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Christa Schyboll über Wahrnehmung

Zwischen Wahrheit und Lüge pendelt die Erfindung nicht immer schwindelfrei.
Zitat von Christa Schyboll
Christa Schyboll
deutsche Autorin
* 06.09.1952

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Seit uralten Zeiten ringen die Menschen um die Wahrheit. Zahllose Dichter, Denker, Philosophen bemühen sich ebenso darum, wie die großen Religionen und kleinen Sekten, politischen Gruppierungen oder Ideologien aller Coleur.

Doch zwischen Wahrheit und Lüge verbleibt oft eine große Lücke, die Erfindungen und Phantastereien nur allzu gerne ausfüllen. Das sind gleichwohl wiederum verschiedene Aspekte, obschon sie gemeinsam die Unwahrheit meinen.

Was wahr ist und was nicht, hängt dabei nicht immer allein von Fakten ab. Denn dann wäre die Sache um die Wahrheitsfindung einfacher. Wahrheit hat auch mit Erkenntnis, Erfahrung, Überzeugung zu tun, die naturgemäß bei allen Menschen verschiedene Konstellationen miteinander eingeht. Kommt nun auch noch die Frage von Intelligenz, Beobachtungsgabe, Nüchternheit oder ein romantisch verklärter Blick mit ins Spiel der Abwägung, ahnen wir schon, wie schwierig die Sache mit der Definition der Wahrheit wird.

Nicht die Wahrheit selbst wird dabei relativ, sondern die Bezugspunkte aller Fähigkeiten, die von der Erfassung der Wahrheit abhängen. Insofern kann man durchaus feststellen, dass es "die" Wahrheit nicht gibt, weil die Unterschiede in der Wahrnehmung zu unterschiedlich sind. Dass wir Menschen uns dennoch in vielen Situationen des Alltags oder der Organisation auf "eine" Wahrheit einigen müssen, ist ein Fakt, ohne den wir sonst in der Gemeinschaft von Milliarden von Menschen nicht überleben könnten. Dort, wo Eindeutigkeiten in Bezug auf Fakten vorliegen, einigen wir uns ja auch in der Regel recht schnell. Sind wir aber von subjektiven Interpretationen in Sachen Wahrheitsfindung abhängig, weil es eben in manchen Fällen dann auch um Gefühle, Wahrnehmungen, Emotionen oder persönliche Einschätzung geht, die allesamt auch zur Wahrheit beitragen können oder müssen, dann wird es oft eng um den Kern der Sache.


Von der Lüge und ihren vielfältigen Varianten


Es beginnt schon damit, dass wir nicht einmal genau unterscheiden können, was wahr und was wirklich ist. Denn Wahrheit und Wirklichkeit sind ebenfalls nicht gleichzusetzen. Wir müssen uns fragen, wie es um unsere Gewissheit bei einer behaupteten Wahrheit geht. Wissen wir etwas mit Bestimmtheit? Sagen wir gerade etwas Unangreifbares? Was ist mit den Beweisen? Wo sprechen wir aus einer inneren Überzeugung heraus und woher nehmen wir die Sicherheit, dass diese vermeintliche Unanfechtbarkeit auch nachhaltig Bestand erhält, um dem Begriff der Wahrheit auch gerecht zu werden?

Und was ist mit der Lüge? Handelt es sich hierbei immer nur um reine Phantasie oder Phantastereien? Oder handelt es sich um Spekulation, um ein Ammenmärchen oder um das sogenannte Jägerlatein? Geht es nicht viel mehr um eine Täuschung, eine List, eine Flunkerei? Wie ernst ist denn hier die Sache mit der Unwahrhaftigkeit zu nehmen? Handelt es sich nur um eine kleine Finte oder kommt es bereits einem Meineid nahe, den ein Mensch im Begriff ist zu schwören? Und worin unterscheiden sich qualitativ alle diese bloßen, leeren Lippenbekenntnisse, Maskeraden oder Räuberpistolen, die da jemand von sich gibt und diese zugleich als Wahrheit behauptet? Wem kann man vertrauen?

Was aber, wenn der, der lügt, gar nichts erfindet, sondern selbst ernsthaft an seine eigene Flunkerei glaubt, die er als solche nicht einmal wahrnimmt? So etwas kommt im Alltag häufiger vor als man ahnt. Denn eine Reihe von Menschen haben tatsächlich ein bedenklich lockeres Verhältnis zur Wahrheit, ohne dass sie dabei bewusst lügen. Man denke zum Beispiel an die zahllosen Übertreibungen oder Untertreibungen, zu denen jemand neigen kann. Er spricht dann weniger aus den Fakten, sondern aus seinem Empfinden heraus. Und dieses Empfinden ist sein authentischer Anteil, sein Gefühl, das nicht einmal eine bewusste Flunkerei im Sinn hat. Da bricht sich oft eine Charaktereigenschaft Bahn, die man vielleicht selbst bisher nicht selbstkritisch je unter die Lupe nahm.


Der Irrtum und seine fatalen Folgen


Gute Erfindungen, um nochmals an Giordano Bruno und sein Zitat zu erinnern, klingen im Übrigen oft wahrhaftiger als die Wahrheit selbst. Manchmal wollen Mitmenschen sogar "belogen" werden. Das ist dann der Fall, wenn ihnen Schmeicheleien gerade gut tun, weil sie vielleicht im Mangel der Anerkennung von außen leben. Oder man denke an das Schöntun oder die falschen Komplimente der eigenen sozialen Umgebung oder die der Fremden, die so manchem von uns oft wesentlich lieber und erträglicher sind, als die ungeschminkte, oft unschöne Wahrheit über sich selbst. Denn nicht jeder mag sich immer und jede Zeit im hellen Licht der Wahrheit auch wahrheitsgemäß und ungeschminkt betrachten.

Noch komplizierter wird die Gemengelage zwischen Wahrheit und Lüge, wenn der Irrtum seine Bahnen zieht. Irrtümer schleichen sich häufig als feste Behauptungen in ein Gespräch oder eine gegebene Situation deshalb ein, weil der Irrende sich ja tatsächlich im Besitz der vollen Wahrheit und Wirklichkeit glaubt. Oftmals hat man es dabei nicht einmal mit einer Spur von Betrug zu tun. Die Augen schauen im Falle von Irrtümern offen, klar und ehrlich das Gegenüber an und können die Unwahrheit auf eine tapfere Weise verteidigen, weil sie von der Tatsächlichkeit des Behaupteten fest überzeugt sind. Die Wahrheit kann dennoch völlig anders liegen. Der Irrende ist sich dabei keiner Schuld bewusst, sondern handelt nach bestem Wissen und Gewissen.

Der Weg zur Wahrheit ist für die Menschen offenbar weit. Der Irrtum schiebt sich immer wieder ebenso dazwischen wie aber auch die vielen Formen der Lügen oder Unwahrhaftigkeiten. Und das ist schade, weil doch die Wahrheit selbst so nah und tief in uns vorhanden ist.

Der Wahrheit fest ins Auge schauen zu können, auch wenn sie hart, unschön und schwer ist – auch wenn sie Risiken einfordert, uns ins Ungewisse entlässt und uns keine Garantie auf Besserung geben kann, braucht Mut, Stärke und Selbstbewusstsein. In dem Maße, wie man solche Eigenschaft durch Arbeit an sich selbst entwickelt, wird sie jedoch dann auch nach und nach zu einem immer größeren Bedürfnis, das die Last, die sie mit sich bringen kann, dann auch gerne trägt.