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Ludwig Börne

Das Staatspapier des Herzens

Fragmente und Aphorismen

 

Hätte man den Anstiftern und Lenkern des Dreißigjährigen Krieges gesagt: »Ihr guten Leute, gebt euch keine vergebene Mühe; erinnert euch, was Luther dem Kurfürsten von Sachsen geschrieben: >Ew. Kurfürstliche Gnaden wissen nun und zweifeln nicht daran, daß im Himmel ganz anders als zu Nürnberg über diese Sache beschlossen ist.< ... Glaubt den Toten, die Toten lügen nicht« – sie hätten geantwortet: »Luther war ein braver Mann, ein kluger Mann, ein rechtlicher Mann, wir glauben an ihn wie an Gottes Wort; aber Luther hat von Nürnberg gesprochen und nicht von Prag.« ... Und hätte Luther von Prag gesprochen, so hätte er nicht von Leipzig gesprochen; und hätte er von Leipzig gesprochen, so hätte er nicht von Magdeburg gesprochen; und hätte er von Magdeburg gesprochen, so hätte er nicht von Nördlingen gesprochen, und von welchem Orte er also gesprochen hätte, er hätte vergebens gesprochen.

So ein eitles Tier ist der Mensch, daß er lieber sich selbst herabwürdigt als sein philosophisches System.

Die Philosophen sind doch sonderbare Käuze. Den Egoismus der einzelnen Menschen will keiner gelten lassen, da schreien alle, er wäre sündlich, wider Moral und Christentum. Den Egoismus der Menschheit hingegen predigt ein jeder. Schon mit der Ammenmilch wird er uns eingeflößt: »Wir Menschen sind die Kronen der Schöpfung, und die ganze Welt ist unser wegen da; drum preiset, ihr Kinder, Gott den Herrn und bewundert seine Weisheit. « O Eitelkeit der Eitelkeiten! Die Erde ist das Komödienhaus in der großen Himmelsstadt, und du, O Mensch, spielst den Hanswurst darin.

Wo wir unfähig sind, die Gesetze der Notwendigkeit zu erkennen, da glauben wir frei zu sein.

Die Deutschen haben zwar vielen körperlichen Mut, aber auch gar keine Geistestapferkeit. Sie haben den Mut, nicht witzig zu sein; sie haben den Mut, nicht mit ihrer Sprache vertraut umzugehen, und auch aus Feigheit verstecken sie sich hinter die Moral.

Die Deutschen bilden sich so viel auf ihre Bescheidenheit ein; das kommt mir vor, als wollte ein Hase mit seiner Furchtsamkeit prahlen.

Über die Schwächen der Menschen zu spotten, das ist ein selbstmörderisches Handwerk. Man kann dem Kritiker vorwerfen: Du gleichst dem Kinde, welches das Bild im Spiegel für etwas Fremdes hält.

Selten bewohnt der Architekt ein Haus, das er selbst gebaut. – Er gleicht den modernen Philosophen.

Schmerz ist der Vater und Liebe die Mutter der Weisheit.

Geschichte ist die Biographie der Menschheit.

Das Genie bildet die Welt aus sich heraus, der Held bildet sie in sich hinein.

Der Ehrgeiz ist für die Seele, was der Hunger für den Leib ist.

Originell wollen sie alle scheinen, und so machen sie's dem leicht, es zu sein, der’ s nicht scheinen will.

Erziehung ist Erziehung zur Freiheit.

Die Polizei müßte ein wachsames Auge auf die Moralisten haben, sie sind das für die Seele, was die Quacksalber sind für den Leib.

Verleumder gleichen den Windbüschen; man hört sie nicht, man sieht nur ihre Opfer fallen die Sperlinge.

Der Mensch muß innerhalb eines Totallebens irgendein Organ zum höchsten Leben individualisieren, daß es das Herrschende werde für die übrigen

Das Leben ist allen Tieren gemein, aber sterben kann nur der Mensch.

In einem wohlorganisierten Staate muß jedes Glied abhängig vom Ganzen sein. Darum sollten darin keine Bettler und keine Philosophen geduldet werden. Denn beide sind frei: die ersten, weil sie nichts zu verlieren, die andern, weil sie nichts zu gewinnen haben.

Philosophen sind nicht mehr als die Schmiede, die den Pflug verfertigen; da muß noch gar vieles geschehen, bis man das Brot an den Mund bringen kann.

