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Johann Wolfgang von Goethe

Poesie und Liebe

Poetischen Stoff für seine Werke sammelte Johann Wolfgang von Goethe auf einsamen Spaziergängen, beispielsweise durch das Rosenthal, nach Gohlis und andern benachbarten Orten. Zu einer Idylle, auf die er noch in späteren Jahren einigen Wert legte, begeisterte ihn Annette, die Tochter eines Wirts, bei welchem er mit mehreren Freunden seinen Mittagstisch hatte. Über sein Liebesverhältnis entwarf Goethe in späteren Lebensjahren eine anziehende Schilderung in den Worten:

"Ich war nach Menschenweise in meinen Namen verliebt, und schrieb ihn, wie junge Leute zu tun pflegen, überall an. Einst hatte ich ihn auch sehr schön und genau in die glatte Rinde eines Lindenbaums geschnitten. Den Herbst darauf, als meine Neigung zu Annetten in ihrer besten Blüte war, gab ich mir die Mühe, den ihrigen oben darüber zu schneiden. Indes hatte ich gegen Ende des Winters, als ein launischer Liebhaber, manche Gelegenheit vom Zaun gebrochen, sie zu quälen und ihr Verdruss zu machen. Im Frühjahr besuchte ich zufällig die Stelle. Der Saft, der mächtig in die Bäume trat, war durch die Einschnitte, die ihren Namen bezeichneten, und die noch nicht verharscht waren, hervorgequollen, und benetzte mit unschuldigen Pflanzentränen die schon hart gewordenen Züge des meinigen. Sie hier über mich weinen zu sehen, der ich oft durch mein Benehmen ihre Tränen hervorgerufen hatte, versetzte mich in Bestürzung. In Erinnerung meines Unrechts und ihrer Liebe kamen mir selbst die Tränen in die Augen. Ich eilte, ihr alles doppelt und dreifach abzubitten, und verwandelte jenes Ereignis in eine Idylle, die ich niemals ohne Rührung lesen oder andern mitteilen konnte."

Aus seinem, durch eigene Schuld, hauptsächlich durch grundlose Eifersucht wieder aufgelösten Lebensverhältnis schöpfte Goethe die Idee zu seinem ersten dramatischen Werk. 1769 dichtete er sein Schauspiel "die Laune des Verliebten", das er jedoch erst nach einer bedeutenden Reihe von Jahren dem Druck übergab.

Auch bei seinem Aufenthalt in Straßburg lockten die Naturschönheiten Goethe in die anmutige Umgebung Straßburgs. Mit einigen dortigen Freunden besuchte er Zabern, Buchsweiler, Lützelstein, Saarbrück und andere Städte und Flecken im Elsaß. Auf diesen Exkursionen lernte er mehrere Familien kennen, bei denen er eine gastfreie Aufnahme fand. Vorzüglich war die der Fall bei dem Pfarrer Brion in dem etwa sechs Stunden von Straßburg entfernten Dorfe Sesenheim. Ein besonderes Interesse erhielt diese Bekanntschaft für Goethe durch ein Liebesverhältnis zur dritten Tochter jenes Geistlichen. Nach übereinstimmenden Zeugnissen war Friederike Brion ein Mädchen von schönem Wuchs, blondem Haar und blauen Augen. Was ihr an äußern Reizen abging, ersetzte sie durch Anmut in ihrem Wesen und durch das Talent geselliger Unterhaltung. Sie hatte ihren Geist durch das Lesen der besten Schriftsteller gebildet, und war musikalisch. Oft durchwanderte Goethe mit ihr die anmutige Gegend. Ein Buchenwäldchen war sein Lieblingsplatz. Gesellige Zerstreuungen, mitunter Pfänderspiele, bei denen Goethe durch seinen Witz und Humor glänzte, erheiterten den Kreis von Freunden und Verwandten in des Pfarrers Brion Wohnung zu Sesenheim, wenn Goethe, nach Straßburg zurückgekehrt, dort wieder erschien. Er verweilte mitunter mehrere Wochen in Sesenheim. Den Taumel von Zerstreuungen, in denen er sich befand, schilderten einzelne Stellen in seinen Briefen an den Actuar Salzmann in Straßburg. Unter anderem schrieb er:

"Getanzt hab' ich am Pfingstmontage von 2 Uhr nach Tisch bis zwölf Uhr in der Nacht, in einem fort, außer einigen Intermezzos von Essen und Trinken. Wir hatten brave Schnurranten erwischt, da ging's wie Wetter. Das ganze Ich war in das Tanzen versunken."

Goethe schadete durch das Übermaß seiner Gesundheit. Geplagt von einem hartnäckigen Husten, schrieb er einige Tage später:

"Man lebt doch nur halb, wenn man nicht Atem schöpfen kann. Und doch mag ich nicht in die Stadt zurück. Die Bewegung und freie Luft hilft wenigstens, was zu helfen ist."

Nicht ohne einen Anflug von Trübsinn schloss er seinen Brief mit den Worten:

"Die Welt ist schön, so schön! Wer's genießen könnte! Ich bin manchmal ärgerlich darüber, und manchmal halte ich mir erbauliche Erbauungsstunden über das Heute, über diese Idee, die unserer Glückseligkeit so unentbehrlich ist, und die mancher Professor der Ethik nicht fasst, und keiner gut verträgt."

Sein immer leidenschaftlicher gewordenes Verhältnis zu Friederiken fing an ihn zu beunruhigen. Goethe fühlte, dass es sich bald, vielleicht für immer auflösen musste, da die Zeit seiner Abreise von Straßburg nahe war. Seine Besuche in Sesenheim wurden Seltener, aber sein Briefwechsel mit Friederiken dauerte fort. Goethes Zeit war freilich beschränkt. Er musste an die Ausarbeitung seiner Dissertation denken, die ihm die juristische Doktorwürde verschaffen sollte.

Mit Tränen nahm Friederike von ihm Abschied, als er ihr vom Pferde herab nochmals die Hand reichte. Sie hatte ihn wahrhaft geliebt. Sie soll später mehrere Heiratsanträge mit der Äußerung zurückgewiesen haben: "wer einmal Goethen geliebt, könne keinen Andern lieben."

Ein sonderbarer Zufall begegnete ihm nach jenem schmerzlichen Abschiede auf seinem Ritt nach Drusenheim. Seine eigene Gestalt glaubte er zu erblicken, die ihm zu Pferde entgegenkam, in einem hechtgrauen, mit Gold verbrämten Kleide, wie er es wirklich nach acht Jahren trug, als er noch einmal in Sesenheim einen Besuch machte. Friederike sah ihn seitdem nicht wieder. Sie soll jedoch, nach seinen brieflichen Äußerungen, schon damals sich mit dem Gedanken vertraut gemacht haben, auf seinen Besitz zu verzichten.