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Henning Voscherau über Wahrheit

Wer die Wahrheit sagt, braucht ein schnelles Pferd.
Zitat von Henning Voscherau
Henning Voscherau
deutscher Politiker (SPD)
* 13.08.1941, † 23.08.2016

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Henning Voscheraus Worte, die wohl auf einem alten chinesischen Sprichwort beruhen, zeigen unser Dilemma mit der Wahrheit: Niemand von uns möchte belogen werden. Wurden wir belogen, so sind wir getäuscht oder hereingelegt worden. Wir empfinden diesen Vorgang als würdelos, geschmacklos oder gemein. Es kratzt nicht nur allein erheblich an unserem Selbstwertgefühl, wenn uns jemand belügt oder täuscht, sondern es geht noch viel tiefer unter die Oberfläche unseres Seins: Wir verlieren Vertrauen.

Die menschliche Gemeinschaft ist aber in ihrem Überleben unter anderem auch auf gegenseitiges Vertrauen angewiesen, das die Wahrheit untereinander in den Mittelpunkt stellt. Es gehört zu unseren natürlichen Erwartungen an unsere Mitmenschen, dass wir uns auf die Aussagen verlassen können müssen. Denn auf diesen Aussagen bauen weitere Geschehnisse auf, die wiederum Folgen haben. Werden Aktivitäten auf der Basis eines Lügengebäudes errichtet, so steht es um die Stabilität in der Zukunft schlecht. Wir brauchen die Wahrheit zum geordneten Zusammenleben.

Die Realität ist oft anders. Es wird trotz all unserer Beteuerungen, wie wertvoll uns doch die Wahrheit ist, ständig getrickst, gemauschelt, geblufft, geschummelt und gelogen. Im privaten wie im öffentlichen Raum. Wir kennen dabei die Selbstlüge, die Notlüge, die nachlässige Lüge aus Bequemlichkeit, die Angstlüge oder die Flunkerei bis hin zum schweren Betrug. Es dürfte wohl kaum einen lebenden Menschen geben, der nicht schon einmal im Umkreis der Lüge selbst aktive Erfahrungen gesammelt hat.

Doch was bedeuten Wahrheit und Lüge im Zusammenhang mit Voscheraus Gedanken, dass man ein schnelles Pferd braucht, wenn man die Wahrheit sagt? Hinter der Wahrheit steht oft eine unbequeme Wirklichkeit. Denn nicht alles, was der Wahrheit entspricht, ist auch zugleich schon schön oder angenehm für uns, die wir mit neuem Blick auf die Sache nun konfrontiert werden. Und dass wir immer und ständig die Wahrheit wissen wollen, ist mehr ein theoretisches Konstrukt unseres Charakters als zugleich auch die nackte Wahrheit über die Wahrheit selbst.


Die hässliche Seite der Wahrheit


Wahr ist, dass wir die Wahrheit, die wir doch alle so schätzen, oftmals nicht ertragen können. Denn die Wahrheit, der wir uns vielleicht aus dunkler Ahnung heraus vorher verschlossen, kann mit enormen Belastungen für uns selbst verbunden sein. Sie kann uns eine sehr hässliche oder höchste problematische Seite einer Wirklichkeit offenbaren, die wir lieber nicht so genau hätten anschauen wollen. Nun aber, da sie jemand im Klartext ausspricht, stehen wir vor einem Dilemma.

Die Problematik besteht dabei ja nicht nur allein im Ertragen-müssen einer neuen oder erweiterten Sichtweise, die uns nicht passt, sondern vor allem darin, dass diese oft notwendige Konsequenzen hinter sich herzieht. Jetzt ist nichts mehr wie vorher. Jetzt, wo wir wissend sind, haben wir auch eine neue Form von Verantwortung zu tragen, vor der wir uns kaum drücken können. Vorbei die Zeit, wo wir uns auf das Argument des Nichtwissens zurückziehen konnten. Wer um die Wahrheit weiß und sie auch erkennt und einsieht, muss etwas ändern, um vor sich selbst bestehen zu können.

Doch was ist mit jenen Menschen, die den Mut aufbringen, die Wahrheit auch dann auszusprechen, wenn sie niemand darum gebeten hat? Das braucht im Privaten ebenso eine Beherztheit und Courage wie im öffentlichen Leben. Wer die unangenehme Wahrheit ausspricht, macht sich schnell unbeliebt. Denn nicht jeder kann die Wahrheit und die damit verbundenen Folgen auch schon ertragen oder will um sie wissen. Die Wahrheit erfordert einen charakterstarken Menschen.