Die Weiber sind die Schwellen des Glücks und die Pforten des Ruhms.

Die Menschen sind Gedanken der Erde.

Die Sitten sind für den Geist, was Kleider dem Leibe sind.

Man muß niemand fürchten als sich selbst.

Nicht wer den Bogen geschnitzt, der ihn spannt, wird Sieger.

Gewöhnlich schreibt man dem das Werk zu, der die letzte Hand daran legte. Daher trägt ein Tölpel so oft den Preis davon, wenn er geschickt genug ist, zu einer Geige den mangelnden Bogen zu verfertigen.

Manche Systemfabrikanten gleichen jenem Barbaren, der seine Schlachtopfer verstümmelte oder ausdehnte, bis sie in sein eisernes Bett paßten.

Man nimmt keinen Marmor zu dem Grundstein eines Gebäudes. Darum verlange man von starken Menschen nicht die Spiegelglätte einer Toilettenpuppe.

Das Studierzimmer eines Gelehrten gleicht oft der Kindbettsstube einer Wöchnerin. Das Weinen und Schreien der neugebornen unsaubern Gedankchen ist jedem, nur nicht dem Vater, zuwider. Darum soll ein Gelehrter, wenn er Besuche erwartet, erst die Wiege wegtragen lassen und seinem Gäste bloß die erwachsenen Kinder präsentieren.

Bedenkt ihr denn nicht – doch nein, man muß nicht bedenken, wo man fühlen soll – Fühlt ihr denn nicht, wie abgeschmackt es sei, mit der Elle des Schneiders das Weltmeer ausmessen wollen?

Die Nachtigall singt nur im Dunkeln. So lernen wir die himmlische Melodie eines edlen Herzens erst kennen, wenn es trauert.

Geistreiche Menschen geraten öfter in Verlegenheit als dumme; denn man muß Geist besitzen, um die Geistesgegenwart verlieren zu können.

Minister fallen wie Butterbrote: gewöhnlich auf die gute Seite.

Das Schicksal macht nie einen König matt, ehe es ihm Schach geboten.

Sinnliche Ausschweifung ist viel öfter die Folge als die Ursache einer zerrütteten Gesundheit.

Es gibt Menschen, die geizen mit ihrem Verstande wie andere mit ihrem Gelde.

Vernunft verhält sich zum Verstande wie ein Kochbuch zu einer Pastete.

Es ist schwer zu entscheiden, welches ein verdrießlicheres Geschäft sei: die Lichter putzen oder Weiber durch Gründe belehren. Alle zwei Minuten muß die Arbeit wiederholt werden, und wird man ungeduldig, löscht man das kleine Licht gar aus.

Der Eigensinn einer Frau ist auf eine ganz wunderliche Art befestigt. Der Graben ist hinter dem Walle, und hat man die steilsten Einwendungen erstiegen und glaubt, jetzt wäre alles geschehen, entdeckt man erst, daß das Schwerste noch zu tun sei.

Das größte häusliche Unglück, das einem Manne begegnen kann, ist, wenn seine Frau einmal gegen ihn recht hat, nachdem er es ihr abgestritten. Dieses einzige kleine Recht dient ihr wie ein Fläschchen Rosenöl; damit macht sie zwanzig Jahre all ihr Geräte und Gerede wohlriechend.

Hätte die Weltgeschichte ein Sachregister, wie sie ein Namenregister hat, könnte man sie besser benutzen.

Diplomaten sehen mit den Ohren; die Luft ist ihr Element, nicht das Licht. Darum lieben sie Stille und Dunkelheit.

Die Freiheit kann reden, denn ihr ist das Wort zugleich Waffe und Beute; die Macht aber ist verloren, sobald sie anfängt, sich zu rechtfertigen.

Die öffentliche Meinung ist eine See, und man behandelt sie wie eine Suppe. Verrückte Köche stehen vor ihr – der eine wirft Salz hinein, der andere Zucker; ein dritter kommt mit dem Schaumlöffel, die Blasen abzuheben, ein vierter bläst, daß ihm die Backen schmerzen, ein fünfter will sie aufessen; ein sechster sie dem Haushunde vorsetzen; ein siebtenter sie in das Spülfaß schütten. Wahrhaftig, die Kinder auf der Gasse werden euch noch auslachen!

Leidenschaften der Regierungen zeugen von Schwäche, Leidenschaften des Volkes aber zeugen von Stärke.

