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Ellen Key

Über Liebe und Ehe

Essays

1914

*

Der Erinnerung an die Toten,
die mir in Liebe das Leben gaben
und der Hoffnung auf die Jugend,
die mit neuer Frömmigkeit
des Lebens Gabe hüten will.

*

Aus der Vorrede zur schwedischen Ausgabe

Wie die Linien auf der Innenseite der Hand zusammenlaufen, sich schneiden und wieder trennen, so bilden auch die Zeitgedanken in ihren einander begegnenden oder sich kreuzenden Bahnen ein geheimnisreiches Liniennetz. Der Wahrsager sucht in der Hand nach der Lebenslinie; der Deuter der Zeichen der Zeit forscht überall nach derselben Linie.

Dies habe ich in diesem Teil auf dem Gebiete getan, auf dem ich vor allem ein »Verführer der Jugend« genannt wurde. Dieses Namens, den so mancher Grössere als ich vor mir erhalten hat, hoffe ich würdig zu bleiben. Denn wozu ich die Jugend zu verführen suchte, das war, ihre Seele zu vergrössern und ihr Leben zu verschönern durch das Wagnis, an die Seele und an den Traum in einer Welt zu glauben, in der alles darauf abzielt, die Seelen zu fesseln, und alle den Träumer belächeln.

Mit Gewissensruhe habe ich die damit verbundene Verantwortung getragen, in der Überzeugung, dass jede aus innerer Notwendigkeit ausgesprochene Meinung von einer gewissen Art von Anhängern in ebenso hohem Grade missbraucht wie von einer gewissen Art von Gegnern missdeutet wird. Wenn die Furcht vor diesen unvermeidlichen Folgen das Suchen nach der Wahrheit hätte hemmen können, dann läge nun die Welt des Glaubens ebenso wie die des Gedankens öde und leer da.

Die Älteren preisen das Glück der Jugend ... Es besteht ihrer Ansicht nach darin, dass die Jugend starke Lungen hat, mit denen sie ein Hoch auf die Ideale der Väter ausbringen kann, und frische Kräfte, schon betretene Wege zu wandern. Hingegen sehen sie das Unglück der Jugend in ihrem Mute und in ihren Möglichkeiten, neue Ideale zu schaffen, ungebahnte Wege zu finden.

Mein Glaube, dass unserer Jugend – wie der jeder neuen Zeit – eine Güte innewohnt, um sie zu leiten, eine neue Wesensart zu vervollkommnen, noch unentdeckte Werte zu erstreben, dieser Glaube ist das ganze Geheimnis meines sogenannten »Einflusses auf die Jugend« im allgemeinen. Wenn irgend ein einzelner junger Mensch meinen Rat suchte, dann gab ich ihn stets mit dem Vorbehalt: ihn erst nach der gewissenhaftesten Prüfung zu befolgen, weil das Wesentliche darin liegt, dass das junge Wesen seinen eigenen Weg findet. Und nie enthielt ich jemandem die Überzeugung vor: dass so der Weg gefährlicher wird, die Verantwortung grösser, die Wahl schwerer.

Aber wer kann von einem jungen Menschen – der mit zahllosen unklaren Wünschen vor dem Leben steht, der durch das Leben zahllose unverkennbare Leiden erfährt – erwarten, dass er stets bereit sein kann, die Aufgabe der persönlichen Wahl gut zu erfüllen? Was ist natürlicher, als dass eine von Sehnsucht und Begeisterung überströmende Seele auf dem weglosen Meere den Kurs verliert und so das Ziel ihres innersten Wesens verfehlt?

Ob nun ein solcher junger Mensch das Ziel findet oder nicht, so wird er doch ganz gewiss auch auf andere als sich selbst Leid herabbeschwören. Diese so Verwundeten sind es, die dann meine Feinde werden. Sie finden eine Linderung des Schmerzes, wenn sie die geliebten Wesen freisprechen, um die Schuld ihren sogenannten Verführern aufzubürden. Und können wir mithelfen, eine Wunde zu heilen, so mögen immerhin Stücke unserer eigenen Haut für die »Transplantation« gebraucht werden!