Nun wird aber der, der sie ausspricht, tatsächlich oftmals gern zum Teufel gejagt. Dem kommen Voscherau Worte nun schon sehr nah. Wer die Wahrheit sagt, braucht demnach in der Metapher ein schnelles Pferd, das ihn von all jenen fortträgt, die ihm genau diese Wahrheit auch massiv verübeln und nicht die geringste Neigung zeigen, dieser Sichtweise nun auch Genüge zu tun. Denn es geht bei unseren zwischenmenschlichen Aktivitäten ja keineswegs immer um die Wahrheit, sondern oft um ganz andere Dinge. Um Vorteile zum Beispiel. Oder um Fragen von Macht oder Einfluss. Fragen von Geld, Gewinn oder Kontrolle.


Die Wahrheit und der richtige Zeitpunkt dafür


Spricht man nun ungebeten Wahrheiten in bestimmten Zusammenhängen aus und berührt dabei diese existenziell wichtigen Fragen in einer Art, die zum Verlust oder zum Problem für andere werden könnten, dann bekommt der Stellenwert der Wahrheit plötzlich ein ganz anderes Gewicht. Die Wahrheit wird zweit- oder drittrangig. Denn jetzt geht es ans Eingemachte zwischen den Beteiligten. Und je nach Vormachtstellung kann der Wahrheitsliebende durchaus der Verfolgung anheimfallen.

Das schnelle Pferd verhindert vielleicht durch seinen Galopp, dass der Reiter als Verkünder der ungeliebten Wahrheit von der Explosion durch die gezündete Lunte der Wut allzu sehr verletzt wird. Wer trotzdem standhaft dabei bleibt und den Umkreis nicht verlässt, sollte über genug innere und äußere Stärke verfügen, um den Folgen des Zorns zu trotzen.

Die Wahrheit offenbart aber noch ein ganz anderes Problem. Sie kann nicht nur lästig, überfordernd oder gar gefährlich sein, sondern sie kann auch eine bloße subjektive Behauptung sein, die der andere ganz anders interpretiert. Denn was wahr ist, ist oftmals Mehrdeutigkeiten unterworfen und damit keinesfalls immer so eindeutig, wie wir es uns wünschen.

Wahrheit kann auf Tatsachen beruhen, wie aber auch auf Sachverhalten, Absichten oder Auffassungen. Manchmal beruht sie auf Erkenntnissen, Erfahrungen oder festen Überzeugungen. Und spricht nun jemand aus tiefster Überzeugung "seine" Wahrheit aus, dann muss dies nicht zwangsläufig auch die Wahrheit des anderen sein. Das Wahrheitsdilemma ist dann perfekt. Wahrheit gegen Wahrheit, obschon es doch nur eine Wahrheit geben kann?

Die Philosophie hat uns bis heute hier ebenso ein ungelöstes Rätsel hinterlassen, wie auch der Mensch mit sich selbst und seinen Mitmenschen. Was Wahrheit ist, wird beispielsweise außerhalb von mathematischen Gesetzen eben äußerst verschieden aufgefasst und interpretiert. Entscheidend ist dabei der Level des eigenen Bewusstseins, das mit einem anderen Bewusstsein eng kooperieren oder ihm diametral entgegenstehen kann. Ob man sich auf eine gemeinsame Frage einer Wahrheit einigt, sobald das Subjektive des Menschen mit in die Wahrheit hineinspielt, ist eine Frage innerer Übereinkünfte, die viele Voraussetzungen braucht, damit sie funktionieren kann. All das macht "die" Wahrheit zu einem großen Rätsel, das vor allem auf der Unterschiedlichkeit eines jeden Bewusstseins im Individuum fusst.

Wer die Wahrheit ausspricht, braucht aber nicht immer ein schnelles Pferd. Es kommt auf die Umstände und das Geschick an, sie zu verkünden. Wenn jemand zuvor ruhig und klar erwogen hat, ob es der rechte Zeitpunkt für die Wahrheit ist, er selbst dazu auch die rechten Worte und die rechte Art wählt und es gut einschätzen kann, ob diejenigen, die die Wahrheit vernehmen, dem Inhalt und den sich daraus ergebenden Konsequenzen gewachsen sind, dann braucht es überhaupt kein Pferd. Doch dies ist meist Theorie. Die Praxis der Wahrheit ist, dass sie uns herausfordert und wir immer wieder neu prüfen können, inwieweit wir selbst ihr denn schon gewachsen sind. Gerade das Unangenehme der Wahrheit ist es, dass wir an ihr reifen können.