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Oscar Wilde über Wert

Heute kennt man von allem den Preis, von nichts den Wert.
Lady Windermeres Fächer III
Zitat von Oscar Wilde
Oscar Wilde
irischer Schriftsteller
* 16.10.1854, † 30.11.1900

Weitere Zitate

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Geiz ist geil. Mit diesem Motto wächst bereits schon eine neue Generation auf, die früh lernt und weiß, wie man Preise drückt, vorteilhaft einkauft, sich mehr und immer mehr leisten kann. Das macht Spaß. Haben ist schön. Mehr haben ist noch schöner. Und wie teuer oder preiswert wo was zu bekommen ist, ist auf Knopfdruck in Sekunden verfügbar. Weltweit versteht sich. Wir sind also eine sehr preisbewusste Weltgemeinschaft geworden, der die Jagd nach dem Schnäppchen früh ins Blut gelegt wird.

Wenn man bedenkt, dass die Jagd an sich seit Menschengedenken ein fester Bestandteil des Handelns war, könnte man den Verdacht bekommen, das wir heute mit der Jagd auf Konsum in eine Art moderne Wilderei eingetreten sind. Nicht umsonst spricht man auch vom Jagdtrieb des Menschen. In allen Medien und Gazetten wird unentwegt zum Halali geblasen, dem sich kaum jemand entziehen kann, sofern er noch etwas von seinem Geld übrig hat.

Doch auch die, die nichts haben, unterstehen diesen Einflüssen, sind verführbar, machen Schulden, um mitjagen zu dürfen. Oder so manch einer wählt sich bei Kreditunwürdigkeit eine andere Variante und stiehlt sich diebisch das, was er nicht kaufen kann. Das übrigens nicht nur auf der Ebene des kleinen Taschendiebstahls, sondern auch auf der Ebene mächtiger Großkonzerne und Banken, die sich Milliarden ergaunern, wenn sie nur die Möglichkeit haben.

Es gab Zeiten, da wurde vor allem aus Armut und Not gestohlen. Da war es oft eine Frage des Überlebens, ob man die moralische Seite des Eigentums ernst nahm oder etwas lockerer sah, wenn man es von den Habenden stahl. Heute ist die Sache unter dem Einfluss einer ständigen Verführung zu einem globalen Massenphänomen ausgeartet, das keineswegs nur aus Hunger und Not geschieht, sondern aus Konsumsucht und Gier, die Arme wie Reiche gleichermaßen erfasst. Besonders perfide empfinden wir es deshalb auch, wenn es ausgerechnet die Reichen und Superreichen sind, die auf die eine oder andere Weise, legal, illegal oder halblegal "stehlen".


Von der erfolgreichen Verführung zum Konsum


Warum das so ist, hängt nicht nur mit der permanenten Verführung zu immer mehr Konsum zusammen, sondern auch mit dem, was Oscar Wilde in seinem Zitat konstatiert: Wir haben den Bezug zum Wert verloren! Der Preis steht oft im Vordergrund und überlagert den dahinterstehenden Wert von… was?

Wert kann in diesem Zusammenhang vieles bedeuten. Da gibt es zunächst den Materialwert, der im Falle von Gold oder Edelsteinen sich anders bemisst, als bei Blech oder Plastik. Das wiederum kann sich aber auch schnell wieder ändern, wenn hinter dem Blech beispielsweise eine unglaublich teure und raffinierte Software im Gehäuse sitzt und dann diesen Gegenstand, nennen wir ihn beispielsweise Computer, dann doch wieder in eine goldige Wertschätzung katapultieren kann.

Weiter gibt es die ideellen Werte. Hier hat das ganz Persönliche seinen Bezug zur Sache. Hier kann der Preis, sofern man es sich leisten kann, auch in den Hintergrund treten, weil die emotionale Bedeutung überragender ist.

Oder sprechen wir vom Wert einer Leistung. Sie drückt sich häufig nicht über den Preis aus, auch wenn es wünschenswert wäre, weil es nicht bezahlt wird. Das beispielsweise betrifft viele Menschen in Ehrenämtern, auch aber auch eine Reihe künstlerischer Berufe. Oder man denke an den Wert einer guten Beratung in Fachgeschäften. Der Preis für die Ware muss zwangsläufig dort zumeist etwas höher liegen, weil die großen Umsätze nicht generiert werden können. Zugleich aber wird freundliches Fachpersonal gut geschult, damit es den Kunden umfassend und kompetent bedienen kann, die dann aber dort kauft wo es preiswerter ist, weil man sich die Beratung und Lagerung spart. Die wahre Leistung hinter der Sache wird nicht oder nur unzureichend gewürdigt.

Es sind traurige, unschöne Entwicklungen. Aber sie bergen zugleich auch eine Logik insofern, als sich die Massenmanipulation in Bezug auf Konsum- und Preisverhalten eben auch wirksam niederschlägt.


Konsumverhalten und mangelnde Wertschätzung


Doch wie wird es in Zukunft sein? Wo und wann ist die Grenze erreicht? Ich denke, dass dieses Phänomen der mangelnden Wertschätzung deshalb nur vorübergehend sein wird, weil es in sich ja eine zerstörerische Wirkung entfaltet. Es ist eine Frage der Zeit. Noch sind wir nicht auf dem Höhepunkt einer solchen Entwicklung, wo sich diese Tendenz schon ad absurdum führt, sondern noch profitieren wir gerne von den Segnungen des Preiskampfes zum Nachteil anderer Gruppen innerhalb dieses Gemeinschaftsprozesses Konsumverhalten. Es wird jedoch einmal die Zeit kommen, wo diese grassierende mangelnde Wertschätzung menschlicher Leistungen ein Maß erreicht, das die Menschen selbst unerträglich finden. Vielleicht sind derzeit noch zu wenige in diesem bösen Spiel betroffen. Die Gier nach immer mehr und immer billiger jedoch wird offenbaren, dass dieser Weg ein Trugschluss ist, der an sein ganz natürliches Ende kommen muss. Und dann? Das werden Umbruchzeiten, die vermutlich für alle wiederum schwierig werden und neue Härten abverlangen und dennoch nichts als menschengemachte Fehler sind.

Wir sehen es bereits jetzt: Dort, wo eine gerechte Wertschätzung für wahre Werte – seien es menschliche Leistungen oder auch die Achtung vor der Materie an sich in unserer Wegwerfgesellschaft - allein zugunsten von Konsum und Preisen zerbröselt , wird sich das positiv Bewährte nicht halten können.

Ist das Sterben von Werten und Tugenden am Ende vergleichbar wie mit dem Sterben der Arten, die auch nicht durch neue Arten schnell wieder ersetzt werden können, weil es doch eine endlos lange Zeit für ihre Entwicklung brauchte?

Werte verschwinden, weil das Preiswerte dominieren darf. - Das ist eine Entwicklung, die uns wegen der erfolgreich angestachelten Gier nach mehr und mehr Konsum und des gleichzeitigen Verschwindens der menschlichen Wertschätzung einmal besonders teuer zu stehen kommt.