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Émile Verhaeren: Rubens

Lebensentfaltung

Rubens vergötterte seine Rasse - dankte er ihr doch das Beste seiner Begabung. Er liebte in ihr die Gutmütigkeit, liebte ihre Sinnlichkeit, ihre rohe und rote Glut. Mit all seinen Lastern und Tugenden fand er sich selbst in ihr wieder, und die Einheit seiner Persönlichkeit spiegelt die seiner Rasse. Beide waren sie aus gleichen Elementen zusammengefügt.

Damals begann das von Philipp II. geschändete und mit Flammen verheerte Flandern wieder aufzuleben, mochte es auch gelegentlich noch mancherlei Quälereien zu erdulden haben. Festmahle, Prunkzüge und Lustbarkeiten feierten die Ankunft des erzherzoglichen Paares Albert und Isabella. Von neuem klang als Rhythmus das flandrische Lachen in die Refrains der Lieder und ländlichen Scherzreigen hinein. Und das Volk, ebenso übermäßig in seiner Heiterkeit wie tief und zäh inmitten seiner Schicksalsschläge, entdeckte in sich wieder das große heidnische Herz, das all die Jahrhunderte Christentum nicht hatten ersticken können und das noch heute in jedem Glockenschlage, der zur Kirmes ruft, längs der Scheide erklingt. Wenn auch noch hier und dort im Lande Exekutionen den heimischen Boden mit Blut befleckten, Rubens merkte es nicht. Er arbeitete. Und überdies: der Friede war endlich mit Holland geschlossen worden, und Antwerpen durfte seine frühere Wohlhabenheit zurückgekehrt wähnen. In großer Zahl stellten sich Aufträge für Rubens ein, und die Stadt bot dem jungen Meister eine silberne Schale dar.

In dieser Stunde begann sich das Leben, das in Italien für ihn manchmal noch karg gewesen war, breit unter seinen Händen zu entfalten. Sofort nach seiner Rückkehr, unmittelbar aus der Stimmung der Trauer nach dem Verlust seiner Mutter, berief ihn Otho Vaenius, der offizielle Maler des Erzherzogs, zu seinem Gebieter. Der ganze Hof bereitete ihm den liebenswürdigsten, den erlesensten und schmeichelhaftesten Empfang; man bat ihn zu verweilen, damit er von Italien, Spanien, von Mantua und von Rom erzähle. Albert bestellte bei ihm sein Porträt und das der Infantin, seiner Frau; gleichzeitig wünschte man eine Heilige Familie von ihm. Im Brüsseler Palast wird ein großer Saal zu seiner Verfügung gestellt, damit er dort den Schmuck des herzoglichen Altars besorge; die Dominikaner geben ihm den Auftrag für eine Disputation über das heilige Abendmahl und die Gelehrte Gesellschaft für eine Verkündigung Maria. Mit dreißig Jahren gilt er bereits als der erste Maler des Landes und darf sich schon eine geradezu königliche Geste gestatten. Er weist die goldgefüllte Börse, die auf Veranlassung des Erzherzogs die Brüderschaft des heiligen Ildefons ihm übersendet, mit den stolzen Worten zurück: »Ich fühle mich hinlänglich beglückt, meine Arbeit nach ihrem Wert geschätzt zu sehen.« Schon ist er der offizielle Maler des Hofes und von allen Steuern befreit.