Reichtum macht das Herz schneller hart als kochendes Wasser ein Ei.

Zu gewissen Handlungen reicht nicht hin, kein Herz, man muß auch keinen Kopf haben. Es ist nicht jeder dumm, der will. Gibt es eine Eigenschaft der menschlichen Natur, die man nicht erwerben kann, die angeboren sein muß: so ist es die Dummheit. Es gibt für jeden Minister nur ein Mittel, sich durch die Gefahren zu schlagen, welchen er begegnet, wenn er den Staat nach den Wünschen der Aristokratie beherrschen will – er darf diese Gefahren nicht sehen. Über enge felsige Wege, an tiefen Abgründen vorüber ohne Schwindel und Sturz zu schreiten, das vermag nur ein Packesel.

Unter Mäßigung wird verstanden: die einen wollen den Tag, die andern wollen Nacht, der Minister aber will Mondschein, um beide Parteien zu befriedigen. Er betrachtet sich als die Zunge der Waage, die nur so lange aufrecht steht, als gleiches Gewicht in beiden Schalen liegt.

Im alten Frankreich machte der Witz auch Bürgerliche hoffähig und ward dadurch zur Nadel, durch die man den geistigen Faden zog, welcher den dritten Stand mit dem Adel verknüpfte. Auf diese Weise wurde die Revolution herbeigeführt. Die Regierungen unseres Landes können also ruhig bleiben; denn unsere grobe Packnadel zerrisse nur die feingewebte Seele der Weltleute – wir werden uns nie vereinigen und befreunden. Aber welch ein großer Mißverstand ist es, politischen Schriftstellern Grobheiten zu untersagen und Feinheiten zu verstatten! Man sollte gerade das Gegenteil tun.

Es hüte sich der junge Dichter, an seinen Werken jene steinerne Ruhe herauszuarbeiten, von welcher Goethe so verlockende Beispiele gab. Bei den Alten warf die Anbetung den warmen Purpurmantel um die kalten, nackten Marmorgötter. Aber wir mit unsern Winterherzen lassen nackt, was wir nackt gefunden. Ruhe, Friede und Klarheit muß im schöpferischen Geiste wohnen; dann wird sie den Schöpfungen nicht ermangeln. Die Ruhe der Gleichgültigkeit schafft nur Werke, die gleichgültig lassen. Shakespeare und Calderon wurzelten tief, der in der Natur, der im Glauben, und weil sie so fest gestanden, gaben sie ihre Zweige dem Sturme, ihre Blätter kosenden Lüftchen hin und zitterten nicht vor der rohen Gewalt des Windes und fürchteten nicht, nahende Vertraulichkeit möchte der Ehrfurcht schaden. Der Bewegungslose wird nie bewogen, und nur der bewegte Dichter kann dem bewegten Herzen Ruhe geben.

Im Kampfe zwischen Adel und Bürgerschaft hat der Adel, er mag angreifen oder sich verteidigen, den Vorteil, daß er von der Höhe herab gegen einen Feind streitet, der in der Ebene steht.

Ehe eine Zeit aufbricht und weiterzieht, schickt sie immer fähige und vertraute Menschen voraus, ihr das neue Lager abzustecken. Ließe man diese Boten ihren Weg gehen, folgte man ihnen und beobachtete sie, erführe man bald, wo die Zeit hinaus will. Aber das tut man nicht. Man nennt jene Vorläufer, Unruhestifter, Verführer, Schwärmer und hält sie mit Gewalt zurück. Aber die Zeit rückt doch weiter mit ihrem ganzen Trosse, und weil sie nichts bestellt und angeordnet findet, wohnt sie sich ein, wo es ihr beliebt, und nimmt und zerstört mehr, als sie gebraucht und verlangt.

Was die Besten und nur die Besten unter den Zeitgenossen wünschen, das geschieht zwar auch, aber spät, denn da die Besten ihrer Zeit vorauseilen, so werden ihre Wünsche und Bedürfnisse erst die der Nachwelt. Doch was die Menge wünscht, das geschieht bald.

