Seinem Denkmal


An Bettine.

3. August 1808.

Ich muß ganz darauf verzichten, Dir zu antworten, liebe Bettine; Du läßt ein ganzes Bilderbuch herrlicher, allerliebster Vorstellungen zierlich durch die Finger laufen; man erkennt im Flug die Schätze, und man weiß, was man hat, noch eh' man sich des Inhalts bemächtigen kann. Die besten Stunden benütze ich dazu, um näher mit ihnen vertraut zu werden, und ermutige mich, die elektrischen Schläge Deiner Begeistrungen auszuhalten. In diesem Augenblick hab' ich kaum die erste Hälfte Deines Briefs gelesen und bin zu bewegt, um fortzufahren. Habe einstweilen Dank für alles; verkünde ungestört und unbekümmert Deine Evangelien und Glaubensartikel von den Höhen des Rheins, und laß Deine Psalmen herabströmen zu mir und den Fischen; wundre Dich aber nicht, daß ich wie diese verstumme. Um eines bitte ich Dich: höre nicht auf mir gern zu schreiben; ich werde nie aufhören, Dich mit Lust zu lesen.

Was Dir Schlosser über mich mitgeteilt hat, verleitet Dich zu sehr interessanten Exkursionen aus dem Naturleben in das Gebiet der Kunst. Daß Musik mir ein noch rätselhafter Gegenstand schwieriger Untersuchung ist, leugne ich nicht; ob ich mir den harten Ausspruch des Missionärs, wie Du ihn nennst, muß gefallen lassen, das wird sich erst dann erweisen, wenn die Liebe zu ihr, die jetzt mich zu wahrhaft abstrakten Studien bewegt, nicht mehr beharrt. Du hast zwar flammende Fackeln und Feuerhecken ausgestellt in der Finsternis, aber bis jetzt blenden sie mehr, als sie erleuchten, indessen erwarte ich doch von der ganzen Illumination einen herrlichen Totaleffekt, so bleibe nur dabei und sprühe nach allen Seiten hin.

Da ich nun heute bis zum Amen Deiner reichen inhaltsvollen Blätter gekommen bin, so möchte ich Dir schließlich nur mit einem Wort den Genuß ausdrücken, der mir daraus erwächst, und Dich bitten, daß Du mir ja das Thema über Musik nicht fallen läßt, sondern vielmehr nach allen Seiten hin und auf alle Weise variierst. Und so sage ich Dir ein herzliches Lebewohl; bleibe mir gut, bis günstige Sterne uns zueinander führen.

G.

An Goethe.

Rochusberg.

Fünf Tage waren wir unterwegs, und seitdem hat es unaufhörlich geregnet. Das ganze Haus voll Gäste, kein Eckchen, wo man sich der Einsamkeit hätte freuen können, um Dir zu schreiben.

Solang' ich Dir noch zu sagen habe, so lang' glaub' ich auch fest, daß Dein Geist auf mich gerichtet ist wie auf so manche Rätsel der Natur; wie ich denn glaube, daß jeder Mensch ein solches Rätsel ist, und daß es die Aufgabe der Liebe ist zwischen Freunden, das Rätsel aufzulösen; so daß ein jeder seine tiefere Natur durch und in dem Freund kennenlerne. Ja, Liebster, das macht mich glücklich, daß sich allmählich mein Leben durch Dich entwickelt, drum möcht' ich auch nicht falsch sein, lieber möcht' ich's dulden, daß alle Fehler und Schwächen von Dir gewußt wären, als Dir einen falschen Begriff von mir geben; weil dann Deine Liebe nicht mit mir beschäftigt sein würde, sondern mit einem Wahnbild, was ich Dir statt meiner untergeschoben hätte. – Darum mahnt mich auch oft ein Gefühl, daß ich dies oder jenes Dir zulieb' meiden soll, weil ich es doch vor Dir leugnen würde.

Lieber Goethe, ich muß Dir die tiefsten Sachen sagen; sie kommen eigentlich allen Menschen zu, aber nur Du hörst mich an und glaubst an mich und gibst mir in der Stille recht. Ich habe oft darüber nachgedacht, daß der Geist nicht kann, was er will, daß eine geheime Sehnsucht in ihm verborgen liegt, und daß er die nicht befriedigen kann; zum Beispiel, daß ich eine große Sehnsucht habe bei Dir zu sein, und daß ich doch nicht, wenn ich auch noch so sehr an Dich denke, Dir dies fühlbar machen kann; ich glaube, es kommt daher, weil der Geist wirklich nicht im Reich der Wahrheit lebt und er also sein eigentliches Leben noch nicht wahrmachen kann, bis er ganz aus der Lüge heraus in das Reich der Offenbarung übergegangen ist; denn die Wahrheit ist ja nur Offenbarung, und dann wird sich ein Geist auch dem andern zu offenbaren vermögen. Ich möchte Dir noch anderes sagen, aber es ist schwer, mich befällt Unruh', und ich weiß nicht wohin ich mich wenden soll; ja, im ersten Augenblick ist alles reich, aber will ich's mit dem Wort anfassen, da ist alles verschwunden, so wie im Märchen, wo man einen kostbaren Schatz findet, in dem man alle Kleinode deutlich erkennt, will man ihn berühren, so versinkt er, und das beweist mir auch, daß der Geist hier auf Erden das Schöne nur träumt und noch nicht seiner Meister ist, denn sonst könnte er fliegen, so gut wie er denkt, daß er fliegen möchte. Ach, wir sind soweit voneinander! Welche Tür ich auch öffne und sehe die Menschen beisammen, Du bist nicht unter ihnen; – ich weiß es ja, noch eh' ich öffne, und doch muß ich mich erst überzeugen und empfinde die Schmerzen eines Getäuschten; – sollte ich Dir nun auch noch meine Seele verbergen? – oder das, was ich zu sagen habe, einhüllen in Gewand, weil ich mich schäme der verzagten Ahnungen? – Soll ich nicht das Zutrauen in Dich haben, daß Du das Leben liebst, wenn es auch noch unbehilflich der Pflege bedarf, bis es seinen Geist mitteilen kann? – Ich habe mir große Mühe gegeben mich zu sammeln und mich selbst auszusprechen; ich hab' mich vor dem Sonnenlicht versteckt, und in dunkler Nacht, wo kein Stern leuchtet und die Winde brausen, da bin ich in die Finsternis hinaus und hab' mich fortgeschlichen bis zum Ufer; – da war es immer noch nicht einsam genug, – da störten mich die Wellen, das Rauschen im Gras, und wenn ich in die dichte Finsternis hineinstarrte und die Wolken sich teilten, daß sich die Sterne zeigten, – da hüllte ich mich in den Mantel und legte das Gesicht an die Erde, um ganz, ganz allein zu sein; das stärkte mich, daß ich freier war, da regte es mich an, das, was vielleicht keiner beachtet, zu beachten; da besann ich mich, ob ich denn wirklich mit Dir spreche, oder ob ich nur mich von Dir hören lasse? – Ach Goethe! – Musik, ja Musik! Hier kommen wir wieder auf das heilige Kapitel, – da hören wir auch zu, aber wir sprechen nicht mit, – aber wir hören, wie sie untereinander sprechen, und das erschüttert uns, das ergreift uns; – ja sie sprechen untereinander, wir hören und empfinden, daß sie eins werden im Gespräch. – Drum, das wahre Sprechen ist eine Harmonie, ohne Scheidung, alles in sich vereint; – wenn ich Dir die Wahrheit sage, so muß Deine Seele in meine überfließen, – das glaub' ich.

Wo kommen sie her, diese Geister der Musik? – Aus des Menschen Brust; – er schaut sich selber an, der Meister; – das ist die Gewalt, die den Geist zitiert. Er steigt hervor aus unendlicher Tiefe des Inneren, und sie sehen sich scharf an, der Meister und der Geist, – das ist die Begeistrung; – so sieht der göttliche Geist die Natur an, davon sie blüht. – Da blühen Geister aus dem Geist; sie umschlingen einander, sie strömen aus, sie trinken einander, sie gebären einander; ihr Tanz ist Form, Gebild; wir sehen sie nicht, – wir empfinden's und unterwerfen uns seiner himmlischen Gewalt; und indem wir dies tun, erleiden wir eine Einwirkung, die uns heilt. – Das ist Musik.

O, glaub' gewiß, daß wahre Musik übermenschlich ist. Der Meister fordert das Unmögliche von den Geistern, die ihm unterworfen sind, – und siehe, es ist möglich, sie leisten es. – An Zauberei ist nicht zu zweifeln, nur muß man glauben, daß das Übermächtige auch im Reich der Übermacht geleistet werde, und daß das Höchste von der Ahnung, von dem Streben desjenigen abhänge, dem die Geister sich neigen. Wer das Göttliche will, dem werden sie Göttliches leisten. Was ist aber das Göttliche? – Das ewige Opfer des menschlichen Herzens an die Gottheit: – dies Opfer geht hier geistigerweise vor; und wenn es der Meister auch leugnet, oder nicht ahnt, – es ist doch wahr. – Erfaßt er eine Melodie, so ahnet er schon ihre Vollkommenheit, und das Herz unterwirft sich einer strengen Prüfung, es läßt sich alles gefallen, um dem Göttlichen näherzukommen; je höher es steigt, je seliger; und das ist das Verdienst des Meisters, daß er sich gefallen lasse, daß die Geister auf ihn eindringen, ihm nehmen, sein Ganzes vernichten, daß er ihnen gehorcht, das Höhere zu suchen unter ewigen Schmerzen der Begeistrung. Wo ich das alles, und einzig, was ich gehört habe, war Musik. Wie ich aus dem Kloster kam nach Offenbach, da lag ich im Garten auf dem Rasen und hörte Salieri und Winter, Mozart und Cherubini, Haydn und Beethoven. Das alles umschwärmte mich; ich begriff's weder mit den Ohren noch mit dem Verstand, aber ich fühlte es doch, während ich alles andre im Leben nicht fühlte; das heißt, der innere, höhere Mensch fühlt es; und schon damals fragte ich mich: »Wer ist das, der da gespeist und getränkt wird durch Musik, und was ist das, was da wächst und sich nährt, pflegt und selbsttätig wird durch sie?« – Denn ich fühlte eine Bewegung zum Handeln; ich wußte aber nicht, was ich ergreifen sollte. Oft dachte ich, ich müsse mit fliegender Fahne voranziehen den Völkern; ich würde sie auf Höhen führen über den Feind, und dann müßten sie auf mein Geheiß, auf meinen Wink hinunterbrausen ins Tal und siegend sich verbreiten. Da sah ich die roten und weißen Fähnlein fliegen und den Pulverdampf in den sonneblendenden Gefilden; da sah ich sie heransprengen im Galopp, – die Siegesboten, mich umringen und mir zujauchzen; da sah und fühlte ich, wie der Geist in der Begeistrung sich löst und zum Himmel aufschwingt; die Helden, an den Wunden verblutend, zerschmettert, selig aufschreiend im Tod, ja und ich selbst hab' es mit erlebt, – denn ich fühlte mich auch verwundet und fühlte, wie der Geist Abschied nahm, gern noch verweilt hätte unter den Palmen der Siegesgöttin und doch, da sie ihn enthob, auch gern sich mit ihr aufschwang. Ja, so hab' ich's erlebt und anderes noch: wo ich mich einsam fühlte, in tiefe, wilde Schluchten sah, nicht tief – untief, unendliche Berge über mir, ahnend die Gegenwart der Geister. Ja, ich nahm mich zusammen und sagte: »Kommt nur, ihr Geister, kommt nur heran; weil ihr göttlich seid und höher als ich, so will ich mich nicht wehren.« Da hörte ich aus dem unsäglichen Gebraus der Stimmen die Geister sich losreißen; – sie wichen voneinander – ich sah sie aus der Ferne in glänzendem Fluge mir nahen; durch die himmlische blaue Luft verdufteten sie ihre silberne Weisheit, und sie neigten sich in den Felsensaal herab und strömten Licht über die schwarzen Abgründe, daß alles sichtbar war. Da sprangen die Wellen in Blumen in die Höhe und umtanzten sie, und ihr Nahen, ihr ganzes Sprechen war ein Eindringen ihrer Schönheit auf mich, daß meine Augen sie kaum faßten mit allem Beistand des Geistes – und das war ihre ganze Wirkung auf mich.

