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Reinhold Niebuhr

Politik als christliche Nächstenliebe

In den USA ist Reinhold Niebuhr vorwiegend für seine linksgerichtete Poltik bekannt, obgleich er selbst sich immer als christlicher Theologe der sich der sozialen Gerechtigkeit und Gleichheit verschrieben hat bezeichnete. Niebuhr betrachtete seine politischen Aktivitäten als Teil seiner christlichen Pflicht, dem Nächsten zu helfen.

Niebuhrs Bemühen, christliche Überzeugungen in die aktuellen philosophischen Trends und die politischen Theorien einfließen zu lassen, fanden viele Unterstützer, darunter auch Arthur Schlesinger Jr., Dean Acheson und James Reston.

Das "Time" Magazin bezeichnete Niebuhr als "den größten protestantischen Theologen Amerikas seit Jonathan Edwards". Edwards (5.10,1703 – 22.03.1758) war einer der führenden calvanistischen Theologen dessen Schriften die amerikanische Theologie zwei Jahrhunderte lang beeinflussten. Während Edwards jedoch ein Fundamentalist war, repräsentierte Niebuhr eine modernere Version der orthodoxen Theologie, die die Lehren von Augustin, Luther und Calvin zusammenfasste. Den aufkommenden liberalen Tendenzen im Glauben folgte Niebuhr jedoch nicht. Er beharrte vielmehr auf der traditionellen christlichen Ansicht, dass der Mensch ein Sünder ist und betrachtete die liberalen Theologen als Utopisten. Niebuhr wies beide – wie er sie nannte - Extreme im Protestantismus zurück: Den kompletten Rückzug von der Säkularisierung ebenso wie das totale Eintauchen in die Politik und das Weltgeschehen durch "Social Gospel". Reinhold Niebuhr suchte vielmehr einen Mittelweg indem er eine politische Philosophie auf Basis des christlichen Glaubens entwickelte.

In seiner ersten umfassendere Schrift "Moral Man and Immoral Society", die 1932 erschien, kritisierte Niebuhr den liberalen Protestantismus sehr massiv. Für Niebuhr musste eine angemessene soziale Ethik auf dem Fundament einer umfassenden Gerechtigkeit aufbauen. Da aber die Gesellschaft aus Machtblöcken besteht, kann Gerechtigkeit nur in einem Gleichgewicht der Kräfte existieren. Gerechtigkeit war für Niebuhr das höchste ethnische Ideal für Gruppen, während er die Liebe als fundamentale Regel für den Einzelnen betrachtete.

Niebuhr schrieb:

Unter den vielen Schwächen der protestantischen Bewegung ist ihre Gleichgültigkeit gegenüber der sozialen Substanz der menschlichen Existenz die bedauerlichste. In einer Industriegesellschaft und im Zeitalter der nuklearen Bedrohung muss eine Erneuerung der Kirche die Erkenntnis beinhalten, dass wir alle verknüpft sind in die Tugenden und Laster, die Schuld und die Hoffnung in unsere Generation. In gewisser Weise trifft es zu, dass wir nicht gerettet werden können, solange wir nicht alle gerettet sind.

Obwohl Reinhold Niebuhr im Laufe der Zeit etwas liberaler wurde, fürchtete er zeitlebens totalitäre Regierungsformen. Sein Misstrauen gegenüber dem Kommunismus basierte daher auch mehr auf der politischen Realität der Russischen Revolution und der Kommunistischen Partei denn auf eine Ablehnung der Philosophie von Karl Marx.