Die deutschen Blätter, die politischen sowohl als die nichtpolitischen, sind, wenige ausgenommen, ganz unbeschreiblich abgeschmackt. Die Armut hat doch sonst etwas Romantisches, die Bettelei hat etwas Rührendes; aber die deutschen Blätter haben von der Armut nur das Widrige und von der Bettelei nur das Unausstehliche. Alle Zeitungen sind alle Tage und allerorten mit Berichten über Schauspieler und Sänger angefüllt, und die Ausländer, die unsere Blätter lesen, müssen denken, daß dreißig Millionen ehrwürdige Germanen nichts täten als spielen und singen und für nichts Sinn hätten als für Spiel und Gesang. Mag immerhin jedes Blatt das Schauspiel und die Oper seines Ortes besprechen; geschieht es nur mit Kenntnis und Feinheit, hat das auch sein Gutes und Ergötzliches. Aber was kann einem Dresdner daran gelegen sein, wie Herr der in München den Franz gespielt, wie Frau die in Wien die Agathe gesungen? Was nützt es dem Frankfurter, am 4. Oktober zu erfahren, daß am 29. September Demoiselle Sontag in Berlin die Donna Anna singen werde? Kann er die fünf Tage, die beide Zeiten trennen, zurückleben, ungerechnet die drei, die er zu einer Reise nach Berlin brauchte, um der Vorstellung des Don Juan beizuwohnen? 0! es ist eine Schmach! Man glaubt sich in die Zeiten des römischen Kaiserreichs zurückversetzt, wo entartete Fürsten und entartete Völker, vom Schlamme der Lüste über und über bedeckt, mit heißdurstigen Blicken einem Wagenführer in der Rennbahn nachsahen und überhörten, daß die Barbaren schon die Tore stürmten!

Daß die Diplomatik sich verrechnet, ist etwas sehr Gewöhnliches, auch etwas sehr Natürliches; man verlernt leicht das Rechnen, wenn die Folgen der Rechnungsfehler auf andere fallen. Daß aber auch jene sich verrechnen, die, entfernt vom Gedränge der Taten, ungestört in ihrem einsamen Zimmer nachdenken können und Zeit genug haben, hundert Male die Probe zu machen darüber muß man erstaunen. Wenn die deutschen wissenschaftlichen Männer den Verstand auch noch verlieren, was bleibt ihnen übrig? Tatkraft, Reichtum, Macht und Ansehen haben sie nie gehabt.

Der Leichtsinn ist ein Schwimmgürtel für den Strom des Lebens.

Die deutsche Geschichte gleicht einem ungebundenen Buche; so beschwerlich und verdrießlich ist sie zu lesen. Man muß oft die Bogen umwenden, verliert den Zusammenhang darüber, und Titel und Register liegen nicht selten in der Mitte versteckt.

Manche Menschen haben bloß männliche, andere bloß weibliche Gedanken. viele Köpfe, die unfähig sind, Ideen hervorzubringen, weil man die Gedanken beider Geschlechter vereint besitzen muß, wenn ein idealische Geburt zustande kommen soll.

Der Hofnarr des Kaisers Claudius sagte: Man könne die Namen aller guten Fürsten auf einen einzigen Ring schreiben. Der Geschichtsschreiber, der dieses erzählt, spricht dann weiter: »Fragst du, woher solche bösen Fürsten kommen, so antworte ich. Mein Bester, daß zuvörderst die Ungebundenheit, dann der Überfluß, außerdem ruchlose Minister, verabscheuungswürdige Gesellschafter, habsüchtige Verschnittene, dumme und nichtswürdige Höflinge und, was nicht zu leugnen ist, die völlige Unwissenheit in den Staatsgeschäften die Ursachen davon sind. Der Kaiser Diokletian, da er bereits in den Privatstand zurückgetreten war, sagte: Wie mir mein Vater erzählt hat, es sei nichts schwerer, als löblich zu regieren. Vier oder fünf Personen vereinigen sich, machen einen Plan, den Regenten zu betrügen, und schreiben ihm sein Verhalten vor. Der in seinem Palaste verschlossene Kaiser ist von der Wahrheit nicht unterrichtet, erfährt nichts weiter, als was ihm diese Leute vorreden, besetzt alle Stellen mit Personen, die man entfernen sollte, und entfernt diejenigen, die man hätte beibehalten sollen. Kurz, der beste, vorsichtigste und vortrefflichste Regent wird, wie Diokletian sagt, verraten und verkauft. «

Vor der Revolution war es am französischen Hofe Sitte, daß gemeinschaftlich mit dem königlichen Prinzen ein bürgerliches Kind erzogen wurde, das, sooft der junge Prinz sich verging, statt seiner gezüchtigt wurde. Eine ähnliche bürgerliche Bestimmung hat das deutsche Volk. Wenn die Franzosen, wenn die Spanier und Portugiesen, wenn die Neapolitaner und Piemonteser, wenn die Russen sich unartig betragen, bekommen die armen deutschen Kinder Ohrfeigen. Es ist gar zu betrübt; wir müssen machen, daß wir groß werden.