O Goethe! Ich könnte Dir noch viele Gesichte mitteilen; ja ich glaub's, daß Orpheus sich umringt sah von den wilden Tieren, die in süßer Wehmut aufstöhnten mit den Seufzern seines Gesangs; ich glaub's, daß die Bäume und Felsen sich nahten und neue Gruppen und Wälder bildeten, denn auch ich hab's erlebt; ich sah Säulen emporsteigen und wunderbares Gebälk tragen, auf dem sich schöne Jünglinge wiegten; ich sah Hallen, in denen erhabene Götterbilder aufgestellt waren; wunderbare Gebäude, deren Glanz den Blick des stolzen Auges brachen; deren Galerien Tempel waren, in denen Priesterinnen mit goldnen Opfergeräten wandelten und die Säulen mit Blumen schmückten, und deren Zinnen von Adlern und Schwanen umkreist waren; ich sah diese ungeheuren Architekturen mit der Nacht sich vermählen, die elfenbeinernen Türme mit ihren diamantnen Lazuren im Abendrot schmelzen und über die Sterne hinausragen, die im kalten Blau der Nacht wie gesammelte Heere dahinflogen und, tanzend im Takt der Musik und um die Geister sich schwingend, Kreise bildeten. Da hörte ich in den fernen Wäldern das Seufzen der Tiere um Erlösung; und was schwärmte alles noch vor meinem Blick und in meinem Wahn. – Was glaubte ich tun zu müssen und zu können; welche Gelübde hab' ich den Geistern ausgesprochen; alles, was sie verlangten, hab' ich auf ewig und ewig gelobt. Ach Goethe, das alles hab' ich erlebt in dem grünen goldgeblümten Gras. Da lag ich in der Spielstunde und hatte die feine Leinwand über mich gebreitet, die man da bleichte, ich hörte oder fühlte mich vielmehr getragen und umbraust von diesen unaussprechlichen Symphonien, die keiner deuten kann; da kamen sie und begossen die Leinwand; und ich blieb liegen und fühlte die Glut behaglich abgekühlt. Du wirst gewiß auch ähnliches erlebt haben; diese Fieberreize, ins Paradies der Phantasie aufzusteigen, haben Dich auf irgendeine Weise durchdrungen; sie durchglühen die Natur, die wieder erkaltet – etwas anders geworden, zu etwas anderm befähigt ist. An Dich haben die Geister Hand gelegt, in's unsterbliche Feuer gehalten; – und das war Musik; ob Du sie verstehst, oder empfindest; ob Unruhe oder Ruhe Dich befällt; ob Du jauchzest oder tief trauerst; ob Dein Geist Freiheit atmet oder seine Fesseln empfindet; – es ist immer die Geisterbasis des Übermenschlichen in Dir. Wenn auch weder die Terz noch die Quint Dir ein Licht aufstecken, wenn sie nicht so gnädig sind, sich von Dir beschauen und befühlen zu lassen, so ist es bloß, weil Du durchgegangen bist durch ihre Heiligung, weil die Sinne, gereift an ihrem Licht, schon wieder die goldnen Fruchtkörner zur Saat ausspreuen. Ja, Deine Lieder sind die süßen Früchte, ihres Balsams voll. Balsam strömt in Deiner dithyrambischen Wollust! Schon sind's nicht mehr Töne, – es sind ganze Geschlechter in Deinen Gedichten, die ihre Gewalt tragen und verbreiten. – Ja, das glaub' ich gewiß, daß Musik jede echte Kunsterscheinung bildet und sich freut, in Dir so rein wiedergeboren zu sein. – Kümmere dich nicht um die leeren Eierschalen, aus denen die flügge gewordenen Geister entschlüpft sind; – nicht um die Terz und die Quint und um die ganze Basen- und Vetterschaft der Dur- und Molltonarten, – Dir sind sie selber verwandt; Du bist mitten unter ihnen. Das Kind fragt nicht unter den Seinigen: »Wer sind diese, und wie kommen sie zueinander?« Es fühlt das ewige Gesetz der Liebe, das es allen verbindet. – Und dann muß ich Dir auch noch eins sagen: Komponisten sind keine Maurer, die Steine aufeinanderbacken, den Rauchfang nicht vergessen, die Treppe nicht, nicht den Dachstuhl, und die Tür nicht, wo sie wieder herausschlüpfen können, und glauben, sie haben ein Haus gebaut. – Das sind mir keine Komponisten, die Deinen Liedern ein artig Gewand zuschneiden, das hinten und vorne lang genug ist. O Deine Lieder, die durchs Herz brechen mit ihrer Melodie; wie ich vor zehn Tagen da oben saß auf dem Rheinfels, und der Wind die starken Eichen bog, daß sie krachten, und sie sausten und brausten im Sturm, und ihr Laub, getragen vom Wind, tanzte über den Wellen. – Da hab' ich's gewagt zu singen; da war's keine Tonart, da war's kein Übergang, – da war's kein Malen der Gefühle oder Gedanken, was so gewaltig mit in die Natur einstimmte: es war der Drang eins mit ihr zu sein. Da hab' ich's wohl empfunden, wie Musik Deinem Genius einwohnt! Der hat sich mir gezeigt, schwebend über den Wassern, und hat mir's eingeschärft, daß Dich ich liebe. – Ach Goethe, laß Dir keine Liedchen vorlallen und glaube nicht, Du müßtest sie verstehen und würdigen lernen; ergib Dich auf Gnad' und Ungnad'; leide in Gottesnamen Schiffbruch mit Deinem Begriff; was willst Du alles Göttliche ordnen und verstehen, wo's her kommt und hin will? Siehst Du, so schreib' ich, wenn ich zügellos bin und nichts danach frage, ob's der Verstand billigt. Ich weiß nicht, ob es Wahrheit ist; mehr als das, was ich prüfe; aber so möcht' ich lieber schreiben, ohne zu befürchten, daß Du wie andre mich schweigen hießest; was könnt' ich Dir alles sagen, wenn ich mich nicht besinnen wollte! Bald würde ich Herr werden, und nichts sollte sich mir verbergen, was ich halten wollte mit dem Geist, – und wenn Du einstimmtest und neigtest Dich meinem Willen, wie der Septakkord sich der Auflösung entgegendrängt, dann wär's wie die Liebe es will.

*

Rochusberg.

Ich kann oft vor Lust, daß jetzt die selige, einsame Stunde dazu ist, nicht zum Schreiben kommen. Hier oben, im goldnen Sommer an die goldne Zukunft denken, – denn das ist meine Zukunft: Dich wiedersehen; schon von dem Augenblick an, wo Du mir die Hand zum Abschied reichst und zu verstehen gibst, es sei genug der Zärtlichkeit, – da wende ich in Gedanken schon wieder um zu Dir. Darum lache ich auch mit dem einen Auge, während ich mit dem andern weine.

Wie selig, also Dich zu denken, wie geschwätzig wird meine Seele in jedem kleinen Ereignis, aus dem sie hofft, den Schatz zu heben.

Mein erster Gang war hier herauf, wo ich Dir den letzten Brief schrieb, ehe wir reisten. Ich wollte sehen, ob mein Tintenfaß noch da sei und meine kleine Mappe mit Papier. Alles noch an Ort und Stelle, ach Goethe, ich habe Deine Brief so lieb, ich habe sie eingehüllt in ein seidnes Tuch mit bunten Blumen und goldnem Zierrat gestickt. Am letzten Tag vor unserer Rheinreise, da wußte ich nicht wohin mit, mitnehmen wollte ich sie nicht, da wir allesamt nur einen Mantelsack hatten; in meinem Zimmerchen, das ich nicht verschließen konnte, weil es gebraucht wurde, mochte ich sie auch nicht lassen, ich dachte, der Nachen könnte versinken und ich versaufen, und dann würden diese Briefe, deren einer um den andern an meinem Herzen gelegen hat, in fremde Hand kommen. Erst wollte ich sie den Nonnen in Vollratz aufzuheben geben; – es sind Bernhardinerinnen, die, aus dem Kloster vertrieben, jetzt dort wohnen, – nachher hab' ich's anders überlegt. Das letztemal habe ich hier auf dem Berg einen Ort gefunden; unter dem Beichtstuhl der Rochuskapelle, der noch steht, in dem ich auch immer meine Schreibereien verwahre, hab' ich eine kleine Höhle gegraben und hab' sie inwendig mit Muscheln vom Rhein und wunderschönen kleinen Kieselsteinchen ausgemauert, die ich auf dem Berge fand; da hab' ich sie in ihrer seidnen Umhüllung hineingelegt und eine Distel vor die Stelle gepflanzt, deren Wurzel ich sorgfältig mitsamt der Erde ausgestochen. Unterwegs war mir oft bange; welcher Schlag hätte mich getroffen, hätte ich sie nicht wiedergefunden, mir steht das Herz still; – sieben Tage war schlecht Wetter nach unserer Heimkehr; es war nicht möglich, hinüberzukommen; der Rhein ist um drei Fuß gestiegen und ganz verödet von Nachen; ach, wie hab' ich's verwünscht, daß ich sie da oben hingebracht hatte; keinem mocht' ich's sagen, aber die Ungeduld hinüberzukommen! Ich hatte Fieber aus Angst um meine Briefe, ich konnte mir ja erwarten, der Regen würde irgendwo durchgedrungen sein und sie verderben; ach, sie haben auch ein bißchen Wassernot gelitten, aber nur ganz wenig, ich war so froh, wie ich von weitem die Distel blühen sah, da hab' ich sie denn ausgegraben und in die Sonne gelegt; sie sind gleich trocken, und ich nehm' sie mit. Die Distel hab' ich zum ewigen Andenken wieder festgepflanzt. – Nun muß ich Dir auch erzählen, was ich hier oben für eine neue Einrichtung gefunden, nämlich oben im Beichtstuhl ein Brett befestigt und darauf einen kleinen viereckigen Bienenkorb. Die Bienen waren ganz matt und saßen auf dem Brettchen und an dem Korb. Nun muß ich Dir aus dem Kloster erzählen. Da war eine Nonne, die hieß man Mere celatrice, die hatte mich an sich gewöhnt, daß ich ihr alle Geschäfte besorgen half. Hatten wir den Wein im Keller gepflegt, so sahen wir nach den Bienen; denn sie war Bienenmutter, und das war ein ganz bedeutendes Amt. Im Winter wurden sie von ihr gefüttert, die Bienen saugten aus ihrer Hand süßes Bier. Im Sommer hingen sie sich an ihren Schleier, wenn sie im Garten ging, und sie behauptete, von ihnen gekannt und geliebt zu sein. Damals hatte ich große Neigung zu diesen Tierchen. Die Mere celatrice sagte, vor allem müsse man die Furcht überwinden, und wenn eine stechen wolle, so müsse man nicht zucken, dann würden sie nie stark stechen. Das hat mich große Überwindung gekostet, nachdem ich den festen Vorsatz gefaßt hatte, mitten unter den schwärmenden Bienen ruhig zu sein, befiel mich die Furcht, ich lief, und der ganze Schwarm mir nach. Endlich hab' ich's doch gelernt, es hat mir tausend Freude gemacht, oft hab' ich ihnen einen Besuch gemacht und einen duftenden Strauß hingehalten, auf den sie sich setzten. Den kleinen Bienengarten hab' ich gepflegt, und die gewürzigen dunklen Nelken besonders hab' ich hineingepflanzt. Die alte Nonne tat mir auch den Gefallen, zu behaupten, daß man alle Blumen, die ich gepflanzt hatte, aus dem Honig herausschmecke. So lehrte sie mich auch, daß, wenn die Bienen erstarrt waren, sie wieder beleben. Sie rieb sich die Hand mit Nesseln und mit einem duftenden Kräutchen, welches man Katzenstieg nennt, machte den großen Schieber des Bienenhauses auf und steckte die Hand hinein. Da setzten sie sich alle auf die Hand und wärmten sich, das hab' ich oft auch mitgemacht; da steckte die kleine Hand und die große Hand im Bienenkorb. Jetzt wollt' ich's auch probieren, aber ich hatte nicht mehr das Herz; siehst Du, so verliert man seine Unschuld und die hohen Gaben, die man durch sie hat.

Bald hab' ich auch den Eigentümer des Korbes kennen lernen; indem ich am mitten Berg lag, um im Schatten ein wenig zu faulenzen, hört' ich ein Getrappel im Traumschlummer, das war die Binger Schafherde nebst Hund und Schäfer; er sah auch gleich nach seinem Bienenkorb; er sagte mir, daß er noch eine Weile hier weide, da hab' ihm der volle blühende Thymian und das warme, sonnige Plätzchen so wohl gefallen, daß er den Schwarm junger Bienen hier herauf gepflanzt habe, damit sie sich recht wohl befinden, und wenn sie sich dann mehren sollten und den ganzen gegitterten Beichtstuhl einnehmen, wenn er übers Jahr wiederkäme, so solle es ihm recht lieb sein.

Der Schäfer ist ein alter Mann; er hat einen langen grauen Schnurrbart, er war Soldat und erzählte mir allerlei von den Kriegsszenen und von der früheren Zeit; dabei pfiff er seinen Hund, der ihm die Herde regierte. Von verschiedenen Berggeistern erzählte er auch, das glaube er alles nicht, aber auf der Ingelheimer Höhe, wo noch Ruinen von dem großen Kaisersaal stehen, da sei es nicht geheuer; er habe selbst auf der Heide im Mondschein einen Mann begegnet, ganz in Stahl gekleidet, dem sei ein Löwe gefolgt; und da der Löwe Menschen gewittert, so habe er fürchterlich geheult; da habe der Ritter sich umgekehrt, mit dem Finger gedroht und gerufen: »Bis stille, frevelicher Hund!« – da sei der Löwe verstummt und habe dem Mann die Füße geleckt. Der Schäfer erzählte mir dies mit besonderen Schauer, und ich schauderte zum Pläsier ein klein bißchen mit; ich sagte: »Ich glaube wohl, daß ein frommer Schäfer sich vor dem Hüter eines Löwen fürchten muß.« »Was?«sagte er, »ich war damals kein Schäfer, sondern Soldat und auch gar nicht besonders fromm; ich freite um ein Schätzchen und war herübergegangen nach Ingelheim um Mitternacht, um Tür und Riegel zu zwingen; aber in der Nacht ging ich nicht weiter; ich kehrte um.« – »Nun«, fragt' ich, »Euer Schätzchen, das hat wohl umsonst auf Euch gewartet?« – »Ja«, sagte er, »wo Geister sich einmischen, da muß der Mensch dahinten bleiben.« – Ich meinte, wenn man liebe, brauche man sich vor Geistern nicht zu fürchten und könne sich grade dann für ihresgleichen achten; denn die Nacht ist zwar keines Menschen Freund, aber des Liebenden Freund ist sie.