Damals verheiratet er sich. Isabella Brant ist achtzehn Jahre alt, schön, von einer hellen Anmut, wohlgebaut; ihre Augen sind groß, braundunkel ihre Haare. In der Liebe des Meisters geht sie jener andern voran, der Helene Fourment, die sie erst zu verkünden scheint. Aber auch sie schon entspricht so sehr seiner Vision der Weiblichkeit, dass sie von dem ersten Augenblick sich ganz seiner Kunst bemächtigt und dort waltet. Als Königin und begeisternde Muse darf sie dort herrschen, sie ist die Göttin und die Nymphe, die Märtyrerin und die Jungfrau. Nach ihrem entblößten Körper, nach ihren Schultern, Armen, Busen, Rücken und Beinen bildet er sich seine Synthese der Schönheit. Ihr Körper und das Sonnenlicht, das sich auf diesem nackten Fleische badet, lassen ihn jenen wundervoll menschlichen Typus bilden, den er dann vor den Jahrhunderten aufrichtet und den vor ihm kein Maler so prunkvoll gesehen hatte. Sein Frauentypus ist ebenso gesund glühend, überquellend und fleischlich, als der Tizians fest, wollüstig, ruhend und golden, der Raffaels weich, rundlich, regelmäßig und anmutig, der Leonardos zart, beunruhigend, lächelnd und geheimnisvoll war. Wie alle diese großen Meister ist er ein wundervoller Maler der Frau, und ganz wie jene hat auch er eine Art von persönlichem und gleichzeitig allgemein gültigem Bildnistypus geschaffen, dessen Umrisse und plastische Formen gleichsam ein Fragment der ewigen Schönheitsidee bilden. Aber im Gegensatz zu den Venezianern und Römern ist es nicht eine Geliebte, sondern die eigene Hausgenossin - zuerst Isabella Brant, dann Helene Fourment - die ganz einfach und in gleichsam häuslicher Weise seinen Blick entzückt und seinen Pinsel meistert. So ersetzt die Intimität und der Familiensinn Flanderns bei ihm das Schauprangen und die Wollüstigkeit der Italiener. Viel reicher geworden, als er es jemals erhoffen konnte, so sehr mit Aufträgen bestürmt, dass er sich bald gezwungen sieht, sie zurückzuweisen oder seinen Schülern zu übertragen, lässt sich Rubens nahe dem Hauptplatz, ganz im Herzen der Stadt, ein Haus oder vielmehr schon einen Palast erbauen. Die architektonischen Formen, die er in Rom und Venedig und Mantua gesehen, beschäftigen seinen Geist. Er zeichnet selbst die Pläne, und sein vielfältiges Genie verschwendet sich in zahlreichen Projekten. Später bestimmt er dann genauer die prunkhafte, nur manchmal etwas überladene Ausschmückung. Aber schon in diesem seinem Wohnhause kann man die Anfänge seines eigenen Stiles entdecken, den man dann später allgemein den Rubensstil nannte und der eigentlich nichts anderes ist als eine Art mit sinnlicher Kraft gesteigerten italienischen Barocks. Eine herzlichere, behäbigere und zugleich wuchtigere Mythologie bildet seine Ausschmückung, weniger leichte Windungen krümmen seine Linien, zahlreiche getriebene Arbeiten gewinnen ihm den Eindruck des Pittoresken, gewundene Säulen, durchbrochene Füllungen, Engelflügel, Palmen und Wandleuchter geben, überallhin verteilt, dem Ganzen eine oft übermäßige Unruhe, drücken aber doch glücklich den flämischen Pantheismus aus. Denn nie wurde ein bloß linienhaftes und abstraktes Denkmal in Flandern zum wahren Nationaldenkmal. Dort muss der Stein lebendig sein, in steter Bewegung, so wie Pflanzen, Bäume, das Feuer, die Vögel, die Tiere und die Menschen, selbst auf die Gefahr hin, einen strengen Geschmack mit dieser Bewegungsfülle zu verletzen.

