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Lao-Tse über Wahrhaftigkeit

Wahre Worte sind nicht schön. Schöne Worte sind nicht wahr.
Zitat von Lao-Tse
Lao-Tse
chinesischer Philosoph und religiöser Reformer
* um 340 vChr

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Gedanken zum Zitat von Christa Schyboll

Fragt man Menschen, ob sie nach der Wahrheit trachten, werden viele diese Frage engagiert bejahen. Die Wahrheit ist uns wichtig, gar heilig. Zumindest in unseren theoretischen Vorstellungen darüber. Doch unsere Vorstellungen weichen erstaunlich oft von der Praxis des Alltags ab. Denn die Wahrheit ist den meisten Menschen nur dort angenehm, sofern sie selbst von ihr nicht negativ berührt werden.

Welche Wahrheit wollen wir also hören? Gern am liebsten jene, hinter der schöne Worte für uns selbst stehen. Komplimente gehören beispielsweise dazu. Sie eigenen sich besonders gut als Beispiel, um Lao-Tses Zitat mit Leben zu füllen.

Wer hört nicht gern hin und wieder ein schönes Kompliment? Die schönen Worte mögen die äußere Erscheinung betreffen, eine feine Seelenregung oder auch ein Talent, das wir vielleicht zeigen. Das Kompliment nehmen wir gern an und fürwahr… sofern wir wissen, dass es nicht nur eine billige und völlig übertriebene Schmeichelei ist, die überhaupt nichts mit unserer eigenen Wirklichkeit zu tun hat. Doch Komplimente sind verführerisch, auch was die Wahrheit anbetrifft. Sie sind es deshalb, weil wir uns gern verführen lassen. Notfalls auch zur Unwahrheit, zur Lüge, zur Verschleierung, Über- oder Untertreibung. Je nachdem, um was es geht und wie die eigene Seelenlage gestimmt ist.

Dort wo die Komplimente als authentisch und wahrhaftig gesprochen werden, ist die Sache klar. Aber so klar ist sie im Alltag oft deshalb nicht, weil schöne Worte, wie eben Komplimente, oftmals als Schachzug für einen Deal benutzt werden. Da geht so manches über eine unerlaubte Grenze, die wir unter Umständen aber auch selbst überdehnen, indem wir die Unwahrheit gern gegen die Wahrheit eintauschen. Manchmal ist die Lüge oder die Übertreibung eben schöner!

Diese Grenzfrage wird sich aber nur jenen Menschen stellen, die mit klarem Blick auch ihre Wirklichkeit checken und einen Abgleich mit den Worten vornehmen. Das braucht jedoch eine Geistesgegenwärtigkeit, die im Falle eines Kompliments nicht immer auch gleich griffbereit liegt. Denn gerade schöne Worte, die in Komplimente eingebunden sind, sind oft solch eine Mangelware im Leben, dass es uns einfach nur gut tut, wenn wir sie hören – Wahrheit und Wirklichkeit hin oder her. Jetzt sind wir auch endlich einmal dran und wollen es genießen.

Wahre Worte sind nicht schön, sagt uns Lao Tse. Das betrifft vor allem die ungeschminkte Wahrheit der Wirklichkeit, die Menschen gerne vor sich und anderen Verstecken. Da geht es um Verdrängungen, Verharmlosungen oder Bagatellisierungen von Dingen oder Ereignissen, die uns peinlich oder unangenehm sind. Wie schön, wenn nun in prekären Situationen keine wahren Worte gesprochen werden, sondern nur stille- oder innegehalten wird. Es reicht, dass die Situation als solche schon peinlich genug ist. Wahre Worte sind das Letzte, das wir jetzt noch hören wollen.

In solchen Fällen – und sie kommen häufig im Alltag vor – ist es mit unserer Wahrheitsliebe nicht mehr weit her. Wir stehen selbst im Fokus und sich froh, wenn wir uns unter dem Schleier der Verharmlosung verstecken können.

Wahre Worte können knallhart sein. Sie können uns den Spiegel jener Zustände vor Augen halten, die wir zwar selbst geschaffen haben, aber hinter denen wir schon längst nicht mehr stehen. Doch wie wird man die Geister wieder los, die man einst rief? Der Wahrheit ungeschminkt ins Gesicht zu sehen, braucht oftmals Mut, weil das Ergebnis nicht immer schön ist. Unser Verhältnis zur Wahrheit wird also schnell getrübt.


Die Frage von Antwort und Verantwortung beim Begriff der Wahrheit


Der Übergang zwischen Lüge und Wahrheit ist jedoch nicht immer eindeutig zu ziehen. Denn oft sind es ja nicht die harten Fakten, die uns überzeugen, sondern die weichen Parameter, die man dem menschlichen Gefühl zuordnet. Oder auch dem Charakter, dem Wesenszug, der Eigenheit. Hier werden oft subjektive Wahrheiten sehr verschieden wahrgenommen und man wird sich kaum darüber sinnvoll streiten können, wer denn nun mit seiner Sicht der Dinge im Recht ist. Kann man also konstatieren: Wahr ist für mich, was ich selbst fest glaube?

Was wahr ist oder Wahrheit bedeutet, ist eine Bewusstseinsfrage. Je tiefer die Bewusstseinsschulung in diesen Dingen gründlich betrieben wurde, umso kleiner die Chance zu einem großen Konsens mit der Mehrheit zu kommen, die die gleiche Sache oder das gleiche Ereignis oberflächlich(er) beurteilt.

Unter Wahrheit kann man sehr verschiedenes verstehen. Das macht die Sache um die schönen oder wahren Worte nicht einfacher. Tatsachen, Wirklichkeit oder Sachverhalte, Erkenntnisse, Erfahrungen, Überzeugungen, Auffassungen, Meinungen, Beobachtungen – all diese Begriffe und mehr spielen eine unterschiedlich zentrale Rolle, wenn wir mit dem Begriff der Wahrheit operieren. Aber damit ist es noch lange nicht getan. Weitere Attribute sind hinzuzufügen: Dazu gehören die Echtheit, die Reinheit oder die Richtigkeit einer Sache. Die Authentizität spielt eine große Rolle und je nach Lage wird in Sachen Wahrheit auch noch nach Beweisen gefragt.

Nicht nur Lao-Tse hat sich tiefe Gedanken über die Wahrheit gemacht, sondern der Begriff gehört zu den zentralen Fragen der Philosophie und der Logik. Dass diese Fragen auch in der Geisteswissenschaft unterschiedlich beantwortet werden, erstaunt nicht wirklich, weil man diese Problematik von vielen Seiten betrachten und analysieren kann.

Im Alltag ist für den Menschen vor allem aber seine eigene, subjektive Wahrheit maßgebend. Welche leichten oder strengen Kriterien er selbst dort anlegt, hängt auch damit zusammen, wie tief er seine Wahrheitsliebe treibt, sich mit ihr auseinandersetzt und sich nach wahren Antworten sehnt. Derjenige, der nicht nur Antworten sucht, sondern auch Verantwortung für die Wahrheit trägt, wird ihr wohl am tiefsten nahekommen.