Ich fragte den Schäfer, wie er sich bei seinem einsamen Geschäft die Zeit vertreibe in den langen Tagen; – er ging den Berg hinauf, die ganze Herde hinter ihm drein, über mich hinaus, er kam wieder, die Herde nahm wieder keinen Umweg; er zeigte mir eine schöne Schalmei, – so nannte er ein Hautbois mit silbernen Klappen und Elfenbein zierlich eingelegt; er sagte: »Die hat mir ein Franzose geschenkt, darauf kann ich blasen, daß man es eine Stunde weit hört; wenn ich hier auf der Höhe weide und seh' ein Schiffchen mit lustigen Leuten drüben, da blas' ich; in der Ferne nimmt sich die Schalmeie wunderschön aus, besonders wenn das Wasser so still und sonnig ist wie heute; das Blasen ist mir lieber wie Essen und Trinken.« Er setzte an und wendete sich nach dem Tal, um das Echo hören zu lassen; nun blies er das Lied des weissagenden Tempelknaben aus Axur von Ormus mit Variationen eigner Eingebung; die feierliche Stille, die aus diesen Tönen hervorbricht und sich mitten im leeren Raum ausdehnt, beweist wohl, daß die Geister auch in der sinnlichen Welt einen Platz einnehmen; zum wenigsten ward alles anders: Luft und Gebirge, Wald und Ferne, und der ziehende Strom mit den gleitenden Nachen waren von der Melodie beherrscht und atmeten ihren weissagenden Geist; – die Herde hatte sich zum Ruhen gelagert; der Hund lag zu des Schäfers Füßen, der von mir entfernt auf der Höhe stand und die Begeistrung eines Virtuosen empfand, der sich selbst überbietet, weil er fühlt, er werde ganz genossen und verstanden. Er ließ das Echo eine sehr feine Rolle darin spielen; hier und da ließ er es in eine Lücke einschmelzen, dann wiederholte er die letzte Figur, zärtlicher, eindringender; – das Echo wieder! – Er ward noch feuriger und schmachtender; und so lehrte er dem Widerhall, wie hoch er's treiben könne, und dann endigte er in einer brillanten Fermate, die alle Täler und Schluchten des Donnersbergs und Hunsrücks widerhallen machte. Er zog blasend mit der Herde um den Berg. – Ich packte meine Schreibereien auf, da die Einsamkeit doch hier oben aufgehoben ist, und schlenderte noch eine Weile bei gewaltigem Abendrot, mit dem Schäfer in weisen Reden begriffen, hinter der weißen Herde drein; er entließ mich mit dem Kompliment, ich sei gescheuter als alle Menschen, die er kenne; dies war mir was ganz Neues, denn bisher hab' ich von gescheuten Leuten gehört, ich sei gänzlich unklug; ich kann aber doch dem Schäfer nicht unrecht geben; ich bin auch gescheut und habe scharfe Sinne.

Bettine.

*

Winkel, 7. August.

Gestern hab' ich meinen Brief zugemacht und abgeschickt; aber noch nicht geschlossen. – Wüßtest Du, was mich bei diesen einfachen Erzählungen oft für Unruhe und Schmerzen befallen! – Es scheint Dir alles nur so hingeschrieben, wie erlebt, ja! – Aber so manches seh' ich und denke es und kann es doch nicht aussprechen; und ein Gedanke durchkreuzt den andern, und einer nimmt vor dem andern die Flucht, und dann ist es wieder so öde im Geist wie in der ganzen Welt. Der Schäfer meinte, Musik schütze vor bösen Gedanken und vor Langerweile; da hat er recht, denn die Melancholie der Langenweile entsteht doch nur, weil wir uns nach der Zukunft sehnen. In der Musik ahnen wir diese Zukunft, da sie doch nur Geist sein kann und nichts anderes, und ohne Geist gibt es keine Zukunft; wer nicht im Geist aufblüht, wie wollte der leben und Atem holen? – Aber ich habe mir zu Gewaltiges vorgenommen, Dir von Musik zu sagen; denn weil ich weiß, daß ihre Wahrheit doch nicht mit irdischer Zunge auszusprechen ist. So vieles halte ich zurück, aus Furcht, Du möchtest es nicht genehmigen, oder eigentlich, weil ich glaube, daß Vorurteile Dich blenden, die Gott weiß von welchem Philister in Dich geprägt sind. Ich habe keine Macht über Dich, Du glaubst Dich an gelehrte Leute wenden zu müssen; und was die Dir sagen können, das ist doch nur dem höheren Bedürfnis im Wege; o Goethe, ich fürchte mich vor Dir und dem Papier, ich fürchte mich aufzuschreiben, was ich für Dich denke.

Ja, das hat der Christian Schlosser gesagt: Du verstündest keine Musik, Du fürchtest Dich vor dem Tod, und habest keine Religion, was soll ich dazu sagen? – Ich bin so dumm wie stumm, wenn ich so empfindlich gekränkt werde. Ach Goethe, wenn man kein Obdach hätte, das vor schlechtem Wetter schützt, so könnte einem der kalte lieblose Wind schon was anhaben, aber so weiß ich Dich in Dir selber geborgen; die drei Rätsel aber sind mir eine Aufgabe. Ich möchte Dir nach allen Seiten hin Musik erklären, und fühl' doch selbst, daß sie übersinnlich ist und von mir unverstanden; dennoch kann ich nicht weichen von diesem Unauflösbaren und bete zu ihm: nicht, daß ich es begreifen möge; nein, das Unbegreifliche ist immer Gott, und es gibt keine Zwischenwelt, in der noch andere Geheimnisse begründet wären. Da Musik unbegreiflich ist, so ist sie gewiß Gott; dies muß ich sagen, und Du wirst mit Deinem Begriff von der Terz und der Quint mich auslachen! Nein, Du bist zu gut, Du lachst nicht; und dann bist Du auch zu weise; Du wirst wohl gerne Deine Studien und errungenen Begriffe aufgeben gegen ein solches, alles heiligende Geheimnis des göttlichen Geistes in der Musik. Was lohnte denn auch die Mühe der Forschung, wenn es nicht dies wäre! Nach was können wir forschen, was bewegt uns, als nur das Göttliche! – und was können Dir andere, die Wohlstudierten, Besseres und Höheres darüber sagen; – und wenn einer dagegen was aufbringen wollte, – müßte er sich nicht schämen? Wenn einer sagen wollte: Musik sei nur da, daß der Menschengeist sich darin ausbilde? – Nun ja! wir sollen uns in Gott bilden. Wenn einer sagt, sie sei nur Vermittlung zum Göttlichen, sie sei nicht Gott selbst! Nein, ihr falschen Kehlen, euer eitler Gesang ist nicht göttlich durchdrungen. Ach, die Gottheit selbst lehrt uns den Buchstaben begreifen, damit wir gleich ihr aus eignem Vermögen im Reich der Gottheit regieren lernen. Alles Lernen in der Kunst ist nur dazu, daß wir den Grund der Selbständigkeit in uns legen, und daß es unser Errungenes bleibe. Einer sagte von Christus, daß er nichts von Musik gewußt habe; dagegen konnte ich nichts sagen; einmal weiß ich seinen Lebenslauf nicht genau, und dann, was mir dabei einfiel, kann ich nur Dir sagen, obschon ich nicht weiß, was Du dazu sagen wirst. Christus sagt: »Auch euer Leib soll verklärt werden!« Ist nun Musik nicht die Verklärung der sinnlichen Natur? – Berührt Musik nicht unsere Sinne, daß sie sich eingeschmolzen fühlen in die Harmonie der Töne, wie Du mit Terz und Quint berechnen willst? – Lerne nur verstehen, – Du wirst um so mehr Dich wundern über das Unbegreifliche. Die Sinne fließen in den Strom der Begeisterung, und das erhöht sie. Alles, was den Menschen geistigerweise anspricht, geht hier in die Sinne über; drum fühlt er sich auch durch sie zu allem bewegt. Liebe und Freundschaft, kriegerischer Mut und Sehnsucht nach der Gottheit – alles wallt im Blut; das Blut ist geheiligt; es entzündet den Leib, daß er mit dem Geist zusammen dasselbe wolle. Das ist die Wirkung der Musik auf die Sinne; das ist die Verklärung des Leibes; die Sinne von Christus waren eingeschmolzen in den göttlichen Geist, sie wollten mit ihm dasselbe; er sagte: »Was ihr berührt mit dem Geist wie mit den Sinnen, das sei göttlich, denn dann wird euer Leib auch Geist.« Siehst Du, das hab' ich ungefähr empfunden und gedacht, da man sagte, Christus habe nichts von Musik gewußt.

Verzeihe mir, daß ich so mit Dir spreche, gleichsam ohne Basis, denn mir schwindelt, und ich deute kaum an, was ich sagen möchte, und vergesse alles so leicht wieder; aber wenn ich in Dich das Zutrauen nicht haben sollte, Dir zu bekennen, was sich in mir aufdringt, wem sollte ich's sonst mitteilen! –

Diesen Winter hatte ich eine Spinne in meinem Zimmer; wenn ich auf der Gitarre spielte, kam sie eilig herab in ein Netz, was sie tiefer ausgespannt hatte. Ich stellte mich vor sie und fuhr über die Saiten; man sah deutlich, wie es durch ihre Gliederchen dröhnte, wenn ich Akkord wechselte, so wechselten ihre Bewegungen, sie waren unwillkürlich; bei jedem verschiedenen Harpege wechselte der Rhythmus in ihren Bewegungen; es ist nicht anders – dies kleine Wesen war freudedurchdrungen oder geistdurchdrungen, solang' mein Spielen währte; wenn's still war, zog sie sich wieder zurück. Noch ein kleiner Geselle war eine Maus, der aber mehr der Vokalmusik geneigt war; sie erschien meistens, wenn ich die Tonleiter sang; je stärker ich den Ton anschwellen ließ, je näher kam sie; in der Mitte der Stube blieb sie sitzen; mein Meister hatte große Freude an dem Tierchen; wir nahmen uns sehr in acht, sie nicht zu stören. Wenn ich Lieder und abwechselnde Melodien sang, so schien sie sich zu fürchten; sie hielt dann nicht aus und lief eilends weg. Also die Tonleiter schien diesem kleinen Geschöpfchen angemessen, die durchgriff sie, und wer kann zweifeln: bereitete ein Höheres in ihr vor; diese Töne, so rein wie möglich getragen, in sich schön, die berührten diese Organe. Dieses Aufschwellen und wieder Sinken bis zum Schweigen nahm das Tierchen in ein Element auf. Ach Goethe, was soll ich sagen? – es rührt mich alles so sehr, ich bin heute so empfindlich, ich möchte weinen; wer im Tempel wohnen kann auf reinen, heiteren Höhen, sollte der verlangen hinaus in eine Spitzbubenherberge? – Diese beiden kleinen Tierchen haben sich der Musik hingegeben; es war ihr Tempel, in dem sie ihre Existenz erhöht, vom Göttlichen berührt fühlten, und Du, der sich bewegt fühlt durch das ewige Wallen des Göttlichen in Dir, Du habest keine Religion? Du, dessen Worte, dessen Gedanken immer an die Muse gerichtet sind, Du lebtest nicht in dem Element der Erhöhung, der Vermittelung mit Gott. –

Ach ja: das Erheben aus dem bewußtlosen Leben in die Offenbarung, das ist Musik. Gute Nacht.

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Karlsbad, den 28. Juli 1808.

Ist es wahr, was die verliebten Poeten sagen, daß keine süßere Freude sei als das Geliebte zu schmücken, so hast Du das größte Verdienst um mich. Da ist mir durch die Mutter eine Schachtel voll der schönsten Liebesäpfel zugekommen, an goldnen Ketten zierlich aufgereiht; schier wären sie in meinem Kreise zu Zankäpfeln geworden. Ich sehe unter diesem Geschenk und der Anweisung dabei eine Spiegelfechterei verborgen, die ich nicht umhin kann zu rügen, denn da Du listig genug bist, mich mitten im heißen Sommer aufs Eis zu führen, so möchte ich Dir auch meinen Witz zeigen, wie ich auch unvorbereitet und unverhofft mit Geschicklichkeit diese Winterfreuden zu bestehen wage; ich werde Dir nicht sagen, daß ich keinen lieber schmücken möchte wie Dich, denn schmucklos hast Du mich überrascht, und schmucklos wirst Du mich ewig ergötzen. Ich hing die Perlenreihe chinesischer Früchte zwischen den geöffneten Fensterflügeln auf, und da eben die Sonne drauf schien, so hatte ich Gelegenheit, ihre Wirkung an diesen balsamartigen Gewächsen zu beachten. Das brennende Rot verwandelte sich da, wo die Strahlen auflagen, bald in dunklen Purpur, in Grün und entschiedenes Blau; alles von dem echten Gold des Lichtes erhöht; kein anmutigeres Spiel der Farben habe ich lange beobachtet, und wer weiß, zu welchen Umwegen mich das alles verführen wird; zum wenigsten würde der Schwanenhals, von dem die Dir gehorsamen Schreibefinger der Mutter mir melden, schwerlich mich zu so entschiedenen Betrachtungen und Reflexionen veranlaßt haben; und so hab' ich es denn Deinem Willen ganz angemessen gefunden, mich so dran zu erfreuen und zu belehren, und ich hüte vielmehr meinen Schatz vor jedem lüsternen Auge, als daß ich ihn der Wahl preisgeben sollte. Deiner gedenk' ich dabei und aller Honigfrüchte der Sonnenlande, und ausgießen möcht' ich Dir gerne die gesamten Schätze des Orients, wenn es auch wäre, um zu sehen, wie Du ihrer nicht achtest, weil Du Dein Glück in anderem begründet fühlst.