Die denkende Jugend von heute hat eine geistige Regsamkeit, eine empfindliche Sensibilität, eine Schärfe der Auffassung, eine Bereitschaft der Ausdrucksmittel, wie sie der vorhergehenden Generation nicht eigen waren. Diese frühe Reife kommt nicht nur daher, dass die Jugend jetzt um eine Generation älter ist, als alle vorhergehenden. Sie kommt auch daher, dass während des Heranwachsens der jetzt Zwanzigjährigen so viel in der Luft gelegen hat. Und dies birgt die Gefahr, dass ihre Entwicklung nicht immer aus der persönlichen seelischen Arbeit hervorgegangen ist, die allein dauernden Gewinn bringt. Selten wird das ohne Mühe Errungene so teuer, dass wir etwas dafür leiden wollen. Aber nur das, wofür wir gelitten haben, macht uns zielbewusst inmitten der Mannigfaltigkeit der Meinungen, fest in den Gefahren der Verwirklichung.

Darum richte ich nun an jene unter der Jugend, die meine Ansichten in gewissem Masse teilen, die Forderung, sie persönlich zu prüfen. Und diejenigen, welche nach einer solchen Prüfung noch immer meine Lebensanschauung teilen, müssen eingedenk sein:

dass niemand das Recht hat, meine Sätze als Pfeile in dem Kampf um die Freiheit seiner Persönlichkeit, meinen Namen als Schild für seine von der Sitte abweichenden Handlungen zu gebrauchen, der nicht mit seiner ganzen Lebensführung die Wahrheit bezeugt, die ich nach Massgabe meiner Kräfte zu vertreten suchte, Goethes Überzeugung: »Der Zweck des Lebens ist das Leben selbst.«

Ich habe trotz der Angriffe, die mir Mangel an Wissenschaftlichkeit und systematischer Klarheit vorwarfen, die mir natürliche Form der Mitteilung beibehalten, für die ich dieselbe Berechtigung beanspruche wie die Schulphilosophen für die ihre: dass sie nämlich als das gelte, wofür sie – nach ihrer Art und ihrem Grade – gelten kann.

Und sicherlich wird niemand ein unsystematisches Denken an und für sich geringschätzen. Um gar nicht so weit wie auf Jesus oder Sokrates zurückzugehen, sondern um bei neueren Zeiten zu bleiben, müsste er dann einen Pascal ebenso geringschätzen wie einen Montaigne, einen Carlyle wie einen Emerson, einen Ruskin wie einen Nietzsche!

Wenn auch die philosophisch Geschulten natürlich jene Form des Denkens am höchsten stellen, die sie selbst gewählt haben, dürften sie doch weniger meine unsystematische Weise zu denken missbilligen, als die Denkweise selbst. Das ist ihr Recht, nicht aber, meine Schriften mit einem philosophischen Massstabe zu messen, der an sie nicht angelegt werden darf, weil sie nicht nach diesem Masssystem geschaffen worden sind.

Auch die Landschaft der Seele hat ihre Berge und Täler, ihre Wälder und Ströme. Der Philosoph gibt sie in seiner Weise wieder, der Laie in einer anderen, ganz wie der Topograph die wirkliche Landschaft durch die Karte, der Maler durch das Bild wiedergibt. Keine Darstellung macht an und für sich die des anderen überflüssig. Aber prüft der Topograph die Skizze des Malers mit dem Landmesserstab in der Hand, dann muss er sie selbstverständlich verwerfen. Die Erkenntnis der Notwendigkeit, genauer auf die Valeurs meiner Farben zu achten, das ist der Gewinn, den mir die Angriffe brachten, die mir im übrigen berechtigten Grund gaben, mich an Renans Worte zu erinnern:

»Die Logik erfasst niemals die Nuance. Aber alle Wahrheiten, die von geistiger Natur sind, beruhen ganz und gar auf der Nuance.«

Man hat meinen Individualismus sehr richtig als sozialen Individualismus charakterisiert, und mit diesem Buche habe ich versucht, diesen Individualismus auf dem Gebiete der Erotik zu vertreten.

Ellen Key.