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Bertrand Arthur William Russell über Dumme

Das ist der ganze Jammer: Die Dummen sind so sicher und die Gescheiten so voller Zweifel.
Zitat von Bertrand Arthur William Russell
Bertrand Arthur William Russell
englischer Philosoph, Mathematiker und Logiker
* 18.05.1872, † 02.02.1970

Weitere Zitate

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Die wechselnden Zustände zwischen Sicherheit und Zweifel sind Motoren für unsere Persönlichkeitsentwicklung. Beide sind in genau jenem Maße notwendig, wie sie uns in der rechten Art im Wechsel miteinander zu neuen Erkenntnissen führen. Ein Problem dabei ist jedoch die feine Unterscheidung, die Grenze und der Zeitpunkt ihres Vorkommens. Und weil man diese Parameter nicht so genau im Voraus kennen kann, kommen sich diese beiden wichtigen Entwicklungshelfer oft auch böse in die Quere. Damit blockieren sie unter Umständen für eine gewisse Zeit den ganz persönlichen Fortschritt.

Befinden wir uns im Zustand eines Zweifels, so bedeutet das: Wir stehen innerlich vor einer Unentschiedenheit und wissen einfach nicht, wie wir uns entscheiden sollen. Die Argumente für das Für oder Wider sind ähnlich stark. Die scheinbaren Alternativen, die sich dabei vielleicht auftun können, tragen das Merkmal von weiteren Unwägbarkeiten, die die Unentschiedenheit einfach nicht zu der einen oder anderen Seite klar kippen lassen. Ein klares Urteil können wir auch deshalb in solchen Momenten nicht fällen, weil mit jeder Entscheidung eine gänzlich andere Konsequenz verbunden ist, die ungünstig ist oder nicht zu unseren Plänen und Absichten passt.

Wir stehen nun an einem Punkt, an dem wir uns selbst nicht mehr vertrauen können. Wir verzweifeln an unserem Verstand, der uns keinen Ausweg weist. Unser sonst gesundes Urteilsvermögen erleben wir als eingeschränkt. Der Zweifel kann so stark werden, dass wir selbst an der Richtigkeit unserer Wahrnehmung Argwohn hegen. Oder wir trauen dann unserer eigenen Kompetenz nicht mehr über den Weg.

Doch nicht immer betrifft es uns selbst, wenn wir im Zweifel sind. Auch die Mitmenschen können in uns durch ihr Verhalten tiefe Zweifel auslösen. Mag es ihre Glaubwürdigkeit betreffen, ihre behaupteten, aber unbewiesenen Fähigkeiten oder ihre Integrität. Wer schaut schon immer in Kopf und Herz des anderen hinein und kann sicher sein, sich nicht zu irren, wenn der andere sehr geschickt vorgeht.


Menschenkenntnis ist gefragt


Wie oft sind wir alle schon auf Täuschungen oder einen ersten scheinbar positiven Augenschein hereingefallen, der durchaus auch hin und wieder gute Menschenkenner trügen kann. Der Typus eines sehr selbstsicheren Menschen, der uns entgegenkommt, kann verschiedene Gefühle oder Assoziationen in uns auslösen. Er kann in dem, wie er sich gibt, authentisch auf uns wirken – oder aber auch als Angeber oder Sprücheklopfer, dem jegliche selbstkritische Reflektion fehlt. Diese selbstbewusst Auftretenden können sowohl zur Kategorie der Klugen und Gescheiten gehören, wie aber auch zu der der Irreführer oder geschickten Betrüger. Hier ist wieder einmal eine gesunde Menschenkenntnis von Vorteil, um sich ein möglichst genaues Bild über den wahren Kern des Gegenübers machen zu können. Wahrnehmen, zuhören, hinlauschen, Gesten im Blick behalten und auf die innere Ausstrahlung achten. Wer solche Sinneswahrnehmungen mit seinen feineren Antennen einzusetzen weiß, wird schnell herausfinden, ob er es mit einem tatsächlich Gescheiten im Sinne des Zitats zu tun hat oder mit einem geschickten Blindgänger, der sich anders stellt, als er ist.

Bertrand Russell hat im Zitat die beiden Typen in die Kategorie von Gescheiten und Dummen eingeteilt. Der Zweifler ist oftmals deshalb der Gescheitere von beiden, weil ihn mehr Gedanken plagen und er eine Sache oder ein Problem erweiterter betrachten kann als jener, der sich kaum oder wenig Gedanken zu einer Sache macht oder machen kann.

Je mehr man von kritischen Gedanken und Abwägungen aber im eigenen Denkprozess geflutet wird, umso eher kommen dann auch die berechtigten Bedenken hoch und der Zweifel an einer Sache wird automatisch vermehrt. Das Bild der Möglichkeiten erweitert sich enorm. Damit werden aber auch die Alternativen für Fehlerquellen, Blockaden, Hürden, Risiken immer größer. Jeder Gedanke, der nun weiter folgt, erzeugt neue Erwägungen, die anzustellen sind.


Zweifler, überwindet euren Tiefpunkt!


Und so türmt sich nach und nach zur ursprünglichen Idee oder zum Plan eine große Menge von Zusatzgedanken auf, die in einem großen Zweifel münden, weil die Sache sehr genau durchdacht wurde. Das kann dann bis zur Absage an eine ehemals gute Idee führen. Bricht man diesen kritischen Bedenk-Prozess jedoch zu frühzeitig ab, dann kann eine positive Lösung nicht mehr erwachsen, weil man im Gestrüpp der eigenen negativen Erwägungen stecken bleibt.

Wie gut, so mag man meinen, haben es diejenigen, die sich von Anfang an ihrer Sache sicher sind. Nach Russell sind es die Dummen. Aber die Dummen haben oft auch einfach nur Glück… Zum Beispiel jenes, dass sie sich mangels Denken eben nicht in jenem Gedankenurwald verlaufen werden, den die Klugen einfach nicht vermeiden konnten. Hier ist die "Sicherheit" deshalb so stark im Auftreten, weil sie von der Unsicherheit des Zweifelns erst gar nicht ge- oder zerstört wird. Hier lebt sich eine Unmittelbarkeit eines Gedankens oder Plans aus, der am Ende klappt oder nicht klappt. Die Schritte werden nicht im Voraus vollzogen, sondern erst während des Prozesses erlebt.

Wäre es, so mag man denken, denn nicht besser, das viele Nachdenken zuvor zu unterlassen, damit man sich selbst keine Denkblockaden zimmert, die man doch vermeiden will? Manchmal ist es vielleicht tatsächlich der bessere Weg. Das zeigen alle Beispiele auf, die ohne langes Nachdenken und Überlegen durchaus vortrefflich ihr Ziel erreichten. Dennoch ist die Frage "falsch" gestellt, weil sich der Kluge bereits so weit in seinem Denken entwickelt hat, dass er ohne die kritischen Fragen sein Werk erst gar nicht beginnen kann oder mag.

Wichtig ist nur, dass er dann seinen Gedankenweg auch sinnvoll zu Ende geht und nicht zu früh an seinen durchaus sehr berechtigten Zweifeln selbst verzweifelt, sondern eine mögliche Lösung nun erst recht im guten Zusammenwirken mit Herz und Verstand für möglich hält.