Dein freundlicher Brief, Deine reichen Blätter haben mich hier bei einer Zeit aufgesucht, wo ich Dich gerne selbst auf- und angenommen hätte. Es war eine Zeit der Ungeduld in mir; schon seit mehreren Posttagen sah ich allemal den freundlichen Postknaben, der noch in den Schelmenjahren ist, mit spitzen Fingern Deine wohlbeleibten Pakete in die Höhe halten. Da schickte ich denn eilig hinunter, sie zu holen, und fand meine Erwartung nicht betrogen; ich hatte Nahrung von einem Posttag zum andern; nun war sie aber zweimal vergeblich erwartet und ausgeblieben. Rechne mir's nicht zu hoch an, daß ich ungeduldig wurde; Gewohnheit ist ein gar zu süßes Ding. – Die liebe Mutter hatte aus einer übrigens sehr löblichen Ökonomie Deine Briefe gesammelt und sie der kleinen Schachtel beigepackt, und nun umströmt mich alles – eine andere Gegend, ein anderer Himmel, Berge, über die auch ich gewandert bin; Täler, in denen auch ich die schönsten Tage verlebt und trefflichen Wein getrunken habe; und der Rhein, den auch ich hinuntergeschwommen bin, in einem kleinen, lecken Kahn. Ich habe also ein doppeltes Recht an Dein Andenken; einmal war ich ja dort, und einmal bin ich bei Dir und vernehme mit beglückendem Erstaunen die Lehren Deiner Weisheit wie auch die so lieblichen Ereignisse, denn in allen bist Du es, die sie durch ihre Gegenwart verherrlicht.

Hier noch eine wohlgemeinte Bemerkung, mit Dank für das Eingesendete, die Du demjenigen den es angeht, gelegentlich mitteilen mögest: ob ich gleich den Nifelheimischen Himmel nicht liebe, unter welchem sich der ..... gefällt; so weiß ich doch recht gut, daß gewisse Klimaten und Atmosphären nötig sind, damit diese und jene Pflanze, die wir doch auch hier entbehren mögen, zum Vorschein komme. So heilen wir uns durch Renntiermoos, das an Orten wächst, wo wir nicht wohnen möchten, und, um ein ehrsameres Gleichnis zu brauchen, so sind die Nebel von England nötig, um den schönen grünen Rasen hervorzubringen.

So haben auch mir gewisse Aufschößlinge dieser Flora recht wohl behagt. Wäre es dem Redakteur jederzeit möglich, dergestalt auszuwählen, daß die Tiefe niemals hohl und die Fläche niemals platt würde, so ließe sich gegen ein Unternehmen nichts sagen, dem man in mehr als einem Sinne Glück zu wünschen hat. Grüße mir den Freund zum schönsten und entschuldige mich, daß ich nicht selbst schreibe.

Wie lang wirst Du noch im Rheinlande verweilen? – Was wirst Du zu der Zeit der Weinlese vornehmen? Mich finden Deine Blätter wohl noch einige Monate hier, zwischen den alten Felsen, neben den heißen Quellen, die mir auch diesmal sehr wohltätig sind: ich hoffe, Du wirst mich nicht vergeblich warten lassen, denn meine Ungeduld zu beschwichtigen, alles zu erfahren, was in Deinem Köpfchen vorgeht, dafür sind diese Quellen nicht geeignet.

Meinem August geht es bis jetzt in Heidelberg ganz wohl. Meine Frau besucht in Lauchstädt Theater und Tanzsaal. Schon haben mich manche entfernte Freunde hier brieflich besucht; mit andern bin ich ganz unvermutet persönlich zusammengekommen.

Ich habe so lange gezaudert, daher will ich dies Blatt gleich fortschicken und schlage es an meine Mutter ein. Sage Dir alles selbst, wozu mir der Platz hier nicht gegönnt ist, und lasse mich gleich von Dir hören.

G.


An Goethe

Am 8. August.

Überall wo es gut ist, das muß man zu früh verlassen; – so war es mir wahrlich gut bei Dir, drum mußt' ich Dich zu früh verlassen.

Ein guter lieber Aufenthalt ist für mich, was das fruchtbare Land einem Schiffer ist, der eine unsichre Reise vorhat, er wird Vorrat einsammeln, soviel ihm Zeit und Mittel erlauben. Ach, wenn er auf der einsamen weiten See ist, wenn die frischen Früchte schwinden, das süße Wasser! – er sieht kein Ziel vor sich; – wie sehnsuchtsvoll wird die Erinnerung ans Land. – Jetzt geht mir's auch so: in zwei Tagen muß ich den Rhein verlassen, um mit dem ganzen Familientroß in Schlangenbad zusammenzutreffen. Ich war indessen nicht immerwährend hier, sonst hätte Dich schon lange wieder eine Epistel von mir erreicht; viele Streifereien haben mich abgehalten: die Reise in die Wetterau, von welcher ich Dir hier ein Bruchstück beilege. Den Primas hab' ich in Aschaffenburg besucht, er meint immer, ich habe die Kinderschuhe noch nicht ausgetreten, und begrüßt mich, indem er mir die Wangen streichelt und mich herzlich küßt. Diesmal sagte er: »Mein gutes, liebes Schätzchen, wie Sie frisch aussehen, und wie Sie gewachsen sind!« – Ein solches Betragen hat nun eine zauberische Wirkung auf mich; ich fühlt' mich ganz und gar, wie er mich ansah, und betrug mich auch, als ob ich nur zwölf Jahr' alt sei, ich erlaubte mir allen Scherz und gänzlichen Mangel an Hochachtung, unter solchen zweifelhaften Umständen trug ich ihm Deine Aufträge vor. Sei nur nicht bestürzt, ich kenne Dein würdevolles Benehmen mit großen Herren und habe Dir als Botschafter nichts vergeben, ich hatte mir einen schriftlichen Auszug aus dem Brief an Deine Mutter gemacht und legte ihm denselben vor und die Zeile, wo Du geschrieben hast: die Bettine soll sich doch alle Mühe geben, dies auf eine artige Weise vom Primas herauszulocken, die hielt ich mit der Hand zu; nun wollte er grade sehen, was da unten verborgen sei; ich machte vorher meine Bedingungen, er versprach mir das kleine Indische Herbarium, es ist in Paris, und er wollte noch denselben Tag drum schreiben. Was die Papiere des Propst D'umée anbelangt, so hat er sehr interessante wissenschaftliche Sachen, die er Dir alle verspricht, die Korrespondenz mit ... gibt er nicht heraus, ich soll nur sagen, Du habest es nicht verdient und er werde diese Briefe als einen wichtigen Familienschatz aufbewahren und als ein Muster von feurigen Ausdrücken bei der höchsten Ehrerbietung. Ich weiß nicht, was mich befiel bei dieser Rede, ich fühlte, daß ich rot ward, da hob er mir das Kinn in die Höhe und sagte: »Was fehlt Ihnen denn, mein Kind, Sie schreiben wohl auch an Goethe?« – »Ja«, sagte ich, »unter der Obhut seiner Mutter.« »So, so, das ist ganz schön, kann denn die Mutter lesen?« – Da mußt' ich ungeheuer lachen, ich sagte: »Wahrhaftig, Euer Hoheit haben's erraten; ich muß der Mutter alles vorlesen, und was sie nicht wissen soll, das übergeh' ich.« – Er brachte noch allerlei Scherzhaftes vor und frug, ob ich Dich Du nenne, und was ich Dir alles schreibe? – Ich sagte, des Rhythmus halber nenne ich Dich Du, und eben habe ich seine Dispensation einholen wollen, um schriftlich beichten zu dürfen, denn ich wolle Dir gern beichten; er lachte, er sprang auf (denn er ist sehr vif und macht oft große Sätze) und sagte: »Geist wie der Blitz! Ja, ich gebe Ihnen Dispensation und ihm – schreiben Sie es ihm ja – geb' ich Macht, vollkommen Ablaß zu erteilen, und nun werden Sie doch mit mir zufrieden sein?« – Ich hatte große Lust, ihm zu sagen, daß ich nicht mehr zwölf Jahr', sondern schon eine Weile ins Blütenalter der Empfindung eingerückt sei; aber da hielt mich etwas ab: bei seinen lustigen Sprüngen fiel ihm seine kleine geistliche violettsamtne Mütze vom Kopf; ich nahm sie auf, und weil mir ahnete, sie würde mir gut stehen, so setzte ich sie auf. Er betrachtete mich eine Weile und sagte: »Ein allerliebster kleiner Bischof! Die ganze Kanzlei würde hinter ihm dreinlaufen«, – und nun mochte ich ihm den Wahn nicht mehr benehmen, daß ich noch so jung sei, denn es kam mir vor, was ihn an einem Kind erfreuen dürfe, das könne ihm bei einer verständigen Dame, wie ich doch eine sein müßte, als höchst inkonvenabel erscheinen. Ich ließ es also dabei und nahm die Sünde auf mich, ihm was weisgemacht zu haben, indem ich mich dabei auf die Kraft des Ablasses verlasse, den er Dir übermacht.

Ach, ich möchte Dir lieber andere Dinge schreiben, aber die Mutter, der ich alles erzählen mußte, quälte mich drum, sie meint, so was mache Dir Freude und Du hieltest etwas drauf, dergleichen genau zu wissen; ich holte mir auch einen lieben Brief von Dir bei ihr ab, der mich dort schon an vierzehn Tagen erwartete, und doch möcht' ich Dich über diesen schmälen. Du bist ein koketter, zierlicher Schreiber, aber Du bist ein harter Mann; die ganze schöne Natur, die herrliche Gegend, die warmen Sommertage der Erinnerung, – das alles rührt Dich nicht; so freundlich Du bist, so kalt bist Du auch. Wie ich das große Papierformat sah, auf allen vier Seiten beschrieben, da dacht' ich, es würde doch hier und da durchblitzen, daß Du mich liebst; es blitzt auch, aber nur von Flittern, nicht von leisem, beglückendem Feuer. Oh, welcher gewaltige Abstand mag sein zwischen jener Korrespondenz, die der Primas nicht herausgeben will, und unserm Briefwechsel; das kommt daher, weil ich Dich zu sehr liebe und es Dir auch bekenne, das soll eine so närrische Eigenheit der Männer sein, daß sie dann kalt sind, wenn man sie zu sehr liebt.