In dieser neuen Wohnstätte, die er sich ganz nach Gutdünken geschaffen hat, verbringt nun Rubens seine Tage. Für immer schließt er sich darin vom Abenteuerlichen ab. Er ist jetzt sesshaft, gutgestellt und sorgenlos. Der Wohlstand, das Wohlbehagen hält ihn nun für immer fest. Er teilt sich seine Existenz regelmäßig ein, wie es ja in Flandern Sitte ist, und seine Kunst schaltet außerhalb seines persönlichen Lebens in einer Art ständigen Gegensatzes. Seine romantischen Schöpfungen, die ausschweifende Phantasie, die grandiosen Visionen erfüllen zwar sein Herz und seine Gedanken, aber er weiß gewissermaßen den ^Ansturm dieses stürmischen Ozeans und dessen wilde und gefährliche Gewalt durch Deiche zu dämmen, damit sie nicht jemals in die verschlossenen Gefilde seiner Lebensbehaglichkeit überströmen.

Er ist nun ein sehr kultivierter, sehr aufnahmefähiger und auch geistig kühner Mann, aber seine Handlungen sind immer gemessen, vorsichtig, überwacht und, fast möchte ich es aussprechen, banal. Jeden Morgen begibt er sich zur Messe. Ist er wahrhaft gläubig? Man wagt nicht, es zu bejahen. Aber er bleibt doch dem Gebrauche treu. Mit dem Stundenschlag setzt er sich zur Arbeit, die er nur für die Mittagsmahlzeit unterbricht, und wenn er nachher die Palette wieder aufnimmt, muss ihm zur Arbeit aus Seneca, Plutarch und Plato vorgelesen werden. Abends besteigt er bei schönem Wetter sein Pferd und reitet über Land. Im Winter besucht er seine Freunde oder empfängt sie bei sich, den Sammet-Brueghel, den Paul Bril, den er noch von Italien her kennt, den Bürgermeister Jan Rockox, den Münzensammler Caspar Gevaerts, den Drucker Balthasar Plantin, die seine Vertrauten sind. Im Sommer siedelt er mit den Seinen nach Elewyt in die Nähe von Mecheln über. In dieser Landschaft der Wiesen und Felder, wo der Horizont wundervoll weit ist, lässt er sich ein Schloss erbauen, von dem noch heute die leeren Mauern erhalten sind. Ganz in der Nähe ist jetzt eine Wirtsstube, die sich »À la palette de Rubens« nennt. Die Gegend ist hell, ruhevoll und begünstigt die Zurückgezogenheit und die Arbeit.

Eben habe ich eine Anzahl seiner Briefe wieder gelesen. Sie sind an Sustermanns, Junius, de Quesnoy, Peiresc gerichtet. Der ganze vielseitige Mensch, der er war, wird in ihnen sichtbar. Alle Gerüchte, alles Gerede, alle Interessen seines Jahrhunderts summen darin wie die Bienen in ihren Körben. Rubens hat Interesse für alles. Er studiert die von ihm vergötterte Antike in Statuen, in den Kameen und Medaillen, er ist ein vortrefflicher Lateiner und entziffert geduldig rätselhafte Texte und Inschriften. Seine Freunde sind vor allem die hochgebildeten Humanisten, die Sammler und die Künstler.

Alles Neue verfolgt er aufs gierigste. Jede Entdeckung reißt ihn hin und macht ihn glühen. Er selbst sucht überall die Experimentatoren und Erfinder. So schreibt er an Peiresc im August 1623: »Ich bin sehr froh, dass Ihr die Zeichnung des perpetuum mobile empfangen habt, die auf das genaueste in der Absicht gemacht ist, Euch das Geheimnis dieser Entdeckung zu übermitteln. Wenn Ihr in der Provence sein werdet und es erprobt habt, so verpflichte ich mich für den Fall, dass es nicht gelingen sollte, alle Eure Zweifel zu zerstreuen. Vielleicht, ich kann es noch nicht bestimmt zusagen, vermag ich meinen Gewährsmann zu bewegen, ein solches Instrument mit seinem Gehäuse machen zu lassen, ganz so, als ob ich es für mein geheimes Atelier benötigte. Kann ich es dann erlangen, so mache ich es Euch mit Freuden zum Geschenk.« Diese Briefstelle erhellt deutlich die wissenschaftlichen und mystischen Neigungen, die Rubens beschäftigten, und das kleine Geheimatelier, von dem er schreibt, spricht für geheime Untersuchungen, die der Meister auf eigene Faust unternahm.

