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Helmut Kohl über Behinderter

Die Menschlichkeit einer Gesellschaft zeigt sich nicht zuletzt daran, wie sie mit den schwächsten Mitgliedern umgeht.
Bonn, 15.5.1998
Zitat von Helmut Kohl
Helmut Kohl
deutscher Politiker (CDU);
6. Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland
* 03.04.1930, † 16.06.2017

Weitere Zitate

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Recht hat Helmut Kohl, wenn es darum geht, die Gesellschaft in ihrer Wahrhaftigkeit zu spiegeln. Doch schaut man dann in die Realität hinter den Worten, sieht es oft traurig aus. Und das nicht etwa nur in armen oder in den Schwellenländern, sondern auch in den reichen Staaten. Dennoch gibt es große Unterschiede auch innerhalb reicherer Staaten, wenn man sich die Leistungen der Sozialsysteme sich anschaut. Hinter einer jeder sozialen Leistung der Gesellschaft jedoch steht nicht nur eine bestimmte finanzielle Summe des Bruttosozialproduktes, sondern vor allem eine Weltanschauung, eine Geisteshaltung. Eine, die uns zeigt, wie es um unsere Gebe-Freundlichkeit, unsere Großherzigkeit steht.

Deutschland muss sich im Vergleich mit anderen Nationen in Punkto Großzügigkeit nicht verstecken. Dennoch mangelt es für viele Menschen immer noch an vielem, weil nicht immer die persönliche Bedürftigkeit so abgefedert werden kann, wie es unsere Gesetze vorschreiben. So manches an guten Taten und wertvollen Geldern der Gemeinschaft fließt auch in dunkle Kanäle, anderes wird ausgabefreudig und wenig intelligent ausgegeben und wiederum anderes kommt manchmal auch ausgerechnet Menschen zu Gute, die es nicht wirklich verdient haben oder es nicht nötig hätten, während andere arme Menschen wegen Gesetzeslücken oder persönlicher Umstände quasi leer ausgehen. Das soziale Netz hat auch bei aller Großzügigkeit immer noch viele Löcher.

Aber unsere Gesellschaft hat auch viele patente Helfer, die das Herz am rechten Fleck haben und unter persönlichem Einsatz viel an Hilfe für die Bedürftigen geben. Selbstverständlich ohne Bezahlung, oft sogar noch mit zusätzlichen privaten Geldleistungen zuzüglich ihres großzügig zur Verfügung gestellten Zeitbudgets. Gerade in Zeiten großer Migrationsströme, die in ungeahnt kurzer Zeit unvorbereitet organisatorisch über uns hereinbrachen, zeigte sich das Herz unserer Gesellschaft. Es war uns eben nicht gleichgültig, wie es jenen erging, die oftmals nichts als nur das nackte Leben vor Terror, Fassbomben, Minenfeldern und Krieg retten konnten. Nicht alle Menschen fanden diese humanitäre Einstellung gut, sorgten sich mehr ums eigene Wohl und müssen in ihren Bedenken und Sorgen ebenfalls ernstgenommen und angehört werden. Was aber bleibt, ist das Antlitz einer Gesellschaft, die Wärme nicht nur in Gesten zeigt, sondern auch in Taten lebt. Möge diese Kraft erhalten bleiben – samt den Grundlagen, die es braucht, um sie auch erbringen zu können. Und möge dabei aber auch nicht die Weitsicht fehlen, welche Qualitäten es für eine gelingende Nachhaltigkeit braucht, die frühzeitig mit zu bedenken sind.