Die Mutter ist nun immer gar zu vergnügt und freundlich, wenn ich von meinen Streifereien komme; sie hört mit Lust alle kleine Abenteuer an, ich mache dann nicht selten aus klein groß, und diesmal war ich reichlich damit versehen, da nicht nur allein Menschen, sondern Ochsen, Esel und Pferde sehr ausgezeichnete Rollen dabei spielten. Du glaubst nicht, wie froh es mich macht, wenn sie recht von Herzen lacht. Mein Unglück führte mich grade nach Frankfurt, als Frau von Staël durchkam, ich hatte sie schon in Mainz einen ganzen Abend genossen, die Mutter aber war recht froh, daß ich ihr Beistand leistete, denn sie war schon preveniert, daß die Staël ihr einen Brief von Dir bringen würde, und sie wünschte, daß ich die Intermezzos spielen möge, wenn ihr bei dieser großen Katastrophe Erholung nötig sei. Die Mutter hat mir nun befohlen, Dir alles ausführlich zu beschreiben; die Entrevue war bei Bethmann-Schaaf, in den Zimmern des Moritz Bethmann. Die Mutter hatte sich – ob aus Ironie oder aus Übermut, wunderbar geschmückt, aber mit deutscher Laune, nicht mit französischem Geschmack, ich muß Dir sagen, daß, wenn ich die Mutter ansah, mit ihren drei Federn auf dem Kopf, die nach drei verschiedenen Seiten hinschwankten, eine rote, eine weiße und eine blaue – die französischen Nationalfarben, welche aus einem Feld von Sonnenblumen emporstiegen, so klopfte mir das Herz vor Lust und Erwartung; sie war mit großer Kunst geschminkt, ihre großen schwarzen Augen feuerten einen Kanonendonner, um ihren Hals schlang sich der bekannte goldne Schmuck der Königin von Preußen, Spitzen von altherkömmlichem Ansehen und großer Pracht, ein wahrer Familienschatz, verhüllte ihren Busen, und so stand sie mit weißen Glacéhandschuhen, in der einen Hand einen künstlichen Fächer, mit dem sie die Luft in Bewegung setzte, die andre, welche entblößt war, ganz beringt mit blitzenden Steinen, dann und wann aus einer goldnen Tabatiere mit einer Miniatur von Dir, wo Du mit hängenden Locken, gepudert, nachdenklich den Kopf auf die Hand stützest, eine Prise nehmend. Die Gesellschaft der vornehmen älteren Damen bildete einen Halbkreis in dem Schlafzimmer des Moritz Bethmann; auf purpurrotem Teppich in der Mitte ein weißes Feld, worauf ein Leopard – sah die Gesellschaft so stattlich aus, daß sie wohl imponieren konnte. An den Wänden standen schöne schlanke indische Gewächse, und das Zimmer war mit matten Glaskugeln erleuchtet; dem Halbkreis gegenüber stand das Bett auf einer zwei Stufen erhabenen Estrade, auch mit einem purpurnen Teppich verhüllt, an beiden Seiten Kandelaber. Ich sagte zur Mutter: »Die Frau Staël wird meinen, sie wird hier vor Gericht des Minnehofs zitiert, denn dort das Bett sieht aus wie der verhüllte Thron der Venus.« Man meinte, da dürfte es manches zu verantworten geben. Endlich kam die Langerwartete durch eine Reihe von erleuchteten Zimmern, begleitet von Benjamin Constant, sie war als Corinna gekleidet, ein Turban von aurora- und orangefarbner Seide, ein ebensolches Gewand mit einer orangen Tunika, sehr hoch gegürtet, so daß ihr Herz wenig Platz hatte; ihre schwarzen Augenbrauen und Wimpern glänzten, ihre Lippen auch, von einem mystischen Rot; die Handschuh' waren herabgestreift und bedeckten nur die Hand, in der sie das bekannte Lorbeerzweiglein hielt. Da das Zimmer, worin sie erwartet war, so viel tiefer liegt, so mußte sie vier Treppen herabsteigen. Unglücklicherweise nahm sie das Gewand vorne in die Höhe, statt hinten, dies gab der Feierlichkeit ihres Empfangs einen gewaltigen Stoß, denn es sah wirklich einen Moment mehr als komisch aus, wie diese ganz im orientalischen Ton überschwankende Gestalt auf die steifen Damen der tugendverschwornen Frankfurter Gesellschaft losrückte. Die Mutter warf mir einige couragierte Blicke zu, da man sie einander präsentierte. Ich hatte mich in die Ferne gestellt, um die ganze Szene zu beobachten. Ich bemerkte das Erstaunen der Staël über den wunderbaren Putz und das Ansehen Deiner Mutter, bei der sich ein mächtiger Stolz entwickelte. Sie breitete mit der linken Hand ihr Gewand aus, mit der rechten salutierte sie mit dem Fächer spielend, und indem sie das Haupt mehrmals sehr herablassend neigte, sagte sie mit erhabener Stimme, daß man es durchs ganze Zimmer hören konnte: »Je suis la mère de Goethe.« »Ah, je suis charmée,« sagte die Schriftstellerin, und hier folgte eine feierliche Stille. Dann folgte die Präsentation ihres geistreichen Gefolges, welches eben auch begierig war, Goethes Mutter kennenzulernen. Die Mutter beantwortete ihre Höflichkeiten mit einem französischen Neujahrswunsch, welchen sie mit feierlichen Verbeugungen zwischen den Zähnen murmelte – kurz, ich glaube, die Audienz war vollkommen und gab einen schönen Beweis von der deutschen Grandezza. Bald winkte mich die Mutter herbei, ich mußte den Dolmetscher zwischen beiden machen; da war denn die Rede nur von Dir, von Deiner Jugend, das Porträt auf der Tabatiere wurde betrachtet, es war gemalt in Leipzig, eh' Du so krank warst, aber schon sehr mager, man erkennt jedoch Deine ganze jetzige Größe in jenen kindlichen Zügen, und besonders den Autor des »Werther«. Die Staël sprach über Deine Briefe und daß sie gern lesen möchte, wie Du an Deine Mutter schreibst, und die Mutter versprach es ihr auch, ich dachte, daß sie von mir gewiß Deine Briefe nicht zu lesen bekommen würde, denn ich bin ihr nicht grün; sooft Dein Name von ihren nicht wohlgebildeten Lippen kam, überfiel mich ein innerlicher Grimm; sie erzählte mir, daß Du sie »amie« in Deinen Briefen nenntest; ach, sie hat mir's gewiß angesehen, daß dies mir sehr unerwartet kam; ach, sie sagte noch mehr. – Nun riß mir aber die Geduld; – wie kannst Du einem so unangenehmen Gesicht freundlich sein? – Ach, da sieht man, daß Du eitel bist. Oder sie hat auch wohl nur gelogen! – Wär' ich bei Dir, ich litt's nicht. So wie Feen mit feurigen Drachen, würd ich mit Blicken meinen Schatz bewachen. Nun sitz' ich weit entfernt von Dir, weiß nicht, was Du alles treibst, und bin nur froh, wenn mich keine Gedanken plagen.

Ich könnte Dir ein Buch schreiben über alles, was ich in den acht Tagen mit der Mutter verhandelt und erlebt habe. Sie konnte kaum erwarten, daß ich kam, um alles mit ihr zu rekapitulieren. Da gab's Vorwürfe; ich war empfindlich, daß sie auf ihre Bekanntschaft mit der Staël einen so großen Wert legte; sie nannte mich kindisch, albern und eingebildet, und was zu schätzen sei, dem müsse man die Achtung nicht versagen, und man könne über eine solche Frau nicht wie über eine Gosse springen und weiterlaufen; es sei allemal eine ausgezeichnete Ehre vom Schicksal, sich mit einem bedeutenden und berühmten Menschen zu berühren. Ich wußte es so zu wenden, daß mir die Mutter endlich Deinen Brief zeigte, worin Du ihr Glück wünschest, mit diesem Meteor zusammenzustoßen, und da polterte denn alle ihre vorgetragene Weisheit aus Deinem Brief hervor. Ich erbarmte mich über Dich und sagte: »Eitel ist der Götterjüngling; er führt den Beweis für seine ewige Jugend.« – Die Mutter verstand keinen Spaß; sie meinte: ich nehme mir zu viel heraus und ich soll mir doch nicht einbilden, daß Du ein anderes Interesse an mir habest, als man an Kindern habe, die noch mit der Puppe spielen; mit der Staël könnest Du Weltweisheit machen; mit mir könnest Du nur tändeln. Wenn die Mutter recht hätte? – Wenn's nichts wär' mit meinen neu erfundnen Gedanken, von denen ich glaubte, ich habe sie alleine? – Wie hab' ich doch in diesen paar Monaten, wo ich am Rhein lebe, nur bloß an Dich gedacht! – Jede Wolke hab' ich um Rat gefragt, jeden Baum, jedes Kraut hab' ich angesprochen um Weisheit; und von jeder Zerstreuung hab' ich mich abgewendet, um recht tief mit Dir zu sprechen. O böser, harter Mann, was sind das für Geschichten? Wie oft hab' ich zu meinem Schutzengel gebetet, daß er doch für mich mit Dir sprechen soll, und dann hab' ich mich still verhalten und die Feder laufen lassen. Die ganze Natur zeigte mir im Spiegel, was ich Dir sagen soll; wahrhaftig, ich habe geglaubt, alles sei von Gott so angeordnet, daß die Liebe einen Briefwechsel zwischen uns führe. Aber Du hast mehr Vertrauen in die berühmte Frau, die das große Werk geschrieben hat sur les passions, von welchen ich nichts weiß. – Ach, glaub' nur, Du bist vor die unrechte Schmiede gegangen; Lieben: das allein macht klug.

Über Musik hatte ich Dir auch noch manches zu sagen; es war alles schon so hübsch angeordnet; erst mußt Du begreifen, was Du ihr alles schon zu verdanken hast. – Du bist nicht feuerfest. Musik bringt Dich nicht in Glut, weil Du einschmelzen könntest.

So närrisch bin ich nicht, zu glauben, daß Musik keinen Einfluß auf Dich habe. Da ich doch glaube an das Firmament in Deinem Geist, da Sonne und Mond samt allen Sternen in Dir leuchten, da soll ich zweifeln, daß dieser höchste Planet über alle, der Licht ergießt, der ein Gewaltiger ist unserer Sinne, Dich nicht durchströme? Meinst Du dann, Du wärst der Du bist, wenn es nicht Musik wäre in Dir? – Du solltest Dich vor dem Tod fürchten, da doch Musik ihn auflöst? Du solltest keine Religion haben, da doch Musik in Dich die Anbetung pflanzt?

Horch in Dich hinein, da wirst Du in Deiner Seele der Musik lauschen, die Liebe zu Gott ist: dies ewige Jauchzen und Wallen zur Ewigkeit, das allein Geist ist.

Ich könnte Dir Sachen sagen, die ich selbst fürchte auszusprechen, obschon eine innere Stimme mir sagt, sie sind wahr. Wenn Du mir bleibst, so werd' ich viel lernen; wenn Du mir nicht bleibst, so werde ich wie der Same unter der Erde ruhen, bis die Zeit kommt, daß ich in Dir wieder blühe.

Mein Kopf glüht, ich hab' mich während dem Schreiben herumgestritten mit Gedanken, deren ich nicht mächtig werden konnte. Die Wahrheit liegt in ihrer ganzen Unendlichkeit im Geist, aber sie im einfachsten Begriff zu fassen, das ist so schwer, ach, es kann ja nichts verloren gehen. Wahrheit nährt ewig den Geist, der alles Schöne als Früchte trägt, und da es schön ist, daß wir einander lieben, so wolle die Wahrheit nicht länger verleugnen.

Ich will Dir lieber noch ein bißchen von unserm Zigeunerleben erzählen, das wir hier am Rhein führen, den wir so bald verlassen werden, und wer weiß, ob ich ihn wiederseh'! – Hier, wo die Frühlingslüfte balsamisch uns umwehen, laß einsam uns ergehen; nichts trenne Dich von mir! – und auch nicht die Frau von Staël:

Unsre Haushaltung ist allerliebst eingerichtet; wir sind zu acht Frauen, kein männliches Wesen ist im Haus; da es nun sehr heiß ist, so machen wir's uns so bequem wie möglich, zum Beispiel sind wir sehr leicht gekleidet, ein Hemd und dann noch eins, griechisch drapiert. Die Türen der Schlafzimmer stehen nachts offen; – je nachdem eins Lust hat, schlägt es sein Nachtlager auf dem Vorgang oder an sonst einem kühlen Ort auf; im Garten unter den Platanen, auf der schönen, mit breiten Platten gedeckten Mauer liegend, dem Rhein gegenüber den Aufgang der Sonne zu erwarten, hab' ich schon ein paarmal zu meinem Pläsier Nächte zugebracht; ich bin eingeschlafen auf meinem schmalen Bett; ich hätte können hinunterfallen im Schlaf, besonders wenn ich träume, daß ich Dir entgegenspringe. Der Garten liegt hoch, und die Mauer nach jenseits geht tief hinab, da könnte ich leicht verunglücken; ich bitte Dich also, wenn Du meiner gedenkst im Traum, halte mir die schützenden Arme entgegen, – damit ich doch gleich hineinsinke; »denn alles ist doch nur ein Traum!« – Am Tage geht's bei uns in großer Finsternis her; alle Läden sind zu im ganzen Hause, alle Vorhänge vorgezogen; früher machte ich morgens weite Spaziergänge, aber das ist bei dieser Hitze nicht mehr möglich; die Sonne beizt die Weinberge, und die ganze Natur seufzt unter der Brutwärme. Ich gehe doch jeden Morgen zwischen vier und fünf Uhr heraus mit einem Schnikermesser und hole frische kühle Zweige, die ich im Zimmer aufpflanze. Vor acht Wochen hatte ich Birken und Pappeln, die glänzten wie Gold und Silber, und dazwischen dicke duftende Sträußer von Maiblumen. Wie ein Heiligtum ist der Saal, an den alle Schlafkabinette stoßen; da liegen sie noch in den Betten, wenn ich nach Hause komme und warten, bis ich fertig bin; dann haben die Linden und Kastanien hier abgeblüht, und himmelhohes Schilf, das sich oben an der Decke umbiegt, mit blühenden Winden umstrickt; und die Feldblumen sind reizend, die kleinen Grasdolden, die Schafgarbe, die Johannisblume, Wasserlilien, die ich mit einiger Gefahr fische, und das ewig schöne Vergißmeinnicht. Heute hab' ich Eichen aufgepflanzt; hohe Äste, die ich aus dem obersten Gipfel geholt. Ich kletterte wie eine Katze; die Blätter sind ganz purpurrot und in so zierlichen Sträußern gewachsen, als hätten sie sich tanzend in Gruppen verteilt.

