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Carmen Sylva: Geflüsterte Worte

Das Gewissen

Ein Gefühl von beständigem schlechten Gewissen, doch ohne Schuldbewußtsein, ist deine quälende Pein, liebe Seele. Das ist aber nicht, weil du dir mehr Vorwürfe zu machen hättest als andere Menschen, sondern vielmehr weil dein Gemüt zu viel Druck erlitten hat, vielleicht von Kind auf, durch eine zu harte Erziehung, vielleicht in der Ehe, vielleicht in dem Dienstverhältnis unter einem zu harten Herrn oder einer zu schwierigen Herrin: Und bist du selbst Hausfrau, so ist Unfrieden in deinem Hause, unter dessen Bewohnern oder Gästen, genug, um dir ein Unbehagen in der Herzgrube zu verursachen, das genau einer Art von schlechtem Gewissen ähnlich sieht. Oder du fürchtest, unwissentlich und ungewollt etwas Kränkendes gesagt zu haben, oder du möchtest vor dem all zu strengen Herrn kleine Vergehen, die im Hause vorgekommen sind, verbergen. Das schlechte Gewissen hat hundert Gründe, manchmal sogar körperliche Herzschwäche oder schwache Verdauung. Immer liegt dem widerwärtigen Gefühl eine Schwäche zu Grunde, oft nur in der Kindheit erduldete Härte, die sich dem Gehirn eingeprägt hat. Es ist überaus schwer zu bekämpfen, nicht wahr, liebe Seele? Es ist wie irgend ein körperlicher, neuralgischer Schmerz, dessen Wiederkehr man kommen fühlt und nicht verhindern kann. Man klagt sich großer Schwäche und Zaghaftigkeit an, man findet sich kleinmütig, feige, entwürdigt oder zum mindesten würdelos, aber das schlechte Gewissen nimmt den Atem wie ein Alb, die Eßlust wie ein Examen, raubt die Gedanken wie Gespensterfurcht und den Schlaf wie eine böse Tat. Dann möchtest du dem Gefühl einen Namen geben, und quälst dich nächtelang, was du könntest gesagt haben, das töricht oder unfreundlich war. Es braucht für ein zartes Gemüt so wenig, um es nicht zur Ruhe kommen zu lassen. Und mit Neid sieht man denen zu, die die Kappe in die Luft werfen können und singen: »Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist!« – Aber der mit schlechtem Gewissen gebaute Mensch kann nie vergessen. Für den Augenblick bleibt jeder kleinste Mißgriff ein ewiger, nagender Vorwurf.

Man sollte das bekämpfen, wie einen Fehler. Man sollte suchen, seinem Gemüte einen kräftigeren biceps anzuüben, auf daß es seine Lasten leichter heben und tragen könne.

Das ist kein Trost zu denken, daß Menschen, die dir wirklich schlecht vorkommen, kein schlechtes Gewissen zu haben scheinen. Erstens sind sie vor sich selbst nicht so schlecht wie vor dir, und zweitens erzählen sie dir nichts von ihrem Gewissen, sie behalten das für sich und tragen es allein, gerade so wie du. Sie betäuben es sogar durch die ihnen bekannten Mittel, die du nicht anwenden kannst. Laß die andern Leute gehen und vergleiche dich nicht mit ihnen, liebe Seele. Sie sind anders gebaut als du, und der Vergleich kann dir nicht helfen und nicht nützen. Du mußt mit dir ganz allein fertig werden. Da hilft nur, zu denken, daß du nie allein bist, nie, sondern von tausenden von Wesen umringt, die dir nicht ins Bewußtsein treten, weil sie nicht dieselbe äußere Erscheinung haben wie du. Aber es sind lauter Schwesterseelen. Die sind feiner geartet als die dich umgebenden Menschen. Rede mit deinen geliebten Toten. Du wirst dich plötzlich verstanden und erleichtert fühlen, und die Gewissensangst wird dir vom Herzen genommen mit weichen zarten Händen. Quäle dich nicht über die Maßen liebe Seele! Du kannst dich selbst doch nie ganz zufrieden stellen; denn jeder deiner Tage muß der Versäumnisse viele bringen. Dem kannst du nicht entgehen.

Dein schlechtes Gewissen ist auch manchmal eine Art von Überhebung. Du meinst, so viel mehr haben leisten zu können, oder du legst deinen Worten eine allzugroße Wichtigkeit bei. Bescheide dich, liebe Seele, und lerne, garnicht mehr, auch bei der Nacht nicht mehr, an dich selbst zu denken, sondern nur an die andern, denen du helfen sollst, und wäre es nur, seinen eignen, schlechten Charakter zu bekämpfen und zu überwinden. Das »Erkenne dich selbst!« besteht garnicht im Grübeln über sich selbst, sondern im ruhigen Buchen der gemachten Erfahrungen, bei dir so gut, wie bei andern Leuten.

Verkannt zu werden ist dir merkwürdig bitter. Lerne zu lächeln und zu denken, daß man dich in fünfzehn bis zwanzig Jahren ganz anders beurteilen wird, und daß andrer Leute Urteil nie und nimmer dein Gewissen belasten sollte, schreibe nur während einer Woche auf, was dir verschiedene Personen über dich sagen, und du wirst sehen, wie sie sich nicht nur untereinander, sondern sogar selbst widersprechen, unter dem Einfluß ihrer augenblicklichen Laune. Du selbst, hüte dich, ungerecht zu sein: denn du weißt, daß es dich später den Schlaf kosten wird, da du nun einmal das Gewissen bekommen hast, das sich nicht beruhigen läßt.

Sage es nie den andern; die würden dich nicht verstehen und glauben, daß du alles mögliche Schlechte zu verbergen hast. Verbirg dein ängstliches Gemüt vor ihnen, sie würden dich bald mißhandeln. Angst muß man nie zeigen, sonst wird man zertreten. Dein banges Gewissen trag vor Gott und bitte ihn, dir seine Engel zu senden, die mit weichem Flügelschlag den Schlaf heranwehen, und die zarten Hände auf dein Herz legen, bis du garnicht weißt, wo deine törichte Angst hingekommen ist. Beschwere nie deinen Magen; denn das Gewissen hat seinen Wohnsitz in der Magengegend und kommt manchmal nur von einer unvorsichtig genossenen Speise. Das Γνώδι σεαυτών [1]

als auf die Seele. Der Körper muß sehr beachtet werden, und niemand kann das so gut als du selbst. Wenn Essen dich bange macht, iß nicht. Ein wenig Obst und Brot sei deine Speise. Wenn Hunger dich bange macht, so lege dich nur mit sattem Magen. Aber mit allen äußern und innern Mitteln bekämpfe das unruhige Gewissen, das dir Schlaf und Kräfte, Verstand und Einsicht raubt. Sei heiter, liebe Seele, nicht dunkel! Im Himmel ist es vor allem hell!

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Anmerkungen:
  1. hat ebensosehr auf den Körper Bezug