Klugheit ist oft lästig wie ein Nachtlicht im Schlafzimmer.

Man sollte denken, wer sich vor keiner Kanonenkugel fürchtet, fürchtet nichts auf der Welt; aber man gewahrt das Gegenteil. Vielen Menschen, vornehmen wie geringen, ist ein solcher Aberglaube anerzogen, daß sie zittern vor dem Rauschen eines Blattes, ob sie zwar mit freudigem Mute in die Schlacht gehen. In der politischen Welt hat diese Schwäche üble Folgen. Nicht an tapfern Feldherren fehlt es manchen Fürsten, aber an diplomatischen Helden, die – nicht zittern vor dem Rauschen eines Blattes.

Regierungen sind Segel, das Volk ist Wind, der Staat ist Schiff, die Zeit ist See.

Es wird keineswegs behauptet, daß in Staaten mit repräsentativen Verfassungen ein ewiger Frühling herrsche. Aber sie haben den Vorzug, daß jedes Jahr der Schnee in ihnen schmilzt, während er sich in unbeschränkten Monarchien zu Gletschern und Lawinen anhäuft, die das unten wohnende Volk immer bedrohen, oft zermalmen.

Denkt euch: ein Arzt untersagte seinem Kranken jede anhaltende Bewegung; sie könnte ihm tödlich werden, erklärte er. Der Kranke wäre unfolgsam und ginge eine Meile weit. Was würdet ihr von jenem Arzte sagen, der, um den Fehler wiedergutzumachen, den Kranken seinen gegangenen Weg wieder zurücklegen ließe? Jetzt denkt euch: ein Volk sei krank, man verbiete ihm die Bewegung; aber es hat sich doch bewegt. Wenn nun, um den Schaden zu verbessern, die Staatsärzte dasselbe zu dem Punkte, von dem es ausgegangen, wieder zurückführten, was würdet ihr davon denken? ... Ist Bewegung schädlich, so Ist es jede, sie richte sich vorwärts oder rückwärts, und es bleibt nichts übrig, als das Volk an dem Orte, wo man es eingeholt, ins Bett zu legen und die Krise abzuwarten.

Was den Übergang der alten Zeit in die neue so blutig macht, ist die Enge des Weges, der von jener zu dieser führt. Zwischen Vergangenheit und Zukunft fließt ein breiter Strom, die Gegenwart ist die Brücke darüber. Die Angreifenden und die, welche sich verteidigen, die Vordringenden und die Fliehenden, treiben, drängen und hindern sich darauf. Tausend Schlachtopfer fallen fruchtlos, ohne den Sieg zu beschleunigen noch die Niederlage zu verzögern. Aber der Mensch muß auch gerecht gegen sich selbst sein, das ist nicht seine Schuld, das Schicksal hat es zu verantworten.

Die Staatsbaumeister glauben, um dem Rauchen ein Ende zu machen, brauche man bloß die Schornsteine zu vermauern. Sie tun es, treiben den Rauch zurück, vermehren ihn, werden ärgerlich darüber und ahnen gar nicht, daß ihre Unwissenheit das Übel vergrößert.

Alle Narrheit erschöpfen – so gelangt man zum Boden der Weisheit.

Die Geheimnisse der Politik und die Brabanter Spitzen werden unter der Erde geklöppelt; denn die freie Luft zerrisse das überfeine Gespinst. Und das Erzeugnis so vieler Tage, so vieler Hände, so vielen Geldes? – Ein Schleier. Und der Gebrauch? – Die Schönheit verliert, was die Häßlichkeit gewinnt. Und der Nutzen? – Ein Windstoß hebt den Schleier auf, und eine einzige Minute zerstört die Täuschung einer langen Woche. Und die Lehre? – Verwebt euren Flachs zu Leinwand für das Volk; die hält Wind und Wetter aus und kleidet den Bürger wie den König.

Wenn, wie es in Deutschland oft geschieht, Gesetze in der Sprache von Befehlen abgefaßt werden, gewöhnt man die Bürger daran, Gesetze als bloße Befehle anzusehen, denen man folgt, nicht weil man sie ehrt, sondern weil man sie fürchtet.