Ich sollte mich scheuen, Dir von Blumen zu sprechen; Du hast mich schon einmal ein bißchen ausgelacht, und doch ist der Reiz gar zu groß; die vielen schlafenden Blüten, die nur im Tod erwachen, das träumende Geschlecht der Wicken, die Herrgottsschückelchen, Himmelsschlüssel mit ihrem sanften freundlichen Duft, sie ist die geringste aller Blumen. Wie ich kaum sechs Jahr' alt war, und die Milchfrau hatte versprochen, mir einen Strauß Himmelsschlüssel mitzubringen, da riß mich die Erwartung schon mit dem ersten Morgenstrahl aus dem Schlaf im Hemdchen ans Fenster; wie frisch waren die Blumen! Wie atmeten sie in meiner Hand! – Einmal brachte sie mir dunkle Nelken in einen Topf eingepflanzt; welcher Reichtum! – Wie war ich überrascht von der Großmut! – Diese Blumen in der Erde, – sie schienen mir ewig ans Leben gebunden, es waren mehr, als ich zählen konnte; immer fing ich von vorne an; ich wollte kein Knöspchen überspringen; wie dufteten sie! Wie war ich demütig vor dem Geist, den sie ausströmten! – Ich wußte ja noch wenig von Wald und Flur, und die erste Wiese im Abendschein eine unendliche Fläche fürs Kinderauge, mit goldnen Sternen übersäet; – ach, wie hat Natur aus Liebe es dem Geist Gottes nachahmen wollen. – Und wie liebt er sie! – Wie neigte er sich herab zu ihr, für diese Zärtlichkeit ihm entgegenzublühen! – Wie hab' ich gewühlt im Gras und hab' gesehen, wie eins neben dem andern sich hervordrängt. Manches hätte ich vielleicht übersehen bei der Fülle, aber sein schöner Name hat mich mit ihm vertraut gemacht, und wer sie genannt hat, der muß sie geliebt und verstanden haben. Das kleine Schäfertäschchen zum Beispiel – ich hätte es nicht bemerkt, aber wie ich seinen Namen hörte, da fand ich's unter vielen heraus, ich mußte ein solches Täschchen öffnen und fand es gefüllt mit Samenperlen. Ach, alle Form enthält Geist und Leben, um sich auf die Ewigkeit zu vererben. Tanzen die Blumen nicht? – Singen sie nicht? – Schreiben sie nicht Geist in die Luft? – Malen sie nicht sich selbst ihr Innerstes in ihrem Bild? – Alle Blumen hab' ich geliebt, eine jede in ihrer Art, wie ich sie nacheinander kennen lernte, und keiner bin ich untreu geworden, und wie ich ihre Muskelkraft entdeckte: das Löwenmäulchen, wie es mir zum erstenmal die Zunge aus seinem samtnen Rachen entgegenstreckte, als ich es zu kräftig anfaßte. – Ich will sie nicht alle nennen, mit denen ich so innig vertraut wurde, wie sie mir jetzt im Gedächtnis erwachen; nur eines einzigen gedenk' ich, eines Myrtenbaums, den eine junge Nonne dort pflegte. Sie hatte ihn Winter und Sommer in ihrer Zelle; sie richtete sich in allem nach ihm; sie gab ihm nachts wie tags die Luft, und nur so viel Wärme erhielt sie im Winter, als ihm nottat. Wie fühlte sie sich belohnt, da er mit Knospen bedeckt war! Sie zeigte mir sie, schon wie sie kaum angesetzt hatten; ich half ihn pflegen; alle Morgen füllte ich den Krug mit Wasser am Madlenenbrünnchen; die Knospen wuchsen und röteten sich, endlich brachen sie auf; am vierten Tag stand er in voller Blüte; eine weiße Zelle jede Blüte, mit tausend Strahlenpfeilen in ihrer Mitte, deren jeder auf seiner Spitze eine Perle darreicht. Er stand im offenen Fenster, die Bienen begrüßten ihn. – Jetzt erst weiß ich, daß dieser Baum der Liebe geweiht ist; damals wußt' ich's nicht; und jetzt verstehe ich ihn. – Sag': kann die Liebe süßer gepflegt werden, als dieser Baum? – Und kann eine zärtliche Pflege süßer belohnt werden, als durch eine so volle Blüte? – Ach, die liebe Nonne mit halb verblühten Rosen auf den Wangen in Weiß verhüllt und der schwarze Florschleier, der ihren raschen zierlichen Gang umschwebte; wie aus dem weiten Ärmel des schwarzen wollenen Gewands die schöne Hand hervorreichte, um die Blumen zu begießen! Einmal steckte sie ein kleines schwarzes Böhnchen in die Erde, sie schenkte mir's und sagte, ich solle es pflegen; ich werde ein schönes Wunder daran erleben. Bald keimte es und zeigte Blätter wie der Klee; es zog sich an einem Stöckchen in die Höh' wie die Wicke mit kleinen geringelten Haken; dann brachte es sparsame gelbe Blüten hervor, aus denen wuchs so groß wie eine Haselnuß ein grünes Eichen, das sich in Reifen bräunte. Die Nonne brach es ab und zog es am Stiel auseinander, in eine Kette von zierlich geordneten Stacheln, zwischen denen der Same von kleinen Bohnen gereift war. Sie flocht daraus eine Krone, setzte sie ihrem elfenbeinernen Christus am Kruzifix zu Füßen und sagte mir, man nennt diese Pflanze Corona Christi.

Wir glauben an Gott und an Christus, daß er Gott war, der sich ans Kreuz schlagen ließ; wir singen ihm Litaneien und schwenken ihm den Weihrauch; wir versprechen heilig zu werden und beten und empfinden's nicht. Wenn wir aber sehen, wie die Natur spielt und in diesem Spiel eine Sprache der Weisheit kindlich ausdrückt; wenn sie auf Blumenblätter Seufzer malt, ein O und Ach, wenn die kleinen Käfer das Kreuz auf ihren Flügeldecken gemalt haben und diese kleine Pflanze eben, so unscheinbar, eine mit Sorgfalt gehegte künstliche Dornenkrone trägt; wenn wir Raupen und Schmetterlinge mit dem Geheimnis der Dreifaltigkeit bezeichnet sehen, dann schaudert uns, und wir fühlen, die Gottheit selber nimmt ewigen Anteil an diesen Geheimnissen; dann glaub' ich immer, daß Religion alles erzeugt hat, ja, daß sie selber der sinnliche Trieb zum Leben in jedem Gewächs und jedem Tier ist. – Die Schönheit erkennen in allem Geschaffenen, und sich ihrer freuen, das ist Weisheit und fromm; wir beide waren fromm, ich und die Nonne; es werden wohl zehn Jahr' sein, daß ich im Kloster war. Voriges Jahr hab' ich's im Vorüberreisen wieder besucht. Meine Nonne war Priorin geworden, sie führte mich in ihren Garten, – sie mußte an einer Krücke gehen, sie war lahm geworden, – ihr Myrtenbaum stand in voller Blüte. Sie fragte mich, ob ich ihn noch kenne; er war sehr gewachsen; umher standen Feigenbäume mit reifen Früchten und große Nelken, sie brach ab, was blühte, und was reif war, und schenkte mir alles, nur der Myrte schonte sie; das wußte ich auch schon im voraus. Den Strauß befestigte ich im Reisewagen; ich war wieder einmal so glücklich, ich betete, wie ich im Kloster gebetet hatte; ja, selig sein macht beten!

Siehst Du, das war ein Umweg und etwas von meiner Weisheit; sie kann sich freilich der Weltweisheit, die zwischen Dir und Deiner amie Staël obwaltet, nicht begreiflich machen; – aber das kann ich Dir sagen: ich habe schon viele große Werke gesehen von zähem Inhalt in schweinsledernem Einband; ich habe Gelehrte brummen hören, und ich habe immer gedacht, eine einzige Blume müsse all' dies beschämen und ein einziger Maikäfer müsse durch einen Schneller, den er einem Philosophen an die Nase gibt, sein ganzes System umpurzeln.

Pax tecum! Wir wollen's einander verzeihen; ich, daß Du einen Herzens- und Geistesbund mit der Staël geschlossen hast, worüber, der Prophezeiung Deiner Mutter nach, ganz Deutschland und Frankreich die Augen aufreißen wird, denn es wird doch nichts draus: – und Du, daß ich so aberwitzig bin, alles besser wissen und mehr als alle Dir gelten zu wollen, denn das gefällt Dir. –

Heute geh' ich noch einmal auf den Rochusberg; ich will sehen, was die Bienen machen im Beichtstuhl, ich nehme allerlei Pflanzen mit, die in Scherben eingesetzt sind, und auch einen Rebstock; die grab' ich dort oben ein; die Rebe soll am Kreuz hinaufwachsen, in dessen Schutz ich eine so schöne Nacht verschlafen habe; am Beichtstuhl pflanz' ich Kaiserkronen und Jelängerjelieber, Deiner Mutter zu Ehren; – vielleicht, wenn mir's ums Herz ist, beicht' ich Dir da oben, da ich zum letztenmal dort sein werde; um doch den Ablaß des Primas in Wirkung zu setzen; aber ich glaube wohl, ich habe nichts Verborgenes mehr in mir; Du siehst in mich hinein, und außer dem ist nichts in mir zu finden.

Den gestrigen Tag wollen wir zum Schluß noch hierher malen, denn er war schön. Wir gingen mit einem irreführenden Wegweiser durch eine Talschlucht einen Fluß entlang, den man die Wisper nennt, wahrscheinlich wegen dem Rauschen des Wassers, das über laute platte Felssteine sich windet und in den Lücken schäumt und flüstert. Auf beiden Seiten gehen hohe Felsen her, auf denen zerfallene Burgen stehen, mit alten Eichen umwachsen. Das Tal wird endlich so enge, daß man genötigt ist, im Fluß zu gehen. Das kann man nicht besser tun, als barfuß und etwas hochgeschürzt von Stein zu Stein zu springen, bald hüben, bald drüben am Ufer sich forthelfen. Es wird immer enger und enger hoch über uns; die Felsen und Berge umklammern sich endlich; die Sonne kann nur noch die Hälfte der Berge beleuchten; die schwarzen Schlagschatten der übergebogenen Felsstücke durchschneiden ihre Strahlen; aus der Wisper, die kein ganz unbedeutender Fluß ist, – sie rauscht mit ziemlicher Gewalt, – stehen erhöhte Felsplatten wie harte, kalte Heiligenbetten hervor. Ich legte mich auf eins, um ein wenig auszuruhen; ich lag mit dem glühenden Gesicht auf dem feuchten Stein; das stürzende Wasser beregnete mich fein, die Sonnenstrahlen kamen sans rime et raison quer durch die Felsschichten, um mich und mein Bett zu vergolden; über mir war Finsternis; meinen Strohhut, den ich schon längst mit Naturmerkwürdigkeiten angefüllt hatte, ließ ich schwimmen, um die Wurzeln der Pflanzen zu tränken; – wie wir weiterkamen, drängten die Berge sich nesterweise aneinander, die nur dann und wann von schroffen Felsen geschieden wurden. Ich wär' gar zu gern hinaufgeklettert, um zu sehen, wo man war; es war zu schroff, die Zeit erlaubte es nicht, dem gescheiten Wegweiser waren alle Sorgen auf dem Gesichte gemalt; er versicherte jedoch, daß er keine im Herzen hege; es wurde kühl in unserer engen Schlucht; so kühl war mir's auch innerlich; wir trippelten immer vorwärts.

Das Ziel unserer Reise war ein Sauerbrunnen hinter Weißenthurn, der in einer wüsten Wildnis liegt. Wir hatten alle Umwege der Wisper gemacht; der kluge Wegweiser dachte, wenn wir uns von der nicht entfernten, müßten wir endlich das Ziel erreichen, da die Wisper an dem Brunnen vorüberführt, und so hatte er uns auf einen Weg geführt, der wohl selten von Menschen betreten wird. Da wir dort ankamen, erleichterte er seine Brust durch ein Heer von Seufzern. Ich glaub', der fürchtete sich nicht allein vor dem Teufel, sondern vor Gott und allen Heiligen, daß sie ihn würden zur Rechenschaft ziehen, weil er uns ins Verderben gestürzt habe; – kaum waren wir angekommen, so schlug die Kuckucksuhr in der einsamen Hütte bei dem Brunnen und mahnte an den Rückweg. Es war acht Uhr! Zu essen war nichts, auch kein Brot, nur Salat mit Salz ohne Essig und Öl. Eine Frau mit zwei Kindern wohnte da; ich frug, von was sie lebe; sie deutete mir in die Ferne auf den Backofen, der zwischen vier majestätischen Eichen auf einem freien Platz in voller Glut stand. Ihr kleines Söhnchen schleppte eben ein Reiserbündel hinter sich heran; sein Hemdchen hatte noch Ärmel, die Hinterwand und den Knopf vom Kragenbund, mit dem es befestigt war; vorne war es weggerissen; seine Schwesterpsyche wiegte sich quer über einen Block auf einem langen Backschieber, auf dem als Gegengewicht die zu backenden Brote lagen; ihr Gewand bestand auch aus einem Hemd und aus einer Schürze, die sie um den Kopf befestigt hatte, um die Haare vor dem Verbrennen zu bewahren, wenn sie in den Ofen guckte und die Reiser anlegte. Wir gaben der Frau ein Geldstück; sie frug, wieviel es wär; da sahen wir, daß es nicht in unserer Macht war, sie zu beschenken, denn sie war zufrieden und wußte nicht, daß man mehr brauchen könne, als man bedürfe.

Ich marschierte also wieder links um, ohne auszuruhen, und kam nachts um ein Uhr zu Hause an; in allem war ich zwölf Stunden unterwegs gewesen und durchaus nicht ermüdet. Ich stieg in ein Bad, das mir bereitet war, und setzte eine Flasche Rotwein an und ließ es so lange herunterglucken, bis ich den Boden sah. Die Zofe schrie und dachte, es könne mir schaden im heißen Bad, allein ich ließ mir nicht wehren; sie mußte mich ins Bett tragen; ich schlief sanft, bis ich am Morgen durch ein wohlbekanntes Krähen und Nachahmen eines ganzen Hühnerhofs vor meiner Tür geweckt wurde.

Du schreibst: meine Briefe versetzen Dich in eine bekannte Gegend, in der Du Dich heimatlich fühlst; versetzen sie Dich denn auch zu mir? Siehst Du mich in Gedanken, wie ich mit langem Hakenstock auf die Berge klettere, und siehst Du in mein Herz, wo Du Dich von Angesicht zu Angesicht erblicken kannst? Diese Gegend möcht' ich Dir doch am alleranschaulichsten machen!

Noch acht Wochen werd' ich wohl in allerlei Gegenden herumstreifen, im Oktober mit Savigny erst auf ein paar Monate nach München und dann nach Landshut gehen, wenn es der Himmel nicht anders fügt. –

Ich bitte Dich, wenn Du Dich meiner mit der Feder erbarmen solltest, um zu »strafen oder zu lohnen«, so adressiere gleich nach Schlangenbad über Wiesbaden; ich werde drei Wochen dort bleiben. Schickst Du den Brief an die Mutter, so wartet sie auf eine Gelegenheit; und ich will lieber einen Brief ohne Datum, als daß ich am Datum erkennen muß, daß er mir vierzehn Tage vorenthalten ist.

Der Mutter schreib' ich alles, was unglaublich ist; obschon sie weiß, was sie davon zu halten hat, so hat es doch ihren Beifall und fordert mich auf, ihr immer noch mehr dergleichen mitzuteilen; sie nennt dies »meiner Phantasie Luft machen«.

