jugend bis ins dreißigste Jahr unbekleidet gehen hieß; denn da leider jedes Geschlecht sich eine andere Hälfte bekleidet vorbehält, z. B. die Männer die obere, so ist der sittliche Zweck im Vorteil dieser Entblößung so gut wie halb verloren.

Was kann denn, wird man fragen, aus dieser fortfressenden Unsittlichkeit Schlimmeres werden, als ihr schon seht an Cäsar, Alcibiades und dem Volke, das euch überwand? Denn alle diese haben Glatzen und Lorbeerkränze gemein; und der französische Soldat stürmt gleich leicht Festungen und Weiber. Und warum soll denn Besiegten Ähnlichkeit mit den Siegern schaden?

Ich antworte: des Pols wegen. Der Süd- und Glut-Mensch, vom Franzosen an durch den Italiener bis zum Portugiesen hinauf, war nie durch klösterliche Enthaltung berühmt – daher eben nach gewöhnlicher Widersprecherei des Menschen die warmen Länder die kalten Klöster geboren –; aber der Feuer-Mensch hatt' es auch weniger nötig, das Klima ist seine Kraft und seine Schuld und seine politische Entschuldigung.

Was hingegen wider das Ganze kämpft, dessen Vertilgung und Verscheuchung heiligt sich zur Sitte und Zucht; daher von England bis Grönland und durch Schweiz und Holland hindurch die größere Enthaltsamkeit gleichsam auf physischem und moralischem Boden zugleich wurzelt. Die geographische Kälte fodert so stark die moralische, daß der Norden mit der europäischen Krankheitsgeißel viel giftiger züchtigt als der Süden. – Und denkt an eure großen Alt-Deutschen, um zu bewundern und zu erröten! Wenn diese Kraft-Körper und Kraft-Geister sich außerhalb des Kriegs in weiche Ruhe hinstreckten und täglich sich betranken, dann sich verspielten und oft erschlugen, ohne gleichwohl aus dem dreifachen Rausche in den vierten der Geschlechts-Unenthaltsamkeit zu sinken; und wenn der reife Gewalt-Jüngling erst im dreißigsten Jahr einlernte, was man jetzt da verlernt hat, ein Mann zu sein: was sagt ihr zu dieser Reinheit und Kraft des Alt-Nordens und dann zum Neu-Norden, der weniger trinkt und mehr verführt, und der ganz nüchtern sich selber zu Versuchungen versucht?

Als ob der Protestantismus auch im Geschlechts-Punkte wie in so vielen andern den Norden und die Kälte behauptete, wie der Katholizismus den Süden und die Glut: so hob er bei seinem Entstehen in den deutschen Städten die säkularischen Ex-Nonnenklöster auf und führte die größere Zucht mitten in die Zügellosigkeit seines Geburtsjahrhunderts zurück. – – – – – – – – –

Was die Folgen anbelangt, so sehen wir sie in den höhern Ständen, wo an dem Altare der Bräutigam so oft wie eine römische Braut dasteht, welche bekanntlich mit den Haaren eines Greises geputzt sein mußte, ferner mit einem Joch am Halse und mit einem Schleier-Gesicht; wenn dann der Bräutigam so überglücklich ist, den ältern Göttern nicht zu gleichen, bei denen sich Plinius[1] darüber verwundert, daß sie so viele Jahrhunderte in der Ehe leben, ohne Götter zu zeugen: so will doch der vornehme Nachflug, womit er Prunksäle und Paradeplätze verziert, nicht recht zur Parade und zum Prunk derselben gehören. Wenn, wie der heilige Cyrillus[2] meinte, die frühern Menschen für die Wollust durch Riesenhaftigkeit der Geburten (der Nephilim) bestraft wurden: so wird jetzt von der Natur eine entgegengesetzte Strafe verhängt, und ein deutscher Feind braucht nicht einmal erst den Xerxes[3] nachzuahmen, welcher letztere den überkräftigen Babyloniern zum Entkräften die Ausgelassenheit befahl.

Das zweite Unglück ist, daß, wie die Männer überhaupt durch Weichlichkeit weit mehr verlieren als die Weiber, jene sich durch Wollust in dem Grade abstumpfen, als diese sich dadurch verfeinern. Und dann weiß Deutschland seine Zukunft. Die letzte Stufe des Wachstums der Pflanzen ist nach Bonnet die letzte der Verhärtung; bei Staaten ists die letzte der Erweichung. Was nun gegen dieses Entnerven der höhern Stände, welche gerade die Ruderstangen Deutschlands in Händen haben, vorzukehren ist, weiß niemand weniger als ich. Zucht, Ehrbarkeit u. s. w. ist Sitte oder Religion, wie in der Vorzeit, in der Schweiz u. s. w. Bessere Gesetze holen die schöne Sitte nicht zurück; doch bahnen sie ihr ein wenig den Rückweg. Irgendeine begeisternde Idee hälfe vielleicht am meisten – und allerdings ist diese da für Menschen, welche Deutsche sind.

Ein zweites Gegengift haben die Dichter in Händen, so wie das Gift auch: es ist heilige Darstellung der höhern Liebe, welche, wenn nicht den Mann, doch den Jüngling lange beschirmt. Zeit bei der Jugend gewonnen, folglich Alter, ist alles gewonnen, denn die Jugend ging nicht verloren. In dieser Hinsicht haben wir unsern empfindsamen Romanen mehr zu verdanken als die Franzosen ihren frivolen; unsere geben vom Lebensbaum, ihre höchstens vom Erkenntnisbaum. Aber welche schreibende Hand dem Beispiel mit dem Buche, der Sünden-Prose mit der Sünden-Poesie zu Hülfe kommt, und welche die Verwundeten der Zeit vergiftet, nie werde diese Hand von der eines Freundes gedrückt oder von der eines Weibes angenommen.

 

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Anmerkungen:
  1. H. N. Lib. II.
  2. Allg. Welthistorie, 1. B.
  3. Alex. ab Alex. II. 13.