Die Mauern Jerichos sind freilich von den Trompeten der Juden eingestürzt; aber es geschehen in unsern Tagen keine Wunder mehr, und ein vernünftiger Mensch sollte sich schämen zu glauben, das Geschrei der Zeitungen könne das gelobte Land der Freiheit eröffnen.

Wer glaubt, er könne die öffentliche Meinung benützen, ohne ihr wieder zu nützen, der betrügt nicht, der wird betrogen. Diese Wirtin läßt den reichen und lustigen Studenten auf Borg zehren und fortzechen – am Ende kommt die Rechnung.

Es wäre nichts leichter, als die alte Zeit wieder herzustellen, man brauchte nur die öffentliche Meinung zu unterdrücken – und Kindern sagt man: Schwalben wären leicht gefangen, man brauche ihnen nur Salz auf den Schwanz zu streuen.

Welche Staatsverfassung ist die beste? »Diejenige, die am besten verwaltet wird.« Diese Antwort hat die Schlauheit erfunden, um über die Nutznießung der Freiheit deren Besitz und über deren zeitigen Besitz das ewige Recht daran vergessen zu machen. Man könnte ebenso gut, nämlich ebenso falsch, auf die Frage: Welches Geschöpf ist das vollkommenste in der Reihe der lebendigen Wesen? erwidern: das gesündeste woraus folgen würde, daß ein gesunder Pudel höher stände als ein kranker Mensch. Dieses ist aber in dem Grade unwahr, daß sogar ein kranker Weiser mehr als ein gesunder Narr ist; denn der Weise kann gesund, der Narr kann aber nie weise werden.

Bei jeder Ministerialherrschaft (in der Kanzleisprache absolute Monarchie genannt) ist es Grundsatz und muß es Grundsatz sein, die Mißbräuche der Verwaltungsbeamten mit weniger Strenge zu untersuchen und zu bestrafen. Eine Regierung solcher Art steht dem Volke stets kriegerisch gegenüber, und wie ein General im Feldlager den Ausschweifungen der Soldaten, wenn sie nicht den Dienst betreffen, nachsieht, um ihnen Liebe für ihr Handwerk einzuflößen, so finden die Beamten aus gleichem Grunde Gelindigkeit für ihr Vergehen. Nur die Insubordination der Beamten wird bestraft. Man nehme jeden beliebigen Staat, wo keine Volksrepräsentation stattfindet, und gehe einen Zeitraum durch, so lange als man will, und dann berechne man, wie viele Staatsdiener wegen Mißbrauch der Gewalt der Hinrichtung. So sehr war das Leben getrennt von der Wissenschaft, daß man die öffentliche Rede auch eines Verbrechers nicht fürchtete. Fällt aber jetzt nur der leiseste Verdacht auf die polizeigemäße Denkungsart eines Professors, So werden gleich seine Vorlesungen eingestellt. Ist das nicht Ehrfurcht vor der Wissenschaft? Das ist die Furcht vielleicht, aber sie führt zur Ehrfurcht. Die bessern unter den Großen liebten vormals die Wissenschaft, aber sie liebten sie, wie man ein Spiel, ein Kind, ein Mädchen liebt, sie achteten sie nicht. jetzt ist es besser. Man soll zittern vor ihr; denn der Geist sei König der Welt und das Recht sein Schwert.

Die Fürsten hätten sich und ihren Völkern viel Unglück ersparen können, wenn sie die Hofnarren nicht abgeschafft hätten. Seit die Wahrheit nicht mehr sprechen darf, handelt sie.

Heringe oder Sardellen – das ist der ganze Unterschied zwischen sonst und jetzt. Gesalzen sind sie immer noch und werden es immer bleiben.

Die Staatsmänner schreiben ihre Erfahrungen mit Bleistift auf Pergamenttafeln, und ist das Blatt voll, löschen sie die Bemerkungen wieder aus, um für neue Platz zu gewinnen. Daher sind sie oft klüger als gestern, aber niemals klüger als vorgestern.

Philldor konnte sechs Schachpartien zugleich spielen, und er gewann sie alle. Doch das waren hölzerne Figuren, die stille stehen, bis man sie bewegt. Wer aber mit Menschen spielt, verliert gewiß, wenn er mehrere Spiele gleichzeitig verfolgt.