Bettine.


An Bettine.

Karlsbad, am 21. August.

Es ist noch die Frage, liebste Bettine, ob man Dich mehr wunderlich oder wunderbar nennen kann; besinnen darf man sich auch nicht; man denkt endlich nur darauf, wie man sich gegen die reißende Flut Deiner Gedanken sicherzustellen habe; laß Dir daher genügen, wenn ich nicht ausführlich Deine Klagen, Deine Forderungen, Fragen und Beschuldigungen beschwichtige, befriedige, beantworte und ablehne; im ganzen aber Dir herzlich danke, daß Du mich wieder so reichlich beschenkt hast.

Mit dem Primas hast Du Deine Sache klug und artig gemacht. Ich habe schon ein eigenhändiges Schreiben von ihm, worin er mir alles zusichert, was Du so anmutig von ihm erbettelt hast, und mir andeutet, daß ich Dir alles allein zu verdanken habe, und mir noch viel Artiges von Dir schreibt, was Du in Deinem ausführlichen Bericht vergessen zu haben scheinst.

Wenn wir also Krieg miteinander führen wollten, so hätten wir wohl gleiche Truppen; Du die berühmte Frau und ich den liebenswürdigen Fürsten voll Güte gegen mich und Dich. – Beiden wollen wir die Ehre und den Dank nicht versagen, die sie so reichlich um uns verdienen, aber beiden wollen wir auch den Zutritt verweigern, wo sie nicht hingehören, sondern nur störend sein würden, nämlich zwischen das erfreulichste Vertrauen Deiner Liebe und meiner warmen Aufnahme derselben. – Wenn ich auch Deine Antagonistin in der Weltweisheit in einer nur zufälligen Korrespondenz amie nenne, so greife ich damit keineswegs in die Rechte ein, die Du mit erobernder Eigenmacht schon an Dich gerissen hast. Ich bekenne Dir indessen, daß es mir geht, wie dem Primas: Du bist mir ein liebes, freundliches Kind, das ich nicht verlieren möchte, und durch welches ein großer Teil des ersprießlichsten Segens mir zufließt. Du bist mir ein freundliches Licht, das den Abend meines Lebens behaglich erleuchtet, und da gebe ich Dir, um doch zustande zu kommen mit allen Klagen, zum letzten Schluß beikommendes Rätsel; an dem magst Du Dich zufrieden raten.

Goethe.

Charade.

      Zwei Worte sind es, kurz, bequem zu sagen,
Die wir so oft mit holder Freude nennen,
Doch keineswegs die Wesen deutlich kennen,
Wovon sie eigentlich den Stempel tragen,
Es tut gar wohl, an schön beschloßnen Tagen
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen,
Und kann man sie vereint zusammen nennen,
So drückt man aus ein seliges Behagen.
Nun aber such' ich ihnen zu gefallen
Und bitte mit sich selbst mich zu beglücken;
Ich hoffe still; doch hoff' ich's zu erlangen:
Als Namen der Geliebten sie zu lallen,
In Einem Bild sie beide zu erblicken,
In Einem Wesen beide zu umfangen.

Es findet sich noch Platz und auch noch Zeit, der guten Mutter Verteidigung hier zu übernehmen; ihr solltest Du nicht verargen, daß sie mein Interesse an dem Kinde, was noch mit der Puppe spielt, heraushebt, da Du es wirklich noch so artig kannst, daß Du selbst die Mutter noch dazu verführst, die ein wahres Ergötzen dran hat, mir die Hochzeitfeier Deiner Puppe mit dem kleinen Frankfurter Ratsherrn schriftlich anzuzeigen, der mir in seiner Allongeperücke, Schnabelschuhen und Halsschmuck von feinen Perlen im kleinen Plüschsessel noch gar wohl erinnerlich ist. Er war die Augenweide unserer Kinderjahre, und wir durften ihn nur mit geheiligten Händen anfassen. Bewahre doch alles sorgfältig, was Dir die Mutter bei diesen Gelegenheiten aus meiner und der Schwester Kindheit mitteilt; es kann mir mit der Zeit wichtig werden.

Dein Kapitel über die Blumen würde wohl schwerlich Eingang finden bei den Weltweisen wie bei mir; denn obschon Dein musikalisches Evangelium etwas hierdurch geschmälert ist (was ich doch ja nicht zu versäumen bitte im nächsten, recht bald zu erwartenden Brief), so ist es mir dadurch ersetzt, daß meine frühsten Kinderjahre sich mir auf eine liebliche Weise darin abspiegeln, denn auch mir erschienen die Geheimnisse der Flora als ein unmöglicher Zauber.

Die Geschichte des Myrtenbaums und der Nonne erregt warmen Anteil; möge er vor Frost und Schaden bewahrt bleiben! Aus voller Überzeugung stimme ich mit Dir ein, daß die Liebe nicht süßer gepflegt kann werden als dieser Baum, und keine zärtliche Pflege reichlicher belohnt, als durch eine solche Blüte.

Auch Deine Pilgrimschaft im rauschenden Fluß mit der allerliebsten Vignette der beiden Kinder gibt ein ergötzliches Bild und Deinen Rheinabenteuern einen anmutig abrundenden Schluß.

Bleib mir nun auch hübsch bei der Stange und gehe nicht zu sehr ins Blaue; ich fürchte so, daß die Zerstreuungen eines besuchten Badeorts Deine idealen Eingebungen auf dem einsamen Rochus verdrängen werden; ich muß mich darauf gefaßt machen, wie auch auf noch manches andere, was Dir im Köpfchen und Herzen spuken mag.

Ein bißchen mehr Ordnung in Deinen Ansichten könnte uns beiden von Nutzen sein; so hast Du Deine Gedanken wie köstliche Perlen nicht alle gleich geschliffen, auf losem Faden gereiht, der leicht zerreißt, wo sie denn in alle Ecken rollen können und manche sich verliert. –

Doch sage ich Dir Dank und dem lieben Rhein ein herzliches Lebewohl, von dem Du mir so manches Schöne hast zukommen lassen. Bleibe Dir's fest und sicher, daß ich gern ergreife, was Du mir reichst, und daß so das Band zwischen uns sich nicht leicht lösen wird.

Goethe.

*

Rochusberg.

Ich hatte mir's vorgenommen, noch einmal hier heraufzugehen, wo ich in Gedanken so glückliche Stunden mit dir verlebt habe, und vom Rhein Abschied zu nehmen, der in alle Empfindungen eingeht und der größer, feuriger, kühner, lustiger und überirdischer als alle ist; – ich komme um fünf Uhr nachmittags hier oben an; finde alles im friedlichen Sonnenlicht, die Bienen angesiedelt, von der Nordseite geschützt durch die Mauer; Beichtstuhl und Altar stehen gegen Morgen. Meine Pflanzen hab' ich alle eingesetzt mit Hilfe des Schiffsjungen, der sie mir heraufbringen half; die Rebe im Topf, welche schon an sechs Fuß hoch ist und voll Trauben hängt, hab' ich am Altar zwischen eine gebrochne Steinplatte gesetzt; den Topf hab' ich zerschlagen und die Scherben leise abgenommen, damit die Erde hübsch an den Wurzeln bleibt; es ist eine Muskatellerart, die sehr feine Blätter hat; dann hab' ich ihn am Kreuz auf dem Altar festgebunden; die Trauben hängen gerade über dem Christusleib; – wenn er schön einwächst und gedeiht, da werden sich die Menschen wundern, die hier oben herkommen; des Schäfers Bienen im Beichtstuhl mit dem Geißblatt, das ihn umzieht, und das Kreuz mit Trauben. Ach, so viele Menschen haben große Paläste und prächtige Gärten; – ich möchte nur diese einsame Rochuskapelle haben und daß alles so schön fortwüchse, wie ich's eingepflanzt habe; – vom Berg hab' ich mit den Scherben die Erde losgegraben und an die Rebe gelegt, und zweimal hab' ich unten am Rhein den Krug gefüllt, um ihn zu begießen; es ist wohl zum letztenmal, daß er Rheinwasser trinkt. – Jetzt, nach beendigtem Werk, sitz' ich hier im Beichtstuhl und schreib' an Dich; die Bienen kommen alle hintereinander heim; sie sind schon ganz eingewohnt; – könnt' ich einziehen in Dein Herz mit jedem Gedanken, so gefühlig, so süß summend wie diese Bienen, beladen mit Honig und Blumenstaub, den ich von allen Feldern zusammentrage und alles heimbringe zu Dir, – nicht wahr? –

*

Am 13. August.

»Alles hat seine Zeit!« sprech' ich mit dem Weisen, ich habe die Reben ihre Blätter entfalten sehen; ihre Blüte hat mich betäubt und trunken gemacht; nun sie Laub haben und Früchte, muß ich Dich verlassen, du stiller, stiller Rhein! Noch gestern Abend war alles so herrlich; aus der dunklen Mitternacht trat mir eine große Welt entgegen. Als ich von meinem Bett aufstand in die kühle Nachtluft am Fenster, da war der Mond schon eine halbe Stunde aufgegangen und hatte die Welten alle unter sich getrieben; er warf einen fruchtbaren Schein über die Weinberge; – ich nahm das volle Laub des Weinstocks, der an meinem Fenster hinaufwächst, im Arm und nahm Abschied von ihm; keinem Lebendigen hätte ich den Augenblick dieser Liebe gegönnt; wär' ich bei Dir gewesen, – ich hätte geschmeichelt, gebeten und geküßt.

*

Schlangenbad, 17. August.

Nur das sei mir gegönnt! – Und ach, es wird mir nicht leicht, es auszusprechen, was ich will, wenn mich manchmal der Atem drückt, daß ich laut schreien möchte.

Es überfliegt mich zuweilen in diesen engbegrenzten Gegenden, wo die Berge übereinander klettern und den Nebel tragen und in den tiefen kühlen Tälern die Einsamkeit gefangen halten, ein Jauchzen, das wie ein Blitz durch mich fährt. – Nun ja! – Das sei mir gegönnt: daß ich dann mich an einen Freund schließe, – er sei noch so fern, – daß er mir freundlich die Hand aufs klopfende Herz lege und sich seiner Jugend erinnere. – O wohl mir, daß ich Dich gesehen hab'! Jetzt weiß ich doch, wenn ich suche und kein Platz mir genügt zum Ausruhen, wo ich zu Haus bin, und wem ich angehöre.

Etwas weißt Du noch nicht, was mir eine liebe Erinnerung ist, obschon sie seltsam scheint. – Als ich Dich noch nie gesehen hatte und mich die Sehnsucht zu Deiner Mutter trieb, um alles von Dir zu erforschen, – Gott, wie oft hab' ich auf meinem Schemel hinter ihr auf die Brust geschlagen, um meine Ungeduld zu dämpfen. Nun: – wenn ich da nach Hause kam, so sank ich oft mitten im Spielen von Scherz und Witz zusammen; sah mein Bild vor dem Deinen stehen, sah Dich mir nah kommen, und wie Du freundlich warst auf verschiedene Weise und gütig, bis mir die Augen vor freudigem Schmerz übergingen.

So hab' ich Dich durchgefühlt, daß mich das stille Bewußtsein einer innerlichen Glückseligkeit vielleicht manche stürmische Zeit meines Gemüts über den Wellen erhalten hat. – Damals weckte mich oft dieses Bewußtsein aus dem tiefen Schlaf; ich verpraßte denn ein paar Stunden mit selbsterschaffnen Träumen und hatte am End', was man nennt, eine unruhige Nacht zugebracht; ich war blaß geworden und mager; ungeduldig, ja selbst hart, wenn eins von den Geschwistern zur Unzeit mich zu einer Zerstreuung reizen wollte; dachte oft, daß, wenn ich Dich jemals selbst sehen sollte, was mir unmöglich schien, so würde ich vielleicht viele Nächte ganz schlaflos sein. – Da mir nun endlich die Gewißheit ward, fühlte ich eine Unruhe, die mir beinah' unerträglich war. – In Berlin, wo ich zum erstenmal eine Oper von Gluck hörte (Musik fesselt mich sonst so, daß ich mich von allem losmachen kann), wenn da die Pauken schlugen, – lache nur nicht, – schlug mein Herz heftig mit; ich fühlte Dich im Triumph einziehen; es war mir festlich wie dem Volk, das dem geliebten Fürsten entgegenzieht, und ich dachte: in wenig Tagen wird alles, was Dich so von außen ergreift, in Dir selber erwachen! – Aber da ich nun endlich, endlich bei Dir war: – Traum, jetzt noch, – wunderbarer Traum, – da kam mein Kopf auf Deiner Schulter zu ruhen, da schlief ich ein paar Minuten nach vier bis fünf schlaflosen Nächten zum erstenmal.

Siehst Du, siehst Du! – Da soll ich mich hüten vor Lieb', und hat mir nie sonst Ruhe geglückt; aber in Deinen Armen da kam der lang verscheuchte Schlaf, und ich hatte kein ander Begehren; alles andre, woran ich mich angeklammert hatte, und was ich glaubte zu lieben, das war's nicht; – aber soll keiner sich hüten oder sich um sein Schicksal kümmern, wenn er das Rechte liebt; sein Geist ist erfüllt, – was nützt das andere! –

*

Den 18.

Wenn ich nun auch zu Dir kommen wollte, würde ich den rechten Weg finden? Da so viele nebeneinanderher laufen, so denk' ich immer, wenn ich an einem Wegweiser vorübergehe und bleibe oft stehen und bin traurig, daß er nicht zu Dir führt; und dann eil' ich nach Hause und meine, ich hätte Dir viel zu schreiben! – Ach, ihr tiefen, tiefen Gedanken, die ihr mit ihm sprechen wollt, – kommt aus meiner Brust hervor! Aber ich fühl's in allen Adern, ich will Dich nur locken, ich will, ich muß Dich nur sehen.

