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Carmen Sylva: Geflüsterte Worte

Eifersucht

Eine der großen Qualen deines Daseins, liebe Seele, ist die Eifersucht, mit der Liebe und Freundschaft dich quälen. Du meinst, alle müßten sich unter einander lieb haben, die du lieb hast. Dem ist aber nicht so. Jeder möchte dich für sich allein haben, ungeteilt, und daher kommt so viel Leidwesen, daß du oft weniger geliebt sein mochtest, um nicht so geplagt zu werden.

Du mußt hundert Ausflüchte finden, wo du ehrlich und einfach sein möchtest. Du kommst beinahe zu einem Gefühl von schlechtem Gewissen, nur, weil du nicht alle zufrieden machen kannst. Das schlechte Gewissen kommt überhaupt meistens durch andere Leute und deren Vorwürfe. Denn vor sich selber hat man oft kein Unrecht getan, wenn man ganz unerwartet gescholten und übel behandelt wird. Daher kommt dann diese Unruhe und Gewissensangst, die aber in nichts anderem ihren Grund hat, als in der wahrhaft qualvollen schlechten Laune deiner Umgebung.

Dir ist es manchmal vollständig unbegreiflich, daß Menschen, die dir lieb sind, sich unter einander anfeinden, und du brauchst oft lange Zeit, ehe du den wahren Grund entdecken kannst.

Eifersucht ist eines der Dinge, welche aus der Erde eine kleine Hölle machen, dem der von ihr besessen ist, und dem der sie erduldet. Wenn du kein Verständnis dafür halt, so quält sie dich noch mehr, denn sie überrascht dich immer, wenn du ihr Vorhandensein am gründlichsten vergessen hattest. Und sie nimmt so viele Formen an. Man versteht, wenn ein Mann seine Frau lieber nicht tanzen sieht; man versteht es weniger, wenn er ihr ein interessantes Gespräch über Kunst und Wissenschaft nicht gönnt, wenn sie gewandt genug ist, ihre Person ganz aus dem Spiele zu lassen. Man versteht, wenn ein Mann weibliche Freundschaften für seine Frau mehr fürchtet als männliche. Denn nie wird ein Mann einer Frau etwas Ungehöriges zu sagen wagen, wenn sie ihn nicht dazu herausfordert, wogegen Frauen einander zuweilen sehr sonderbare Dinge erzählen, deren Wissen nicht gut und heilsam ist. Nun aber kommen ganz andere Dinge: Der Mann ist eifersüchtig auf seiner Gattin Geist, Talente, kurz auf alles, womit sie glänzen kann, wodurch er fürchtet, in den Schatten gestellt zu werden. Diesen Fehler findet man in Deutschland leider noch sehr viel. Oft sind die Frauen zum Schweigen verurteilt, oder zu sehr alltäglichen Gesprächen, weil die Männer allein ihre Denkkraft zeigen wollen, anstatt zu verstehen, daß die Frau viel mehr einsame Stunden hat und oft sehr viel lesen und denken kann, und manchmal eine sehr viel feinere Auffassung des Lebens besitzt als der Mann. In Frankreich führt die Hausfrau das Gespräch, und ist dadurch die Konversation in einem französischen Salon sehr viel graziöser und wechselvoller als da, wo die Frauen auf ihre Arbeit niederschauen, oder unter einander von geringen Alltäglichkeiten sprechen, damit die Männer sich ja als Herren des Gedankens und Willens fühlen. Nun sind aber die Gedanken freie Vögel, die alle Köpfe besuchen, und das Wissen bleibt Stückwerk, sodaß Frauen mit klugen Fragen oftmals mehr zur Aufklärung beitragen können, als die Gelehrten, die morgen verwerfen müssen, was sie heute als unumstößlich wahr aufgestellt haben. Es ist eine sehr geschmacklose Art von Eifersucht, welche die Frauen erniedrigen und für geringer achten will. Das hat mit dem Brotneid und der Angst vor dem Erwerb der Frauen nichts zu schaffen. Die Eifersucht der Frauen auf Glanz und Schönheit ist eine zu niedrige Sorte, um hier besprochen zu werden: die hat mit dem Seelenleben nichts zu tun.

Aber die Eifersucht auf Liebe und Vertrauen kann das ganze Dasein vergiften, und du stehst wehrlos vor der treusten Freundin, wagst kaum, ihr zu zürnen, ihrer großen Liebe halber, und siehst doch keinen Ausweg aus diesem Labyrinth und diesen törichten Schmerzen.

»Ach! Was man mich in meinem Leben mit Liebe gequält hat!« sagte eine der edelsten Seelen auf ihrer letzten Marterstatt.

Eifersucht ist eine Form von Selbstsucht und weiter nichts, und darum kann sie so widerwärtig sein, daß man gar kein Mitleid mit ihr hat und nicht schonend mit ihr umgehen würde, wenn man sich nicht selbst dadurch unangenehme Stunden ersparen möchte. Die Eifersüchtigen versichern, ihr Leiden sei außerordentlich groß, aber was sie leiden machen mit ihren Szenen, mit der ewigen Angst und Unruhe, die sie hervorrufen, das bedenken sie nicht.

Man kann mit unsäglicher Geduld und Langmut darüber Herr werden. Wenn man einen Mann bekommt, der durchaus alle Briefe lesen will, so gibt man sie ihm ruhig, aber man hebt dadurch kalt alle Korrespondenzen auf. Seinen Freunden sollte man lehren können, sich unter einander so lieb zu gewinnen, daß dadurch diese krankhafte Eifersucht aufhört. Es ist eine Arbeit von Jahren, aber zugleich eine außerordentliche Schule für dich selbst, liebe Seele. Es lehrt dich, eine ganz vollkommene Selbstbeherrschung gewinnen, nicht dem sogenannten Herzausschütten in unzeitiger Gefühlsseligkeit Raum zu geben, sondern vielmehr in gemeinschaftlichen Interessen, im Schaffen und Arbeiten für andre die schöne Freundschaft zu befestigen. Es ist nur eine schlechte Gewohnheit, das Herzausschütten. Es hilft nichts. Denn das Schwere bleibt schwer und wird manchmal noch dunkler und trübseliger, wenn es mit Worten zu scharf beleuchtet worden ist. Du solltest deinen Freunden auch nicht mit Klagen das Herz betrüben und ihnen das Gefühl deiner Abhängigkeit von ihnen geben.

Es ist die allgemeine Unfreiheit, welche dieser bösen Krankheit, der Eifersucht, zu Grunde liegt. Und warum sollte man sich denn gegenseitig unfrei machen? Es gibt Männer, die einfach Angst haben vor den törichten, ungerechtfertigten Eifersuchtsszenen ihrer Frauen, während es Frauen gibt, die mit hochzuachtender Würde kein Wort über begründete Schmerzen verlieren, und die Welt sowohl wie den Mann nie erfahren lassen, ob sie überhaupt bemerkt haben, was die Übelwollenden ihnen so brennend gern mitteilen möchten, aber nicht dürfen, da alles wie an einer Marmorwand und Elfenbeinkugel abgleitet. Eifersucht ist würdelos, und sollte schon darum nicht bei edlen Frauen einkehren dürfen.

Eifersucht ist ein Testimonium paupertatis. Nur ist es eine Armut, die kein Mitleid erregt, und darum vergißt man ihrer so oft und weckt das Gefühl und reizt es, ohne daran zu denken. Nur wahrhaft himmlische Geduld kann darüber Herr werden. Die geistig Armen erheischen aber noch viel mehr Geduld als die es materiell sind, und die bedürfen ihrer schon so sehr!