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Gotthold Ephraim Lessing über Gewalt

Was Gewalt heißt, ist nichts: Verführung ist die wahre Gewalt.
Emilia Galotti V, 7. (Emilia)
Zitat von Gotthold Ephraim Lessing
Gotthold Ephraim Lessing
deutscher Schriftsteller
* 22.01.1729, † 15.02.1781
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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Wie steht es denn eigentlich um die Sache der "Verführung"? Je nach Zusammenhang der Ereignisse und Personen kann sie hochwillkommen sein, kann Lust schenken, Spaß machen. Aber kennt auch die Kehrseite der Gewalt, des Machtmissbrauchs oder einer gefährlichen Dominanz für Leib und Seele. Somit deckt sie alle Zonen und Schattierungen zwischen schwarz und weiß, schmerzhaft und lustvoll ab und ist in ihrem Vorkommnis klar zu unterscheiden.

Bieten gewisse Formen der Verführungen aber nicht auch eine Nagelprobe und die Chance, bisherige Irrtümer auszugleichen? Irrtümer, die man ohne das Erlebnis der Verführung als solche gar nicht erkannt hätte? Wie oft ist es für Menschen dringend notwendig, nicht nur die Theorie des Guten kennenzulernen, sondern auch die tatsächliche Praxis des Bösen, um urteilssicherer zu werden, um endlich genauer durchzublicken und von falschen Vorstellungen Abschied zu nehmen. Was man selbst erlebt hat, hat einen ungemein höheren Wert als das, was man immer nur in der Theorie hörte und mangels Erleben glauben musste oder glauben wollte. Die handfeste Praxis der Erfahrung ist im Falle von gewissen Verführungen durchaus ein wichtiges Lernkriterium.

Je nach individuellem Entwicklungsgrad kann man sich jedoch unter Umständen viele negative Erlebnisse dennoch sparen, falls man die lauernden Gefahren durch gewisse Verführungen und ihre anschließenden Konsequenzen daraus bereits mittels Vernunft oder Herzdenken vorwegnehmen kann. Das Leben jedoch zeigt uns, dass wir dennoch oft die Praxis hinter unseren Glaubenssätzen brauchen, weil das Vermeiden von Irrwegen, Sackgassen oder des Nichtoptimalen eben nicht immer nur auf dem Trockendock der bloßen Vorstellung möglich ist.

Manchmal braucht es eben die Beulen und Dellen im eigenen Schicksal, die man ja auch wieder ausbeulen kann.


Stagnation, Risiko und Weiterentwicklung durch Verführung


Wer sagt uns denn, dass nicht mancher Irrweg vielleicht sogar zielführender ist, als das ständige Vermeiden des Falschen!? Kommen die, die immer "brav, lieb" sind, tatsächlich schneller in ihrer persönlichen und/oder spirituellen Entwicklung voran? Was ist beispielsweise denn mit der Metapher des verlorenen Sohnes aus der Bibel? Ihm wurde der rote Teppich ausgefahren, weil er Erfahrungen in der Welt sammelte und keineswegs mit äußeren Reichtümern zurückkam. Dennoch wurde er mit großen Ehren begrüßt, obschon er sein Elternhaus im Stich gelassen hatte. Was er errungen hatte, war Lebensreife durch Erfahrung. Was also ist mit dem Wissensgold, das doch immer auch ein Stück weit ein Risiko ist? Was ist mit der Grenzerfahrung, an deren Weggabelung doch oft die Verführung als Motor hockt? Sollten wir einfach nicht viel mehr in die Erfahrung selbst vertrauen, die nach Schmerz und Leid doch für jeden auch wieder Erkenntnis und Glück bringen kann?

Lessing spricht vom Akt der Gewalt im Zusammenhang mit der Verführung. Und ja, sie kann tatsächlich überall dort gewalttätig werden oder auftreten, wo der Verführte von vornherein chancenlos ist. Man denke dabei beispielsweise an Kinder, an behinderte Menschen oder Menschen mit einem sehr schwachen Willen, krankem Seelenleben oder in einer besonderen Lage der Abhängigkeit.

In solchen Fällen, und leider gibt es viele davon, wird Verführung nicht zur Chance, wie es bei den Gesunden durchaus der Fall sein kann, sondern sie wird zur Waffe der eigenen Triebe oder der eigenen Macht. Hier wird missbraucht – oft auf subtile, oft auf barbarisch grobe Weise.

Ob der, der verführt, jedoch immer nur Böses im Sinn hat, hängt vom Einzelfall und der Situation selbst ab… auch von den Mitbeteiligten. Manch einer sendet subtile oder klare Botschaften aus und möchte gern verführt werden. Hier ist die Lust im Spiel, die zum gemeinsamen lustvollen Spielen zwischen gleichberechtigten Partnern werden darf. Deshalb kann man den Begriff Verführung auch nicht leichtfertig verdammen, sondern muss ihn im Zusammenhang der Einzelereignisse individuell werten.


Verführung als Missbrauch und Machtfaktor


Der Missbrauch bei der Verführung kann auf allen Ebenen der Seele, des Geistes oder des Körpers stattfinden. Doch Missbrauch ist letztlich mit allem möglich. Da ist jeder Abartigkeit doch Tür und Tor geöffnet, wenn man sie nur zulässt. Was im Falle einer Verführung nun abartig ist oder förderlich und ausdrücklich gewünscht, entscheidet sich an vielen verschiedenen Kriterien, die auch mit der Frage der Abhängigkeit, des Alters, der Dominanz, der Freiheit, des Zwanges und der Gesamtsituation im Zusammenhang stehen.

Verführung und Missbrauch können zusammengehen, müssen es aber nicht zwangsläufig. Dort aber, wo Missbrauch geschieht, sollte man einschreiten und ihn zu unterbinden versuchen, um demjenigen Hilfestellung zu leisten, der selbst dazu nicht in der Lage ist – mag es die Sexualität und die Körperebene betreffen, Fragen des Glaubens oder der politischen Haltung oder das Leben im Allgemeinen. Es gibt wohl kaum einen Bereich des menschlichen Lebens, der nicht von der Verführung zu was auch immer ausgeschlossen werden kann.

Wer Gefahren einer Verführung schon vorwegnehmen kann, wird durch seine eigenen Gedanken gewarnt und braucht keinen unnützen Irrweg gehen. Wer aber noch blind für die Gefahren ist, wer die Konsequenzen bestimmter Verführungen noch nicht durchschaut oder wer auch beratungsresistent ist und jede Warnung in den Wind schlägt, der braucht oft die konkrete Erfahrung als faktischen Erleben, um handfest selbst zu erkennen ob und warum sie gut oder schlecht für ihn war. Insofern kann Verführung auch ein sinnvolles Werkzeug für neue Erkenntnisse oder neuen Durchblick werden, das wir beispielsweise für die Freiheits- und Liebe-Entwicklung brauchen.

Fazit: Bei der Verführung sind also die Bedingungen und Verhältnisse untereinander zu unterscheiden. Sie kann Freude bringen, sie kann ins Desaster führen. Führt sie ins Desaster, so können Schmerz oder Leid die Folge sein. Oft geht damit allerdings auch im Nachhinein ein hoher Erkenntnisgewinn einher, dessen Preis jedoch sehr hoch sein kann. Speichern wir diesen guten oder bösen Erfahrungsreichtum erinnerbar in uns ab, so sind wir in Zukunft auch besser geschützt, wenn sich uns – in welcher Art auch immer – die Verführung nähert und ungemein attraktiv lockt.