Wenn man bei der Nacht im Freien geht und hat die Abendseite vor sich: am äußersten Ende des dunkeln Himmels sieht man noch das letzte helle Gewand eines glänzenden Tags langsam abwärts ziehen, – so geht mir's bei der Erinnerung an Dich. Wenn die Zeit noch so dunkel und traurig ist, weiß ich doch, wo mein Tag untergegangen ist.

*

Den 20.

Ich habe selten eine Zeit in meinem Leben so erfüllt gehabt, daß ich sagen könnte, sie sei mir unvermerkt verstrichen; ich fühl' nicht, wie andere Menschen, die sich amüsieren, wenn ihnen die Zeit schnell vergeht; im Gegenteil, es ist mir der Tag verhaßt, der mir vergangen ist, ich weiß nicht wie. Von jedem Augenblick bleibe mir eine Erinnerung tief oder lustig, freudig oder schmerzlich, ich wehre mich gegen sonst nichts als nur gegen nichts.

Gegen dies Nichts, das einen beinah' überall erstickt!

*

Den 22.

Vorgestern war ein herrlicher Abend und Nacht; ganz mit dem glänzenden frischen Schmelz der lebhaftesten Farben und Begebenheiten, wie sie nur in Romanen gemalt sind, so ungestört; der Himmel war besäet mit unzähligen Sternen, die wie blitzende Diamanten durch das dichte Laub der blühenden Linden funkelten; die Terrassen, welche an dem Berg hinaufgebaut sind, an dessen Fuß die großen Badehäuser liegen (die einzigen im engen Tal), haben etwas sehr Festliches und Ruhiges durch die Regelmäßigkeit ihrer Hecken, die auf jeder Terrasse ein Boskett von Linden und Nußbäumen umgeben; die vielen Quellen und Brunnen, die man unter sich rauschen hört, machen es nun gar reizend. Alle Fenster waren erleuchtet, die Häuser sahen wunderbar belebt unter dem dunklen einsamen Wald des übersteigenden Gebirges hervor. – Die junge Fürstin von Baden saß mit der Gesellschaft auf der untersten Terrasse und trank den Tee; bald hörten wir Waldhörner aus der Ferne; wir glaubten's kaum, so leise, – gleich antwortete es in der Nähe; dann schmetterte es über uns im Gipfel; sie schienen sich gegenseitig zu locken, rückten zusammen, und in milder Entfernung entfalteten sie die Schwingen, als wollten sie himmelwärts steigen, und immer senkten sie sich wieder auf die liebe Erde herab; – das Geplauder der Franzosen verstummte, ein paarmal hörte ich neben mir ausrufen: »Delicieux!« – Ich wendete mich nach dieser Stimme: ein schöner Mann, edle Gestalt und Gesicht, geistreicher Ausdruck, nicht mehr jung, bebändert und besternt; – er kam mit mir ins Gespräch und setzte sich neben mich auf die Bank. Ich bin nun schon gewohnt, für ein Kind angesehen zu werden, und war also nicht verwundert, daß mich der Franzose eher enfant nannte; er nahm meine Hand und fragte, von wem ich den Ring habe? – Ich sagte: »Von Goethe«. »Comment de Goethe? – Je le connais«; und nun erzählte er mir, daß er nach der Schlacht bei Jena mehrere Tage bei Dir zugebracht habe, und Du habest ihm einen Knopf von seiner Uniform abgeschnitten, um ihn als Andenken in Deiner Münzsammlung zu bewahren; ich sagte: und mir habest Du den Ring zum Andenken gegeben und mich gebeten, Dich nicht zu vergessen. – »Et cela vous a remué le cœur?« – »Aussi tendrement et aussi passionnement que les sons, qui se font entendre là haut!« Da fragte er: »Et vous n'avez réellement que treize ans?« – Du wirst wohl wissen, wer er ist, ich habe um seinen Namen nicht gefragt.

Sie bliesen so herrlich in den Wald hinein und mir zugleich alle weltlichen Gedanken aus dem Kopf; ich schlich mich leise hinauf so nah als möglich und ließ mir's die Brust durchdröhnen; recht mit Gewalt. – Der Ansatz der Töne war so weich, sie wurden allmählich so mächtig, daß es unwiderstehliche Wollust war, sich ihnen hinzugeben. Da hatte ich allerlei wunderliche Gedanken, die schwerlich bei dem Verstand die Maut passiert hätten; es war, als läg' das Geheimnis der Schöpfung mir auf der Zunge. Der Ton, den ich lebendig in mir fühlte, gab mir die Empfindung, wie durch die Macht seiner Stimme Gott alles hervorgerufen, und wie Musik diesen ewigen Willen der Liebe und der Weisheit in jeder Brust wiederholt. – Und ich war beherrscht von Gefühlen, die von der Musik getragen, durchdrungen, vermittelt, verändert, vermischt und gehoben wurden; ich war endlich so in mich versunken, daß selbst die späte Nacht mich nicht vom Platz brachte. Das Hofgeschwirr und die vielen Lichter, von deren Widerschein die Bäume in grünen Flammen brannten, sah ich von oben herab verschwinden; endlich war alles weg; kein Licht brannte mehr in den Häusern; ich war allein in der kühlen himmlischen Ruhe der Nacht; ich dachte an Dich! Ach, hätten wir doch beisammen unter jenen Bäumen gesessen und bei dem Rauschen und Plätschern der Wasser miteinander geschwätzt!

*

Am 24. August.

Immer noch hab' ich Dir was zu erzählen; den letzten Abend am Rhein ging ich noch spät ins nächste Dorf mit Begleitung; als ich am Rhein hinschlenderte, sah ich von ferne etwas Flammendes heranschwimmen; es war ein großes Schiff mit Fackeln, die zuweilen das Ufer grell erleuchteten; oft verschwanden die Flammen; minutenlang war alles dunkel; es gab dem Fluß eine magische Wirkung, die sich mir tief einprägte als Abschluß von allem, was ich dort erlebt habe.

Es war Mitternacht, – der Mond stieg trüb auf; das Schiff, dessen Schatten in dem erleuchteten Rhein wie ein Ungeheuer mitsegelte, warf ein grelles Feuer auf die waldige Ingelheimer Aue, an der sie hinsteuerten, hinter welcher sich der Mond so mild bescheiden hervortrug und allmählich sich in die dünne Nebelwolke wie in einem Schleier entwickelte. – Wenn man der Natur ruhig und mit Bedacht zusieht, greift sie immer ins Herz. Was hätte Gott meine Sinne inniger zuwenden können? – Was mich leichter von dem Unbedeutenden, was mich drückt, lösen können? – Ich schäme mich nicht, Dir zu bekennen, daß Dein Bild dabei heftig in meiner Seele aufflammte. Wahr ist's: Du strahlst in mich, wie die Sonne in den Kristall der Traube, und wie diese kochst Du mich immer feuriger, aber auch klarer aus.

Ich hörte nun die Leute auf dem Schiff schon deutlich sprechen und zur Arbeit anrufen; sie ankerten an der Insel, löschten die Fackeln; – nun wurde alles still bis auf den Hund, der bellte, und die Flaggen, die sich in der frischen Nachtluft drehten. – Nun ging auch ich nach Haus zum Schlafen, und wenn Du's erlaubst, so legte ich mich zu Deinen Füßen nieder, und es belohnte mich der Traum mit Liebkosungen von Dir, wenn's nicht Falschheit war.

Wer wollte nicht an Erscheinung glauben! Beglückt mich doch die Erinnerung dieser Träume noch heute! Ja sag': was geht der Wirklichkeit ab? – O ich bin stolz, daß ich von Dir träume; ein guter Geist dient meiner Seele; er führt Dich ein, weil meine Seele Dich ruft; ich soll Deine Züge trinken, weil mich nach ihnen dürstet; ja, es gibt Bitten und Forderungen, die werden erhört.

Nun wehr' Dich immer gegen meine Liebe; was kann Dir's helfen? – Wenn ich nur Geist genug habe! – Dem Geist stehen die Geister bei.

Bettine.

*

Am 30. August.

Ich öffne das Siegel wieder, um Dir zu sagen, daß ich Deinen Brief vom 10. seit gestern abend in Händen habe, und habe ihn fleißig studiert. – O Goethe, Du sagst zwar, Du willst keinen Krieg führen, und verlangst Friede und schlägst doch mit dem Primas wie mit einer Herkuleskeule drein. Mutz' mir doch den Primas nicht auf! – Wenn ich's ihm sagte, er spränge Decken hoch und verliebte sich in mich – aber Du bist nicht eifersüchtig, Du bist nur gütig und voll Nachsicht.

Deine Charade hab' ich schlaftrunken ans Herz gelegt, aber geraten hab ich sie nicht; – wo hätt' ich Besinnung hernehmen sollen? Mag es sein, was es will, es macht mich selig; ein Kreis liebender Worte, – so unterscheidet man auch nicht Liebkosungen, man genießt sie und weiß, daß sie die Blüten der Liebe sind. Ach, ich möchte wissen was es ist:

Ich hoffe still; doch hoff' ich's zu erlangen,
Als Namen der Geliebten sie zu lallen.

Was hoffst Du? sag' mir's, und wie soll die Geliebte Dir heißen? Welche Bedeutung hat der Name, daß Du mit Entzücken ihn nur zu lallen vermagst? –

In Einem Bild sie beide zu erblicken,
In Einem Wesen beide zu umfangen.

Wer sind die beide? Wer ist mein Nebenbuhler? In welchem Bild soll ich mich spiegeln? – und mit wem soll ich in Deinen Armen verschmelzen? – Ach, wie viele Rätsel in einem verborgen, und wie brennt mir der Kopf; – nein, ich kann es nicht raten; es will nicht gelingen, mich von Deinem Herzen loszureißen und zu spekulieren.

Es tut gar wohl, an schön beschloßnen Tagen
Eins an dem andern kecklich zu verbrennen.
Und kann man sie vereint zusammen nennen,
So drückt man aus ein seliges Behagen.

Das tut Dir wohl, daß ich an Dir verglühe, an schön beschloßnen Tagen, wo ich den Abend in Deiner Nähe zubringe, und mir auch.

Und kann man uns vereint zusammen nennen,
So drückt man aus mein seligstes Behagen.

Du siehst, Freund, wie Du mich hinüberraten läßt in die Ewigkeit; aber das irdische Wort, was der Schlüssel zu allem ist, das kann ich nicht finden.

Aber Deinen Zweck hast Du erlangt, daß ich mich zufrieden raten solle, ich errate daraus meine Rechte, meine Anerkenntnis, meinen Lohn und die Bekräftigung unsers Bundes und werde jeden Tag Deine Liebe neu erraten, verbrenne mich immer, wenn Du mich zugleich umfangen und spiegeln willst in Deinem Geist und vereint mit mir gern genennt sein willst.

Wenn Dir die Mutter schreibt, so macht sie den Bericht allemal zu ihrem Vorteil, die Geschichte war so. Ein buntes Röckchen, mit Streifen von Blumen durchwirkt, und ein Flormützchen, mit silbernen Blümchen geschmückt, holte sie aus dem großen Tafelschrank und zeigte sie mir als Deinen ersten Anzug, in dem Du in die Kirche und zu den Paten getragen wurdest. Bei dieser Gelegenheit hörte ich die genaue Geschichte Deiner Geburt, die ich gleich aufschrieb. Da fand sich denn auch der kleine Frankfurter Ratsherr mit der Allongeperücke! – Sie war sehr erfreut über diesen Fund und erzählte mir, daß man sie ihnen geschenkt habe, wie ihr Vater Syndikus geworden war. Die Schnallen an den Schuhen sind von Gold, wie auch der Degen und die Perlenquasten am Halsschmuck sind echt; ich hätte den kleinen Kerl gar zu gern gehabt. Sie meinte, er müsse Deinen Nachkommen aufbewahrt bleiben, und so kam's, daß wir ein wenig Komödie mit ihm spielten. Sie erzählte mir dabei viel aus ihrer eignen Jugend, aber nichts von Dir; aber eine Geschichte, die mir ewig wichtig bleiben wird, und gewiß das Schönste, was sie zu erzählen vermag.

Du erfreust Dich an der Geschichte des Myrtenbaums meiner Fritzlarer Nonne, er ist wohl die Geschichte eines jeden feurig liebenden Herzens. Glück ist nicht immer das, was die Liebe nährt, und ich hab' mich schon oft gewundert, daß man ihm jedes Opfer bringt, und nicht der Liebe selbst, wodurch allein sie blühen könnte, wie jener Myrtenbaum. Es ist besser, daß man Verzicht auf alles tue, aber die Myrte, die einmal eingepflanzt ist, die soll man nicht entwurzeln, – man soll sie pflegen bis ans Ende.

Alles, was Du verlangst, hoff' ich Dir noch zu sagen, Du hast recht vermutet, daß mir die Zerstreuung hier viel rauben würde, aber Dein Wille hat Macht über mich, und ich hoffe, er soll Feuer aus dem Geist schlagen. Die Herzogin von Baden ist fort, aber unsre Familie samt anhängenden Freunden ist so groß, daß wir ganz Schlangenbad übervölkern. Adieu, ich schäme mich meines dicken Briefs, in dem viel Unsinn stecken mag. Wenn Du nicht frei Porto hättest, ich schickte ihn nicht ab.

Von der Mutter hab' ich die besten Nachrichten.

Bettine.

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