Sein geistiges Wesen ist gleichsam eine Wegkreuzung, wo all die neuen Pfade, die damals die Renaissance aufgetan hatte, sich begegnen. Er ist nicht nur Maler, sondern auch Schriftgelehrter, Archäologe, Mann der Wissenschaft und Philosoph.

Und er lebt so sehr in der lebendigen Atmosphäre seiner Zeit, ist so sehr vertraut mit all ihren Strömungen und Bewegungen, dass eines Tages die Könige von seinen universellen Fähigkeiten Gebrauch machen und ihn mit dem Titel eines Gesandten an die europäischen Höfe senden. Nun ist er der Edelmann, der Ritter Rubens. Und er fühlt sich in seiner neuen Würde vollkommen wohl, findet sich in dieser neuen Aufgabe so ausgezeichnet zurecht wie in seinem Antwerpener Atelier vor den Bildern und Modellen. Alle Welt ist von ihm entzückt, denn er weiß stets aus Instinkt, was zu tun und zu sagen ist. Er wird angebetet und triumphiert, aber nichts, weder der Erfolg noch das Lob lassen ihn vergessen, dass er vor allem doch Künstler ist. Und er antwortet jenem Granden von Spanien auf die Frage, ob es ihn ergötze, auch manchmal zu malen, voll Stolz, dass er ein Maler sei, der sich nur ab und zu damit abgebe, als Diplomat aufzutreten.

Sein Charakter ist übrigens ebenso glücklich und gut, als sein Leben glücklich und leicht ist. Er kennt keine Schicksalsschläge. Seine schöne Frau schenkt ihm helle und schöne Kinder, und wie sie, Isabella Brant, stirbt, heiratet er Helene Fourment. Diese beiden Frauen und seine Kinder schmücken als seine liebsten Modelle die meisten seiner Bilder. In ihnen, in diesen Wesen, die er unaufhörlich beobachtet und bewundert hat, legt er die Bibel, die Evangelien und die Antike aus. Durch sie gewinnt die Geschichte und die Legende in seinen Bildern jene Intimität des nahen, warmen und lebendigen Lebens, durch sie wird für immer die Kälte, die Unbeseeltheit aus seinen tragischen oder ländlichen Schöpfungen gebannt. Er kennt keinen Hass. Den Neid erdrückt er durch seinen unaufhörlichen Triumph, die Eifersucht kann nicht an ihn heran. Dabei ist er großmütig und hilfreich, immer bereit, einem andern einen Dienst zu erweisen. Das Wohlwollen ist ihm Lebensgesetz, und mit Freude bewundert er seine Schüler. Man lese einen seiner Briefe an François du Quesnoy, den er von Antwerpen nach Rom sendet: »Der Ruhm Eurer Statue des heiligen Andreas, die seit kurzem in der Peterskirche aufgestellt ist, hat Widerhall bis hierher gefunden. Ganz Flandern und vor allem ich freuen uns an diesem Eurem Erfolg und nehmen an Eurem Ruhme teil. Wäre ich nicht durch die Gicht und das Alter, die mich unnütz machen, zurückgehalten, ich käme zu Euch, um dieses Meisterwerk zu sehen und die Vollendung eines so schönen Werkes zu bewundern. Ich hoffe noch immer die Freude zu haben. Euch hier unter uns zu sehen, und dass Flandern, unsere teure Heimat, durch Eure Talente neuen Glanz empfange. Und ich wünschte sehr, dass dies geschähe, bevor meine Augen, die heute noch geöffnet sind, um die Meisterwerke Eurer Hand zu bewundern, sich für immer dem Licht verschließen.«