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Carmen Sylva: Geflüsterte Worte

Merkwürdige Fügung

Es gibt Menschen die von »Zufall«, von »Schicksalslaune« und »Schicksalstücke« reden. Diese Menschen haben noch nie den gestirnten Himmel betrachtet, noch über die Anordnung der Jahreszeiten nachgedacht, noch die Einrichtung eines Körpers studiert.

Wer möchte es wagen, in diesem wunderbaren Gefüge noch von Zufall oder Laune oder gar Tücke zu sprechen! Nur weil es dir übers Herz geht, findest du der Welt Räderwerk schlecht. Nur weil du dein Schicksal nicht begreifst, findest du es tückisch, liebe Seele. Aber, daß Welten verschwinden, das findest du ganz einfach, weil es dir keine Schmerzen macht. Wer bist du, daß du es überhaupt wagst, über den Weltenbau und über den Gang der Ereignisse zu reden? Du weniger als Ameise, du mehr als eine Welt! Versteh doch, du, du, so klein, so unscheinbar du bist, spielst deine Rolle in der ungeheuren Welt, und wenn du alt genug wirst, um zuzusehen, so wirst du nur staunen, wie merkwürdig das Gefüge und die Fügungen ineinandergreifen. Wenn man von sich selbst abzusehen geneigt ist, oder sich so kalt beurteilt, wie man es bei den andern tut, so wird man staunend entdecken, daß genau an jener Stelle jene Tat hat geschehen, jener Mensch hat geboren werden oder sterben müssen, jenes Ereignis eintreten, das vielen ihr Lebensglück zerstört hat, um es andren aufzubauen.

Wir gewinnen selten den Standpunkt des Archimedes, der der Musik der Sphären lauschte und das Weltgefüge zu begreifen schien. Aber selbst unsern dunkeln Sinnen wird es zuweilen leuchtend kund, daß alles Fügung, Ordnung und Verstand ist. Es ist so modern bequem, über Unverstand und verrückte Ereignisse die Achseln zu zucken, statt anzubeten, wie es weit vorgeschrittenere Weise getan haben.

Es bedauerte einmal jemand, daß Mozart nicht so reich gewesen, daß er nur zum Vergnügen habe Musik machen können. Da antwortete ein Musiker: »Hätte Mozart nicht gehungert, so wäre er ein liebenswürdiger Dilettant geworden, der sich selbst Vergnügen gemacht hätte, aber niemals der große Meister, der auf alle Jahrhunderte hinaus der Menschen wechselnde Geschlechter entzückt und entzücken wird.«

Deine Schmerzen leisten vielleicht der Menschheit einen großen Dienst, liebe Seele. Was weißt du davon! Es ist noch selten jemand gestorben, ohne daß man nach wenig Wochen oder Monden es für ein Glück erklären durfte. daß er der Erde entrückt wurde. Von den Fügungen nicht zu reden, die wir glücklich nennen, weil sie uns eben Freude machen.

Es sagte ein vielverkannter, verleumdeter und leidensvoller Mensch einmal: »Ich habe mich noch nie gerächt, bin aber bei geduldigem Warten oftmals so bitter gerächt worden, daß es mir selbst leid tat, da meine kühnste Phantasie eine so furchtbare Sühne nicht erdacht hätte!«

Andre beklagen sich, es gäbe keine Gerechtigkeit, nur weil einer Millionen besitzt, während ein andrer darben muß. Hast du denn dem lieben Gott in seine Weltordnung hineingeblickt, daß du so genau weißt, ob dein Darben und sein Reichtum Laune, Tücke, Zufall oder höchste Weisheit bedeutet? Was die Menschen am meisten gegen das Schicksal empört, ist gerade die ungleiche Verteilung irdischer Güter. Es scheint schwer zu sein, hierüber erhaben zu sein. Und doch waren die größten Geister arm, und sind die großen Reichtümer stets nur für kurze Zeit in eine Hand gesammelt worden, um desto sicherer verteilt, und wahrscheinlich so verteilt zu werden, wie's der Menschheit am meisten zu statten kam.

O Seele! Wenn du nur soviel Gottvertrauen haben könntest, wie jene blinde Frau, die betete, wenn sie für den nächsten Tag nichts zu essen hatte, und jedesmal schickte Gott Garn zum Spulen, sodaß für die nächsten und noch mehrere Tage Brot und Kartoffeln da waren. Es gibt Menschen, deren Gottvertrauen so unerschütterlich ist, daß es scheint, als würden sie immer gehört und erhört, während diejenigen, die nur das Schicksal anklagen, auch vom Schicksal zermalmt werden.

Es ist sonderbar, wie unbescheiden die meisten Menschen Gott gegenüber sind, ja, ihn ganz verleugnen, weil sie ihn lieber gütig haben möchten als gerecht, und weil er nach ihrer Meinung nicht gütig ist, und seine Gerechtigkeit sie empfindlich trifft, so soll lieber ein blindes Schicksal wie ein fühlloser Sturmwind geweht haben. Waren nicht diejenigen glücklich zu preisen, die Gott folgten und sich demütig beugten vor seiner Macht? Du aber, liebe Seele, könntest ihn ganz wohl verstehen, wenn du deinen Lohn nicht immer für zu gering, deine Strafen aber für zu schwer, wenn nicht gar für vollkommen unverdient hieltest. Versuche es doch, dich willenlos führen zu lassen, von einem Tag zum andern zuzusehen, wie wunderbar die Fügungen ineinander greifen. Es gab einen Mann, der jeden Abend die Freuden aufschrieb, die er an einem Tage gehabt, und am Ende von nur einem Jahre beschämt sah, wieviel es gewesen.

Du aber, liebe Seele, verzeichnest nichts als dein Leiden, und nie eine Freude, da sie dir unbedeutend erschien. Deine Leiden sind groß, wer wollte das Gegenteil behaupten! Aber es hat mancher Sonnenstrahl dein Zimmer erhellt, und manche Blume an deinem Wege gestanden, und du hast nicht gedankt!

Der Sturmwind ist vielleicht blind, der den Wald lichtet und morsche Baumriesen entwurzelt, aber das war kein blindes Gesetz, das ihn blasen hieß, damit für den Jungwald Platz, Licht und Luft geschaffen würde. Du verwechselst dein Schicksal mit Dem, der es lenkt, oder mit denen, die angestellt sind, über dich zu wachen, und dich nicht zu Schanden werden lassen. Weißt du so gewiß, daß der alte Kinderglaube an Schutzengel und Penaten so sehr kindisch oder abergläubisch gewesen ist? Wäre es nicht möglich, daß die Menschheit hier die Wahrheit geahnt hat, und daß es Wesen gibt, die zu ihrem Schutz hilfreich hingestellt sind, ihre Angst kennen, ihre Gebete sammeln, ihre Leiden buchen, und ihre Kraft im Tragen und Leisten zu prüfen haben? Wir haben in unschuldigeren Zeiten vielleicht Wahrheiten gewußt oder geahnt, die uns heute verloren gegangen sind, und unserm erbitterten Gemüt ist es leichter von Zufall und von Prüfungen zu sprechen. Dann stand Hiob höher als wir, darum auch redete Gott mit ihm und klärte ihn auf über die Weisheit seiner Wege!