Es könnte eine zweite Sündflut über die Erde kommen, was würde sie nützen? Die Toren und die Bösen würden untergehen, aber Torheit und Bosheit würden bleiben. Die Vorsehung ist barmherzig, sie sorgt für eine rettende Noahsarche und läßt keine Gattung auch des niedrigen Gewürms verderben.

Man kann verhindern, daß Völker lernen, aber verlernen machen kann man sie nichts.

Sie wollen keine Preßfreiheit, weil sie glauben, der Wind drehe sich nach der Wetterfahne.

Der echte Deutsche wird verlegen, wenn man ihn über einen witzigen Einfall ertappt; keuschen Geistes errötet er bei den buhlerischen Küssen der Phantasie.

Man kann nie genug bewundern, mit welcher Schlauheit das Schicksal die Schwächen, Eitelkeiten und Leidenschaften der Menschen benutzt, um seine Zwecke zu erreichen. Dieses ist so klar geworden, daß man sich freuen muß, wenn der Unverstand oder der böse Wille einflußreicher Menschen hervortritt; denn das ist ein untrügliches Zeichen, daß das Wünschenswerte sich seiner Erfüllung naht.

Auf der Weltbühne ist das Schicksal der Souffleur, der das Stück ruhig und leise abliest, ohne Gebärden, ohne Deklamation und ganz unbekümmert, ob es ein Lustspiel oder ein Trauerspiel ist. Das Zappeln, das Schreien und übriges tun die Menschen hinzu.

»Alles für, nichts durch das Volk« – sagen die Schlauen. Das heißt ins Aufrichtige übersetzt: nicht am Gelde und Gute ist uns gelegen, sondern nur daran, daß wir herrschen. Wer aber ist der gefährlichste Feind der bürgerlichen Freiheit? Nicht der niedrige Mensch, der nur nach Reichtum und sinnlichen Genüssen strebt; denn dieser läßt sich abfinden, und hat die Macht sich zum Volke gewendet, bettelt er auf dem Markte, wie er früher in den Palästen gebettelt. Der gefährlichste Feind der Freiheit ist der Herrschsüchtige; denn selbst das Gute tut er nur mit Willkür. Nicht Mirabeau, ein Lüstling und ein bestechlicher Mensch, sondern Robespierre, der den Reichtum verachtete, ward der Tyrann seines Vaterlandes.

Gewisse Menschen leben, als wüßten sie, daß sie am andern Morgen gehängt werden. Auch sind sie wirklich verurteilt, nur daß die Tage des Schicksals keine Sonnentage sind. Darum wollen wir ihrer letzten Mahlzeit, so teuer sie uns auch zu stehen kommt, mit Vergnügen zusehen, ihr Appetit sei unser Trost.

Vor der Revolution gab es in Frankreich nach der Berechnung eines der zuverlässigsten Schriftsteller, und um seine eigenen Ausdrücke zu gebrauchen: »sieben Millionen Menschen, die Almosen verlangten und zwölf Millionen Menschen, die nicht imstande waren, Almosen zu geben.« Jetzt ist der Wohlstand über das ganze Land verbreitet, durch alle Stände des Volks verteilt; es gibt keine Bettler mehr ... Man nenne uns den Staat, wo eine so glückliche Verwandlung oktroyiert worden ist.

Ein ehrlicher Mann, der in sogenannten Welthändeln verwickelt ist, verfällt oft in Gewissenszweifel, ob er denn wirklich ehrlich verfahre oder nicht. Denn da man sein Gesicht für eine Maske hält, wird er an sich selbst irre und weiß endlich nicht mehr, ob er die Leute oder ob die Leute sich nur in ihm betrogen.

Die heutigen Menschen, in der kleinen wie in der großen Welt, sind über ihren eigenen und wechselseitigen Vorteil so aufgeklärt, daß sie sich einander nicht mehr täuschen können. Wenn es daher nicht aus alter Gewohnheit geschieht, ist es ganz unerklärlich, warum man noch lügt oder sich verstellt. Die einzige Art zu betrügen, die zuweilen noch Erfolg hat, ist – offenherzig zu sein.

Wenn es wahr ist, daß der Bandwurm sich erneuert, solange der Kopf besteht, dann bleibt den Völkern nur die traurige Wahl zwischen Verbrechen und Krankheit. Darum bedenkt euren Vorteil, die Tugend des Volkes und die Ruhe der Welt – seid nicht länger der Kopf des Bandwurms.