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Bertolt Brecht über Volk

Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?
nach dem Gedicht: Die Lösung. In: Buckower Elegien, 1953. In: Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Dritter Band: Gedichte 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1997. S. 404

Originaltext: Nach dem Aufstand des 17. Juni
Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands
In der Stalinallee Flugblätter verteilen
Auf denen zu lesen war, daß das Volk
Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe
Und es nur durch verdoppelte Arbeit
Zurückerobern könne. Wäre es da
Nicht doch einfacher, die Regierung
Löste das Volk auf und
Wählte ein anderes?
Zitat von Bertolt Brecht
Bertolt Brecht
deutscher Schriftsteller
* 10.02.1898, † 14.08.1956

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Das Volk benimmt sich oftmals unmöglich. Es grenzt doch schon an kriminelle Energie, was seine Unberechenbarkeit für die Politik angeht. Insofern ist es also kein Wunder, wenn Bertolt Brecht sich zu Recht darüber beklagt, dass sich das Volk das Vertrauen seiner Regierung verscherzt hat.

Was soll eine Regierung denn auch mit einem Volk anfangen, dass letztlich zu nichts taugt? Es nölt und mault herum, lässt die Dinge schleifen, betrügt den Staat um die Steuern, wo es nur kann und stellt immerzu freche Forderungen. Damit nicht genug, neidet es der Obrigkeit jene ihnen zustehenden Privilegien, die immerhin hart erarbeitet wurden und nicht leichtfertig den Schrullen eines Volkes zu opfern sind. Man sollte einmal einem Handwerker zumuten, ständig Sitzungen im Sitzen abzuhalten! Da wüsste er endlich einmal, wie hart der Job des Regierens ist. Politiker haben Jetlags durch die vielen Reisen um die Welt zu ertragen, müssen ständig irgendwelche edlen Weine verkosten und sich zu allem Übel auch noch an dekadent üppigen Buffets gütlich tun. Das ist ein Leiden. Während der normale Bürger das herrliche Privileg genießt, nach Feierabend seine Grillwurst zu genießen. So übel sieht es für Regierende aus!

Und dann noch die Sache mit den Nebenjobs. Keiner unten im Volk ahnt auch nur im Ansatz, wie unendlich anstrengend es ist, sich die langweiligen Sitzungsnächte für all die vielen Lobbyistengruppen, auf deren Gehaltsliste man nun einmal leider steht, als Abgeordneter um die Ohren zu schlagen. Dieses reale Elend ist das Leiden der neuen Martyrer… Und was macht das Volk? Es murrt und murrt und murrt.

Wie soll man als Regierung diesem Pack noch vertrauen? Wie soll man überhaupt noch auf die Untertanen friedlich und konziliant zugehen, wenn es selbst nicht einmal mehr die geringste Spur von Umgänglichkeit zeigt.

Natürlich wissen wir: Das Volk ist, nun ja, sagen wir einmal, recht schlicht und einfältig. Dumm, wollen wir nicht sagen. Denn immerhin hat es uns gewählt. Aber weiß es denn, wozu es wählt und wen es wählt? Weiß es überhaupt, was und dass es wählt, wenn es denn wählt? Immerhin leben wir ja schon in der Demokratie… wo es doch schon Spuren einer Ahnung hätte aufnehmen können.

Doch was soll`s! Wir müssen das Volk wohl nehmen wie es ist. Ein besseres Volk haben wir derzeit nicht. Und es am Ende aufzulösen und ein anderes zu wählen, wie der kluge Durchblicker Brecht es rät? … Wir überlegen noch und tagen eine Weile hinter verschlossenen Türen, ob das die Alternative ist.